Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Jl£ 16. Freitag, den 20. Januar 1882.

Die ,Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Avonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark und 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfq.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfg Die ,illustrirten Sonntagsblätter- der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25^ Pfg., in's Haus gebracht 40 Pfg Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

-d. Der neue kirchenpolitische Gesetzentwurf

hat wie jedes Ding zwei Seiten, und zwar hat er eine gute Seite und eine schlechte. Die gute Seite desselben zeigt 1) den ernst­lichen Willen der Regierung, nicht ganz unthätig der großen Roth der katholischen Unterthanen Sr. Majestät zuzuschauen und 2) auch eine positive Maßregel der Regier­ung, die geeignet ist, einige Linderung zu gewähren. Die schlechte Seite des Entwurfs finden wir 1) in der gänzlichen .Unzuläng­lichkeit des dargebotenen Mittels, die Roth- lage der Katholiken zu beseitigen und 2) in der Verschleppung ausreichender Abhilfe, welche eine thatsächliche Folge des Gesetz- entwurfs ist.

Schon der Entwurf voin 19. Mai 1880, der am 14. Juli desselben Jahres Gesetz wurde, bekundete den ernstlichen Willen der Regierung, den in äußerste religiöse Roth gerathenen preußischen Katholiken Hilfe zu bringen. Damit war der Gipfel des sog. Culturkanipfes überschritten. Es sollten keine Verschärfungen der Maigesetze vom Jahre 1873 mehr folgen, wie im Jahre 1874 und 1875, sondern Milderungen. Indem die Regierung auf diesem Wege fortschreitet, liefert sie einen weiteren thatsächlichen Be­weis, daß es ihr ernst sei, mit der oft be­tonten Sorge für das Wohl auch der ka­tholischen Unterthanen des Königs. Die wirkliche Milderung des maigesetzlichen Nothstandes nun, welche die Vorlage vom 16. Januar bringen will, besteht im Wesen in der Zulassung widerruflicher Anstell­ungen von Hilfsgeistlichen ohne Rücksicht auf

14

Eine Pfingstfeier.

Geschichte aus den ersten Jahren des Culturkampfes in der Schweiz. Von B. K.

(Fortsetzung.)

VI.

Der Tag der abermaligen Verurtheilung des Pfarrers kam heran. Der Angeklagte vertheidigte sich mit derselben Sicherheit und demselben Freimuthe, wie bei seinen früheren Verurtheilnngen. Zum Schlüße äußerte er: „Die stolze Schweiz gleicht in ihrer Stellung zur Kirche einer undankbaren Tochter, welche zur Volljährigkeit gelangt, alle Wohlthaten ihrer liebenden Mutter vergißt, dieselbe ver­achtet, mit Spott überhäuft und sie sogar körperlich mißhandelt. Wir wollen aber ge­raume Zeit abwarten. Jungfrau Helvetia ist noch keineswegs eine gegen alle Schickungen gewaffnete Pallas Athene. Die Reniesis wird mit ihr rechten und wenn dann ihr Noth- schrei in die Lüfte dringt, wollen wir sehen, wer ihr schneller zu Hilfe eilst — ihr bes­sere Heilung bringt, als die von ihr ver­folgte Mutter Küche. Ein beklagenswerthes Gesetz stellt an Sie, meine Herren Richter die Forderung, mich wegen meiner priester­lichen Diensttreue zum dritten Male zu ver- urtheilen. Die einzige Bitte, welche ich mir zu äußern erlaube, geht dahin, meine Strafe

die sogen. Anzeigepslicht. Diese Anstellungen sollen freilich nicht absolut als vor dem Staat giltige Anstellungen dastehen, son­dern abhängig von der vorausgegangenen generellen Einwilligung des Ministeriums; allein an dem Willen der gegegenwärtigen Staatsregierung, diese Einwilligung zu geben, wenigstens in denjenigen Diöcesen, welche vom Staate anerkannte Bischöfe oder Bisthumsverweser haben, ist billiger Weise nicht zu zweifeln. Wenn nun, was uns ebensowenig zweifelhaft ist, weil der Zweck des Gesetzentwurfes es fordert, solche Hilfs­geistliche auch in verwaisten Pfar­reien angestellt werden sollten, so wäre damit allerdings eine positive Linderung der religiösen Rothlage der Katholiken zu erzielen.

