Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Samstag, den 1. October 18 t.

I I I

I i ' '

* v

j i

K

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark und 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfg. Die ,illustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in's Haus gebracht 40 Pfg. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg., bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

\ Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Wie im Leben des Menschen sich oft die grellsten Gegensätze nahe berühren, Geburten, Hochzeiten und Sterbefälle manchmal zu gleicher Zeit unter deinselben Dache statt­finden, so umschließt auch bisweilen im politischen Leben der Rahmen einer Woche die schroffsten Contraste, Freude und Trauer, Jubel und Wehklagen. Eine solche Woche, reich an bedeutungsvollen Ereignissen, reich an Thränen der Freude und des Schmerzes, reich an Jubelgesängen und Trauerklängen, ist die letzt verflossene. Sie legte einen Myrthenkranz aufs jugendliche Haupt einer glücklichen Braut, auf das blondlockige Haar der Enkelin unseres Kaiserpaares; sie flocht' in das ergrauende Haar des badischen Herrscherpaares den silbernen Kranz, und auf das bleiche, schmerzentstellte Haupt des hingeinordeten Präsidenten Garfield legte sie mit bebender Hand den Todtenkranz! In Karlsruhe läuteten die Glocken zur frohen Doppelfeier; in Trier zum Einzug eines neuen Bischofs, und in Nordamerika zur Beisetzung des ersten Staatsbeamten. Hier schmetternde Funfaren, Fahnenwehen und Kanonendonner, dort schwarzer Flor und dumpfernste Klagetöne, Hochzeiten Bischofsstuhl und Sarkophag — sie sind die Embleme, die Denkmünzen der dritten Septemberwoche, — ein Bild des Lebens! Möchte die Kugel, welche dem Leben Gar- field's nach elf qualvollen Wochen ein Ziel setzte, zugleich auch der verwerflichen Stellen­jägerei und Beamten-Corruption in den Vereinigten Staaten den Garaus machen;

51

Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B.

(Schluß.)

XVI. Capitel.

Welche Erinnerungen könnte ich noch Her­vorrufen, um sie in diesem Hefte wieder aufzufrischen? Werde ich von meiner Liebe zu Friedrichs Kind sprechen? Wenn ich todt bin und Du diese Seiten liesest, wirst Du Dich vielleicht freuen, in denselben den Aus­druck dieser Zärtlichkeit zu finden. Gott weiß es, daß ich seit Deiner Geburt kein anderes Ziel gehabt habe, als Dir Beweise davon zu geben; mein Herz hatte kein an­deres Gebet, als dieses: Mein Gott, mache sie glücklich, glücklicher als ihre arme Mut­ter, lehre sie den Weg der Wahrheit, welchen ich selbst mich bestrebe, zu wandeln!

Soll ich mit Dir von der Verwirklichung meiner Jugendpläne sprechen, von dieser hübschen Reihe sehr gut eingerichteter Häus­chen, welche um ein Krankenhaus heruni standen, das meine fromme Freundin, die Schwester Marie, leitete? Von der Be­schäftigung meiner Freunde Bernier, ihrem reizenden Königreiche, wo man allem Elende und Unglücke zu Hilfe kommt, wo die engel- gleiche Eva Bernier wie eine Königin und

möchte die Vermählung der badischen Prin­zessin mit dem Kronprinzen von Schweden glückbringend für zwei Nationen sein, und möchte vor Allem der Einzug des Bischofs Korum in Trier die Morgenröthe des Friedens zwischen Staat und Kirche in Deutschland bedeuten.

Aber damit ist der Ereigniß-Reichthum der Woche nicht abgeschlossen. Man denke an Irland, wo ein hartbedrücktes, zähes, freiheitliebendes Volk für seine Selbstständig­keit kämpft und sich gegen das harte Joch der reichen englischen Lords aufbäumt; an jenes jahrhundertelang geknechtete und zer­tretene Volk der Iren auf der grünen Insel, das den Gutsherrn die Landbill als werth­losen Papierfetzen vor die Füße wirft! Und welches Lob wird den katholischen Priestern in Irland selbst von der gegnerischen Presse gespendet! — Man denke an das blutge­tränkte Chaos in Afrika, wo die wilden Söhne der Wüste den Franzosen so gewal­tig die Zähne weisen, daß die pariser Re­gierung nicht den Muth hat, die Wahrheit zu sagen und sich aufs Vertuschen verlegen muß. Fast wäre der unfähige Kriegsmi­nister Farre im Ministerrath über die tune- fische Frage gestolpert, aber er zog es vor, einstweilend noch in der lahmen Hand das Portefeuille festzuhalten. — Dian denke ferner an den wüsten Scandal, den die Radicalen Italiens am 20. Sept, in Rom in Scene setzten, um von Neuem gegen das Papstthum und das Garantiegesetz anzu­stürmen, und an den sog. Freidenker-Con- greß in Paris, der sich in den furchtbarsten Gotteslästerungen erging und zugleich die Deine Tante Agnes als ihre erste Minister empfangen werden? Soll ich mit Dir von dem größten Schmerze meines Lebens sprechen, der meine Seele so plötzlich von der Erde getrennt hat, um sie mit meinem Herzen und meinen Hoffnungen wieder gegen den Himmel zurückzuführen, wo mich Derjenige erwartet, welcher die erste und einzige Liebe meines Herzens war?

