Einzelbild herunterladen
 

M 12

Sonntag, den 15. Januar 1882

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonmrt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementsprels beträgt ausschließlich Brmgerlohn m Fulda 1 Mark und 50 Psq., mit Brinqerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg- ms Haus gebracht 1 M. 90 Pfg. Die ,illustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., ms Haus gebracht 40 Pfg.

Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

M

& Politische Streiszüge.

(Nachdruck verboten.)

C. Natürlich, Ihr Liberalen seid für die Politik des Gehenlassens, die es dein Groß- capital und den Großindustriellen ermög­licht, den Arbeiter auszubeuten und seine sociale Lage zu einer unerträglichen zu machen. Die sociale Schwäche des Ar­beiters ist, wie Freiherr von Hertling dies auch überzeugend nachwies, in der heutigen Gestaltung der Verhältnisse begründet, und die bittere Noth zwingt ihn, seine Arbeits­kraft über die menschliche Leistungsfähigkeit und um jeden Preis zu verwerthen. Wir wollen keine staatscommunistischen noch manchesterlicheu Mittel und Wege, sondern ein festes Eingreifen der Gesetzgebung, die Ordnung schaffen und die Puncte und Grenzen beftiminen niuß, innerhalb ivelcher der Arbeiter und der Arbeitgeber ihre berechtigten Interessen wahren können. Für seine Per­son, sein Leben, seine Familie, seine Reli­gion und seine Gesundheit hat der Arbeiter Schutz zil beanspruchen; die Sonntagsarbeit entwürdigt den Menschen, indem dadurch die große, sittliche Wacht der Kirche ausge­hoben wird; die Frauen- iund Kinderarbeit in den Fabriken hat ihre großen, sittlichen Bedenken, und zumal muß die verheirathete Frau und Mutter der Familie zurückgegeben werden; eine 1 listündige Arbeitszeit ist für den Mann zuviel, sie reibt ihn auf. Wir ivollen keine staatliche Bevormundung, aber auch kein liberales Gehen- und Geschehen­lassen, sondern eine Gesetzgebung, die nach beiden Seiten gerecht wird. Vor allem aber niuß auch die Kirche, als beste Helferin

bei der Lösung dieser großen, schwierigen Fragen, auf religiösem und socialem Ge­biete ihre Thätigkeit ungehindert entfalten können. Das ist mit kurzen Worten der Jdeengang, den Hertling entwickelte, und es freut mich, daß Fürst Bismarck denselben sympathisch fand.

L. Mich hat die Antwort des Kanzlers nicht sonderlich befriedigt, ist er sich doch über die Wege, auf denen er zu diesem Ziele gelangen will, selbst noch nicht klar. Manche seiner früheren Ansichten hat er fallen lasten; so soll die Unfallversicherung nicht mehr mit einer centralisirten Reichs- versicherung, sondern mittels korporativer Verbände bewirkt werden.

C. Die Selbsterkenntniß ist der erste Schritt zur Besserung. Es freut mich, daß der Reichstag sich schon im April mit neuen socialen Reformvorschlägen zu befassen haben wird, wenn das angekündigte Tabak- monopol, dessen Gesetzentwurf schon nahezu fertig gestellt ist, auch meinen besonderen Beifall nicht findet. Sehr richtig bemerkte am Dienstag Freiherr v. Schorlemer-Alst: Die neue Wirthschaftsvolitik habe eine Besserung der industriellen Verhältnisse ge­schaffen; Hand in Hand damit müsse nun auch eine Besterung der Arbeiterverhältniste ange­strebt werden, ititb zwar nicht vom manchester- lichen, sondern vom christlichen Standpuncte aus.

L. Ihr sorgt freilich bis zum Ueberniaß dafür, daß das Wort „christlich" in den politischen Debatten die erste Rolle spielt. Der Antrag Windthorst und die kirchen­politischen Vorlagen, die jetzt dem preußischen

Landtag zugehen, werden euch Gelegenheit bieten, all^-. christlichen Register aufzuziehen.

C. Wi r sorgen dafür? Sind wir es etwa gewesen, die die religiöse Frage zum Zank­apfel, zum vergiftenden Born in Deutschland gemacht haben? Wir setzen uns nur gegen Ungeheuerlichkeiten zur Wehr; wir wollen nicht, daß Priester, weil sie ihrer Pflicht nachkommen, gleich Verbrechern aus dem Lande gejagt werden, und wenn bei den Liberalen der Kircheuhaß nicht die so oft betonte Freiheitsliebe erstickte, dann hätte die Annahme des Windthorst'schen Antrags gar nicht in Frage kommen können. Aber wenn Gerechtigkeit und Freisinnigkeit, Ab­scheu vor Ausnahmegesetzen und Billigkeit des Urtheils bei gewissen Leuten mit dem eingefleischten Hasse gegen die Kirche und ihre Diener in Conflict gerathen, dann siegt der Letztere. Hie und da bricht sich die bessere Erkenntniß Bahn; so sagte dieser Tage die fortschrittliche ,Berliner Volksztg.', daß der „Culturkampf" einen Jrrthum und eine Schuld der freisinnigen Partei in sich schließe und daß sie von diesen; Jrrthum gründlich zurückkommeu imd ihre Schuld, so gut es gehe, ungeschehen machen müsse. Leider ist noch wenig Aussicht vorhanden, daß der Streit zwischen Staat und Kirche beseitigt und ein dauerhafter Friede zu Stande kommen wird. Was bringt und die kirchenpolitische Vorlage? Die Erneuerung des Juligesetzes mit dem Bischofsparagraphen. An eine Revision der Maigesetze wird nicht gedacht, auf dem Wege discretionärer Vollmachten will man weiter wandeln. Es kann dies aber nur der Weg zum endlichen Ziele sein.

