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Samstag, den 3, September 1181

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* Woher die .schlechten Zeiten" in nnsern Tagen.

Emer der bedenklichsten Krebsschäden unseres aufgeklärten Zeitalters ist: daß die Genügsamkeit in den meisten Städten in Verfall geräth. Die Gemüthlichkeit und gegenseitige Freundlichkeit, der brüderliche Bürger sinn ist verschwunden und hat der Aufgeblasenheit, der Bornirtheit, dem Neid und dem Egoismus Platz gemacht.

Aber worin liegt die Ursache? so hören «vir Viele fragen? Die Antwort liegt leider sehr nahe und lautet: „Weil so Viele mit ihrem Standpunct unzufrieden sind, und glauben, für was Befferes und Höheres be­fähigt zu sein."

Ja, diese Unzufriedenheit geht sogar so­weit, daß viele Väter und Mütter keine Achtung mehr für den Arbeit!- und Hand­werksstand haben, in dem sie sich bisher mit Ehren fortbrachten und sogar oft ein Vermögen gesammelt haben. Sie flößen selbst den Kindern die Abneigung gegen ihren Stand ein, und geben ihnen eine mehr als bürgerliche Erziehung, um sie zu einer nobleren Bestimmung heranzukünsteln.

Die Söhne müssen studiren, zu jungen Herren, die Töchter aber statt zu Jungfern, zu Fräuleins erzogen werden, und mehr als Nähtisch, Küche und Hauswesen lernen; sie vernachlässigen dadurch ihren wahren Beruf, indem ihr Augenmerk nur darauf gerichtet ist, sich die Sprache der vornehmen Welt eigen zu machen, damit sie wo mög­lich einen Beamten, Doctor oder noch et­was höheres heirathen können.

Das ganze Gewerbe und häusliche Ver-

hältniß so eines Bürgers bekommt durch diese Erziehungsmethode eine andere Wen- düng. Der Hobel oder der Pfriemen, die Nadel oder der Hammer, die ehemals eine Familie ernährten, soll nun so viel ver- dienen, um junge Herren und Fräuleins mit allen Bedürfnissen eines feinen elegan­ten Lebens zu versorgen. Der Vater, statt sich einen wackern Nachfolger im Gewerbe erzogen zu haben, hofft auf Glück und Ehre seines emporgeschraubten Sohnes, der aber keine Aussicht findet, sich sein Brod zu ver­dienen. Die Mutter, statt eine Gehilfin in ihrer Tochter zu. finden, soll zur Arbeit, wenn es möglich wäre, doppelte Hände haben, damit das Töchterchen ja die ihrigen in den Schooß oder auf das Piano legen kann.

Keine Anstellung kommt für den Sohn, kein vornehmer Bewerber für die Tochter, die aber vermöge ihrer noblen Erziehung jetzt auch keinen Gewerbsmann mehr brauchen kann, denn sie könnte ihrem künftigen Manne wohl einen neuen Walzer Vorspielen, aber keinen ordentlichen Löffel Suppe bereiten, und so hat manche Familie großjährige aber unversorgte und für jeden bürgerlichen Erwerb unfähige Kinder, und der Wohl- stand der sich bei den früheren bescheidenen Grundsätzen erhalten hatte, geht in Trümmer.

Achl heißt es dann, wir haben für unsere Kinder Alles gethan, wir haben sie Alles lernen lassen, Alles für sie geopfert, und doch geht es nicht! — Ja, natürlich, so kann und unrd es auch nicht gehen.

Es gab eine Zeit, — freilich eine noch christliche Zett — wo die Bürgersiöchter

von achtbaren Familien in den Dienst l gingen, und bei Fleiß und sittlicher Auf« $ führung von wackern Männern von der ? Küche und Wirthfchaft weggeheirathet : wurden. Es gab eine Zeit, wo man die - Meistersöhne als Lehrlinge oder Gesellen in

den Werkstätten sah. Jetzt findet man i solche Töchter am Fortepiano oder vor Z dem Spiegel sich putzen, dann Paul de [ Kock lesen, im Theater sich langweilen, oder auf der Promenade mit einem Wind- ■ beutel spaziren gehen; und so manchen der

Bürgersöhne bebrillt, denn mit freiem l Auge zu schauen, wäre ja zu gemein für i; so ein Zerrbild, mit der Cigarre im l Munde, im Bierhause am Billard, wo sie ! nicht selten von dem eigenen Vater Unter- ■ richt im Spiel erhalten. Heiliger Gott, \ erbarme dich unser I

| Das Geld, welches die Erziehung der t Töchter zu Modepuppen gekostet, hätte ge- ; nügt, ihnen bei häuslicher Erziehung eine : gute Aussteuer zu geben, und die Kosten, < welche die Studienjahre — eigentlich die Pflastertreterjahre — und aussichtslose Praxis der Herren Söhne erfordert, hätte jedem derselben das Meisterrecht eines nützlichen und einträglichen Handwerks be­zahlt. Wie viele Verarmungen unter den Bürgern sind nicht blos dieser Ursache zu­zuschreiben!

