JVs. 203.
Jfulbdcr
Dienstag, den 6. September 1881
Du -Fuldaer Zeitung' erscheint t Kgl ich, Sonn- -»ar Aetrrrage ausgenommen. Stan avonmrt gegen BorauSbezahlung zu Fulda
«ferHttpebitton, Buttermarkt Nr. 112 .auswärts bei oen PoMmt-m. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda eine Mark und 52 R.-Pfg., mit Bringerlohn 1 R. 70 Pf-, auswärts Sei den Postämtern: Sei der Post abgeholt 1 Mark und 50 R.-Pfg, inS Hau» gebracht 1 Mark SO Pfg Di- »illustrieren SonntagSblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Falsa SO Pfg-, auswärts am Postschalter 25 Pfg., in's Haus gebracht 40 Pf
Inserate: DK Petit»eile »der deren Raum :0 Pfg., bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt
griffen erhalten. Man glaubt nicht ein« ; mal mehr eines fadenscheinigen Mäntelchens j zu bedürfen, um die Blöße zu bedecken. $ Unbillig wäre es aber, die Diplomatie ent« , gelten lassen zu wollen, was Alle ver- | brochen. Die Lehre vom Unrecht, das: vom glücklichen Erfolge zum Recht gerempelt wird, diese Fälschung der öffent- $ lichen Moral, ist in alle Kreise und | Schichten der Bevölkerung eingedrungen | und hat alle Gedanken derselben vergiftet, s Vermöge dieser Lehre gilt auch der an dem j Papste und den anderen Souveränen Italiens vollbrachte Raub für geheiligt, ■ die italienische Einheit ist mit Raub, Treu« | bruch und Todtschlag des Völkerrechtes nicht j zu theuer bezahlt.
Jedoch handelt es stch bei der Ver- ■ nichtung der weltlichen Papstmacht noch > um etwas ganz Anderes und viel Höheres l als um die Verletzung eines Souveräns, j wie der König von Neapel, der Grobherzog \ von Toskana und der Herzog von- Modena t es waren. Den Papst seines weltlichen ; Besitzes und seiner materiellen Machtmittel , berauben, heißt die geistliche Regierung des katholischen Erdkreises wesentlich er» ; schweren. Es ist schamlose Heuchelei oder < Einfalt, welche in der Beschränkung der ® Päpste auf die geistliche Sphäre eine Ver« ; tiefung des Papstthums und Verbesserung - der Kirche erblicken will. Das Gegentheil s wurde wohl von Freunden und Feinden geahnt, sonst würde das Garantregesetz, | dieses durchaus unzulängliche Surrogat für j den Wegfall des weltlichen Besitzes, nicht - zu Stande gekommen fein. SKan fühlte
selbst italienischer SeitS Zweierlei heraus, erstens daß man dem Papst für den Ver« lust der Realität der Herrschaft doch eine ideelle Entschädigung mittelst der Fiction vollkommener Souveränität schuldig sei und zweitens, daß das sichtbare Oberhaupt der Kirche nicht italienischer Unterthan sein könne. Man octroyirte dem Papste das Garantiegesetz, weil es das Minimum dessen war, was selbst die demoralisirte öffent« liche Meinung für den Nachfolger des hl. Petrus fordern mußte.
Pius IX. lehnte die ausgeworfene Summe zur Erhaltung des päpstlichen Haushaltes ab und versuchte es unter Protest gegen die italienische Vergewaltigung als Papst- König ohne Land, sein Auskommen zu finden. Der Protest des Statthalters blieb wirkungslos. Die eonfcssionslose Diplomatie der katholischen Vormächte war in dem Grundsätze einig, daß sich kein Staat um des Papstes willen schlagen oder auch nur einer Kriegsgefahr, ja nicht der geringsten Verlegenheit aussetzen dürfe. Wenn die Institution der Papstthums mit Alliance israelite gleichbedeutend gewesen wäre, dann hätte vielleicht selbst ein und die andere protestantische Macht sich zwischen Italien und das Judenthum geworfen. So handelt es sich aber um eine göttliche Einsetzung, um die Nachfolger des hl. Petrus, um einen Mann, der nicht einmal einen Artilleriepark in Bewegung zu setzen vermag.
(Schluß folgt.)
-i- Der heilige Stuhl und das Garantiegesetz.
Es ist eine unwidersprechtiche geschichtliche Thatsache, daß kein Reich Europas so friedlich und in so vollkommen rechtmäßiger Weise zu Stande gekommen ist, als die weltliche Herrschaft der Päpste, jenes Aggregat von Gebieten, die man unter dem Namen des Patrimoniums versteht, das durch Pipins Schenkung des Exarchats, um die Mitte des achten Jahrhunderts (755), abgerundet und mit der Erwerbung von Bologna und Urbino abgeschlossen wurde.
