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JI3. 199

Donnerstag, den t September U 8i

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-r- Der Niedergang des Socialismus in der Schweiz.

(Schluß.)

Die erste uud wichtigste Vorbedingung zur Entwickelung des Socialismus ist nebst dem religiösen Bankerott die Centrali« sation. Erst wo das Individuum völlig von dem Boden, auf dem, und von der socialen Umgebung, in der es lebt, losge­rissen ist und sich haltlos dem Spiel der entfesselten ökonomischen Kräfte überant­wortet sieht, entsteht der Proletarier, der, zerfallen mit sich und der Gesellschaft, ohne Interesse und ohne Hoffnung, nur noch von einem gewaltsamen Umsturz Rettung erwartet und deshalb dem socialistischen Agitator ein williges Ohr leiht. Wo hin­gegen der Einzelne noch einen festen Halt in seiner Umgebung findet und durch irgend ein Interesse an den Ort und an die Gesellschaft geknüpft ist, werden socia- listische Umsturzideen nur schwer Gehör finden. Nun besitzt aber die Schweiz noch ein gut Stück Decentralisation, sowohl in ökonomischer oder industrieller, als auch in politischer Hinsicht.

Mit Ausnahme von Genf und Basel ist die schweizerische Industrie nirgends cen- tralisirt. Solche industrieelle Conglome- rate, wie man sie in England, Frankreich und Deutschland findet, kommen in der Schweiz nicht vor. Die Fabriken sind vielfach, um günstige Verhältnisse und wohlfeile Arbeitskräfte zu finden, dem Laufe der Flüsse und Thäler gefolgt. Daneben besteht noch in nicht unerheblichem Maße die Hausindustrie. So sind die Fabrikar-

| beiter durch das ganze Land zerstreut und s mit der übrigen Bevölkerung vermischt; ! sie besitzen vielfach ihr eigenes Haus mit $ einem Garten oder selbst einem kleinen ; Anwesen. Dadurch wird der Fabrik- ; Arbeiter an den Ort gefesselt und folge- ! richtig bis zu einem gewissen Grade con- i servativ.

i Auch die politische Decentralisation hindert \ das Auskommen des Socialismus in der j Schweiz. In stark centralisirten Staaten, \ wie Frankreich und Deutschland, hat der f einzelne Arbeiter, auch wenn ihm das ? Wahlrecht verliehen ist, gar keine Geltung oder Bedeutung, denn das bloße Recht, einmal in mehreren Jahren einen Wahl- zettel in die Urne werfen zu können, ist bei der ungeheuren Zahl der Wähler nicht genügend, dem Individuum das Bewußt­sein zu nehmen, daß er eine reine Null sei. Auch vermag ihn dieses Recht nicht an seine engere Heimath zu fesseln, da er es ja überall im weiten Vaterland durch einen kurzen Aufenthalt erwerben kann. Anders ; jedoch verhält sich die Sache in einem 1 Lande, wo der Einzelne als Angehöriger ■ einer Gemeinde vielleicht Mitbesitzer des \ Gemeindegutes, jedenfalls im Genüsse ver- s fchiedener politischer und bürgerlicher Vor- j rechte ist. Dies ist aber in der Schweiz - thatsächlich der Fall. Die Gemeinde ist ! bis heute in ihren inneren Angelegenheiten i fast ganz unabhängig. Sie wählt sich frei ihre Vorgesetzten, besteuert sich selbst behufs j Bestreitung der Gemeindelasten, leitet selbst i die Gemeindeschulen u. s. w. Nur soweit die intercommunalen Interessen es er«

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Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B. (Fortsetzung.)

Als der erste Augenblick des Erstaunens vorüber war, erwachte die Erinnerung an meinen Schmerz wieder. Ich war sehr schwach, sehr müde, aber ich fühlte, daß ich jetzt meinen und denken konnte, ich wurde nicht irrsinnig. Als Therese bemerkte, daß ich erwacht war, suchte sie mich zu über­reden, schlafen zu gehen; aber nein, ich weigerte mich. Ich wollte stark fein und meinen Schmerz, von dem wenigstens ein Theil allen Augen verborgen bleiben mußte, muthig tragen. Das Geheimniß meiner Liebe und meiner Hoffnungen war mit meiner Großmutter gestorben, denn ich dachte, Friedrich selbst weiß nicht, daß ich von seinen Plänen unterrichtet war; ich muß ihn glauben lassen, daß ich sie nicht kenne. Aber was werde ich thun? Ich muß einen Entschluß fassen, aber welchen? Ich fühle, daß es mir unmöglich sein wird, mit Friedrich unter einem Dache zu 'leben. Mein Vater ist fast ein Fremder für mich, seine ganze Zärtlichkeit ist für Anita. Ach! Nachdem der erste heftige Schmerz vorüber war, mußte ich mir gestehen, daß es das

