Sonnabend, den 14. Januar 1882.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Expedition. Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark und 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfg. Die .illustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in's Haus gebracht 40 Pfg. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.
Xl Politische Streifzüge.
Centrumsmann: Nun, du läßt ja den Kopf hängen und machst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Ist dir nicht wohl?
Liberaler: Hast du den kaiserlichen Erlaß vom 4. d. gelesen? Ich grüble über das Maß der politischen Freiheiten in Preußen und Deutschland nach.
C. Ei, ei! Es ärgert dich wohl, daß die Zeiten sich geändert haben? Als vor einigen Jahren die Leute deiner Partei die Stirn hatten, das Ministerium zur Maßregelung katholischer Beamten aufzusordern, da riefst du Beifall, da warfst du dich mit den Uebrigen auf die Opfer; und heute, wo der Sturz des liberalen Oberpräsidenten von Horn in Königsberg die Worte des Ministers v. Puttkamer und den Erlaß des Kaisers praktisch illnstrirt, da jammerst du iiber Mangel an Freiheit!
L. Du wirst nicht in Abrede stellen können, daß der Grundton der öffentlichen Meinung ein entschieden mißvergnügter ist.
C. Zumal im liberalen Lager. Es war Zeit, — wenigstens muß es der Kaiser für zeitig erachtet haben — mit einem kräftigen, jeden Zweifel ausschließenden Worte dem Treiben be§_ Liberalismus entgegenzutreten, als seien für diejenigen Handlungen der Krone, welche in den liberalen Kram nicht paßten, die Minister allein verantwortlich. Die oberste Negierungsgewalt soll ausschließlich in den Händen der Minister, nicht des Monarchen ruhen. Dieser soll also gleichsain, ohne das Recht der Einmischung in die Regierungsgeschäfte, nur eine Deco-
Eine Pfingstfeier.
Geschichte aus den ersten Jahren des Culturkampfes in der Schweiz. Von B. K.
(Fortsetzung.)
„Sie haben Recht," entgegnete der Anwalt, welcher sich aber während dieser Er- eiserung mehr in die Reize von Amaliens Gesicht, als in die Worte der Sprecherin vertieft hatte. „Der Cölibat Ist vorzugs- iveise die Brutstätte aller Gebrechen, welche dem Priesterstande anhaften. Ich nenne hier nur Empfindungslosigkeit für alles Große und Schöne, — Geringschätzung des Reben- menschen, — und die ihnen so abscheulich anstehende Herrschsucht, welche seit Menschengedenken dein Staatenleben so verderblich geworden ist. Die Monstre-Geschichten, welche Aegypten, China, Griechenland, u. s. w. von ihrer Priesterschaft zu erzählen vermöchten, wären nur schlichte Anekdoten gegen das, was man vom gesammtem christlichen Klerus verzeichnen könnte. Rach allen Himmelsgegenden, an an allen bewohnten Erd- üätten treibt die Garde Gottes, um mit dem großen Dichter Bodenstedt zu reden, „heiliges ^chandwerk."*) O, ich kenne diese Heiligen,
) Oit der bekannten Schmähgedichten-Sammlung: .Gegen Rom".
rationssigur sein. Damit schrumpfte aber das deutsche Königthum zur Bedeutungslosigkeit herab, und hiergegen verwahrt sich der Monarch; seine Minister sind seine Diener; er leitet an erster Stelle die Regierungsgeschäfte. Wenn also Fürst Bismarck in seinen Kämpfen mit den Liberalen die Person des Monarchen in den Vordergrund stellt, wenn er — wie dies in der Botschaft geschehen — seine Politik mit der des Kaisers deckt, so weiß er sich darin eben so sehr der Zustimmung des Kaisers sicher, wie Herr v. Putkamer, wenn er die regierungstreuen Beamten des Dankes des Kaisers versichert.
_ L. Aha, da haben wir den heikelsten Punct. Die Beamten sollen, wenn Bismarck Cnltur kämpft, gegen Rom bei den Wahlen auftreten; findet er es,für angezeigt, die Culturkampfmaschine zu stopfen, dann müssen auch alle Beamten mit ihm schwenken; ist er Freihändler, dann muß auch der Beamte eine freihändlerische Ueberzeugung haben; wird er Schutzzöllner, — flugs wird das Gewissen herumgedrclst.
