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Sonntag, den 22. Januar 1882.

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Politische Streifzüge.

(Nachdruck verboten.)

Auf Ueberraschungen scheint das neue Jahr sich zu capriciren; zuerst kam der kaiserliche Erlaß, wonach der Monarch nicht bloß herr­schen, sondern auch regieren will; daß die Liberalen, die sich eine parlamentarische Parteiwirthschaft zurecht zu legen gehofft, noch den Starrkrampf haben, ist kein Wun­der; mir ist aber, — da wir doch einmal keine constitutionelle Verfassung wie England und Belgien haben, — ein gerechter König lieber, als eine auf dem Geldsack aufgebaute parlanientarische Tprannenwirthschaft. Dann kam der Antrag Windthorst auf Aufhebung des Ausweisungsgesetzes und der große, un­geahnte Erfolg des Centrums. Gottlob, daß aus dem Wirrsal des Parteifanatismus sich wieder das Gerechtigkeitsgefühl bei der überwiegend großen Mehrheit der deutschen Volksvertreter herausgeschält hat. Früher wurden derlei Centruinsanträge schroff ab­gewiesen und mit Spott und Hohn über­schüttet; 'diesmal sagte man der einst best­gehaßten Fraction die größten Liebenswür­digkeiten und überbot sich in Friedensver­sicherungen; da regnete es förmlich „liebe Freunde" in Windthorst's Schooß hinein und Keiner wollte das Bier umgeschüttet haben. „Wir sind doch am Kulturkämpfe nicht schuld", sagte der Fortschritt; „wir trabten nur hinter der Regierung her als unschuldige Lämmer, und wenn die Regier­ung sich aus dem Staube macht, dann wollen auch wir keine Prügelknaben sein!" — „Na, und wir erst recht sind brave Schafe," betheuerten die Conservativen und

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Eine Pfingftfeier.

Geschichte aus den ersten Jahren des Culturkampfes in der Schweiz. Von B. K.

(Fortsetzung.)

Aus allen Schichten der Bevölkerung kann inan heutzutage grollende Stimmen ver­nehmen. Die Hand des Herrn ruht mü­ßig über den Schicksalen der Menschen; er läßt die Unschuld in den Krallen des Un­rechts verbluten und für den Auffchrei der Roth hat er ein verschlossenes Ohr. O bos­hafter Wahn, o Frevel an der Naturgüte des Allmächtigen! Haltet rein Eueren Wan­del, damit ihr nicht zum Abscheu seiner Heiligkeit werdet, dann vertrauet fest auf ihn, nahet ihm mit kindlichtreuem Herzen, klammert Euch fest und fester an seine Vater­güte und ihr werdet gerettet, so wahr die Grundfesten der Welt in seiner Hand ruhen.

Friederiken's Schifflein schwankte, war nahe daran, umzuschlagen, aber noch im letzten Augenblicke ergriff der Herr selbst das Ruder. Sie war ihm ihr ganzes Leben hindurch eine treuergebene Tochter gewesen, hatte ihr Herz früh von dem zur Leiden­schaft gewordenen Trachten nach Genüssen fern zu halten gewußt, die Thätigkeit als Pflicht erkannt und geübt und jetzt, wo sie dein Versinken, — schuldlos dem Untergange

schlugen sich halb rechts, halb links in die Gebüsche; sogar die oininöse Zahl von elf Secessionisten war für den Antrag, und weil Lasker dabei mar, will ich ihm den „Zungen­schlag" von der elfjährigen liberalen „Herr­schaft" um so lieber verzeihen, als er selbst sich schänite, so laut gedacht zu haben. Nein, Niemand hat den „Culturkampf", der früher noch zu den gewissermaßen nothwendigen Eigenschaften eines anständigen Mannes ge­hörte, angefangen, und diese Verleugnung des Wechselbalges ist die beste Frucht der zweitägigen Debatten. Jede Scham hat die Erkeuntniß des Unrechtes zur Voraussetzung; Niemand wagte den „hei'llosen Bruderzwist", wie Windthorst ihn nannte, zu vertheidigen, und wenn Herr von Kleist-Retzow das harte Ausweisungsgesetz als „würdige Reliquie" erhalten wiffen wollte, so wollen wir dies nur als rhetorische Curiosität neben seinen Eulen und Käuzen an sein Scheunenthor annageln, wie er jüngst gewisse Fortschritt­ler angenagelt hat. — Ein Schüler, der seinen Mitschülern stets bei den Ausgaben geholfen hatte, wurde einst von ihnen furcht- bar durchgeprügelt, weil er sich geweigert hatte, sein eigenes Pensum ihnen auszu­liefern; als nun der Lehrer einschritt, wollte Niemand dem wackern Knaben etwas gethan haben, obschon er am ganzen Körper mit Wunden bedeckt war. An diese Scene er­innern mich die zweitägigen Verhandlungen im Reichstage, — nur Hänel war ehrlich genug, zu bekennen, daß er mit Steinen ge­worfen habe und am „Kern" der Maigesetze festhalte. Wir Centrumswähler können zu­frieden sein, wenn wir auch keine Ursache nahe war, sollte ihr die Vorsehung hilfreiche Hand verfugen?