Beste fei, keinen zu fassen und es der Vor­sehung zu überlassen, für meine Zukunft zu sorgen. Ich eilte damit Villery zu verlassen, denn jede Spanne Zeit, die ich länger hier blieb, schien mir die Trennung peinlicher zu machen; in dem ersten Augenblicke meines Kummer«, als seine Heftigkeit mich unempfind­lich machte, hätte ich gern gehen können. Jetzt, wo ich meinen und nachdenken konnte, schien es mir unendlich schmerzlicher, die tausend kleinen Bande, melche die Gesell­schaft jedes Tages und die Beschäftigungen meines ganze» Lebens gemesen, brechen und ändern zu müssen. Im ersten Augenblicke mürbe ich nur einen unendlichen Schmerz haben, diesen Ort zu verlassen, der noch von den Erinnerungen an meine Groß- mutter erfüllt war; später hätte die Zeit und die Jugend eine Leere gelassen und es wäre mir noch Platz für andern Kummer geblieben. Ich war noch sehr jung; mein Unglück hatte mich nicht in einem Tage alt gemacht, roie man sagt, daß es bei ge­wissen Personen geschieht. Aber der Ge­danke, meine Hühner, meine Tauben, die Blumen, die ich gepflanzt, Ryno, meinen lieben Ryno, die Schulkinder, und sie Alle für immer zu verlassm, denn ich war fest da- zu entschlossen; dieses preßte mit fast eben­so bittere Thränen aus, als der Gedanke

heischen, untersteht die Gemeinde der kanto­nalen Regierung. Da aber die Kantone durchschnittlich nur kleine Gemeindewesen bilden und der Bundesregierung gegenüber noch einen guten Theil ihrer legislativen und administrativen Unabhängigkeit be­wahrt haben, so behält auch hier das In­dividuum noch irgendwelche Bedeutung. Die geringe Ausdehnung der Kantone, die Gleichheit der Interessen, die praktische Schulung in den Gemeindeangelegenheiten ermöglichen es auch den Ungebildeten, in den weitesten Kreisen Über die erforder­lichen Maßregeln sich ein selbstständiges gesundes Urtheil zu bilden. Es ist un­zweifelhaft: so lange das Individuum das Bewußtsein irgendwelcher gesellschaftlicher Bedeutung bewahrt und durch irgend ein Interesse an die bestehende Gesellschaft gebunden ist, wird es nicht sobald an völligen Umsturz denken.

Leider ist die Centralisation auch in der Schweiz schon stark angebahnt, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Liberalis- mus bie Alpenrepublik immer mehr cen« tralisiren wird. Aber so lange sie dem Zentralismus siegreich widersteht, wird sie auch von dem Socialismus bewahrt bleiben. Merkwürdig ist, daß die Social- demokratie in der Schweiz bei allen Maß­regeln für die Zentralifation eintritt. Sie scheint zu fühlen, daß die kantonale und communale Unabhängigkeit, die Decentrali­sation, ein Hauplhinderniß ihrer Umsturz­bestrebungen ist. Sollte diese Thatsache den Staatsmännern nicht zu denken geben, welche auf der einen Seite durch Gewalt- an meine verlorene Zukunft. Und doch war ich so eilig, Alles dieses zu verlassen. : Als ich Abends in den Saal herunter i gegangen war, und wo ich mir Mühe gab ; ruhig zu scheinen, um nicht meine l ganze Verzweiflung merken zu lassen, sah l ich, daß mein Vater mich bedenklich be- ? trachtete, wie wenn er nicht wage, mir eine 5 Frage zu stellen; da war ich die Erste, l; welche fragte: „Wann reifen wir ab?" ■ „Ich wagte nicht, mit Dir darüber zu ■ sprechen, aber ich glaube, für Dich wird ‘ das Beste fein, sobald wie möglich; man muß Dich zerstreuen und Dich nicht Deinem Kummer Überlassen."

„Sie haben Recht!" sagte ich.

In Folge dessen wurde unsere Abreise, von hier an, in einigen Tagen festgesetzt. Ich hatte die Ruhe der Verzweiflung.

Dann hatte ich eine Zusammenkunft mit dem Notar, der mich mit den sehr einfachen Geschäften meiner Großmutter bekannt machte; aber auch eine andere, viel pein- | sichere mit Friedrich. Ec war mir gegen» \ über sichtlich verlegen. Oh! Die guten - Tage von ehemals, wo ich so offen mit | ihm von meinem, von unferm Kummer ge» ; sprochen hatte, denn ich konnte an feiner \ Siebe zu unserer Großmutter nicht zweifeln, ! deren Leben er ohne es zu wollen, vielleicht