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Jti 19.

Dienstag, den 24. Januar 1882.

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-r- Zur Lage Rußlands.

Die Glaubenslosigkeit und die damit ver­knüpfte Unzufriedenheit mit deut Bestehen­den ist tief in das Volk fast aller unserer sog. Culturstaaten eingedrungen und macht beständig reißende Fortschritte. Vielen Tau­senden, ja Millionen ist der christliche Glaube, in dem ihre Väter gelebt und gestorben, gänzlich abhanden gekommen, sie hoffen nicht mehr wie Jene auf eine Entgeltung im Jen­seits, fordern vielmehr den Himmel auf die­ser Welt. Ein starker Volkstheil betrachtet den Glauben an Gott und eine Ewigkeit als albernes Märchen und hat für das Christenthuin nur Spott und Hohn und dummstolze Ueberhebung. Und nicht nur große Theile des niederen Volkes, nein, ganz besonders auch Tausende von Gebil­deten, Männern, welche die Presse in Händen haben, die Lehrstühle der Hochschu­len besetzt halten, die hohe Staatsämter be­kleiden, auch ihnen gilt das Christenthilin als eine längst überwundene Sache und von „diesen gebildeten Classen aus lernt das Volk "Mgkällben, Kirchenhaß^und — Socialde­mokratie. Die Neuzeit hat viele und trau­rige Beweise dafür erbracht, daß eine reli- gions- und glaubenslose Masse eine Geißel der schrecklichsten Art ist, daß dieselbe die allerverwerflichsten, entsetzlichsten Mittel nicht verschmäht zur Erreichung ihrer Zwecke.

Nirgends hat sich aber dies eclatanter gezeigt, als in Rußland. Dort hat die Cor- ruption, die Sittenlosigkeit und der Un­glaube in den höheren Gesellschaftsclassen seinen Weg in's Volk genommen, das Gift ’ 15

Eine Pstngstfeier.

Geschichte aus den ersten Jahren des Culturkampfes in der Schweiz. Von B. K.

(Fortsetzung)

So hatte jeder Gegenstand etwas zu plau­dern und die Seele des Anwaltes, welche gewissermaßen den- Panzer fester Entschlos­senheit angelegt hatte, wurde bestürmt wie eine Festung.

Dem Spiegel gegenüber hing ein von Meisterhand ausgeführtes Mädchen-Portrait, eine schlanke, liebreizende Gestalt darstellend, — blühend wie das Heidenröschen, — engel­mild, wie eine Schwester des Friedens. Sie war weiß gekleidet und hielt ein buntfarbiges Blumensträußchen in der Hand. Der An- ivalt stand tief nachdenkend vor dein Bilde, als wolle er es heute zum ersten Male gründlich studiren; darauf warf er, wie zum Vergleiche, auch einen Blick auf das danebenhängende.

Wie kam es doch, daß ihn die Augen dieses biederen Mannesgesichtes so entsetzlich ernst anschauten? — „Ja, ja;" murmelte er vor sich hin, „ihr sprecht von Zeiten, die vergangen sind. Uebrigens hat Freund Hager recht, wenn er sagt: Nur keinen Gefühls- ditfeleien hingegeben; man unterliegt wahr-

aus den gesellschaftlichen Cloaken der ^oberen „Zehntausend" sickerte in die unteren Schich­ten und schuf den Nihilismus, der angesichts der faulen Zustände im Reiche der Knuten- wirthschaft und des geringen Einflusses der unter deni Cäsaropapismus und deni Schisma verknöcherten russischen Kirche auf das Volk so rasche Progressionen machte. Der russi­sche Nihilismus ist ein Kind der neuesten Zeit, aber vielleicht das entarteste. Erst seit wenigen Jahren spukt er im Czarenreiche, Gift und Dolch, Petroleum und ^Dy­namit sind seine Waffen, in raffinirt ersonnenen Attentaten macht er sich bemerk­bar und er scheute in feinem ent­setzlichen Fanatisntus selbst vor wiederholten Anschlägen auf das Leben des Monarchen nicht zurück, bis es den mit teuflischer List ersonnenen Plänen der Verschwörer endlich gelang, den Czaren, den scheinbar allmäch­tigen Beherrscher von 90 Millionen, trotz aller Sicherheitsmaßregeln und trotz Solda­ten und Polizisten auf grausame Weise zu ermorden und ihren Groll über die trau­rigen Verhältnisse in Rußland au der Person des Monarchen in so gräßlicher Weise aus- zulaffen. Der Czarenmord am Newsky- Prospect zu Petersburg war wohl eines der erschütterndsten Ereignisse im ganzen Jahr­hundert, denn nicht leicht war ein Mord mit größerer Schlauheit und Raffinirtheit sowie grausamerer Berechnung in Scene ge­setzt, wie dieser; aber es zeigte sich hiebei, daß keine autokratischen Maßregeln, nicht die Lanzen der Kosacken und die Knuten der Polizisten das entsetzliche Attentat ver­hindern konnten. Allein der Nihilismus be- haftig, wenn die Vernunft nicht frühe ge­nug einschreitet."

