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Jtß. 44.

Donnerstag, den 23. Februar 1882.

Fuldaer öl Jätung.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda t» der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark und 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfg. Die Mustrirten Sonntagsblätter" der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg, auswärts am Postschalter 25 Pfg., in's Haus gebracht 40 Pfg Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

W Für den Monat Marz nehmen Bestellungen auf die ,Ful- daer Zeitung^ alle Postanstalten, Landbriefboten und für Fulda die Expedition, Buttermarkt 112, zum Preise von 50 Pfg. (ohne Bestell­geld) an.

Vor 1789 und 1889.

Wenn eine Regierung nach langem Nichts­thun und Zaudern alle möglichen Reformen in Angriff nimmt, so ist dies ein gutes Zeichen in der Regel nur für die Ideen, welche zur Ausführung kommen sollen, kei­neswegs aber für die Zukunft derjenigen Leute, die jetzt als die vornehmsten Träger und Förderer jener Ideen auftreten. Es geht hier zu wie bei manchem Privatmann, der bei herrannahendem Bankerott auf ein­mal, entgegen seiner früheren Gewohnheit, eitle vielseitige Initiative entfaltet und heute dies, morgen das Geschäft anfängt, um es nach kurzer Zeit wieder einschlafen zu lassen. Mit einem solchen Privatmanne hatte die französische Regierung vor dem Ausbruch der Revolution eine frappante Aehnlichkeit. Und der Regierung Ludwigs XVI. gleicht die heutige in Rußland in manchen Dingen aufs Haar. Auch sie entwickelt eine leb­hafte Thätigkeit, um die als nothwendig erkannten Reformen zu verwirklichen und den Wünschen und Beschwerden des Volkes gerecht zu werden. Der Kaiser, die Mi­nister und Gouverneure wetteifern in dem Streben, die unleidigen Zustände zu bessern, es werden Untersuchungen angestellt, Vor­schläge entgegengenommen, Gesetze entworfen,

einzelne Mißstände abgestellt und energische Anläufe zu großen Arbeiten genommen; aber nach Verlauf von Monaten und Jahren sieht man gleichwohl nichts als die Erin­nerung an verschwundene gute Vorsätze, mit denen die Regierenden den Weg zur Revo­lution pflastern. In ihrer Unfähigkeit zu durchgreifenden Schöpfungen werfen sie sich dann mit Begierde auf eine nach Außen gerichtete Abenteuerpolitik, um ihr „inneres" Gewissen einzulullen und ihrem ungeregelten Thatendrang sowie den ungestümer austre­tenden „Appetiten" des Volkes Nahrung zu geben. So war es in Frankreich vor 1789, so ist es in Rußland vo-r 1889. König Ludwig XVI. wollte zwar mehrere Male einlenken und der Politik seiner Mi­nister eine bestimmte, zielbewußte und be­sonnene Richtung geben, aber seine Einlenk­ungsversuche äußerten sich zumeist am un­rechten Orte oder zur unrechten Zeit, die Entwicklung der Gedanken und Thatsachen wuchs ihm schließlich über den Kopf, er wurde von den handelnden Personen in dem Trubel der einander schiebenden und stoßen­den Ereignisse mit Oder wider Willen fort- gerissen, die Forderungen und Projecte über­stürzten sich, man fand keine Zeit mehr, die allzumal hereinbrechenden Bedürfnisse und die sich kreuzenden Anschauungen zu bewältigen; zudem blieben die gehofften äußeren Erfolge aus und das Ende der geschäftigen, Großes planenden und Kleines probirenden Thatenlosigkeit war der Unter­gang der neuen Ordnung.

In Rußland sucht allerdings nach glaub­haften Rachrichten der Kaiser seine Minister

und die ihm am nächsten stehende Partei der Panslavisten in der stiedlichen Arbeit für die wirthschastliche und sociale Umge­staltung seines Landes festzuhalten oder doch wenigstens einen günstigeren Augenblick für die Ablenkung der inneren Unzufriedenheit nach Außen abzuwarten. Einige der Regier­ung nahestehende Blätter schreiben in diesem Sinne, aber des Kaisers Wunsch darf nicht mehr laut ausgesprochen werden, die trei­benden Leidenschaften und Instinkte des Volkes gebieten dem allgewaltigen Czar gegenüber den Agitationen der Panslavisten die Beobachtung ■* ter Vor- und Nachsicht, welche die Sa^e in Rußland in bezeichnender Weise markin. Die Ernennung des Redac- teurs Katkoff zum Geheimrath und die (allerdings noch nicht bestätigte) Berufung desselben zum Erzieher des Thronfolgers zeigen zur Genüge, daß nicht mehr der Kaiser die Situation beherrscht, sondern der alte Geist des Moskowiterthums. Ein krie­gerische Ausbruch des panslavistischen Geistes steht für uns in Sicht, — das ist der In­halt der Artikel Kattoffs^ Aksakoffs und "KomapoMf das' ist auch der Inhalt der Skobeleff'schen Rede. Der junge, verwegene, von Ehrgeiz, Eroberungssucht und Haß gegen die „faule Intelligenz" Europas er­füllte Soldat repräsentirt das Stockrussen- thum, das am Hofe, in der Regierung und Armee tonangebend geworden ist. Der Kaiser muß sich wohl oder übel an die Spitze der Bewegung stellen, wenn er von derselben nicht weggeschwemmt werden will. Der wilde Fanatismus der modernen Mongolenkhane kennt keine Rücksichten, er wird, wenn der

