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JH 209. Dienstag, den 13. September i& t

Fuldaer

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Ein Chillnf ist ein Challaf. *)

Ein Chilluf ist ein Challaf — sagt der Israelit. Was heißt das? Das heißt wörtlich: Ein Wechsel ist ein Meffer. Ein Meffer, mit dem jährlich Hunderte und Tausende verletzt, verstümmelt, umge­bracht werden, also ein sehr gefährliches Instrument.

Diese Ansicht theilt der Israelit A. Ephren in einer Schrift, welche unter dem Titel „Vier Zeitfragen" in Hepner's Verlag (Breslau) erschienen ist. Obschon wir die darin ausgesprochenen Ansichten vielfach nicht theilen, so freute uns die Broschüre dennoch, weil hier ein sach­kundiger Israelit auftritt und aus der Natur und Gefährlichkeit des Wechsels nicht eine bloße Beschränkung, sondern eine tiefeinschneidende Reform des Wechsel­verkehrs begründet. Der Verfaffer geht gleich von Anfang an mitten in seinen Gegenstand rin und beginnt als Practicus da, wo der Schuldner von „Rechts und Amtswegen" daran glauben muß, daß der Chilluf ein Challaf ist.

Der Wechsel, der spätestens am dritten Tage nach der Verfallzeit nicht bezahlt ist, muß durch einen Notar oder Gerichtsvoll­zieher „protestirt" werden. Dieses Pro« testiren ist für den zahlungsunfähigen Schuldner eine sehr kostspielige, für den Notar dagegen eine recht einträgliche Sache.

*) Wir bringen obigen Artikel zum Abdruck, ohne uns dessen Ausführungen durchweg anzu­eignen.

Und nun die Wirkungen des Proteste«! — Ein einziger Fall, wenn er sofort be­kannt wird, kann unter Umständen einen Mann total ruiniren, obschon seine Geld­verlegenheit nur eine vorübergehende war. Nicht minder beachtenswerth ist eine andere Seite der Frage: die der öffentlichen Bloß­stellung vor Leuten, welchen man am liebsten seine Geschäftsgeheimnisse verschloffen hält. Ein Mensch, der Selbstbewußtsein besitzt, kann sehr viel Ungemach jeglicher Art ertragen, er läßt sich aber nicht gerne bedauern und offenbart darum nur mit Widerwillen seine Noth. Durch den Pro­test wird ihm aber das Geständniß der­selben abgezwungen. Deßwegen muß der heutige Protest in seiner demüthigenden Form wegfallen, ohne daß darum der Kraft des Wechsels ein Abbruch geschieht. Es ist nicht nicht nöthig, daß Jemand, weil er nicht oder nur augenblicklich nicht zahlungsfähig ist, gesellschaftlich herabge­würdigt werde.

Unser Verfasser macht darum den Vor­schlag, es solle ein Gesetz gegeben werden, nach welchem alle Wechsel ohne Ausnahme bei der Reichsbankstelle oder in Ermangel­ung einer solchen beim Steuer- oder Post­amt des Wohnorts des Acceptanten bomb liefet sein und also an jener Amtrstelle be­zahlt werden müssen. Der Inhaber über­gibt den Wechsel der Reichsbank resp. dem Postamt im Wohnort des Acceptanten zum Jncaffo und der Protest mit allen Kosten und anderen üblen Folgen fällt damit weg. Denn geht der Betrag ein, so wird er nach Abzug der geringen Provi­

sion dem Eigenthümer übermittelt. Geht der Betrag bis zum dritten Tage Abends 6 Uhr nicht ein, so wird einfach ein Stempel „Mangel» Zahlung protestirt" aufgedrückt und der also protestirte Wechsel gegen Entnahme der vorschußweise hinterlegten Kostensumme zurückgeschickt.

Auf diese Weise werden mehrere Fliegen auf einmal geschlagen. Tie Protestkosten wären minder fühlbar und die Reichrbank, beziehungsweise Post- oder Steueramt hätten selbst bei geringen Taxen eine be­deutende Mehreinnahme. Der Schuldner wird nicht blosgestellt, und kann den Wechsel noch einlösen, ehe es zur gericht­lichen Klage kommt.

Nicht genug. Der Zusammenfluß der Wechsel in den Händen der Behörde würde unsere ganzen Creditverhältniffe aufs Vor­theilhafteste umgestalten, denn sie allein würde erst eine allgemeine Controle über die Zahlungsfähigkeit jede« einzelnen Wechselverpflichteten ermöglichen und der Wechselreiterei, diesem Hauptübel unseres Verkehrslebens, einen Riegel vorschieben.

