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Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda tn der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark emb 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfq. Die ,illustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in's Haus gebracht 40 Pfq^ Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.
Politische Streifzüge.
(Nachdruck verboten.)
Wir stehen im neuen Jahre und im alten Nehel. Am 1. Januar lachte die Sonne zwar recht freundlich vom blauen Himniel herab — wahrscheinlich, um uns zu zeigen, wie schön es anno 82 werden könnte, ivenn die Bedingungssätze nicht wären, aber bald darauf überzogen wieder graue Wolken das Firniament, uin uns daran zu erinnern, wie es ist. Die Neujahrswünsche sind verklungen, die Lieder gesungen, und die Rechnungen sind da. Jeder feiert den Jahreswechsel nach Vermögen und Geschinack, in Paris ohrfeigten sich am Neujahrstage zwei bekannte Finanzleute an der Börse, de gustibus non est disputandum, d. h. jedes Thierchen hat sein Pläsirchen. Fürst Bismarck erhielt als Präsent einen gezähmten Wolf, der nun mit Pindter um die Wette heulen kann; einem unverbürgten Gerüchte zufolge soll dieser Wolf deni Abg. Richter auf einige Zeit überlassen werden, damit auch er es lernt, den richtigen Ton anzuschlagen. Ich möchte dem neuen Jahre den Wunsch vortragen : Schütze das unbeschützte Haupt Bismarcks; laß darüber wachsen nie fremder Diplomaten Jntriguen; laß ihn niederwerfen alle Feinde des Reiches, mögen sie von Osten oder Westen kommen." Viel Neues brachte uns die politische Ferienzeit der letzten Wochen nicht, um so prächtiger aber ließ sich phantasiren und combiniren, und das ist denn auch weidlich geschehen. In Graz wurde als Leckerbissen für liberale Feinschmecker eine entsprungene Nonne fabricirt; in Bayern stritt man darum,
ob der hl. Vater sich dem Herrn Bischof von Speyer gegenüber zu Gunsten des Ministers von Lutz ausgesprochen habe oder nicht, — eine Ente, die stolz neben der Grazer Ente schwimmt, und alle Welt schrieb sich ob der „Papstfrage" die Federn stumpf und die Finger krumm. Dazu kam noch die kirchenpolitische Frage, der Windthorst'- sche Antrag, Dr. Busch, Msgr. Tarnassi, — Stoff genug, um die ereignißloseste Zeitspanne angenehm zu überbrücken. Das Gute, das der Schluß des alten und der Anfang des neuen Jahres brachte, ist rasch aufgezählt: für Deutschland die Fortdauer des dreimonatlichen Steuer-Erlasses und für die Schweiz die Inbetriebsetzung des Tunnels der Gotthardbahn; den Bochumer Katholiken brachte es die Aussicht auf die Wiedererlangung der M a- rienkirche. Das Schuldconto ist etwas länger: in Warschau gab es Tumulte und blutige Schlägereien zwischen Christen und Juden; in der asiatischen Türkei ein großes Erdbeben, das einen Theil der Stadt Brussa zerstörte, und recht groß, wie das Sündenregister Don Juan's, ist der Neujahrszettel, den Paul Bert den Katholiken Frankreichs schrieb: die Predigten werden polizeilich controlirt, hinter jedem Bischof steht ein Konitzer mit der Conduiten- liste; der Bischof von Grenoble wird wegen seines Hirtenbriefes vor Gericht gestellt; die Direktion der Cultusabtheilung ist aufgehoben; die Schullehrer dürfen nicht mehr zu kirchlichen Verrichtungen angehalten werden, und dem Ermessen der Eltern ist es überlassen, ob ihre Kinder in den höheren Lehr
anstalten Religionsunterricht erhalten oder nicht. Man sieht, der Mann arbeitet gründlich nach dem Culturkampfsrecepte seines Collegen a. D. Falk und scheint mit seinem Protector Gambetta erproben zu wollen, wieviel den Katholiken des Landes geboten werden kann, bis der Krug den Hals bricht.
Die Spitze aller Erörterungen bildete die „Papstfrage." Daß Italien nicht im Stande oder Willens ist, dem berüchtigten Garantiegesetze vom 13. Mai 1871 Nachdruck zu geben und den Papst zu schützen, ist aller Welt klar; wie wird sich nun in Zukunft das Verhältniß des hl. Vaters zu Italien gestalten und werden auswärtige Mächte ein Wort mitreden? Das ist die hochpolitische, sog. römische Frage, die gegenwärtig im Vordergründe aller Discussion steht und von officio)en und diplomatischen Federn in Fluß erhalten wird. Wenn die Nachricht, es sei der entschiedene Wille des Kaisers Wilhelm, im europäischen Jntereffe die Unabhängigkeit des Papstes zu sichern, nicht wahr ist, so ist sie wenigstens nicht unglaublich; aber es darf als sicher gelten, daß der Reichskanzler sich um das Wahl und die Sicherheit des päpstlichen Stuhles bemüht. Wie diese Frage gelöst wird, ist zur Zeit nach nicht abzusehen; der geniale Lackfabrikant Diez in Leipzig hat den Vorschlag gemacht, der Papst solle seinen Wohnsitz nach Jerusalem verlegen; der Mann sollte besser bei seinen Lacktöpfen bleiben, als in Politik machen. Daß die Katholiken den „Schutz", der dem Papste angeboten wird, mit einem gewissen Mißtrauen betrachten, ist natürlich, denn die Abhängigkeit von den europäischen Mächten
4 Eine Pfingstfeier.
Geschichte aus den ersten Jahren des Culturkanipfes in der Schweiz. Von B. K.
