M 10. Freitag, den 13. Januar 1882,
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<Q> Aussichten für Frankreich.
Wohl nichts kann fo gut die gegenwärtigen Zustände in Frankreich illustriren, als ein Blick in die tonangebende, fashinable Welt. Traurig, sieht es dort aus und deshalb glauben wir, sind auch die Aussichten für die Zukunft Frankreichs so traurig. Schon einmal haben wir unseres Wissens in dieser Zeitung hierauf aufmerksam gemacht, wir thiren es heute wieder, indem wir wie damals die tonangebenden Damen Frankreichs Revue passiren lassen. Sie sind der treueste Typus der Zeit in Frankreich, ivie anderwärts.
Unter Napoleon III. war wohl die höhere Frauenwelt frivol, vergnügungssüchtig, sann auf neue Moden, der Ton aber ivar ein viel noblerer. So viele Fehler danials die Damenwelt an sich gehabt haben mag, sie hat doch auf der anderen Seite noch an was Höheres und Besseres geglaubt. Die Frauenwelt war katholisch, es gehörte zum guten Tone devote zu sein und zu bonnes oenores unterschrieben zu haben. Kaiserin Eugenie war für ihre Person sogar sehr wohlchätig und duldete auch in ihrer Umgebung keine Jrreligion. Und diesen Einfluß der so hoch gestellten Frau übte eine sittigende Kraft auf weitere Kreise aus, ohne daß wir deshalb verkennen wollen, wie sehr auch damals schon die Korruption in jeder Form sich breit machte.
Die Republik hat auch hier Aenderung gebracht. Ein Gott leugnendes Weib wäre vor zehn Jahren einfach durch die öffentliche Meinung um feinen Kredit gekommen, heute ist es der Löwe des Tages. Offen kann sich
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Eine Pftngstfeier.
Beschichte aus den ersten Jahren des Culturkampfes in der Schweiz. Von B. K.
(Fortsetzung.)
„Dann bedauere ich ernstlich, nicht hier gewesen zu fein," entgegnete der Anwalt, „die Novelle soll meine nächste Lecture fein; Ihr Interesse, Fräulein Amalie, für besagte Dichtung ist mir genügender Beleg, daß selbige des Lesens werth ist. Sie sind wohl fo freundlich und überlasten mir auf einige Tage das Buch, welches die neue Mufen- gabe unseres Lieblings-Novellisten enthält. Doch halt! Da fällt mir ein, daß Sie so wunderschön zu erzählen verstehen. Bitte machen Sie uns in Kürze mit dem Inhalte der Novelle bekannt; Dr. Victor wird Ihnen sicher auch Dank wissen!" Letzterer unterstützte die Bitte des Anwaltes.
„Recht gerne!" entgegnete Amalie, „will ich Ihrem Wunsche willfahren, nur befürchte ich, daß während des Verlaufes meiner ungeschickten Darstellung die Langweile unsere Tischgenostin wird.
Schmeichelnd entgegnete Franke: „In Ihre Nähe, verehrtes Fräulein, ivagt sich die Langweile nichts ivo Geist und Schönheit in fo engem Bynde vereinigt sind, hat
heute dieModedame ihres Unglaubens rühmen. Mit der Frau Marschall Mac-Mahon zag auch die katholische Frau aus der officiellen und fashionablen Welt. Der IG. Mai war ihr Todestag. Vor und nach ihr kam Mme. Thiers, die an Monsieur Thiers glaubte und an nichts mehr, die sogar im Angesicht des Tods die Unsterblichkeit leugnete.
Eine der angesehensten Frauen des heutigen Paris ist die Madame Adrut, aber sie hält einen anticlericalen Salon und ist erklärte Freidenkerin. Vielleicht mehr als ihr Dichtertalent hat ihr gerade dieser Umstand den Namen einer Sapho der Republik eingetragen. Die Frau des verstorbenen Seine- präfecten Herold ist noch ein stärkerer Geist als ihr gewiß nicht bigotter Gemahl. Selbst den Namen Gottes perhorrescirt diese Kulturdame; man sagt bei Dankbezeugungen die ihr abgestattet wurden, dürfe Niemand auf eine Belohnung im Jenseits anspielen. Der neue Kultusminister Bert ist der Sohn einer atheistischen Mutter, vielleicht für ihn ein Milderungsgrund im (Gerichte Gottes. Als sie vor dem Tode erkrankte, kam oft eine fromme Jugendfreundin zu ihr um vielleicht irgend einen Einfluß geltend zu machen, damit Madame Bert nicht ohne Priester sterbe. „Arme Einbildung", sagte die „starke" Dame, „ich weiß, was diese Sympathie bedeutet. Sie glaubt, sie könne eines Tags eine schwarze Soutane bei mir einschmuggeln, aber ich will nicht." Und sie that es auch nicht.
