Einzelbild herunterladen
 

’.t

W I zu ion !60

-^r«^s^ELLR-WELMvÄLrir

tu ien -°r ter eis n?

16

in n m er 38

es

d.

ei er

1

f

8

■

k

e

)

L

Politische Streifzüge.

(Nachdruck verboten.)

Die voin revolutionären Geiste durchseuchte socialpolitische Strömung Europas sehen wir abermals von zwei Ereignissen grell beleuch­tet: in England hat ein Mordbube au" die Königin Victoria geschossen, und in Rußland wurden wiederum 10 Nihilisten juni Tode und 11 zu Zwangsarbeiten ver- urtheilt. Das sind Zeichen der Zeit, die besser als alle Worte den Abgrund zeigen, an welchem Europa hintaumelt. Der Atten­täter in England soll irrsinnig sein ; ja wohl, er ist es auch, aber es ist" der Wahnsinn, der in der Lust liegt, in der Fieberluft, welche die Revolution mit giftigen Dünsten erfüllt. Dieser Wahnsinn verdichtet sich zu Dynamitbomben und Revolverkugeln, um die Träger der Staatsgewalt, die Throne zu stürzen, und er lauert auf den geeigneten Moment, um die ganze gesellfchaftliche Ord­nung über den Haufen zu werfen. Gewiß üt das Wahnsinn, aber den sperrt man nicht in die Irrenhäuser ein und bändigt ihn mit Zwangsjacken, den kann allein die verfolgte, gehaßte, geschwächte Kirche Hellen. Als am 2. d. der Papst die Glückwünsche des Car­dinal-Collegiums zum vierten Jahrestage seiner Krönung entgegennahm, sagte er, die bürgerliche Gesellschaft werde, gedrängt durch die Drohungen der Deinagogie, dereinst ihre Zuflucht zur Unterstützung des Papstthums und der Kirche nehmen müssen, um die Grundlagen der Ordnung und Gerechtigkeit ücher zu stellen. Ich fürchte, daß dieser Moment nur zu bald eintreten wird. Dann fre 'ich wmn K e Kirche als Retterin

auftritt, wenn sie die Flammen der Revolution _ dämpft, dann wird man ihr die Fesseln abnehmen, die man ihr „aus staatlichem Interesse" angelegt hat; dann wird Frankreich seinen Kampf gegen die Ordensgesellschaften einstellen, und mancher Staat wird einsehen, daß die Kirche „die Rechte der Krone nicht zurück­drängen" will, sondern daß sie dieselben festigt und kräftigt. Selbst die Schweiz, wo die Umsturzelemente aller Länder freies Asyl finden, nur die Klosterleute nicht, dürfte dann von der Jesuitenschnüffelei ab­lassen, und die „Jesuiten-Zahnstocher", die immer noch als beleidigender Handelsartikel in Umlauf gesetzt sind, könnten vielleicht zu der Ehre kommen, als Busennadel getragen zu werden. Ein Volk, das im Uebermuthe sündigt und frevelt, kann nur durch schwere Leiden und Heimsuchungen auf den Weg der Erkenntniß zurückgeführt werden, wie ja auch der einzelne Mensch durch Unglücks­fälle wieder beten lernt. Wenn man ge­sund und satt ist, dann sitzt der Uebermuth auf der Zunge; ganz Europa ist übermüthig geworden, es glaubt ohne Gott, ohne Reli­gion fertig werden zu können; es muß und wird wieder beten lernen, d. h. es wird hilfeflehend zur Kirche zurückkehren, wenn die Wogen der Empörung gegen die staatliche Ordnung haushoch gehen. Die Galgen in Rußland und die Gefängnißzellen in Eng- and bändigen den revolutionären Geist ebenso wenig, als die im englischen Parla­mente und in der (nun geschlossenen) ächsischen Kammer befürwortete Prügelstrast )ie überhand nehmenden Verbrechen ver­

mindern wird. Der französische Minister gab, als er jüngst wegen der Eidesfrage mterpellirt wurde, eine sehr gewundene Er­klärung ab; darf er sich wundern, daß da­raus drei Burschen den Eid vor Gericht verweigerten, „weil der Gekreuzigte ihrer „Ueberzeugung zu nahe trete," — darf er ftch aber auch wundern, wenn solche Burschen die an keinen Gott glauben und nichts Heiliges scheuen, die Scheu vor der staatlichen Autorität verlieren und auf die Barricaden steigen?

So zeigt uns der Hinblick auf die Vor- konimnisse auf dem großen Welttheater fast Woche für Woche recht düstere Bilder und eine traurige Perspective der Zukunft, und es freut uns daher doppelt, wenn hier und da auch eine gute Nachricht zu verzeichnen ist; dazu gehört diesmal die vom badischen Cultusminister in baldige Aussicht gestellte Wiederbesetzung des erzbischöflichen Stuhles m Freiburg und die feste Stellung, welche das Ministerium Taaffe in Oesterreich, trotz des Anstürmens der Liberalen, nunmehr einnimmt. Ob die Krönung des Fürsten Milan von Serbien zum Könige auch den Anspruch auf ein frohes Ereigniß erheben oarf, sei dahingestellt; jedenfalls verdirbt die Königskrone nicht viel an den Zuständen in den Staaten von Rußlands Gnaden.

