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Mittwoch, den 28. September 1881.
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qp- Die Bewegung im Islam und die Franzosen in Tunis.
Dunkle Gerüchte über eine Erregung im Schooße des Islam, schreiben die ,Histor. pol. Blätter' in ihren Zeitläuften vom 24. v. M., sind seit Jahren nach dem Abendlande gelangt; aber es war nichts Faßbares daran und die Gerüchte erschienen und verschwanden wie Meteore. Der Hauptschauplatz der fieberhaften Unruhe soll einerseits Arabien, anderseits Afrika gewesen sein, wo von den 200 Millionen Mosliins ungefähr die Hälfte leben. Jetzt aber werden die Dinge allmählich faßbarer und es erscheinen als die Brennpunkte der Bewegung einerseits Arabien und die arabische Bevölkerung in Syrien, anderseits Tripolis mit ganz Nordafrika. Der Länderverlust der Türkei im Kriege mit Rußland war ivenigstens nach tapferer Gegenwehr erfolgt. Dennoch ging bereits eine dumpfe Gährung durch die islamitische Welt; sie sagte sich, daß das Haus Osman die Gläubigen nicht gegen die Giaurs zu schützen vermöge, also das mit dem Sultanat verbundene Chalifat machtlos geworden sei. Die Abtretung türkischer Landstrecken mit moslimischen Bewohnern an Griechenland, auf dem Wege friedlicher Vereinbarung, ist aber etwas Unerhörtes in den Augen der Gläubigen. Zu einer solchen Transaction hat sich der Türke nie zuvor herbeiqelassen. Der Chalif mußte das Schwert ziehen zur Abwehr der frechen Giaurs, der Sultan wagte es nicht zu thun; was liegt näher als der Schluß, daß das Haus Osman der Würde des Chalisats unwerth geworden sei? Es
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Tante Agnes.
Novelle von O. de C.
Ins Deutsche übersetzt von M. B.
(Fortsetzung.)
Ohne ein einziges Wort zu sagen, roel» ches Therese au» ihrer Bestürzung hätte reißen können, ging ich hinaus. Als ich auf der Straße war, kam mir der Gedanke, zuerst zu der Schwester Marie zu gehen. Ich wußte, daß diese frommen Jungfrauen, welche dazu berufen sind, allem Unglücke zu Hilfe zu eilen, auch fortwährend mit der Polizei in Berührung kommen und eher wie alle andern davon benachrichtigt waren. Ich theilte ihr meine furchtbare Angst mit. Sie war eben so erschrocken wie ich, machte aber Anstalten, mir zu helfen.
„So aufgeregt, wie Sie es sind, mein armes Kind," sagte sie, „sind Sie nicht im Stande, durch die Straßen von Paris zu laufen. Bleiben Sie bei mir, ich will Boten nach der Polizei und in alle Hospitäler schicken. Haben Sie Jemand davon zu benachrichtigen?"
Ich gab ihr die Adreffen von Friedrich und L. Bernier. Trotz der himmlischen Güte der Schwestern, welche mir Hoffnung gaben, mich beruhigten und sogar zu zerstreuen suchten, schien mir die Stunde,
ist kein Zufall, daß gerade feit diesenl schmählichen Compromiß die Aufrufe zum „heiligen Krieg" von Mekka ausgehen gegen die europäischen Mächte, welche zur Vernichtung des Islam verschworen seien und gegen die vom Sultanspalast in Stambul eine Rettung nicht mehr zu hoffen sei. Während aber diese Briefe auf tausend geheimen Wegen in die drei Welttheile ausgingen, und die Verluste aufzählten, die der Islam in Europa und Asien bereits erlitten habe, wagte Frankreich seinen Angriff auf Tunis, und fchlug damit, ohne es zu wollen oder zu ahnen, dem Fasse den Boden aus. Die Welt des Islam gerieth plötzlich in Bewegung, und Frankreich hat nun in Nordafrika den ersten Anprall auszuhalten.
Die Araber behaupten ihr Recht, nachdem der Prophet von ihnen ausgegangen, einen neuen Chalifen einzufetzen, wenn die Autorität des alten fällt, die Stütze dieser Autorität war aber das militärische Prestige der Osmanen und das ist jetzt allerdings dahin. Verhaßt war das türkische Joch dem Araber immer, und so liegt jetzt der Gedanke nahe, anstatt des ohnmächtigen Sultans einen würdigen Träger der höchsten geistlichen Gewalt zu suchen, das Haus Osman aber seinem Schicksale zu überlassen. In Mekka sollen längst sogar schon die Mittel aufgespeichert sein, um ein arabisches Chalifat zu dotiren. Der Sultan weiß sehr wohl, daß die mit seinem Scepter verbundene geistliche Souveränität die Hauptstütze der türkischen Macht ist, und daß mit diesem Mantel der Unnahbarkeit der Herzog selber welche ich warten mußte, eine halbe Ewigkeit. Ich war ganz erstarrt und antwortete kaum auf ihre sanfte und ruhige Theil- nähme. Ich fühlte nichts als furchtbare Angst.
