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35» Sonntag, den 12. Februar 1882.

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Politische Streifzüge.

(Nachdruck verboten.)

Endlich ging am Dienstag die mit fieber­hafter Spannung erwartete erste Lesung der kirchenpolitischen Vorlage in Scene. Mil­lionen Augen waren erwartungsvoll, hoffend und fürchtend, auf Berlin gerichtet, Millio­nen Hände griffen gierig nach den Depeschen und Zeitungen, — Beweis genug, daß die religiöse Frage die weitaus wichtigste von allen ist. Was bedeuten alle Steuer- und Eisenbahnfragen, die doch nur einen mate­riellen Hintergrund haben, gegen die Frage, deren Tragweite hinausreicht über die Gren­zen der Zeitlichkeit, hinaus über daO arm­selige, kurze Erdenleben bis in die Ewigkeit! lieber Steuer- und sonstige Geld-Fragen mag man scherzen und spotten, aber eine Vorlage, deren Beantwortung die heiligsten Interessen des Menschen berührt, die sich nicht an den Magen oder Geldbeutel, son­dern an die unsterbliche Seele ivendet, die muß mit dem tiefsten Ernste behandelt wer­den. Was will die Regierung? Will sie den Frieden mit der Kirche? Will sie ihr die unerläßlich nothwendige Freiheit zurückgeben, damit sie die Katholiken in Preußen so lehren und unterrichten kann, wie Gott ihr dies vorgeschrieben? Die Negierung hält nach der von vornherein abgegebenen Erklärung des Cultusministers von Goßler daran fest, aus keinem andern als dem bisher von ihr eingehaltenen Wege vorgehen zu können und zu wollen und dieser Weg heißt: Discretio- näre Vollmachten! Die Regierung verlangt danüt das allerstärkste Vertrauensvotum in den wichtigsten Dingen; das Volk soll sich

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Eine Pfingstfeier.

Geschichte aus den ersten Jahren des Culturkampfes in der Schweiz. Von B. K.

(Schluß.)

Jetzt begann es, in Friederike aufzuleben. „Robert! Robert! beim Allmächtigen bitte ich Dich, wage in diesem Zustande keine Handlung; die Reue würde auf den Fuß folgen. Rur ivenigen Worten schenke Gehör, dann thue, wie Du für gut findest."

Der Anwalt ließ die Thürklinke los und trat wieder einige Schritte zurück ins Zimmer.

Friederike fuhr mit der ihr zu Gebote stehenden Faffung fort: „Wir haben uns die Hand der Versöhnung gereicht, aber Du gibst Dich damit keinesweges zufrieden; Du beanspruchst meine Neigung im ganzen srüheren Umfange. Wie schon gesagt ver­langst Du Unmögliches. Der Wille hat keine Gewalt hier, oder willst Du, daß ich heucheln soll? — Die echte Liebe ist eine zarte, langsam aufblühende Blume, welche einmal geknickt, um schwer zuni zweiten Mal wieder emporwächst. Nur wenn Gott sich ihrer als Gärtner annimmt, ist ihre neue Entfaltung eine rasche. Vielleicht er­barmt er sich auch der meinigen; ich will ihn darum bitten! — Höre nun einen Vor­schlag: Laß uns heute Abend eine reu-

die Hände binden für alle Zeiten, die Kirche soll sich auf Gnade und Ungnade ausliefern! Da kann und darf das Centrum die Vor­lage in der gegenwärtigen Gestalt nicht an­nehmen und die Abg. v. Schorlemer und Windthorst haben dies auch sofort klar genug betont. Wir wollen entweder eine gründ­liche Verbesserung des neuen Gesetzes oder organische Revision der ganzen Maigesetz- gebung. Nicht blos im Jntereffe der Kirche, sondern auch in dem des Staates müssen wir das wollen. Nur eine freie Mrche kann die Trägerin des religiösen Lebens fein. Ohne die Religion werden aber die „dunk­len Wolken" der Revolution, der Auflehnung gegen die staatliche Autorität, von denen Herr v. Puttkamer sprach, sich sehr bald als furchtbares Gewitter entladen. Daß die Conservativen das Gesetz in jeder Form an­nehmen, darf uns nicht wundern, denn ihr Wille reicht ja nicht über den Regierungs­tisch hinaus. Die Secessiouisteu wollen von discretionären Vollmachten nichts wissen; die Rationalliberalen lehnen die Vorlage ab, weil sie vör dem Bischofsparagraphen sich entsetzen; die Entscheidung liegt also beim Centrum, und dieses könnte, wenn die Re­gierung nichts, zugeben und hartnäckig auf ihrem Standpunkte beharren würde, nicht anders als Nein sagen. Dann träfe aber auch das ganze Odium des „Culturkampfes" die Regierung, das bisher zum großen Theil auf dem Schuldconto des Liberalismus lastete; denn sie hat es in der Hand, dem Lande den kirchlichen Frieden zurückzugeben. Alle gerecht und billig Denkenden, namentlich manche Fortschrittler stehen auf Seiten des

