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Sonntag hen 1. Januar 1882

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Deutsches Reich.

* Berlin, 30. Dec. Daß die frei- c o n se r v a t i v e,Post', das sogenannte Bot­schafterorgan unmittelbar nach der Rückkehr des Unterstaatssecretärs Dr. Busch aus Roin für Beseitigung des kirchlichen Gerichts­hofs und für eine Beschränkung der sogen. Anzeigepflicht eintritt, darf man als einen seiner Braut karn ihin stets wieder im Schlafe vor: „Paul, bet' ein Vaterunser." Dann träumte es ihm wieder, er sah sich neben feiner Braut am Traualtar, aber er konnte das „Ja" rächt aussprechen; dann sah er sie wieder mit den Wellen ringen, dann in Flammen stehen, dann auf dem Todbett liegen. ~ Paul, Paul, bet' ein Vaterunser, ich sterbe! So sagte jetzt eine Stimme und Paul erwachte. Er hatte gemeint, ganz derrtlich diese Stimme, Anna's Stimme, vernommen zu haben und er lauschte, ob er nicht noch den Widerhall derselben in der Stille der Nacht vernehme. Er meinte darauf schwören zu können, daß diese Stimme kein Traum, sondenr Wahr­heit gewesen und er durch dieselbe aus seinem Halbschlummer erweckt worden sei.

Er zündete Licht an und stand auf. Nirgends ein Laut, ein Geräusch im Zimmer, nur die Uljr tickte leise in gedämpftem Tone fort.

Paul wurde es halb unheimlich. Er fühlte, daß er nicht mehr schlafen konnte diese Nacht, und that, was er schon manchmal gethan hatte; er zog sich an, nahm Hut und Stock und ging. Durch die stillen Straßen rvandelte er rasch dem großen Spitale zu, ivelches ihm unterstellt war.

Hier war die ganze Nacht über Licht und Leben an den Krankenbetten. Die barncher- zigen Schwestern haben es fast wie die Blinden,

Möge auch die hl. Kirche im Jahre 1882 Gerechtigkeit und Frieden bei den Völkern finden. Möge es ihr in diesem Jahre vergönnt sein, als das Reich des Friedensfürsten an­erkannt zu werden, damit sie ohne ungebühr­liche Hemmniffe ihre friedliche und gnaden­volle Sendung vollbringen kann. Möge der hl. Vater die ihrn gebührende Freiheit finden, möge es den Bischöfen ermöglicht morgen vielleicht. Gute Nacht, hier meine Hand, morgen um 11 Uhr will ich wieder da sein, nicht wahr? — Paul reichte Anna die Hand.

Paul, Paul, das ivaren ihre letzten Worte, so bittend, so flehend, daß es ihn fast selbst übermannte, „bet' ein Vaterunser!" — Dann ging sie hinein und die Thüre schloß sich.

Paul K. zündete eine neue Cigarette an und schlenderte langsam die Straßen ent­lang zu seiner Wohnung heim. Rasch kleidete er sich aus und wollte sich eben zu Bette legen, da tönte es ihm mehrmals in die Ohren mit der Stimme Anna's: Paul, Paul, bef ein Vaterunser!

Er wollte unwillkürlich es probiren und faltete die Hände — seit vielen, vielen Zähren zum ersienmale und wollte beginnen. Aber als er das erste Wort „Vaterunser" gesagt hatte, da hielt er wieder inne; er schämte sich seiner eigenen Stimme. Lachend ließ er die Hände wieder fallen, erhob sich und warf sich so in's Bett. Das Vaterunser war nicht gebetet.

Das wäre 'mal schön gewesen, brummte er noch lachend, wieder ein Ammenkind zu werden und Gebetlein herzusagen. Dann schlief er ein. - Paul K.'s Schicksal war entschieden.

Paul schlief unruhig. Das letzte Wort

nach Außen ungestört erhaltzen bleiben, 'möge der Friede der Nationen, wo. er besteht, be­festigt und erhöht, wo er verloren gegangen, .wiedergefunden und'wieder geschloffen wer­den. Möge ■ auch Frieden im Innern der Staaten herrschen, der Classenhaß, die Em­pörung, die Eifersucht verschwinden, mögen alle Schichten der Bevölkerungen, von ernst­licher Friedensliebe beseelt, gemeinsam, jebe- nach ihrem Berufe an der. wahren Wohl­fahrt der Menschheit arbeiten. Wenn'-der Arbeiter, der Diener unterwürfig, fleißig, treu, der Arbeitgeber, der Herr aber liebe­voll, freigebig, gerecht ist, dann wird der Friede in ein solches Haus, in ein solches Geschäft Einkehr halten und seinen unaus­bleiblichen Segen verbreiten. Wenn die Regierungen für die Leiden der Völker ein Herz, für ihre Bedürfnisse ein AuAe, für ihre Roth eine Hand haben, wenn die Unter» thanen ihre bürgerlichen Pflichten, ohne Murren, ohne Bosheit, ohne Umtriebe er­füllen, und wie Äer Apostel es verlangt, um Christi willen wirklich

die Sonne des Friedens und weckt ein fruchtbares, angenehmes und glückliches Leben.