Deutsches Reich.

"Berlin, 9. März. Der permanente Ausschuß des Volkswirthschaftsrathes be- prach das Monopol heute vorwiegend vom andwirthschaftlichen Gesichtspunct. Nathu- sius und Krü g e r schlugen zu den M 7-19

17

Durch Nacht zum Licht.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn. (Fortsetzung.)

Sie können sich leicht vorstellen, meine lieben Freunde, welche Gefühle mich bestürmten, als ich die große Stadt als Student betrat. Meine Jugend in stiller Einsamkeit verlebend, dann der Besuch des College, nur unter­brochen durch den kurzen Ferienaufenthalt in der Heimath oder auf dem Schlosse des patriarchalischen Edelmannes, hatte ich nichts von dem Treiben der großen Welt gesehen. -- Würde unter gewöhnlichen Umständen mein junges Herz in unbekannte Sphären versetzt worden sein, um wie viel mehr, wo eben in dieser Zeit die frivolen Lehren der französischen Philosophen in allen Schichten der bürgerlichen Gesellschaft eingedrungen waren und die Revolution ihr Haupt kühn erhob. — Die National-Versammlung war constituirt; die Gährung allgemein. Die Bretagne verlangte den Schutz ihrer Privi­legien. Adel und Landvolk der Vendee er­hob laut ihre Stimmen für den Schutz des Königthums. — Alles rüstete sich, hier die Freiheitsmänner, dort die Royalisten.

Mit Ungestüm warf ich mich auf meine Studien, besonders auf die, die mich bald be­fähigen konnten, mir ein selbstständiges Ur-

theil über die streitenden Parteien zu bilden. Mein Studium wurde hierdurch größtentheils ein Studium der Politik. Wurden mir auch alle Ursachen klar, die Frankreich zu diesem Abgrunde hingeführt hatten, die Verschwend­ung und Sittenlosigkeit des Hofes und des Adels unter Ludwig XV., die Vermehrung der stehenden Heere und die Unterdrückung und Aussaugung des Volkes durch unerhörte Steuern, so blieb mein Herz doch treu der Kirche, dem Throne und vor allem meiner Bretagne.

Meinen Eltern hatte ich mitgetheilt, daß ich nach dem Schlüsse des ersten Studien­jahres zuerst einen Besuch auf dem Schlosse machen würde, da die Dankbarkeit, die ich dem Marquis schulde, dieses erfordere! — Arme, verblendete Menschen! Bald sollte es zu meinem Verderben mir klar werden, was mich unwiderstehlich hinzog. — Auf der letzten Station verließ ich die Diligence. Die Zinnen des stolzen Schlosses tauchten in der Ferne vor mir aus. Ich verließ die Fahrstraße und trat in den Schatten des herrlichen Waldes. Die riesigen Bäume schienen mir, wie einem alten Bekannten, ihre Grüße entgegen zu bringen. Tausend Erinnerungen wurden in meiner Seele wach gerufen. Wie oft hatte ich am Arme meines Freundes diesen Weg gewandelt; wie manch­

mal wählten wir den schattigen Waldpfad bei der Heimkehr von den Spazierritten, welche ich mit den jungen Damen machte. — Auf der Mitte des Weges liegt eine von rohen Holzstämmen aufgeführte, von drei Seiten offene Halle, die sogenannte Eremitage, deren Dach die Rinden hundertjähriger Eichen bilden. Moosbedeckte Felsenstücke und kunst­lose, aus knorrigem Holz gefertigte Stühle luden zum Ausruhen ein. Ein kleiner baum­loser Platz umgie&t die Halle. Die umher- stehenden Waldriesen gestatten aber kaum zur Mittagszeit den Strahlen der Sonne, durch die dichten Laubkronen hindurch zu bringen.

Den schönen Bildern der Vergangenheit mich hingebend, wandelte ich langsam auf den: Wege einher. Aufschauend fällt mein Blick auf die Eremitage; ich umschreite die­selbe. Welch' liebliches Bild hält meinen Fuß an dieser Stelle festgebannt? — Auf den moosbedeckten Steinen sitzen zwei junge Damen, emsig beschäftigt, Kränze zu winden. Eine Fülle der blühenden Kinder des Wal­des und des immergrünenden Epheus liegen auf ihrem Schooße. Eine riesige Dogge spielte zu ihren Füßen mit ihrem halber­wachsenen Jungen. — Mein Schritt war auf dem moosigen Wege so geräuschlos, daß instinctartig zuerst der Hund meine An-