-—----------—— io

Eine Pfingstfeier.

Geschichte aus den ersten Jahren des Culturkampfes in der Schweiz. Von B. K.

(Fortsetzung.)

Der Anwalt fuhr fort und fagte: „Daß ein so intelligenter Kopf in solch sumpfiges, pest­hauchendes Fahrwaster gerathen konnte, scheint mir säst unmöglich. Victor und ich waren auf der Universität in den Hauptangelegen- heiten treue Gesinnungsgenossen. Unsere Beziehungen wurden noch inniger dadurch, daß er Interesse für meine Schwester an den Tag legte, welche er, sobald das Glück ihm Selbstständigkeit gewähren würde, zu heirathen beabsichtigte. Mehrere Ferien * verlebten mir in fröhlichster Weise gemein­schaftlich in meinem Heimathsorte. Seine i erste Anstellung fand er in einem stockultra­montanen Neste, wo er aller Wahrscheinlich­keit nach unter die Beeinffuffung irgend eines rasfinirten Ritters der schwarzen Garde gerathen sein muß. Daß ich mich bei der neuen Begegnung mit ihm nicht gründlicher über seine Gesinnungsweise orientirte, mag seine Entschuldigung darin finden, daß er aus mich den Eindruck machte, als sei er noch der biedere, ehrliche Victor, wie früher. Wohl hätten mir seine Aeußerungen: Man bat^ es weitgetrieben im Vaterlande; die

Verfolgung der Kirche ist das Grab der Größe unseres Volkes u. s. w., mir mehr zu denken geben sollen, als sie es gethan haben. Mag dem nun sein, wie ihm wolle: Es thnt mir unendlich leid, Ihnen solch" unangenehme Situation bereitet zu haben. Ich bitte deshalb, insoweit mich hier schuld trifft, um Verzeihung!"

„Ihre Rechtfertigung ist eine glänzende," ries Wittwc Marl begeistert, „Sie erscheinen hier nicht nur vollständig schuldlos, sondern aller Hochachtung, welche unser Kreis für Sie hegt, doppelt würdig. Sie ließ ihre Blicke fragend in der Runde schweifen und schien den Beisall, welcher ihren Worten folgte, fast als verspätet zu betrachten. Dr. Hager ergriff mit gewichtiger Miene das Wort: „Alles Schlimme in der Welt hat auch seine gute Seite, so auch der in Frage stehende Vorfall. Es ist ein großer Vortheil, wenn mau dergleichen Feinde kennen lernt. Dieser Dr. Victor muß unschädlich gemacht werden. Unser Arm ist stark und reicht weit; dessen dürfen wir uns wohl, ohne unbescheiden zu sein, rühmen. In den besseren Schichten hiesiger Bevölkerung, besonders in Regierungskreisen, wo man mit so erstaun­licher Blindheit, staatsgefährlichen Persön- lichkeiten freies Feld läßt, muß er als das erkannt werden, was er ist. Sein Schiff

muß leck gemacht werden, und zwar in kür­zester ZeitAbermals scholl von allen Seiten dröhnender Beifall.

Der Anwalt erhob sich: „Ich habe eine Bitte! Verehrte Anwesende; lassen Sie uns von diesem unerquicklichen Thema ablenken und einer Neuigkeit unser Interesse widmen. Der vielgenannte Trotzkopf, der Pfarrer von Wehrthal ist wieder hier. Zweimal ist er schon bestraft und immer noch nicht mürbe, und wie mir zu Ohren gekommen ist, liegt abermals eine Anklage wegen unbefugter Amtshandlung gegen ihn vor."

Das ohnedies lange Gesicht des Dr. Hager zog sich noch mehr in die Länge. Die Augen rollend, rief er pathetisch aus. „Habe ich's nicht vorhergesagt? Die Strafen für die Gesetzesschänder sind viel zu mild; Frank­reich hätte längst Galgen und Guillotine gegen sie in Anwendung gebracht! Wer int Staate leben will, muß deni Staat gehor­chen; das ist eine Satzung der Vernunft, aber den Herren vom Altar ist sie ein Gräuel! Bist Du uicht willig, so brauch ich Gewalt, müßte das Motto unserer Regierung heißen, aber statt dessen hat sie „Milde und Nach­sicht," auf ihre Fahne geschrieben und schlägt, gleich Heli, seine ungerathcnen Söhne mit der Pelzmütze. Dieser Wehrthaler Apostel scheint wahrhaftig den Vorsatz zu haben, dem