C. Der kaiserliche Erlaß verpslichtet die Verwaltungsbeamten, die Regierung mit ganzer Kraft im Wahlkampfe zu unterstützen, während den übrigen Beamten wenigstens jede Wahlagitation gegen die Regierung unter Berufnng aus den geleisteten Eid der Treue untersagt wird. Der Monarch übernimmt an erster Stelle die Verantwortlichkeit für die Regierungspolitik und fordert für dieselbe die Unterstützung der Beamten bei den Wahlen, und ivir haben mit dieser Thatsache zu rechnen.
ich kenne sie ganz! Als ich noch Knabe war und die Messe diente; mit welcher Ehrfurcht habe ich da am priesterlichen Gewände hinaufgeschaut; doch nach Verlauf der Universitätsjahre war mein Auge nicht mehr so blöde, da einen Nimbus zu schauen, wo keiner ist. Tie Philosophie, das Studium der Schriften unserer Geisteshelden haben mir Licht in's Gehirn gebracht. Manch' allerliebstes Ammenmärchen ist mir aus diesem Wege in Nichts zerflossen. Als eigentliche Priester der Menschheit gelten mir die Männer der Wissenschaft und die Herren der Kunst. Es war gerade die höchste Zeit, daß der Staat den Klerus unter die Knute nahm; man ist viel zu kurzsichtig, als daß man all das Unheil ermessen könnte, was bei nngeschmälert gebliebenen Freiheit dieser mächtigen Kaste über das liebe Vaterland hereingebrochen wäre."
Ein grelles Roth überflog das Gesicht Victors, was Amalien nicht unbemerkt blieb. „Aeußern sie nur ganz unverhohlen-Ihre Meinung", bat sie mit erheuchelter Freundlichkeit; „unserc Statuten schließen keineswegs contraire Ansichten ans."
„Die Situation drängt mich, zu sprechen und so will ichs frei ihnen, wie ich allzeit gewohnt war." Bei dieser mit Energie ge- thanen Aeußerung Victors schaute man ver-
Jhr betont so gern und so laut eure Königstreue; gut, beugt euren Nacken unter diese Treue, auch wenn es euch gegen den Strich geht, sonst glaubt man schließlich, die Treue der Liberalen reiche nur so weit, als sie mit ihren Wünschen Hand in Hand geht.
L. Lassen wir das; es gibt der Ueber- raschungen so viele, daß ich auch auf weitere Neberraschungen gefaßt bin. Ich freue mich, daß wenigstens der Friede nach außen gesichert ist und wir hoffen dürfen, daß auch in diesem Jahre, trotz Gambetta, trotz der Panslawisten in Rußland und trotz der orientalischen und aegyptischen Frage, Deutschland von kriegerischen Verwicklungen verschont bleiben wird; aber aus der Unklarheit und Verworrenheit der inneren Lage müssen wir endlich heraus.
C. Ganz meine Ansicht. Die seit dem Ausfall der jüngsten Reichstagswahlen noch immer am Ruder stehende Schaukelpolitik muß endlich aushören, denn das ist k.ar: eine conservativ-nationalliberale Mehrheit im Reichstag ist ein Ding der Unmöglichkeit geworden, und mit dieser unabänderlichen, hochbedeutsamen Thatsache hat auch der sonst so mächtige Staatsmann zu rechnen. Die Kämpfe des letzten Jahrzehnts haben deni Kanzler manche Enttäuschung bereitet und manche gute Lehre gegeben; sie haben auch das ihm unbequeme Centrum geschaffen, welches die stärkste und am besten disciplinirte Fraction ist, während den anderen Gruppen der innere Halt und das verknüpfende Band fehlt. Herr Windt- ivnndert auf; mit erhobener Stimme fuhr er weiter. „Ich, für meine Perfon, hege eine große Hochachtung für den kath. Klerus und bin der festen Ueberzeugung, daß diese meine Gesinnungsweise eine wohlbegründete ist. Wer hat den grassirenden Uebeln der Zeit, dem Materialismus und dem herzlosen Egoismus trotziger die Stirne geboten, als der Klerus? Und wer würde in die Aera des Unglaubens, das Banner der Religion, das heiligste Banner der-Menschheit hochznhalten, den Mnth haben, wenn es die Priesterschaft sinken ließe? -- Auf den Bahnen des Liberalismus ivürden der Ruinen noch tausendmal mehr sein, wenn die Dienerschaft des Allerhöchsten nicht hemmend in die Radspeichen vom Wagen des Zerstörens eingegriffen hätte. Wo das Wort des Priesters noch ein willig Ohr findet, duckt sich das Laster und zeigt nicht jene freche Stirne, wie an jenen Stätten, wo man den Klerus verflucht. Fort mit dem Cölibat! Ruft man von tausend Seiten und ich muß erstaunen, daß dieser Ruf auch hier ein Echo gefunden hat. Ein freigewählter Kampf gegen die Löwin der menschlichen Leidenschaften für die Dauer des irdischen Daseins ist keineswegs Kinderspiel, sondern erfordert einen Muth, der sich kühn dem eines Winkelried, Blücher, Ziethen, rc. an die Seite stellen