Samstag, den 10. September 188t
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j weder sehr lanzmüthig, oder sehr — feige, ! daß er diesem faden Schwätzer und Maul-
Helden nicht längst das sprudelnde Scheu« nenthor geschloffen hat. Daß der „Gaukler" in Belleville moralisch hingerichtet wurde, - hindert ihn nicht, stch als Beherrscher der
- Situation aufzuspielen und sich des | Ministerpräsidentenpostens zu erbarmen;
aber die Rache für den 16. August sollen nicht elwa die „betrunkenen Sclaven," sondern — die katholische Kirche fühlen, i An ihr kann man ja straflos seine Wuth auslaffen! „Er" und der Katholikenfreffer Paul Bert sind die Helden, an deren Stirn der Fels Petri zerschellen soll, sie sind es, bie Gott „absetzen" und welche die Geistlichkeit für „unfähig" erklären, Moral zu lehren. „Je gott« und sittenloser, um so gebildeter!" lautet die gottes- lästerische Phrase. Sollen etwa „gebildete" Menschen ä la van der Straeten die ■ Moral lehren? Die wahnwitzige Be- i hauptung Bert's, des in Aussicht ge- i nommenen französischen Cultusministerr, erinnert mich an einen Vorgang, der sich in dem belgischen Städtchen Laroche zu- trug. Dort fand die Schulvisitation statt, welcher der Deputirte Bouvier vorstand. (Bouvier heißt Ochsentreiber.) Als eine unverehelichte Person auf lie Frage, weshalb sie ihr Kind nicht in die katholische, sondern in die Staatsschule schicke, antwortete: „um es nicht verdummen zu laffen," erklärte ihr Bouvier: „Ich mache Ihnen mein Compliment, Madame. Hätten wir in Belgien lauter Mütter, die so denken wie Sie, es stände besser um
Politische Streifzüge.
Nachdruck verboten.
„Herr, halt" ein mit Deinem Segen!" möchte man rufen, da uns die erste Sep< - temberwoche, mit einer Fülle von Nach« j richten überschüttet, die man in der Zeitungssprache als „Ueberfluß an Stoff" bezeichnet. Wir hätten eigentlich an den Knochen, welche die deutsche Küche abwirft, mehr als genug zu nagen, aber da geht der rebellische dänische Reichstag, der noch schlimmer ist als unsere klopffechtende Fortschrittspartei, auseinander, ohne auch nur das Budget bewilligt zu haben; da confiscirt Graf Taaffe in Oesterreich Tag für Tag die nörgelnden Judenblätter, die an seinem Ministerstuhl rütteln; da liebäugelt König Humbert von Italien, dessen Thron, ein Geschenk der Revolution» von den Revolutionären gestürzt zu werden droht, mit Oesterreich und Deutschland, um Halt und Stütze zu finden; da schlagen sich in Limerick (Irland) die Soldaten! mit den Bürgern; in Mexico wird eine j amerikanische Brigade von Indianern nieder« gemacht, — und erst in Frankreich! Von den Stichwahlen will ich Nichts sagen, denn die waren ja fast alle Stiche in das Herz der Bonapartisten und Legitimisten, aber von Gambetta! Dieses halblinde, halbgewählte Götzenbild, das in Cahors geknickt und in Belleville vollständig ge- brachen wurde, spielt wieder — in der Presse und in Versammlungen wenigstens j — die erste Flöte und behandelt Grovy, | das Oberhaupt des Landes, als sei er eine überflüssige Null. Grövy ist ent- *
Intelligenz und Moral." Diesen Prachtochsen sollte sich Gambetta verschreiben; er paßte ganz zu ihm und Bert.....
Warum haben in Frankreich die republi- kanischen Kirchenfeinde gesiegt? Die ,D. V.'C.', die wieder alle Hetzregister aufge« zogen hat, hat's ausgewittert! „Der Bauer habe die Geistlichen satt", sagte sie; „wenn dieselben mit den Männern nicht fertig würden, so wendeten sie sich an die Weiber, lögen ihnen den Kopf voll und brächten Hader und Zank in's Haus." Mit der Feder hierauf erwidern, hieße einen Stockfisch mit Daunen weich klopfen wollen. — Das arme Frankreich I Im Innern unterwühlen dickgewordene Schlemmer, glaubenslose Schwätzer das Fundament des Staates und der sittlichen Ordnung, und in Afrika bereitet sich für das ruhmsüchtige Land ein zweites Sedan vor; in Tunis und Algerien lodert der Aufruhr, Alles ist in Gährung und allenthalben lodern die Wälder und Felder in Hellen Flammen auf. Seltsam ist es, daß liberale und selbst gambettistische Organe den Juden den Aufstand in die Schuhe schieben; die armen Juden sollen schließlich auch Alles gethan haben!