Gehen wir tiefer auf den Stufen unserer socialen Ordnung, so ist die berüchtigte Louise Michel ein Typus für ein ganzes Langweile, diese Quälerin des Menschengeschlechtes, kein Recht."
„Sie sind wieder unbarmherzig, Herr Anwalt, ich will zu erzählen anfangen, damit Ihnen die Gelegenheit benommen wird, noch mehr dergleichen Süßigkeiten zu verabreichen.
Die Hauptgestalt der Novelle ist ein junger Priester; Erbschaftsangelegenheiten führen ihn in eine größere Stadt. Verkleidet besucht er das Theater; wird von „Kabale und Liebe" in Aufregung gebracht; fein Herz schreit auf nach der Freude des Lebens. Eine ihm zur Seite sitzende Dame, sich später als schwergeprüfte Privatlehrerin zu erkennen gebend, erregt sein Interesse. Er verfolgt sie nach Schluß der Vorstellung, pronumnirt Arm in Arm mit ihr im Mondenschein, findet seine unglückliche Seele der ihren verwandt, spielt den Begleiter bis zum Gasthofe, worin das Mädchen Wohnung genommen, erlaubt ihr beim Abschiede einen Kuß, verliert feine Ruhe, begeht die Waghalsigkeit, nach in der Nacht auf das Zimmer feiner neuen Freundin zu dringen und ihr den Antrag zu stellen, mit ihm nach Amerika zu entfliehen; jetzt erst erkennt sie ihn als Priester. Schaudernd weist sie ihn zurück, wird aber doch nach und nach durch feine Gestalt und di< Güte feines
Geschlecht. Aber zugleich müßten wir dann unfern Lesern zeigen, wie die atheistische Frau, religiös ohne Halt, auch moralisch denselben verloren hat. Nur das wollen wir sagen, daß eben in den Straßen von Paris mehr betrunkene Weiber anzutreffeu sind, als zur Zeit Napoleons III. Männer.
Wenn so der häusliche Einfluß der denkbar ungünstigste ist, wie wird bann das Geschlecht beschaffen sein, das dieser Saat entspringt?
Der gegenwärtige Kammerpräsident Brisson drückte vor der Ernennung des wegen seiner Lächerlichkeit mit dem Zunamen des „Großen" benannten Ministeriums in der Deputirteu- kammer die Hoffnung aus, man möge doch nur solche Minister auswählen, deren Frauen auch die Stellung repräfentiren könnten, so daß keine anständige Dame gezwungen wäre, diesen Frauen der Minister fern zu bleiben. Es wäre interessant zu erfahren, inwieweit man diesen Wünschen Rechnung getragen hat, aber die Fama erzählt, daß verschiedene höhere Damen in der Diplomatie, diesen Winter „unwohl" sind, um nicht in der Hauptstadt bleiben und in den Salons der neuen Minister-Damen erscheinen zu müssen.
Der Gesellschaftston der höheren Pariser Damenwelt ist der denkbar platteste. Nicht das bewegt diese Ministerinnen, was sonst in allen andern Ländern die höhere Damenwelt intereffirt, weder Politik noch sonst etwas. Eben wo jedes katholische Herz nach Nom sich richtet, mit Spannung der Entwicklung der Dinge harrt, spricht die Pariser Dame selbst im conservativsten Kirkel nur über die neue Oper ober bie neue Mobe. Herzens besänftigt. Sie läßt sich Überreben, ihr Schicksal an bas feinige zu ketten und nach wenigen Tagen befinden sich beide in Hamburg, den Abgang des „Schiller," erwartend. Hier winken dem frohen Befreiten die Freuden mit tausend Armen. Zum Unglücke feiner fast immer traurigen Klara kommt er mit einer kleinen ambraduftigen Kokette in Berührung, welche er feiner ersten Geliebten auffallend ähnlich findet und in selbige, ehe er es recht gewahr wird, verliebt ist. Seine Klara, dies bemerkend, faßt den Eutfchluß, ihn zu verlassen, jedoch nicht gekränkter Liebe halber, sondem auf Veranlassung der Ueberzeugung, daß sie nicht die Person fei, welche diesen jungen, lebensdurstigen Mann mit ihrem vorgerückten Alter und ihrer düsteren Seelenstimmung auf die Dauer glücklich zu machen vermöge. Er bittet fußfällig, daß sie ihn doch nicht verlassen, ihm ihre Liebe nicht entziehen möge und fo folgt sie ihm aufs Schiff. In der ersten Nacht stürzt sie sich in's Meer. Die Botschaft erschüttert den Unglücklichen derart, daß er bewußtlos am Verdecke niederstürzt.
Meine Mittheilung ist natürlich nur Skelett. Sie vermögen sich kaum einen Begriff zu machen, wie reizend und ergreifend des Dichters wunderbar fchöne