Allein, wie unzulänglich zur Beseitig­ung jener Roth ein solches Aushilfsmittel ist, liegt auf der Hand. Woher die Priester nehmen, wenn kein entsprechender Nachwuchs erzogen wird? Ohne Abschaffung des Cultur- examens, ohne Wiedererrichtung der Priester­seminare wird dieser nie erzielt werden. Wo sind die> Reihen von Geistlichen, die nöthig wären, um a) denjenigen Pfarrern, die während des Culturkampfes gestorben sind, Ersatzmänner durch Hilfspriester, und zugleich denjenigen, die mittlerweile unfähig geworden sind, ihre Stellen auszufüllen, Coadjutoren zu geben? Ohne die Möglich­keit der Versetzung wird also nicht aus­reichend geholfen werden können. Endlich fragen wir: wie kann ein Priester, der nur aushilfsweise eine bisher verwaiste Pfarrei verwaltet, der jeden Tag und jede Stunde fo niedrig zu stellen, als thunlich. Richt in meinem, sondern im Interesse meiner Pfarrkinder spreche ich diese Bitte aus. Zwei derselben sind, laut Benachrichtigung, während der Dauer meiner Haft ohne Trost der hl. Sacramente in's Jenseits hinübergegangen, und erwägen Sie wohl: Diese und alle, welche noch während meines hiesigen, unfreiwilligen Aufenthaltes den Abgerufenen folgen, wer­den vor dem Herrn Klage erheben gegen jene, welche indirecte Ursache ihres Verder­bens sind. Das ist Wahrheit, meine Herren; hier handelt es sich um kein Ammenmärchen. Sehen Sie sich vor, daß nicht auch Sie vor dem ewigen Richter verklagt werden und einst im Thale Josaphat, welches keine Philosophie Hinwegzuleugnen, keine Gewalt der Erde abzusperren vermag, durch unkluges Handeln einen unerwünschten Urtheilsspruch empfangen."

Ein ironisches Lächeln glitt über einige erhabenblickende Advocaten-Gesichter. Der Staatsanwalt beantragte wirklich, wie er am Gesellschaftsabende im Marl'schen Haufe ge­äußert hatte, das höchste Strafmaß. Man hielt den Antrag einem feuerigen, geistvollen Angriffe des Vertheidigers, welcher kein an­derer als Victor war, gegenüber aufrecht und das Urtheil traf den Pfarrer schwerer, als die früheren. Nachdem er feierlichen Pro-

durch Zurückziehung der staatlichen Einwil­ligung — so verstehen wir das „widerruf­lich" — den Maigesetzen verfallen kann, mit der nöthigen Sicherheit und mit der nöthi- gen Autorität seines Amtes malten? Diese und viele andere Betrachtungen, welche sich an das von der Regierung beabsichtigte Linderungsmittel knüpfen lassen, zeigen die völlige Unzulänglichkeit desselben zur Be­seitigung des religiösen Nothstandes. Daher ist es recht beklagenswerth, daß durch diesen Gesetzentwurf die Ergreifung der einzigen Maßregel, die allein wirkliche Abhilfe bringen kann, hinausgeschoben, verschleppt wird; wir meinen die organische Abänderung der ganzen kirchenpolitischen Gesetzgebung, die Aufhebung aller in den Maigefetzen enthal­tenen Bestimmungen, welche in den mit der rönnschen Curie gepflogenen Unterhandlungen als dem Wesen und der unerläßlichen Frei­heit der Kirche im Widerspruch stehend er­kannt worden sind.

Deutsches Reich.

* Berlin, 18. Jan. Reichstag. 28. Sitzung vom 18. Jan. Die für den Reichstagsbau geforderte Summe von 7,775,000 Mark wird ohne Debatte ange­nommen. Es folgt die dritte Berathung des Antrages Windthorst. Der freicons. Abg. v. Ow constatiri, die ganze Reichs­partei theile den Standpunkt des Abg. v. Kardorff, der bekanntlich bei der ersten Berathung des Windthorst'schen Antrages erklärt hatte, er sei früher Culturkämpfer gewesen, habe aber seinen Jrrthum einge­sehen und werde jetzt Alles aufbieten, um test erhoben hatte, wurde er in die Gefäng- nißzelle zurückgeführt. Franke warf am Schluß der Sitzung einen Blick ins' Publicum und siehe da; seine Augen begegneten dem furcht­bar ernsten Gesichte des ihn auf allen We­gen verfolgenden Alten.

Friederike hatte die Abwesenheit ihres Gatten zu einem Besuche bei Ihrer Freundin, der Frau eines Architekten benutzt. Der Drang nach einer teilnehmenden, mitfühlen­den Seele war so stark in ihr geworden, daß sie das, was sie quälte, nicht mehr als Geheimniß zu bewahren vermochte. Unter­wegs wurde sie von traurigen Gedanken bestürmt: „O wäre doch noch die Zeit, wo ich bei Vater und Mutter, Rath und Trost suchen konnte, wie leicht würde mir dieser Gang sein! Sind in Anbetracht meiner bedrängten Lage die vertrautesten Freunde Freund genug, um ihnen rückhaltlos zu ver­trauen?" Nahe dem Hause des Architekten wurde sie wankelmüthig und wäre sicher wieder umgekehrt, wenn ihre Freundin nicht vom Fenster aus mit heiterem Zurufe ge­grüßt Hütte. Der Empfang war ein herzlicher.

Ottilie, eine äußerst naive, mit geistiger Elasticität ausgestattete Frauennatur, hatte einen großen Vorrath von Neuigkeiten auf Lager. Nach den hauptsächlichsten