Herr A. Ephren beweist seine Behauptung an mehreren Beispielen, die unzweifelhaft cin- leuchtcn, und kommt dann zu dem Ergeb- niß, daß der Wechsel durch diese Reform die Kraft und den Werth eines wirklichen Papiergeldes erhält. Das heutige Aller- weltsherumborgen, das durch .die Unmasse von unsicheren Wechseln eine so übermäßige Ausdehnung erreicht hat, macht einem ver­nünftigen Creditsystem Platz, welches die Ueberlastung Einzelner mit Schuldverpflicht­ungen nicht gestattet. Heute wird einem

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Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B.

(Fortsetzung.)

Eines Sonntags brachte Mme. Vernier mich aus dem Conservatorium, wo wir köstliche Stunden zugebracht hatten, yach Hause zurück. Ich war noch unter dem Eindrücke der herrlichen Musik, welche ich eben gehört hatte; der Engel war entflohen, aber das letzte Rauschen seiner Flügel blieb zurück. Meine Augen blickten zerstreut um sich, ohne zu sehen. Zufällig hefteten sie sich auf Mr. Vernier, welcher mir gegen­über saß. Der Ausdruck seines Gesichtes war leicht zu enträthseln. Er betrachtete mich mit einem so zärtlichen und bewun- derungsvollen Blick, daß ich ganz betroffen darüber wurde.

Dieser Mann liebt mich, dachte ich, und ich bin sehr unvorsichtig. — Der Wagen hielt, er stieg aus und wollte mich bis an die Thüre unserer Wohnung begleiten.

„Ich danke Ihnen," sagte ich kalt; „ich ziehe vor allein hinein zu gehen."

Er sah mich betrübt an; verbeugte sich : und verließ mich. In demselben Augen­blicke, als der Wagen sich entfernte, hörte ich die Thüre unserer Wohnung {öffnen

und eine mir fast verhaßt gewordene Stimme rief, von dem Stocke, den wir bewohnten, herunter:

„Auf Wiedersehen, lieber Marquis. Sie übernehmen es also unser Geschäft in Ord­nung zu bringen?"

„Ich werde mein Möglichstes thun, damit es gelingt."

„Ich rechne darauf. Leben Sie wohl, mein Lieber."

Es gelang mir mich hinter der Treppe in dem Schatten zu verbergen und verließ mein Versteck nicht eher als bis die Baronin Rosanoff, welche mehr als jemals geputzt und geschminkt war, das Haus verlassen hatte.

Warum sind doch solche Wesen in der Welt, dachte ich, denn leider täuschte ich mich nicht in Beziehung auf sie'; trotz aller Mühe, die ich mir gab, meinem Vater die Achtung zu erhalten, welche ich ihm schul­dig war.

Als ich in den Saal trat, stand mein Vater an dem Kamin, er sprach mit sol­cher Heftigkeit, daß er sogar meinen Ein­tritt nicht bemerkte. Friedrich stand mit dem Hute in der Hand vor ihm. Er schien eben gekommen zu sein.

„Kurz mit einem Worte," sagte er: „so lange Agnes unter Ihrem Dache ist, haben

Sie nicht das Recht, sie der Begegnung dieser Frau auszusetzen."

„Ich bin hier in meinem Hause," ant- wartete mein Vater.

„Freilich; aber ich bin fast der Bruder von Agnes und das Recht, welches mir Ihre lange Abwesenheit gegeben, ihr Be­schützer zu sein, macht es mir zur Pflicht, auch jetzt noch über sie zu wachen."

„Mein lieber Friedrich," sagte mein Vater mit einem spöttischen Tone, „da Sie weder der Vater noch der Bruder von Agnes sind, und sich so für ihr Glück interessiren, warum haben Sie sie nicht geheirathet anstatt ihre Schwester? ich glaube wir wären dann alle glücklicher geworden; und wenn Sie die­jenige meiner Töchter vorgezogen hätten, welche nicht reich ist, so hätten Sie auch noch das Verdienst gehabt, ohne Interesse gehandelt zu haben."

Friedrich zuckte zusammen, wie wenn eine Schlange ihn gebissen hätte; er stellte sich dicht vor meinen Vater und blickte ihn starr an; ich sah wie die Adern seiner Schläfe anschwollen. O, mein armer Friedrich!

(Fortsetzung folgt.)