Einzelbild herunterladen
 

JH 217.

Donnerstag, den 22. September Wbi

Fuldaer Jeitung.

Dir »Fuldaer Zeitung «scheint täglich, Sonn- und Fei«tag« ausgenommen, «an aöonnirt gegen Borausbezahlung zu Fuloa

Ä d« Grpedition, Buttermarkt Nr. 112 .auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche AbonnemmtspreiS beträgt ausschließlich S ringerlohn m Fulda eine Mark und 18 R.'Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pf., auswärts bei len Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 R.-Pfg, ins Hau» gebracht 1 Mark 90 Pfg Di; »illufirirten So.mtagiblätter' bre Fulda« Zeitung kosten vierteljährlich in Fuloa 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in'S HauS gebracht 40 Pf.

Inserat«: Di» Petitzeil« »der deren Raum 10 Pfg.. bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt

einfach dem Urtheil des Papstes unter­werfen werde; dazu hat die Fraction in politischen Dingen niemals das Kriegsrecht als solches aus kirchlichen Rücksichten geltend gemacht, vielmehr vielfach sogar den „Feind" unterstützt; immerhin aber ist das Centrum nicht die Kirche, so­daß dessen angebliche Mißgriffe an dieser

im Ganzen nicht zu entgelten gewesen \ wären. Gern wollen wir annehmen, daß auch die Regierung ursprünglich den Kampf j in der spätem Ausdehnung nicht gewollt | hat, sondern daß es der kirchenfeindliche < Liberalismus gewesen ist, der die Situation : zu seinem Nutzen auszubeuten und die Re­gierung voranzuschieben verstand. Das ändert aber an der thatsächlichen Gestalt­ung der Dinge gar nichts.

Der Staat stellte die Forderung auf einseitige Regelung der kirchenpolitischen, der sogenannten Grenzfragen. Die Kirche legte ihr Veto ein. Der Krieg begann zunächst mit der Auflösung der kirchen- politischen Abtheilung im preußischen Cul- tusministerium, die als eine Art Vertretung der Kirche angesehen werden konnte, des­gleichen wurde die Botschaft beim hl. Stuhle zurückgezogen. Da es sich hier vorwiegend um einen Principienkampf handelte, so hätte man glauben sollen, dieser Kampf würde auch ausschließlich nur mit geistigen Waffen geführt. Die Kirche allerdings war nur auf geistige Kampfmittel angewiesen: auf Vorstellung, Protest, Gebet und Duldung. Für den Staat ° lag das Ding doch anders. Er war f und ist im Besitz irdischer Macht-

mittel, und somit gestaltete sich der Kampf l in dieser Richtung von vornherein als ein i ungleicher. Hatte angeblich das „Centrum i mobilisirt", so mobilisirte auch der Staat, 8 indem er auf Grund des vorgesteckten Zieles 8 ein ganzes System von Maßregeln beliebt, ' welche der Kirche die Lebensadern unter­

binden mußte, auf daß sie sich auf Gnade und Ungnade unterwerfe. Es entstand eine Reihe von Gesetzen, die sogenannten Mai­gesetze, welche der Regierung auch materielle Waffen zur Verfügung stellten, — Absetz­ung, Kerker, Sperre, Landesverweisung re. sollten ihre Wirkung thun. Viele der ge­troffenen gesetzlichen Bestimmungen griffen weit über die Grenzen des Staates hinaus mitten in das Gebiet der Kirche hinein; man gestand allerdings das zu, rechtfertigte solche Maßregeln aber mildem „Kriegszu­stand". Die Hitze des Kampfes zeigte sich besonders auch bei untergeordneten Organen der Regierung, die mit aller Schroffheit vorgingen, und somit unnöthig vielfach ver­letzten; die Sprache der Parteigänger der Regierung in der Presse, in Vereinen u.s. w. leistete das Unglaubliche in der Verhö hnung und Verdächtigung des an Händen und Füßen gebundenen Gegners. Selbst aus­wärtige Hilfstruppen wurden, wenn auch vielfach vergeblich, aufgesucht.

So raste der Krieg einige Jahre voran. Schlachten auf Schlachten, — aber wo ein Sieg? Der scheinbare Sieger überblickt dar Schlachtfeld: Trümmer auf Trümmer nicht blos drüben, sondern noch mehr hüben, und immer steht der „Feind" noch unge­beugt auf dem Platze; er will und kann

O Frieden oder Waffenstillstand!

Der kirchenpolitische Streit, der seit über 8 Jahren deutsches Land verwüstet, ist ein Kampf, der, wie jeder andere Kampf, einmal zu Ende geführt werden muß; es ist unter dieser Rothwendigkeit gleich- giltig, wer den Streit provocirte, auf den Feldzug muß eben der Frieden folgen, sei derselbe sofort ein ganzer, oder nur ein Vorfrieden von längerer oder kürzerer Dauer.

