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Mittwoch, sev 3L August 188^

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-r- Der Niedergang des Socialismus in der Schweiz.

Gewiß wird mancher Leser beim Anblick dieser Überschrift ungläubig den Kopf schütteln und sich fragen, wie man von einem Niedergange des Socialismus in der Schweiz, diesem Sammelpuncte und Herde der Revolutlonsparteien, sprechen könne? Zudem ist gerade jetzt von einer Preffion die Rede, welche die Großmächte auf die Schweiz ausüben wollen, um durch Be­schränkung des Asylrechtes über die Revo­lution Meister werden zu können.

Doch so unglaublich dies auch scheinen mag, so ist thatsächlich der einheimische socialismus der Schweiz im Niedergang begriffen. Wir können uns für diese Be- Häuptling auf das Zeugniß der schweize­rischen Socialisten selbst berufen. Vor 2 Jahren berechnete Dr. L. Richter in seinem „Jahrbuche für Socialwiffenschaft und Socialpolitik" die Gesammtzahl der schwei- zerischen Socialisten von den verschiedensten Farben auf höchstens 15,000. Von diesen 15,000 kommen etwa 4000 auf den „Schweizerischen Arbeiterbuno" und 7000 auf den „Glütliverein." Außerdem gab es noch bis dahin einige Tausend den Socialisten nahestehende Arbeiter der Ratio- nalindustrie in Genf. Aber diese Ver- Einigung mußte sich in Folge industlieller Krisen auflösen. Ein Jahr später klagte derselbe Berichterstatter, der „Arbeiterbund" sei wieder einigermaßen zusammenge- ichmolzen und werde kaum mehr 4000 Mitglieder zählen. Vom „Grütliverein" ^eißt es, er habe auch eine schwierige Zeit ■

durchzumachen gehabt, doch werde er wohl die Krise überwinden. Wieder ein Jahr später lautet der trostlose Bericht desselben Socialisten: „Der Arbeiterbund ist ganz bedeutend zusammengeschmolzen, und zählt keine 2000 Mitglieder mehr." Etwas bester geht es dem „Grütliverein", der feine Mitgliederzahl beinahe auf derselben Höhe erhielt. Aber auch in Bezug auf ihn klagt der Berichterstatter, die Casten befänden sich wieder in einer „Krise."

Auf Grund eines Beschluffes des Con­grestes zu Olten (6-8 November 1880) löste sich der „Arbeiterbund" auf und an seine Stelle traten zwei andere Vereine: „Die socialdemokratische Partei der Schweiz," welche nur aus Schweizern be­stehen und die politischen Bestrebungen der schweizerischen Socialdemokratie be­fördern sollte, und der „Allgemeine Ge> werkschastsbund", welcher nur die social- ökonomischen Jntereffen berücksichtigt und deßhalb auch die deutschen Socialisten in * seine Reihen aufnimmt. Für beide Ver- j eine wurde die „Arbeiterstimme" als osfi- j cicfiea Organ in's Leben griffen. Gleich- ä Zeitig zählte die „Socialdemokratische Partei" Anfangs Februar erst 350 Ge- « «offen in 10 Mitgliedschaften. Von den j Erfolgen des „Allgemeinen Gewerkschafts- - bundes" verlautet nur soviel, daß dieselben • ziemlich unbedeutend sind. Der schlagendste j Beweis für das kümmerliche Dasein der ; Socialdemokratie in der Schweiz ist die | Thatsache, daß dieselbe bei den Großraths- 1 wählen in Zürich im verflossenen Mai von $ 50,000 abgegebenen Stimmen nur 700

. erhielt. Für den Herbst dieses Jahres ist z ein socialistischer Weltcongreß in Zürich in ? Aussicht genommen. Aber wie wenig das i Schweizervolk davon erbaut ist, geht aus 1 der großen Protestalion dagegen hervor, j welche schon Mitte Mai 35,000 Unterschrif- | ten stimmberechtigter Cantonbürger zählte, $ und zwar allein aus dem Canton Zürich. ‘ , Also nahezu vollständiges Fiasko der einheimischen Socialdemokratie in der ; Schweiz! Und doch sind dort scheinbar alle günstigen Bedingungen zur freiesten Entfaltung des Socialismus vorhanden. Die Schweiz ist ja der freieste Tummel­platz aller Umsturzbestrebungen, und in ihrem Handwerke ergraute Agitatoren und Revolutionäre haben sie zu ihrem Aufent- - haltrort gewählt. Auch die socialistische < Presse ist reichlich vertreten. Außer den für das Ausland bestimmten Organen, wie der „Socialdemokrat" u. A. besitzt die Schweiz noch die schon genannte „Arbeiter- ’ stimme" in Zürich, den „Grütlianer" und s „Volksfreund" in Chur, den „Precurseur", ! sowie den anarchistischen „Prevolte“ in j Genf. Auf den zahlreichen focialistischen i Versammlungen endlich wird von der un­beschränkten Redefreiheit der ausgiebigste Gebrauch gemacht.

