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Jte 221.

Dienstag, den 27. September 1881.

Fuldaer SU Jeilung.

Die .Fuldaer Zeitunq" erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Expedition, Buttermarkt Rr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschkeßüch Brmgerlohn m Fulda 1 JK und 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 PsS^?us Haus gebracht 1 M. »0 Pfg. Die ,illustrirten Sonntagsblätter" der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 2o Pfg., m s Haus gebracht 40 Pfg. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg., bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

-g- Reform der socialen Gesetz­gebung.

Wir haben in unserem neulichen Artikel: „Was der Handwerkerstand will" auf die mächtige Bewegung hingewiesen, die alle Handwerkskreise Deutschlands gegen die unselige schrankenlose Gewerbefreiheit erfaßt hat. Allerorts bilden sich gewerbliche Vereine, welche sich die Beseitigung dieses liberalen Danaergeschenkes der Gewerbefreiheit und die Schaffung von Innungen zum Ziele setzen. In Berlin, wo die Handwerkerbe- wegung ganz besonders hochfluthet, ist kürz­lich sogar ein eigenes Organ unter dem Titel ,die Innung' gegründet worden, wel­ches sich zum Centralorgan aller gegen die Gewerbefreiheit gerichteten Bestrebungen machen will. Für oder gegen die Gewerbe, frerheit, einen Mittelweg gibt es nicht! Entweder noch mehr der falschen „Freiheit", der Raubthierfreiheit und der Judenprivi. legien oder gründliche Reform der Herr, schenden „Freiheiten" und Schaffung wirk- sicher Handwerker-Verbände, die obligato­rischen Innungen. Die Handwerker stehen heute vor der Frage, entweder vollends zu Grunde zu gehen, durch Aufrechthaltung der schrankenlosen Gewerbefreiheit oder durch Schaffung von Innungen wenigstens einigermaßen dem Handwerk den verloren gegangenen goldenen Boden wieder zu schaffen. Sache des Staates aber ist es, diese Innungen lebensfähig zu gestalten und ihnen den Concurrenzkampf gegen die mit dem Großcapital verschwisterte Großin­dustrie zu erleichtern. Sache des Staates ist es, auch durch Reformen auf dem Gebiete der

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Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B.

(Fortsetzung.)

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und stützte seinen Kopf auf die Hand. Ich näherte mich ihm ganz leise und legte meine Hand auf seine Schulter.

„Hören Sie mich, mein Freund," sagte ich sanft. „Ihre Frau zu sein habe ich verweigert, weil mein Gewissen es mir verbot, und wenn Ihre Mutter, welche ein Engel der Güte ist, Ihnen meine Gründe erklärt hat, so werden Sie dieselben gewiß billigen; aber ich will Ihre Freundin blei, ben, denn ich schätze Sir sehr hoch und eß würde mir Kummer machen, Ihre Freund- schäft zu verlieren. Ich bin überzeugt, daß, wenn Sie nach einiger Zeit eine Frau gefunden haben, welche würdiger ist, eine Stelle in Ihrem edlen Herzen einzunehmen, als ich es bin, dann werden Sie mir für meine Weigerung danken, und in Ermange­lung der Liebe, die ich Ihnen nicht geben konnte, sehr gerne meine herzliche und auf­richtige Freundschaft annehmen. Aber ich ■ kann es nicht ertragen, daß Sie mich des Stolzes beschuldigen. Ach! ich habe sehr wenig, auf daß ich stolz zu sein brauche.

Socialgesetzgebung und durch eine Aender- ung der Besteuerung die Handwerkerinte­ressen zu fördern. Es gilt jetzt, wo Dank der liberalen Schwindelfreiheit unser Kleingewerbe am Siechbette liegt, demselben thatkräftig unter die Arme zu greifen, und nicht etwa mit halben Pfuschermitteln das liebel noch zu verschlimmern. Man kann und darf aber, wenn man von Reform der socialen Gesetzgebung redet, schreibt der protestantisch-conservative .Reichsbote', nicht verschweigen, daß im letzten Grunde alles auf die Haltung der dabei betheiligten Menschen ankommt. Auf rein mechanische oder technische Weise läßt sich auch durch die beste Gesetzgebung allein nicht helfen. Die beste Arbeitsgesetzgebung würde wirk, kungßloß sein, wenn ihr nicht in den Ar« Leitern daß energische Streben nach Besse­rung ihrer Verhältnisse, religiöse, sittliche, gewerbliche Tüchtigkeit, Sparsamkeit und Nüchternheit hilfreich die Hand reichten. Einer sittlich und wirthschaftlich verlotterten Arbeiterbevölkerung würde nichts mehr helfen. Es ist einer der verhängniß- vollsten Jrrthümer des Liberalismus, daß er alles auf die Naturgesetze und Natur- triebe stellte, und das religiös-sittliche Mo- ment aus dem wirthschaftl. Leben hinaußwies. Religion und Sittlichkeit sind auch die noth- wendigen Grundlagen für eine heilsame Gestaltung des socialen und wirthschaftlichen Lebens. Die Religion, die Gottesfurcht, das Gottvertrauen, die Gotter- und Men­schenliebe, die Liebe zu Weib und Kind, der Gehorsam gegen die Eltern müssen das Herz der Arbeiter frisch und arbeitsmuthig» Sie wissen, daß mein Vater ruinirt ist; wissen Sie auch, wie er sich ruinirt hat?"

