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Freitag, den 2. September 1881

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O Mord bleibt Mord, auch in Amerika»

Der russische Nihilist und Minenleger Hartmann wollte bekanntlich für die ver­brecherischen Ideen seiner Seele in Amerika Propaganda machen. Er mußte aber schon bald erfahren, daß auch im freiesten Lande der Welt die Predigt des Mordes gegen Staat!oberhäupter wenig Beifall findet; daß auch da die öffentliche Meinung diesen Mord ebenso verdammt, wie den an einem Privatmann verübten. Es war wohl ein Ausfluß der öffentlichen Meinung, daß die Staatsbehörden Miene zu machen schienen, Hartmann zu verhaften und an die russische Regierung auszuliefern. Das Gesuch seine» Advocaten um absolute Sicherung seiner Person wurde vom Staats- secretär Blaine mit Verachtung zurückge­wiesen, so daß er nach Ontario in Canada entwich, nicht, ohne einen falschen Namen angenommen zu haben. Hartmann ist nun nach Newyork zurückgekehrt; in einem Schreiben, das er dem Newyorker .Herald' übersandte, erklärt er, er wolle die ameri­kanischen Gerichtshöfe bezüglich des Asyl­rechts auf die Probe stellen; er beklagt sich zugleich über die fortwährende polizeiliche Uebeiwachung seiner Person. Vorgeladen vor das oberste Bundesgericht, erklärte er, er wolle amerikanischer Bürger werden. Freilich mit Ertheilung des Bürgerrechts würde er von Amerika einen Freibrief gegen seine frühere Betheiligung an Atten­taten auf da» Leben Alexander» II. er­halten. Die Bundesregierung wie der

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Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B.

(Fortsetzung.)

Unter dem Vorwande mich zu zerstreuen, schleppte Anita mich durch alle Läden, wo sie ihr Gold mit vollen Händen ausstreute. Ich, die nie mehr als drei Kleider auf ein­mal besessen hatte, ich fragte mich» ob das ganze Leben meiner Schwester hinreichend sein würde, alle die Toiletten zu tragen, welche sie bestellte. Der Lärm und die Be­wegung in den Straßen, so wie die gänz­liche Veränderung meiner Gewohnheiten machten mich schuindelich, man verwandelt ein Landmädchen nicht in einem Tage in eine Pariserin. Wenn ich Abends nach Hause kam, war ich todtmüde und sehr froh, daß meine tiefe Trauer mir zur Entschuldigung diente, um mich in mein Zimmer zurück­zuziehen und die zahlreiche Gesellschaft ver­meiden konnte, welche Anita immer bei mynem Vater versammelte. Friedrich, wel0rt nur Abends kam, sah ich fast nie. In dr^r Zeit dachte ich sehr wenig; von Anna flt'itgf, welche über mich verfügte, wie wenn ejn xleires Mädchen gewesen ware- ievie ^, ben h^in; nur glücklich, wen t ^jne ruhige Stunde fin-

oberste Gerichtshof beriethen lange darüber, • ob Hartmann verhaftet und des Landes verwiesen ober gar an die russische Re­gierung ausgeliefert werden solle. Das t große Publicum sprach sich mehr und mehr für die Ausweisung Hartmann'S aus.

Nicht anders äußerte sich die große Mehrheit der Blätter. Wie gegen die Mordpläne der Fenier, gegen die Dyna- mitcollectanten und Politiker des „Schar- : mützelfonds", so macht die Presse auch gegen das verbrecherische Treiben der Nihi- z listen Front, und möchten wir statt vieler l eine bezeichnende Probe mittheilen. Man « wird daraus ersehen, wie man auch hier, \ Gott sei Dank noch zwischen der individu- ; eilen Freiheit der Bewegung und dem । Freipaß zu aller Schlechtigkeit unterscheidet, i Würde man in allen ciöilifirten Ländern > so nachdrücklich in der Verurtheilung der ' politischen Secten des Mordes sein: ihr« - Anhänger hätten bald nicht mehr, wo sie - ihr Haupt hinlegen könnten.