Mit kräftiger Hand hob er jetzt beide, mit schweren Goldrahmen versehene Ge­mälde von ihrer Stelle und setzte sie in einer Saalecke nieder. Das Mädchen-Port­rait stellte Friederike als Braut und das andere seinen Schwiegervater dar.

Franke's Thätigkeit wurde mit einem Male auf unerwartete Weise unterbrochen. Die Saalthüre öffnete sich und — Friederike trat ein. Ihre schwarze Kleidung contra» flirte scharf mit der Marmorblässe ihres Gesichtes. Das Leid stand ihr in klaren Zügen auf der Stirne, aber dessen unge­achtet zeigte sich keine Spur von Trostlosig­keit oder ohnmächtigen Schmerzes. Aus ihrem Wesen sprach eine stumme Ergeben­heit in's Unvermeidliche und ein „Etwas", das zur Ehrfurcht aufforderte. Wie Esther dein König AhaSverus, so näherte sich Frie­derike in demüthiger Haltung ihrem Gatten. Es galt den letzten Versuch, die zerrissenen Bande wieder anzuknüpfen.

„Robert", begann sie in mildem, aber sicherem Tone, „mein Herz hat mich gedrängt, Dir zu nahen; vernimm ein freies, aufrich­tig gemeintes Wort. Wir beide stehcn am Rande eines Abgrundes; noch einen Schritt weiter und Freude, Friede und Hoffnung sind

gnügte sich nicht mit dem Opfer des von Bomben zerfetzten Czaren, es gährt noch immer unheimlich in Rußland und auch der neue 6 3 ar, der freilich nicht das Geringste that, um die Ursachen der nihilistischen Be­wegung zu bannen, zittert vor der Revo­lution," er wagt es nicht einmal, in feiner Hauptstadt zu bleiben, sondern verbirgt sich fern von derselben int Schlosse Gatschina als ein Gefangener feiner Furcht. Die Despotie in Rußland bietet in ihrer jetzigen Ohnmacht in der That ein erbärmliches Bild, es zeigt sich gerade in Rußland klar, daß ein autokratischer Staat mit einer un­freien Kirche nichts weiter als ein Koloß mit thönernen Füßen ist, der jeden Moment zerschellen kann. Wir glauben, daß für Rußland noch viel entsetzlichere Katastrophen x anbrechen werden, und daß der Kaiserntord im vorigen Jahre nur das Präludium zu noch gräßlicheren Katastrophen war. Eine Reihe von Factoren wirken im Czarenreiche zusammen, um, wenn einmal daselbst der riesig angehäuste Zündstoff explodirt, die sociale Revolution zu einer der schrecklichsten der Weltgeschichte zu machen. Die Per­spective in Rußland ist für die nächsten Jahre eine düstere und wir fürchten, daß die Tage der Romanow'fchen Dynastie ge­zählt sind. In Rußland treten eben die gottentfrembeten, jede Autorität verspotten­den Ideen des Zeitgeistes am Greifbarsten zu Tage; „Kein Gott, kein Herr!" lautet die Parole; Alles soll in Trümmern sinken: die Kirche, die Throne, die ganze gesellschaft­liche Ordnung!

unwiederbringlich verloren." Sie erhob die Blicke zu ihm, aber die seinigen wichen aus. „Ich bitte Dich, kehre um; laß uns jenes Glück wieder Herstellen, das uns in den ersten Jahren unseres Zusammenlebens so selig machte. Ich will jedes mir nur mög­liche Opfer bringen und gewiß werden sich auch unsere Seelen wieder zu beglückender Harmonie vereinigen, wenn Du bereit bist, ein Schärflein guten Willens beizusteuern. Noch ist Rückkehr möglich; noch ist der letzte, verderbenbringende Schritt ungethan; ich beschwöre Dich; rette Dein und Deines Kindes Glück und mich verstoße nicht gleich einer Sünderin; ich hab' es nicht um Dich verdient."

„Ha, nicht verdient?" rief der Anwalt in gereiztem Ton- »Deine Kanonaden auf meine religiösen Grundsätze waren wohl die zärtlichsten Spiele der Liebe, die von mir nur falsch gedeutet wurden? Habe ich Dir nicht tausendmal gesagt, Deine Bekehrungs­versuche würden schlimme Früchte tragen ? Dir war es wohl bewußt, daß Dein be­ständiges Lamento wegen der Nichttaufe Lilli's ein Geier war, der mir die Liebe zu Dir aus dem Herzen fraß und doch ließest Du nicht ab und jetzt, da es zum Neußer- sten gekommen ist, erhoffst Du noch einen Ausgleich? Ich Hebe Dich nicht mehr!" fuhr er heftig heraus, „vermag um keinen