„Wie man mir gesagt, hat er in Bra­silien, wie ich glaube, schlechte Speculationen gemacht."

„Man hat Ihnen nicht die Wahrheit gesagt. Mein Vater hat gespielt."

Er sah mich ganz erstaunt an.

„Ja, er spielt, er hat schon einmal sich und meine Mutter ruinirt, und jetzt hat er wieder alles verloren. Begreifen Sie jetzt, warum ich das großartige Anerbieten, welches Sie für ihn machen, verweigere? So schrecklich auch diese" Leidenschaft ist, das Geld, welches er verliert, ist das Seinige; aber ich stehe nicht dafür, d^ß diese Sum­men, welche Sie in seine Hände legen, nicht denselben Weg nehmen werden, oh nein! Sehen Sie, ich zittere schon bei dem Ge- danken an die Versuchung, der Sie ihn aussetzen würden und ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie diesen Vorschlag, den ich verweigern kann und den er vielleicht ange­nommen hätte, ihm nicht selbst gemacht haben."

Louis Vernier war aufgestanden.

„Fräulein von Morangis," sagte er, mir ‘ die Hand reichend, „Sie haben Recht, denn die Freundschaft einer solchen Frau, wie Sie sind, ist eben so viel werth, als ihre Liebe. Ich weiß, daß Sie Ihren Entschluß

den Geist strebsam und den Arm stark er­halten, wenn die Arbeit gedeihen soll. Es wird eine der größten Aufgaben der zu schaffenden Organisationen sein, gute Zucht, Ordnung, Regsamkeit, gewerbliche Tüchtig­keit zu pflegen und der Staat wird sie da­rin zu unterstützen haben. Die Gesetzgeb­ung muß die Menschen nehmen wie sie sind, muß also auch ihre Verführbarkeit in Be­tracht ziehen, und darf also die Anstalten zur Verführung des Volkes nicht geradezu legitimiren. Sie muß dafür sorgen, daß der Wirthshausbumelei, der Verlotterung des Sonntags und dem ausbeutenden Hausir- handel energisch gewehrt, daß ferner ernst­lich darauf gesehen werde, daß die Schulen wirkliche religiös-sittliche Erziehungsanstalten seien, daß der sittlichen Verwilderung der Preffe und der Theater gesteuert, und die Kirche in ihrer Arbeit zur Pflege von Re- ligion und Sittlichkeit des Volkes geschützt werde, vor allem gegen ihren größten Feind gegendie atheistische Presse, daß endlich alles ge­stärkt und gepflegt werde, was zur lech- nischen wie geistigen Ausbildung der Ar­beiter dienen kann. Soll die Arbeit und Landwirlhschaft tüchtig, concurrenzfähig und rentabel werden, so gehören dazu tüchtige Arbeiter und Bauern, die Kopf und Herz auf dem richtigen Fleck haben, nicht durch schlechte Zeitungen, Schacherjuden und Schnapskneipen religiös, sittlich und wirth­schaftlich verlottert sind; deshalb muß der wirthschaftliche Aufschwung durch einen sittlichen Aufschwung erst seine rechte ge­sunde Schwungkraft erhalten.

nicht ändern werden, und würde ein Thor sein, wenn ich aus Aerger darüber, daß ich Ihre Liebe nicht gewinnen konnte, die Freundschaft verweigerte, welche Sie mir so aufrichtig anbieten. Ich will mich be­mühen, diesen Freundestitel, den Sie mir geben wollen, zu verdienen, und mein Mög­lichstes thun, um zu vergessen, daß ich etwas anderes geträumt hatte. Helfen Sie mir nur, mein Leben nützlich und gut anzu- wenden, und wenn Sie jemals einen Dienst, welcher Art er auch sei, nöthig haben, so verfügen Sie unumschränkt über mich."

„Ich danke Ihnen, mein Freund," sagte ich, ihm die Hand reichend.

Er verbeugte sich lief und ging.

Jetzt bleibt mir ein Eretgniß zu schildern, dessen Erinnerung mich trotz der Jahre, die dazwischen liegen, noch heute traurig macht; ein unerwartetes Ereigniß, dessen schreckliches Eintreffen mich wie ein Blitz- schlag traf.

An einem warmen Sommermorgen kam ich, wenn auch nicht fröhlich, doch ruhig, aus Rue de Monccau zurück. Ich war sehr früh aufgestanden, und hatte nach der h. Messe einige Zeit in der Verwahrschule unter den kleinen Kindern zugebracht. Die Sonne schien heiß und vie bestaubten Blät­ter schienen vergebens auf einen erfrischen-