Der vorhin genannte .Herald^ schreibt z also: „Das Volk im Allgemeinen und Jeder, | der Gesetz und Ordnung achtet, wird von ? den nihilistischen Ideen zurückschrecken, ? während das Völkerrecht in dem mit Mord i verbundenen Nihilismus etwas mehr als | ein blos politisches Vergehen erblickt. Zu sagen, | eines Unterthans Leben zu nehmen, sei Mord, aber die Ermordung eines Souve­räns sei nur ein politische» Vergehen, ist eine Unterscheidung, welche weder die öffent­liche Meinung noch das Völkerrecht aner- ; kennen kann, ohne die Grundpfeiler jeder i socialen und politischen Ordnung zu be- |

drohen. Während Hartmann den Guiteau al» einen Verbrecher oder Wahnsinnigen bezeichnet, nennt er die Sophia Parowska und den Ruffakoff „Märtyrer und Helden einer edlen Sache". Ein russischer Nihilist mag allerdings zur Gewaltthat durch Gründe getrieben werden, die in einer Republik un­bekannt sind. Aber wenn der Mord, als eine legitime politische Maßregel in Ruß­lands Hauptstadt anerkannt wird, so muß sie als solche auch in jeder anderen Haupt­stadt der civilistrten Welt anerkannt werden. Wird die Bombe als gesetzmäßige, politische Waffe in Petersburg angenommen, so muß dasselbe von der Kugel in Berlin, London oder Washington gelten. Ist da» in die Luft sprengen eines Bahnzuges mit Dyna­mit in Moskau nur ein politisches Vergehen, so ist die Sendung der Höllenmaschinen nach Irland auch nur als ein solches zu betrachten. Hartmann scheint von einer russischenRepublik zu träumen und sagt, die verzweifelten Mit­tel der Nihilisten würden in demselben Augenblicke aufgegeben werden, als diese errichtet sei. Aber er vergißt, daß eine auf Dynamit gegründete Republick zu jeder Zeit wieder durch Dynamit in die Luft gesprengt werden kann!"

Der ,Herald^ erklärt sich weiter gegen eine Sicherstellung der Person Hartmanns. In diesem Sinne erwartet man denn auch hier die Entscheidung des obersten Bundes­gerichtes resp. der obersten Bundesbehörde gegen Hartmann, tben Hauptveranstalter des Moskauer Eisenbahn-Attentats.

den konnte, die ich in einer Kirche mit Beten zubrachte, oder um mich von dem Strudel, in den sie mich gezogen, auszuruhen. Den Louvre hatte ich noch nicht gesehen. Wer würde mich dahin geführt haben? Mein Vater war, wenn er Anita nicht begleitete, immer in seinem Club oder ging mit Fried- rich in's Bois de Boulogne, um die neuen Pferde meiner Schwester zu probiren. Aus meinem Fenster sah ich die Bäume der Champs Elysos; ich sah, wie sich die grünen Blätter unter dem lauen Frühlingswinde ent­hüllten und träumte stundenlang von Villery.

Mein Vater hatte schon den Hochzeitstag fest­gesetzt; aber Friedrich verschob ihn wegen be» Tobes unserer Großmutter; zuweilen schien eS mir, als ob er benselben auf un­bestimmte Zeit zurücksetzen wollte. Täuschte ich mich? Aber jebesmal, wenn er, was nicht oft geschah, mit mir allein blieb, versäumte Anita e» nie, unser augenblick­liche« Alleinsein zu unterbrechen; ich glaubte, daß er mit mir sprechen ober mir eine Frage stellen wollte. Ich sah ihn zögern unb einen Satz an fangen, ben er fast immer roieber unterbrach. Oh! wenn er gesprochen hätte! Wenn ich ben Muth gehabt, meinem Ehr­geize Schweigen zu bieten l Wir würben uns vielleicht einander in die Arme gefal­len sein.

Endlich kam der Juni — ja endlich! denn obgleich der Rosenmonat Zeuge der Vernichtung aller meiner Hoffnung auf irdisches Glück fein sollte, so war ich doch eilig, mein Loos unwiderruflich bestimmt zu wissen. Diese Periode meines Lebens, welche ich überschreiten mußte, war zu pein- lich, daß ich nicht den fieberhaften Wunsch gehabt hätte, sie beendigt zu sehen. Ich dachte, nachher würde ich ruhiger sein, um mich blicken und sehen können, was mir zu thun übrig bliebe. Wenn ich mich von ganzem Herzen meinem Vater widmete, würde es mir vielleicht gelingen, ihm ein wenig von der Liebe einzuflößen, welche er an Anita verschwendete. Ich bedurfte Zu­neigung, aber ich suchte in meiner Umgebung vergebens ein Herz, das für mich schlug. In der Mitte dieser großen unruhigen Stadt fühlte ich mich einsamer, wie wenn ich in einer großen Sandwüste gewesen wäre. Meine Schwester konnte ich nicht lieben; mein Vater stieß mich durch seine höfliche Gleichgiltigkeit zurück, und Friedrich! Ach Friedrich! ich liebte ihn gar zu sehr!

Ich hatte gehofft unb hoffte noch immer, baß feine Heirath alles Feurige unb Leiden­schaftliche dieser Liebe in meinem Herzen ersticken und an ihrer Stelle nur schwester­liche Liebe lassen würde; aber ich täuschte