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Durch Nacht 3um Licht.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

Als am anderen Morgen der von Allem unterrichtete junge Mann in das Zimmer des Verwundeten trat, welcher an diesem Tage zum ersten Male das Bett verlassen hatte, und im Lehnstuhl ruhte, und ihm mit einem herzlichen „Grüß Gott, Kamerad" die Hand reichte, da schmolz der letzte Rest der Eisrinde seines Herzens und der starke Mann brach in Thränen aus. — „Mein lieber Kamerad" sprach nach einer Pause der sich langsam fassende Krieger, „ich schäme mich dieser Thränen nicht. Heut preise ich Gott und sage ihm Dank für die Leiden, die er mir geschickt hat. Ohne diese ver­weilte ich nicht unter Ihrem gastlichen Dache; ohne diese würde ich heute noch das sein, was ich früher war. Ihrer lieben Familie verdanke ich nicht allein die Rettung meines Lebens, sondern auch die viel schätzungs- werthere Rettung meiner Seele."

Den Tagen der Aufregung und Sorgen folgten jetzt die der Zufriedenheit und Freude für die Bewohner des Forsthaufes. Die fortschreitende Genesung des Capitains und der aus seinen noch bleichen Zügen strahlende innere Friede erfüllte die Hausgenossen mit

hoher Freude. Der Verkehr der beiden Officiere wurde fortwährend inniger, und stundenlang sah man sie im vertraulichen Geplauder sich von ihren Kriegsthaten unter­halten. *

Wenn nun der Abend Alle vereinte, und Lina zum Spiel der Harfe ihre klare Stimme erschallen ließ, der Förster von feinen Amts- geschäften zurückgekehrt, behaglich feine Pfeife dampfte, so glaubte man Mitglieder nur einer Familie zu sehen.

Auf Niemand brachte die glückliche Ge­nesung des Capitains eine freudigere Wirk­ung hervor als auf feinen Begleiter. Mit der den Franzosen eignen Gewandheit war er von dem Tage an, wo der Kranke seiner ausschließlichen Pflege nicht mehr bedurfte, der Unentbehrliche des Hauses. Alle die kleinen Geschäfte des Hauswesens gingen durch seine Hand. — Pyramiden von zer­kleinertem Holze, für mehrere Winter hin­reichend, waren bald auf gebaut. Die Kuh und Ziegen waren an jedem Morgen ge­bürstet und gestriegelt, wie edle Roße.

Wenn die sorgsame Martha ihn für diese Aufmerksamkeiten belobte, so war sein steter Refrain: „O, das feind nix, gar nix, Madame Martha; das mackt mir grand plaisir.“ Sein größtes Vergnügen war mit dem Jägerburschen den Wald zu durch­

streifen. Er fand an demselben einen auf­merksamen Zuhörer bei den Erzählungen seiner Kriegserlebnisse, wobei sein Capitain aber stets die erste Rolle spielte; und recht oft ließ er unter den entlaubten Wipfeln der hundertjährigen Eichen fein: „Allons enfants de la patrie“ ertönen, wobei Max eben so sehr über feine sonore Stimme als auch über die damit verbundenen Gesticu- lationen seiner Glieder erstaunte.

Der strenge Winter hatte endlich milderem Wetter Platz gemacht. Die Besuche des Arztes wurden seltener; die Gesundheit des Capitains kräftigte sich von Tag zu Tag. Der Officier war vollständig genesen und hatte sich seiner Abteilung zur Verfügung gestellt. — Die Verbündeten hatten den Rhein überschritten, und so wurde Carl be­ordert sich einem Regimente anzuschließen, welches in der ersten Hälfte des Februar von Frankfurt aus den Vormarsch antrat. Dieses trübte die frohe Stimmung des Hauses, und manche Thräne schimmerte in den Augen der Mutter und Schwester, je näher der Tag des Abschieds heranrückte. — Der kommende Morgen sollte den Geliebten wieder entführen. Der einbrechende Abend vereinte die Familie zum letzten Male. Laut heulte der Wind und warf klatschend den Regen an die Fensterläden.