Wir geben zu, daß manche Menschen Anlagen und Talente zu andern Dingen haben, als die, welche sie zu treiben be­stimmt, rbschon viele Menschen von be­schränktem Geiste, sich, eitel genug, das selber nur weiß machen.

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Mein ganzes Herz schwang sich zu ihm empor, ich wagte ihn nicht anzusehn; denn in einigen Augenblicken war meine ganze Hoffnung auf irdisches Glück verschwunden. Er hätte mir wie ich glaube den Arm bieten müssen, aber weder er noch ich dachten daran.

Sollte die Erde sich aufthun, oder die Kirche, einstürzen? Nein, die Cermonie endigte ganz ruhig und ich befand mich wieder im Wagen, ohne recht zu wissen wie. Die Eingeladenen kamen um Anita zu beglückwünschen, sie waren sehr zahl­reich, fast alle neuen Bekannten waren mir fremd; ich zitterte, ich fror trotz der er­stickenden Hitze der Saales, welche die Gegen­wart so vieler Menschen noch größer machte. Dann kam ein Frühstück, während welchem ich vergebens versuchte zu essen und wär» fast erstickt, als ich auf die Gesundheit der Braut ein Glas Chanpagner trinken wollte. Friedrich war noch bläßer und unempfind­licher. Meine Schwester verließ den Speise- saaal, um ihre Reifikleider anzuziehen, denn in einigen Stunden reisten sie in die Schweiz. Ich hätte sie in ihr Zimmer begleiten müssen; ich stand auf und folgte bi« in den Saal; aber ich hatte nicht den Muth mit ihr allein zu sein; ich blieb da, lehnte mich an einen Stuhl, preßte die Hand auf mein Herz und

Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B.

(Fortsetzung.)

„Nein! nein! ich werde nicht mehr davon sprechen! Ach! mein armes, armes Kiud! Dann ging sie schluchzend hinaus."

Anita war herrlich in ihrem Brautan- ünzuge, die ganze weiße Kleidung erhöhte noch ihre Schönheit.

Was Friedrich betrifft, er war blaß un­empfindlich und schien um zehn Jahre älter geworden zu sein. Was ich in der Kirche während der Trauung empfand, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß mich der Ge­danke beschäftigte, mich so zu benehmen, wie alle Anderen; nicht ohnmächtig zu werden und aus Furcht in Schluchzen aus­zubrechen, mich des Weinens zu enthalten.

Mein Vater führte seine Tochter an den Altar, er mußte stolz sein auf ihre strahlende Schönheit und da« Murmeln der T’jöunbenmg, welche« sich bei ihrem Vor- "hob. Dann kam der Bräu- e>n,iünstnd an seiner Seite die todtblaffe SLwiia^ in einigen Augenlicken seine oröbte Mi4 wurde und welche sich die neben ihr B°b, den zu vergessen, der

war froh, mich, wenn auch nur für einen Augenblick, allein zu befinden. Es dauerte aber nicht lange. Die Thüre öffnete sich und ohne ihn zu sehen errieth ich, daß es Friedrich war.

„Agnes", sagte er: „ich will durchaus mit Dir sprechen bevor ich abreise, denn ich will nicht im Groll von meiner kleinen Schwester scheiden. Ich habe Dir in der letzten Zeit sehr wenig liebenswürdig, sogar strenge scheinen müssen. Du mußt mir sehr sonderbares Benehmen gegen Dich verzeihen. Ich war nicht glücklich. Vielleicht sage ich Dir eines Tages warum; für den Augen­blick bitte ich Dich nur um ein Wort, welches mir beweist, daß Du mir verziehen hast."

„Von ganzem Herzen, Friedrich!"

Mein armes Herz! ich glaubte er hätte seine Schläge hören müssen.

„Ich danke Dir. Und jetzt sprich wir ganz aufrichtig von Deiner Heirath. Ist sie noch immer auf dieselbe Zeit festgesetzt?"

„Meine Heirath? Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen."

„Du willst denn noch immer fortfahren mir rin Geheimniß daraus daraus machen zu wollen. Ich bitte Dich, Agne«, fei auf» richtig- Du siehst doch, daß ich jetzt Dein Bruder bin. Du hast nicht mehr das Recht, mich zu täuschen."