Trotz alledem ist, wie die aufgeführten Thalsachen beweisen, das, Schweizervolk für den Socialismus noch nicht reif. Es ist, sagen die „Stimmen aus Maria Laach", denen wir auch die obigen Angaben ent­nehmen, gewiß lehrreich und interessant, die Ursachen jdieser auffallenden Erscheinung zu erforschen.

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Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutschs übersetzt von M. B.

(Fortsetzung.)

„Wie kommt es, daß ich erst gestern Abend die Depesche erhalten habe?" sagte eine, mir nur zu bekannte Stimme, und ich sah einen Schatten, welcher sich über das Bett beugte.

Meine liebe gute Mutter! erkennen Sie mich? Keine Antwort! Ich wußte es wohl! denn die Hand, auf welche ich meine Lippen presse, ist eiskalt wie Marmor. Meine Augen sind geschlossen; ich habe nicht die Kraft, mich zu bewegen. Ich glaubte auch zu sterben. Ich versuche, den Kopf zu er­heben, er fällt schwer wieder zurück.

„Agnes!" sagt eine Stimme; ich glaube es ist die seinige; aber ich höre und sehe nichts mehr.

jlX. Kapitel.

Das Familiengrab der Villery wurde ge­öffnet. Die Gräfin von V llery wurde zu Manne, ihrem Sohne und ihrer Tochter beigesetzt. Ich hatte nicht das Recht, neben ihr zu ruhen, denn ich war nur noch eine Fremde hier. Alle Kinder und armen Leute des Dorfes begleiteten ihre Wohlthäterin

z« ihrer letzten Ruhestätte. Auch ich hätte weinen können, wie sie und Therese; aber nein; denn anstatt des Schmerzes und der Verzweiflung empfand ich nur eine Ecstar- rung, welche mich sogar des Denkens be- raubte. Ich sah alle Menschen an, hörte alle an mich gewendeten Beileidsbezeugungen, ohne sie zu verstehen; folgte maschinenmä­ßig meinem Vater und Anita, und war nicht fähig einen Gegenstand zwischen mei­nen starren Fingern festzuhalten.

War es denn wirklich meine Großmutter, öie man in diesen, mit schwarzem Tuche bedeckten, und mit Veilchen und weißen Blumen bestreuten Sarg eingeschloffen hatte ? Meine Großmutter muß doch noch in ihrem Zimmer, in ihrem Sessel sein.

Sollte ich wahnsinnig werden?

Als die Ceremon e beendigt mar, hob mein Vater mich in den Wagen; während des ganzen Weges sah ich maschinenmäßig zum Wagenfenster hinaus. Anita saß neben mir. Sie nahm meine brennende Hand zwischen die ihrigen.

„Liebe Agnes, wir werden uns bemühen, Dich zu trösten. Ich zog meine jHand zurück ' und richtete einen stumpfsinnigen Blick auf meine Schwester. Der jßagen hielt. The- refe, welche mich an der Thüre erwartete, führte mich in mein Zimmer, nahm mir

i Hut und Schleier ab, wie wenn ich ein j Kmd gewesen wäre; setzte mich in einen Sessel, schloß die Sommerladen und legte dann ihre Hand auf meinen heißen Kopf.

„Armes Fräulein! Sie haben sich zu sehr ermüdet, ich hatte es Ihnen ja gesagt. Ruhen Sie sich ein wenig aus, suchen Sie zu schlafen, schließen Sie die Augen und bleiben Sie ganz ruhig. Armes Kind, wie Ihr Kopf brennt!"

Sie tauchte ein Tuch in Bau de Co­logne und legte es mir auf die Stirne.

„O, liebes Kind, sprechen Sie mit mir, antworten Sie mir; seit drei Tagen haben Sie den Mund nicht mehr geöffnet. Sie werden krank, und was wird dann aus mir werden. Großer Gott!" D.e gute Frau schluchzte laut.

„Fräulein Agnes! mein Kind ! Erlauben Sie mir, Sie so zu nennen. Ich habe Sie als kleines Kind auf meinen Armen ge­tragen. Nach der lieben Verstorbenen, welche im Himmel ist, liebt Niemand Sie mehr, als die alte Therese."

„Ich glaube, daß ich Etwas hätte erwi- dern müssen; aber ich fühlte mich geistig und körperlich wie von Marmor. There fe fühlte nach meinem Puls, schüttelte ängst- lich den Kopf, ging dann hinaus, und ließ die Thüre angelehnt.