Doch verlassen wir das Ausland und sehen wir uns im lieben Deutschland um. Im lieben Deutschland, darüber die Septembersonne freundlicher lächelt, als der naßkalte August, hat nicht nur der alt- katholische Prediger Stuben voll (ein ominöser Name!) stch ein Weib genommen» sondern der Jude Kantarowicz in Berlin hat auch seinen Monat Gefängniß wegbe- kommen, und die Altkatholiken sind zu der
Tante Agnes.
Novelle von O. de C.
Ins Deutsche übersetzt von M. B.
(Fortsetzung.)
XI. Capitel.
Als Anita und ihr Mann auf ihrer Rückreise aus der Schweiz durch Baden kamen» waren wir schon lange abgereist. Kaum in Paris angekommen, zählte man meine Schwester zu den elegantesten Damen von Paris. In dem Hotel der Rue Mon- taigne folgte ein Fest dem andern; ihre Wagen und ihre Toiletten erregten die Bewunderung der Männer und die Eifer- sucht der Frauen. Meine Schwester hatte schnell begriffen, daß ich ihre Vergnügen nicht zu theilen wünsche, vielleicht wünschte sie es sogar selbst nicht. Ich war in keiner ihrer Gesellschaften und ging so selten wie möglich zu ihr, es war mir unerträglich, in Gegenwart ihres Mannes bei ihr zu sein.
Friedrich war noch ernster zurückgekommen, er sprach wenig, malte nicht mehr und schien allem Ehrgeize entsagt zu haben. Gegen meine Schwester war er immer sanft und nachsichtig, gab allen ihren Launen mit einer solchen Gefälligkeit nach, die mich zuweilen an der Aufrichtigkeit seiner Zu-
Neigung für sie zweiflen ließ, denn wenn , man eine Frau liebt, muß man sie hindern, ) Thorheiten zu begehen.
In mir erwachte eine neue Hoffnung! es war bie, von meinem Vater geliebt zu ’ werden, nicht wie er Anita liebte — dieses ! erwartete ich nicht.
Wir hatten unsere hübsche Wohnung in j den Chawps Elysse's verlassen, um eine j bescheidenere zu nehmen, welche mit dem; Vermögen meines Vaters, das durch die ; Heirath Anita'S geringer geworden war, < übereinstimmte. Er ging zuweilen mit mir \ aus und ich freute mich im Stillen über \ die zwischen uns erwachende Sympathie. , Ganz damit beschäftigt zu suchen was diese ! entstehende Zärtlichkeit noch vergrößern i könnte, vergaß ich meinen Kammer; mein i Herz bedurfte Zuneigung und hielt sich an dieser Hoffnung fest. Ich sah darin ein Heilmittel für ihn und für mich; er fand vielleicht in meiner kindlichen Liebe die Kraft, der Versuchung zu widerstehen und ich die, meine Liebe zu vergessen. Ich glaube, daß ich mich seit dem Tode meiner i Großmutter nie weniger unglücklich gefühlt habe.
. Er ging oft zu Anita, sie aber kam fast nie zu uns, weil sie mit unserer jetzigen Einrichtung unzufrieden war. Wenn er!
nicht in fein Casino ging, blieb er gern mit mir allein; er hörte meinem Musik- spiele zu; sprach mit mir über Literatur und Geschichte und war immer erstaunt mich besser unterrichtet zu finden, als er es geglaubt und ich war voll Freude und Stolz, wenn er mich kleine Gelehrte nannte und meine Unterhaltung interessant fand. Aber ach! dieses dauerte nicht lange und bald erschien ein schwarzer Punct am Horizonte : der böse Genius tarn, um sein Opfer ßU holen! Maschinsky und feine Schwester waren in Paris.
Seit dem Augenblicke ihrer Ankunft fühlte ich den Einfluß, den ich mir auf meinen Vater erworben hatte, von Tag zu Tag abnehmen. Der Winter kam. In dem Wirbel von Festen und Vergnügen in denen Anita lebte, hatte sie wenig Zeit sich ihrem Vater zu widmen. Er beklagte sich oft bei mir darüber, daß sie ihn vernachlässigte ; aber er schrieb dieses dem Ein- flusie Friedrichs zu; weshalb er seinen Schwiegersohn mit einer gewissen Kälte behandelte.
Uebrigens war er sehr stolz auf die Rolle, welche Anita in der großen Welt spielte.
Im Dccember kam meine Freundin, bie vortreffliche Mme. Vernier zurück, sie war mit guten Andenken, Danksagungen und