Der zu L. Bernier geschickte Bote brachte die Antwort, daß derselbe nicht in Pari» sei und in der Rue Montaigne bei Msr. de Villery hatte er mit dem Herrn nicht sprechen können, weil im Hause Jemand krank sei. In demselben Augenblicke kam ein Kind ganz außer Athem aus dem Hospital Beaujon. Man hatte aus dem Bois de Boulogne einen Sterbenden gebracht, der sich mit einer Pistole in's Herz ge- schoflen hatte. Obschon sein Anzug der eine» reichen Manne» war, hatte man ihn au» dringender Roth dort ausgenommen, weil man weder seine Adresse, noch sonst etwas bei ihm gefunden batte, da« Auskunft über ihn geben konnte. Ich stand auf, ich hätte laufen mögen, aber ich hatte die Kraft nicht; Schwester Marie folgte mir. Einige Augenblicke nachher kniete ich an dem Bette, auf welchem mein Vater blaß und fast nicht mehr erkennbar lag. Ich glaubte, er sei tobt; der Arzt sagte mir, daß er noch einige Augenblicke leben könne. Man erwartete den Geistlichen, er kam, um ihm die heiligen Sterbesacramente
fallen müßte. Besteht daher eine schisma- tisch-rebellifche Richtung, so mnß er in entgegengesetzter Richtung zu arbeiten und dem Pan-Islamismus die Oberhand zn verschaffen suchen. In Frankreich will man in der Thal bestimmte Anhaltspunkte dafür haben, daß von Constautinopel ans das gewaltige Rüstzeug der geistlichen Orden und geheimen Seelen aufgeboten fei, um überall den moslimischen Fanatismus zu entflammen und so auch das schismatisch-arabische Element mit fortzureißen. Man hält, trotz aller türkischen Ableugnungen, Tripolis für den Sammelpunct der pan-islamitischen Action.
Die außerordentliche Heftigkeit, mit der sich die Pforte für Tunis als integrirenden Bestandtheil der Türkei in Harnisch wirft, während sie im Begriffe ist, unzweifelhaft türkische Landstriche an die Griechen abzutreten, ist selbstverständlich auf die geärgerten Augen der Gläubigen berechnet. Aber auch der Proceß wegen des an Sultan Abdul-Aziz begangenen Mords, eine Procednr, über deren eigentliche Motive man sich im Abendlande immer noch den Kopf zerbricht, dürfte mit der Erregung innerhalb der moslimischen Welt Zusammenhängen.
Man erinnert sich noch, wie Midhat Pascha schon vor Jahr und Tag als Generalgouverneur von Syrien beschuldigt jwurde, daß er an der Absetzung des Sultans arbeite, das heißt wohl, daß er sich auf die arabische Secessions-Bewegung eingelassen habe. In Frankreich hatte man ihn in Verdacht, daß er im Interesse Englands, dessen
zu spenden. Als mein Vater die Augen öffnete, heftete sich sein Blick auf mich; er schien mich zu erkennen, denn ftineLip- pen bewegten sich. Ich näherte mich ihm und beugte mich über sein blasses Gesicht.
„O, mein Väter I" sagte ich zu ihm, „haben Sie Erbarmen mit sich selbst I Ein Wort, ein einziges Wort! Werfen sie sich in die Arme dessen, der nie seine Ver- zeihung verweigert. Sie haben sehr gelitten! Haben Sie Vertrauen zu Ihm, e» ist nie zu spät. Sie können noch Ihre Seele, welche mir so theuer ist, retten. Ich liebe Sie! Ich will Sie retten, schlagen Sie mir meine letzte Bitte nicht ab! Beten Sie, ich bitte Sie flehentlich, beten Sie!"
Er heftete seine sterbenden Bugen auf mich, indem er sagte: Bete Du für mich.
Ich fiel auf die Knie. O I war für ein Gebet! E» schien mir, daß Gott mich nicht unerhört lassen könne. Wenn er seinem Versprechen getreu ist, hat er in diese arme Seele in dem Augenblicke, wo sie dieses traurige Leben verließ, einen Strahl der Barmherzigkeit und Hoffnung senden müssen. Ich war so vertieft in mein Gebet, daß ich nicht« hörte, was um mich her vorging. Als ich aussah, hatte mein Vater die Augen geschloffen.