Centrums und das Volk wird dem seine Sympathien zuwenden, der seine unantast­baren Rechte vertheidigt. Mit Kanonen und Soldaten läßt sich doch nicht Alles erzielen und durchsetzen, das sehen wir an Rußland und Irland, und die äußere Gemalt ist nicht im Stande zu ersetzen, was einer Re­gierung an der Liebe und dem Vertrauen des Volkes gebricht. Ich liebe mein Vater­land heiß und aufrichtig, und weil ich es liebe, möchte, ich wünschen, daß es auch inner­lich einig, stark und groß sei; das kann es aber nur sein, wenn die Völker gottesfürch­tig, gläubig und zufrieden sind, wenn sie Achtung haben vor der Obrigkeit und Ver­trauen zur Regierung; jdas Autoritätsprin- cip und die Sittlichkeitsprincipien, die ein Volk stark machen, beruhen nicht auf der Furcht vor Bajonetten, sondern auf der Gottesfurcht, der Religion, und diese Reli­gion kann nur die Kirche lehren, so wie Gott es befohlen. Möchte die Geschichte der römischen Cäsaren, mancher deutscher Kaiser und Napoleon's I. eine Lehrmeisterin für Bismarck fein; alle gingen zu Grunde im Kampfe gegen den Felsen Petri. Ich bedaure, auf die Debatten selbst nicht näher eingehen zu können, aber gar viel zu hoffen ist nicht, auch nicht von der Commissions- berathung, weil die Erklärung v. Goßler'ä wie eine chinesische Mauer vor die Friedens­vermittlung geschoben wurde. Der Flug des „Edelfalken", der so stolz begann und mit dem Verschwinden von der politischen Schaubühne endete, kann nicht als Vorbe­deutung für die Maigesetzgebung gelten; sein ungerathenes Kind will dem Vater nicht

müthige Beichte ablegen, morgen dann in Gemeinschaft zum Tische Herrn treten. Nach dem Hochamte wollen wir dann Lilli, welche nur ohne Dein Wissen genothtauft wurde, kirchlich taufen lassen und uns dann ungestört der Festfreude hingeben.

Montag gehst Du nach Sommergrund und übernimmst dem Wunsche der Mutter ge­mäß die Verwaltung des Rampen'schen Gutes, beauftragst Deinen Freund Victor, Dir die Mobilien ans der Stadt (traurigen Ange­denkens) zu übersenden, den Verkauf des Hauses zu betreiben und überhaupt dort alle Angelegenheiten zu regeln, welche nicht Deine persönliche Gegenwart erfordern. Blich verpflichtet meine angegriffene Ge­sundheit, wenigstens vier Wochen körperlicher und geistiger Ruhe zu widmen. Wehrthal ist hierzu die geigneteste Stätte, denn Deine Mutter und Schwester sind mir in treuer Liebe zugethan und unter beider Pflege hoffe ich auch Genesung für mein Herz. Wenn ich dasselbe dann nach Verlauf weniger/ Wochen Dir gesund und froh entgegeichringe'. und Dir sage: Es will wieder Dein sein ganz'und für ewig, — wird dann Deiue^ Freude nicht begründeter und ungleich größer sein, als wie sie es jetzt wäre, wenn ich rnD durch Rücksichten des Zartgefühles bewegen lassen würde, Liebe zu heucheln. Ich'bin

fest übe- ’<• daß Du bei ruhigem lieber« legen i Verhalten durchaus nicht zu tadeln v »agst, es vielmehr als wohlbe­gründet fi den wirst."

„Ja, Friederike., jetzt hast Du in einem Tone gesprochen;' „en ich verstanden habe; jetzt bin ich gereitet. Ebbe und Fluth der Empfindungen schleuderten meine Seele einer Nußschale gleich von Woge zu Woge, jetzt aber ist sie dem Rachen des Unheils ent­rissen und im Schooße des Friedens gebet­tet. Ruhe und Hoffnung halten wieder Ein­kehr und todt ist jeder Zweifel bezüglich des Wiederaufbaue's unseres Glück's." Er sank auf's Knie, küßte Friederikens Hand und schaute selig zu ihrem sanftverklärten Ant­litz empor. Sie bat ihn, von heute an des Vergangenen nicht mehr zu gedenken und rieth ihm zur Erfrischung einen kleinen Spazierga tg.

XIV.

Mitten im Aufruhr der Festvorbereitungen 'Meldete das Hausmädchen den Dr. Victor. "Frällziska zeigte sich blitzähnlich berührt; Rosengluth im Gesichte und Wonne im Her- Lzen eilte sie zur Mutter und setzte diese in Kenntniß. Der Empfang war ein herzlicher. Wie schön, wie männlich war er geworden, dieser ehemals so flotte Student. Solche Gunst des Glückes hatte Franziska nicht