Napoleon I. der selbst illegitim, von Legitimität nur mangelhafte Begriffe hatte, vollbrachte das Werk der Zertrümmerung an dem irdischen Reiche des Papstes, ohne daß eine andere Macht des Welttheils es hindern konnte. Aber Napoleon ging, Pius VII. kehrte zurück. Europa war trotz der Ländergier einzelner Cabinete Über die Nothwendigkeit der Zurückstellung des Kirchenstaates an seinen legitimen Herrn schlüssig geworden. Noch beherrschte damals die Stimme der Gerechtigkeit die bösen Gelüste des Neides und der Herrschsucht, noch galt eine Appellation an das Ehr- und Rechtsgefühl der Potentaten.
Sechsundsechzig Jahre aber, schreiben die ,Histor. pol. Blätter', in ihrem jüngsten Hefte, reichten hin, Europa dem moralischen Bankerott zuzuführen. Die staatsmännischen Gewissen sind, wie Riesen und Drachen zu Dingen der Fabelwelt geworden; Recht und Unrecht haben in der diplomatischen Sprache die Eigenschaft von Wechselbe-
30
Tante Agnes.
Novelle von O. de C.
Ins Deutsche übersetzt von M. B.
(Fortsetzung.)
„Sehen wir," fuhr sie fort, „ob Sie mir in Villery nicht einige Armen ganz besonders zu empfehlen haben? Es würde mich sehr freuen, mit diesen braven Leuten, welche Sie so sehr liebten, von Ihnen zu sprechen. Nennen Sie mir Ihre Schützlinge oder geben Sie mir einen Bleistift und bictiren Sie mir dieselben.
Ich verließ meinen Stuhl, um mich neben sie auf das Sopha zu setzen. Es war Etwas in ihrer Person, das mich unwidersiehlich anzog. Sie war weder eine Weltdame noch eine große Dame, noch eine Empor- gekommene, sie war eine Mutter. Es fehlte ihr nicht an Geist; sie besaß viel Tact, besonders aber viel Herz und man fühlte sich gleich vertraut mit ihr.
Nach den Armen sprach sie von der Schule, von der Orgel in Villerp, welche seit meiner Abreise stumm sei, von dem Grabe meiner Großmutter, und bat mich um die Erlaub« niß, in meinem Namen Blumen auf dasselbe pflanzen zu dürfen. Sie stellte mir nicht eine einzige Frage, sprach nicht ein einzige» Mal den Namen ihre» Sohne»
aus, wofür ich ihr unendlich dankbar war; sie schien auch nicht die Thränen zu merken, welche über meine Wangen liefen; sie wußte so gut zu meinem Herzen zu sprechen, daß ich mich weinend in ihre Arme warf, wie wenn ich sie mein ganze» Leben gekannt hätte.
„Werden Sie mir erlauben Sie zu besuchen mein Fräulein, wenn ich in zwei Monaten von Presfigny zurückkomme?"
„Ich bitte Sie von ganzem Herzen darum, Madame."
Sie küßte mich und drückte mich an ihr Herz; ein wahre» Mutterherz, zärtlich und großmüthig. Ich fühlte, daß ich jetzt eine Freundin hatte.
Es war sehr spät, al» sie wegging, und einen Augenblick nachher trat mein Vater herein.
„Ich dachte nicht, Dich diesen Abend noch zu sehen, liebe» Kind," sagte er; „es freut mich aber doppelt, denn ich werde Dir gleich einen Vorschlag machen. Man kann in dieser Jahreszeit unmöglich in Paris bleiben, ich fürchte, daß Du Dich ohne Freundinnen schrecklich langweilen und allein finden wirst und weiß auch, daß meine Gesellschaft Dir wenig Hilfrmittel bieten kann. Willst Du, daß wir da» Ende de» Sommer» in Baden zubringen? Anita und ihr Mann werden
auf ihrer Rückreise aus der Schweiz dort zu uns kommen, und wir kehren dann alle zusammen nach Paris zurück."
Ich nahm es an. Paris oder Baden, e» war mir gleich.
X. Kapitel.
Baden.
Ich hatte gar nicht die Gewohnheit der großen Welt und wenig Lebenserfahrung; aber es bedurfte deren nicht viele, um zu bemerken, daß die Gesellschaft, in deren Mitte ich mich so plötzlich befand, die gemischteste und fremdartigste war, die man stch denken kann, welche den einzigen aber hinreichenden Zweck hat, um für den Augenblick wenigstens den wesentlichen Unterschied zu bemerken, der zwischen der rechtschaffenen Frau und Derjenigen besteht, die es nicht ist, dem Neugierigen, der seine fünf Franken auf den grünen Teppich wirst, um zu sehen, welchen Eindruck e» auf ihn macht, und dem Spieler von Profession. Dieser Zweck wird oft zu fieberhaft verfolgt, um erreicht zu werden; man hegt den Wunsch, sich zu zerstreuen, zu unterhalten und die Zeit zu verbringen.
Mein Vater fand viele seiner ehemaligen Bekannten, durch welche er sich wieder neue machte; man stellte mich vielen Herren und