Eines Tages blieb mir ein mit Ungeduld erwarteter Brief aus. Ich wartete das nächste Schiff ab, aber ich wartete vergebens. Was war geschehen? Ich hoffte von Tag zu Tag und dachte, daß er vielleicht selbst kommen und mich überraschen wolle. Aber jedes Schiff, dessen Ankunft in Havre ange­meldet war, brachte mir eine Täuschung mehr. Endlich fiel es mir auf, daß ich Louis Bernier nicht mehr sah.

„Was macht er?" fragte ich seine Frau.

„Er ist auf einer weiten Reife," sagte sie, mich küssend. „Wir sind beide Witt- wen, liebe Agnes, wir werden uns gegen­seitig trösten."

„Wittwe!" Sie lächelte, als sie dieses sagte, aber mir wurde es eiskalt bis in's Herz. Wußte sie etwas?

„Eva, Sie haben Nachrichten aus Bra­silien ?"

„Noch nicht, aber ich hoffe deren bald

blutigrothe Fahne der Revolution entrollte. Wie in Belgien und Italien so sucht auch in Frankreich die Freimaurerei sich die Schule dienstbar zu machen, — kein Wunder, daß manche Lehrer dem Culturpauker Paul Bert fanatisch zujauchzen, zumal wenn er die Be­thörten mit goldenen Bergen zu ködern weiß. Hier heißer Kampf gegen die Kirche und die Autorität — in Afghanistan heißer Kampf zwischen den Schaaren der Präten­denten Abdurrahman und Ejub Khan, wo Ströme von Menschenblut dem Ehrgeize zum Opfer gebracht werden.

Neben diesen traurigen Ereignissen fehlt ees auch nicht an picanten. Ich erin­nere an die neuen Scandalgeschichte in Brüs­sel, wo die Wächter der Sittenpolizei in der schmachvollsten Weise an den Pranger gestellt wurden; an die Jesuitenschnupperei in der Schweiz, wo zwar Socialistencongresse stattfinden, aber keine Jesuiten eine Gedächt- nißrede am Grabe eines Seligen halten dür­fen, und an den Depeschen-Diebstahl in O e st e r r e i ch, der abermals die Kaiserzusam­menkunft in Dornig auf's Tapet gebracht hat. Ab und zu guckt das Volk hinter die politischen Coulissen und sieht dann noch weit klarer, als wenn die Officiöseu „aus sicherster Quelle" etwas mittheilen. Wer mag wohl dem radicalen Blatte in Pest die zwei Depeschen an den Kaiser Franz Joseph verrathen haben? Das ist die große Frage, und ihre „Größe" verbürgt uns die Echtheit des Inhaltes. Bismarck war „unerwartet" mäßig dem Czaren gegenüber; — was sich dabei nicht Alles denken läßt! Prächtiger Stoff für Vermuthungspolitiker und gute zu erhalten." Sie sagte dieses lächelnd, obgleich ihr die Thränen in den Augen standen.

„O! ich errathe!" rief ich, sie in meine Arme schließend. Wie glücklich sind Sie, die Frau eines solchen Mannes zu sein!"

Louis Bernier war wirklich nach Brasi­lien abgereist; fort, ohne es mir zu fügen; in der Hoffnung, Nachrichten mitzubringen, um den Befürchtungen, welche mein Herz zerrissen, ein Ende zu machen. Er schrieb nicht; er kam selbst mit dem nächsten Schiffe zurück. Er kam nicht allein; er brachte einen Sarg mit — Friedrich war einer dieser Krankheiten unterlegen, welche das brasilianische Klima für die Fremden tödt- lich macht; er hatte vor seinem Tode noch die Kraft gehabt, mir einen Abschiedsbrief zu schreiben. Anstatt mir seine baldige Zurückkunft anzuzeigen, gab er mir in dem­selben ein weit entfernteres rendez-vous. Ach! aber ein sicheres; da, wo glaubens­volle Herzen, wie die unsrigen, sicher sind sich wiederzusinden; da, wo ich weiß, daß ich ihn bald Wiedersehen werde.

Dieses ist es, mein geliebtes Kind, warum ich ruhig und geduldig warte; warum ich mich freue, meine Jugend verwelken, und meine Haare weiß werden zu sehen. Jeder Tag bringt mich ihm näher. Dieses ist es