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Zweierlei Weltanschauung.

Paul begleitete die beiden Damen bis vor ihr Haus, wo man noch plauderte. — " Als er von feiner Braut Abschied nehmen wollte, sagte diese: „Paul mir war's den ganzen Abend auf dem Herzen, wie eine fchwere Ahnung, ivillst du mir versprechen, heute Abend extra ein Vaterunser zu beten?"'

Pah, Kind, sagte Paul und warf seine ' Cigarette weg, es ist schon spät, ich habe keine Zeit mehr dazu; ein andermal vielleicht.

Paul spotte nicht!

Ach, was wird dir zustoßen können, Anna! scheuch die dummen Grillen aus dem Kopfe; es ist dir zu warm geworden, daher die schweren Gedanken,, leg dich nieder und ruhe aus, das ist besser als beten!

Paul, sprich nicht solche schreckliche Dinge aus. Wenn dir nun ein Unglück passirte auf dem Heimwege? Muß nicht Gott dich und mich beschützen, wenn mir gesund und glücklich fein wollen?

»Mein guter Stern" beschützt mich, sei versichert, mir passirt nichts Schlimmes diese Nacht mehr!

Aber wenn mir ein Unglück drohte? Willst du nicht für uns beide zusammen ein Vaterunser beten?

Heute Nacht nicht mehr, liebes Kind,

-d. Das Jahr 1882 steht vor der Thür. Diese Nr. unserer' Zeitung trägt schon oas Datum seines ersten Tages. Was wird das Jahr 1882 für uns werden? ,

Was fins dieses neue Jahr bringen wird, .-wer,.kann es heute sagen? Nur Wünsche und Vermuthungen,-die auf Verwirklichung kein sicheres Anrecht haben, können wir in das offen stehende Thor des neuen .Zeitab­schnittes bezüglich seiner Gestaltung tragen. Der mriMliche Geist erkennt aus sich das Zijklmstige nicht, es sei denn, daß es mit Nothwendigkeit aus ihm bekannten Gesetzen sich ergibt. Wie die Planeten stehen wer- . den während des Jahres 1882,. famf^er AfirDnom ’ berechnen, wix die. Feste fallen, hat der Kalendermann schon festgestellt, des­gleichen die Länge der Tage und der Nachte;

• aber die von uns unbekannten oder wenig­stens nicht genügend bekannten Kräften der Natur bedingten Ereignisse, und noch mehr die von den freien Entschließungen der Geister abhängigen Mngx, können vss^Gscht ., wünschen, hoffen.

/' die schöne Sitte, daß die •n ihre gegenseitige Liebe zu be- ..n Neujahrstage sich Glück- und wünsche bringen.

aer was wünschen, was vermuthen '.r beim Beginn dieses neuen Jahres, was l, was kann es bringen in Staat und Kirche?

Wir wünschen sehnlichst, daß es ein Jahr des wahren Friedens und des wahren Glückes werde. Möge uns der Friede

werden, ihres erhabenen Hirtengmtes zum Segen für Kirche und Staat voll und ganz zu walten, mögen die Priester wieder feste Wirkungskreise, die Gemeinden wieder ihre Priester haben!

. Das sind unsere sehnlichsten Wünsche. Wir -fügen hinzu, daß es unserem guten deutschen Volke int Jahre 1882 gegeben werden möge, nach drei Mißernten einmal eine recht gesegnete Ernte zu »tackten, damit auch der Unfriede, den übergroße Arnmth und Noth häufig hervorruft, aus unserem Vaterlande verschwinde.

Mit Vermuthungen über Dies und Das in der großen und kleinen Politik wol­len wir uns nicht befassen. Dazu ist uns der heutige Tag zu ernst, der uns so mäch­tig an die Vergänglichkeit und Eitelkeit des Irdischen erinnert. Wolle der freundliche Leser die Nutzanwendung aus solcher Erin­nerung ziehen, daß jedes Jahr seinen letzten Tag, jeder Tag seinen lefc^11 W. daß wir. ^itrch -<nd Ausdauer alle ~ctuui überwinden und in nicht weiter Ferne bet Zeit u«tsetc--ketztr troische StbUide fi^dü".

Und nun, lieber Leser, nimm ebenso gütig hi«, wie es aufrichtig gefprochen ist, unser herzliches „Prosit Neujahr!"

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