Der Frühling ist die verlockendste Zeit zur Liebe. Wenn das Eis zerrinnt, wenn die Knospe schwillt, wenn die Hoffnung unter Lerchentriller und Sonnenglanz ihr grünes, von milden Lüften umkostes Banner auf die Fluren gepflanzt; wer kann es dann der jungen Seele verargen, wenn sie den in ihr schlummernden Himmelsfunken, die Liebe, erwachen läßt, damit auch das Herz feinen Frühling habe? Ob Dr. Hager und Wittwe Marl wohl gleichfalls die geheimnißvolle Beeinfluffung des Lenzes empfanden? Trau­lich und unbelauscht saßen selbige an einem sonnigen Nachmittage in demselben Pavillon, den wir schon kennen. „Nein, nein;" ließ die Wittwe sich vernehmen, „nicht eher, bis die Verbindung der Beiden vollzogen ist. Erst muß ich meine Tochter glücklich sehen, ehe ich mich, Ihre Gattin zu werden, ent­schließe." Hager ließ sich nicht einschüchtern.

„Das Glück Ihrer Tochter ist gesichert; der Anwalt ist mit Stumpf und Stiel er­obert, das bedarf wohl keiner Beteuerung. Ohne Zweifel würde ein Jubelfest höchsten Grades geschaffen, wenn Blutter und Toch­ter gleichzeitig Hochzeit feierten. Die Vor­bereitungen könnten in Gemeinschaft getroffen

haben, Jubel- und Siegeslieder anzustimmen; wir haben nach zehnjährigen hartem Kampfe einen großen moralischen Erfolg errungen, — an einen positiven Erfolg wage ich kaum zu glauben, da aus dem bedeutsamen Schwei- gen der Regierung der Schluß gezogen werden darf, daß der Bundesrath, — von dem Richter in seiner ätzenden Rede be­hauptete, der Kanzler verwerthe und schiebe ihn nur als Coulisse, — den Antrag ab­lehnen wird; aber wenn der leitende Staats­mann wirklich von friedlichen Absichten er- füllt ist, was kann ihn abhalten, der Be­seitigung einer Ungeheuerlichkeit zuzustimmen, die Niemand zu vertheidigen wagte, die sogar von den Rednern fast aller Parteien auf's schärfste verurtheilt wurde? Die meisten li­beralen Blätter hastn den Triumph des Centrums wie eine bittre Pille hinabge­schluckt und gute Miene zum bösen Spiel gemacht; nur einige wenige schneiden grim­mige Grimassen, und der wüthenden Kon­stanzer Zeitung' empfehle ich ein Sturzbad im^Bodensee.

Das Bok-k will

Staat und Kirche, das steht jetzt zahlen­mäßig fest, und an Zahlen kann selbst der mächtigste Staatsmann nicht rütteln; jetzt hat die Regierung das Wort. Welches Wort sie spricht, hat die Thronrede, womit der p r e u ß i f ch e L a n d t a g am 14. eröffnet wurde, und das neue, Kirchen g es e'tz be­wiesen, das dem Abgeordnetenhause zuging. In dieser Vorlage kommt das Wort „Minister" und „Staatsministerium" unge­mein oft vor; das Juligesetz mit dem Bischofsparagraphen und einigen „Erweiter­werden; das voraussichtliche öffentliche Auf­sehen würde nur Eintagsfliege sein und auf beiden Seiten märe dann ungestörter Genuß des neuen Glückes."

Wittwe Marl verließ ihren Sitz und er­klärte in aristokratischem Tone: „Bemühen Sie sich nicht weiter, mein Wille steht fest; an dem Tage, an welchem Amalie Gattin des Anwaltes wird, reiche ich Ihnen die Hand zur Verlobung. Hüten Sie Ihre Zunge, daß keine verfrühte Aeußerung in die Oef- fentlichkeit gelangt."

Hieraus erhob sie mit ungemein komischer Huld ihre fleischige Rechte und die welken Lippen ihres Verehrers drückten einen innigen, fast wehmüthigen Kuß darauf.

An demselben Nachmittage war Franke damit beschäftigt, ein Inventar von Frie- derikens Eigenthum aufzustellen. <Ss_ war dies aber ein äußerst verfängliches Geschäft, denn alle Friederiken zugehörigen Gegenstände hatten gleichsam Sprache bekommen und raunten dem Anwalt für die Ruhe des Ge- müthes äußerst gefährliche Geschichten zu.

„Denkst Du noch daran, flüsterte der fein» polirte, nußbraune Kleiderschrank, „mit wel­cher Wonne Du mich anblicktest, als ich in Dein Haus gebracht wurde; wie geschäftig Du Friederike unterstütztest, als sie mir ihre