Ist zur Zeit die Frage über den Ur­sprung des Kampfes auch ohne Bedeutung, soviel wird Niemand leugnen wollen, daß die Kirche denselben nicht begann, vielmehr die deutschen Bischöfe zu seiner Abwendung frühzeitig und entschieden entgegenkamen, indem sie erklärten, welche Forderungen sie dem Staate zugestehen können, und welche sie gewiffenshalber verweigern müssen, und indem sie bezüglich der letzteren die Regie­rung an den Papst verwiesen, also an jenen Factor, der für die Kirche nicht blos die oberste entscheidende Instanz bildet, sondern mit welchem bislang der Staat Preußen selbst alle kirchenpolittschen Fragen vertragsmäßig erledigt hatte. Den Weg, der zuvor der normale war und den Frie­den erhalten hatte, glaubte die Regierung nicht einschlagen zu sollen. Was über die „Mobilisirung des Centrums" als Ursache des „Culturkampfes" gesagt wird, ist gleich- falls hinfällig. Das Centrum wurde nicht gegen die Regierung, sondern gegen den kirchenstürmenden Liberalismus ins Leben gerufen, und es hat die Fraction oft genug erklärt, daß sie sich in kirchlichen Dingen

43

Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutschs übersetzt von M. B.

(Fortsetzung.)

„Haben Sie die Armenhäuser und Klöster unseres Ortes oft besucht, wissen Sie, worin unser tägliches Leben besteht?"

Hören Sie mich an meine gute Schwester. Obgleich ich Paris länger als ein Jahr bewohne, bin ich doch noch so fremd hier, als ob ich erst gestern hier angekommen wäre. Ich bin in der Normandie, in der Nähe eines kleinen Dorfes erzogen worden, in welchem ich von meiner frühesten Jugend an immer gesucht habe, so viel Gutes zu thun wie möglich. Die Armuth war dort sehr groß, denn in der Nachbarschaft war eine Fabrikstadt, deren Arme bei un» Hilfe suchten. Als ich jünger war, ist es immer mein Traum gewesen, in diesem Dorfe ein Armenhaus zu errichten, aus dem die Wohlthaten sich über die ganze Umgegend ausbreiten sollten. Aber nie habe ich den Gedanken gehabt, selbst in einen geistlichen Orden einzutreten. Die Verhältnisse haben sich seitdem sehr ge­ändert. Mein Jugendtraum wird sich nie verwirklichen und ich wünsche, mein Leben dem Dienste Gottes und den Armen

zu widmen. Ich bin jung und stark, ich habe Muth, die schwersten und unange­nehmsten Arbeiten zu unternehmen. Es ist nicht mein Wunsch, ein betrachtendes Leben zu führen, ich muß thätig sein, ich fühle das Bedürfniß, nützlich zu sein und bin deshalb zu Ihnen gekommen. Ich weiß, daß die Werke der Barmherzigkeit bei Ihnen alle Stunden ausfüllen und alle Fähigkeiten beschäftigen, und wenn dann die letzte Stunde meines Leben» kommt, werde ich im Frieden meine Hände falten und sagen können: Ich habe wenig im Dienste meines Herrn gethan, aber diese« Wenige war alles, was zu thun in meiner Macht stand."

Die Schwester begnügte sich damit, ein bejahendes Zeichen zu machen, dann sagte sie:

„Sie haben eine große und schöne Seele, mein Kind, und wundere mich nicht, daß Gott sie ruft; aber ich bin sicher, daß Sie die Erste sein würden, mich der Unvorsichtigkeit zu beschuldigen, wenn ich Sre zu der unmittel­baren Ausführung eines Planes ermuthigen wollte, den Sie erst gestern gemacht haben. Bedenken Sie sich, sehen Sie um sich herum, sehen Sie, ob Sie nicht irgend eine Pflicht zu erfüllen finden und ob Sie sich nicht strafbar machen, dieselbe zu flieheu? Heb- rigens kommen Sie so oft wie möglich zu

uns; besuchen Sie unsere Kinderverwahr­schulen, unsere Waisenhäuser, unsere Schulen, und wenn Sie nach einigen Monaten noch auf Ihrem Entschlüsse bestehen, dann werde ich Ihnen gewiß kein Hinderniß in den Weg legen."

In einigen Monaten! Und bis dahin muß ich mein gegenwärtiges, mir verhaßt gewordenes Leben fortsetzen, und weil ich von meinem Berufe nicht sicher genug war, schien mir diese Probe doppelt schwer. Mein Beruf war wie eine dieser Blumen, welche in einer Nacht aufblühen und bestimmt sind, um bei der leisesten Berührung de» Win­de» oder der Sonne zu verderben. Wa­ich vor Allem in dem geistlichen Leben suchte, war eine Zuflucht vor mir selbst, vor meinen Jugend-Erinnerungen, vor der Leere meine» traurigen Lebens. Und noch einige Monate in diesem Leben zubringen, wenn mein Herz sich so heiß nach einer Aenderung sehnte. E» bemächtigte sich meiner ein großer Wider­willen gegen diese Wohnung, in die ich zurückkehrle, wo ich Metzger- und Bäcker- Rechnungen zu bezahlen fand. Meine Malerei war mir zu einer mechanischen Beschäftigung geworden, welche keinen anderen Zweck halte, als nur, viel Geld zu verdienen. In den wenigen Stunden, die mein Vater müßig zu Hause zubrachte, war er, wenn er nicht