(Forts tzung.)
„Der kommt schon," entgegnete der Alte in seinem gewohnten Phlegma, „wenn er die Glocken hört, .wird er sich schon beeilen. Kommen Sie mit auf den Thurm; wir wollen einmal nach ihm ausschauen." Er gab einem Knaben den Glockenstrang und schleppte seine gebrechliche Gestalt keuchend die Wendeltreppe hinauf; Johanna folgte ihm. Je näher sie den Glocken kamen, desto gellender, fast betäubend schollen die ehernen Stimmen durcheinander. Das Mädchen verhielt sich die Ohren, während der Küster mst der völligsten Gleichgiltigkeit höherstieg. Von der Glockenstube aus konnte man nahezu bis an ben Otternbusch sehen. Der Küster setzte seine Brille zurecht, hob sich auf die Zehen und schaute hinaus, gewahrte aber mit seinen äußerst schwachen Augen nichts. Hieraus gab sr dem Mädchen, welches die Ohren noch immer verschlossen hielt, ein Zeichen, auch Vuaus zu blicken, brachte einen Klotz zur stelle, ging dann zur Seite und nahm eine Pnse.
Kaum hatte das Mädchen einen Blick hinaus geworfen, so fprang sie mit einem
durchdringenden Schrei, der selbst die Glocken übertönte, vom Fenster hinweg und flog gleich einem geschnellten Pfeile die Treppe hinunter. Dem alten Phlegmatieus war vor Schrecken beinahe die Dose aus der Hand gefallen. „Sollte man ihn erwischt haben," dachte er und schaute zu den Glocken hinaus. Diese aber schienen sonderbarer Weise ihren Klang ganz verändert zu haben. „Sie haben ihn, sie haben ihn;" tönte es wirr durcheinander. Aus seinem Gleichmuthe herausgerissen, eilte der Alte, so schnell es seine morschen Beine zuließen, die Treppe hinunter dem Mädchen nach; keuchend und schweißtriefend kam er in der Sacristei an; die Knaben, welche den Küster niemals erregt gesehen, vermutheten ein Unglück, ließen die Glockenstränge fahren und bestürmten ihn, ihm nachrenuend, mit Fragen. Die Kirche war von särnrntlichen Leuten, welche sich bereits zum Gottesdienste versammelt hatten, verlassen und alle umstanden draußen die in höchster Aufregung begriffene Schwester des Pfarrers. Leichen- blässe im Gesicht, verkündete sie den Leuten, was sie gesehen, drängte, aus dem Kreise heraus zu kommen, wurde aber immer wieder von anderen Neugieri en umstellt. Erst dann, als der Küster sich mit der Miene, als ob er volle Aufklärung zu geben im Stande sei, in den Kreis hineindrängte,
wurde sie frei. Sie eilte, von der Erregtheit beflügelt, der Kirchhofsmauer entlang, ohne daß mehrere Kirchenbesucher, welche sie begleiteten gleichen Schritt mit ihr zu halten vermochten. Von einem Knabenschwarm jedoch war sie bald überholt. Einige hundert Schritte oberhalb des Dorfes sah man Pfarrer und Gensdarm in gemesienem Schritt daherkommen. Beim Gewahrwerden des Helmes machten einige Knaben „kehrt". Dadurch wurden die mehrbeherzten auch stutzig und im Nu stob der ganze Schwarm zurück.
Die Schwester trat weinend dem Arrestanten entgegen, faßte feine Hand, als wolle sie ein verlorenes Gut wieder an sich ziehen, wandte fick) dann zu Gube und sagte: „Ach, stürzen Sie uns doch nicht in's Unglück! Bedenken Sie doch, was wir an Ihren Eltern und Ihnen gethan haben. Lasten Sie diesen schuldlosen Mann, der ja nur ein Werk der christlichen Barmherzigkeit vollführt hat, frei! Gott wird es Ihnen vergelten."
Gube wollte antworten, aber der Pfarrer kam ihm zuvor. Johanna, fei nicht thoricht! Du begehrst und weißt nicht, was Du begehrst. Wenn Herr Gube mich freigeben könnte, würde er es wohl längst gethan haben; sei guten Muths, man wird mich nicht ewig im Gefängnisse halten, es sind ja nur wenige Wochen."
Das Mädchen schwieg und schritt weinend
Sonntag, den 8. Januar 1882.