Einzelbild herunterladen
 

JV1 189

Sonnabend, den 20. August M8L

Dir ,§ulbac$ geitung' erscheint täglich, Sonn- rmd^Feiertage ausgenommen. Man abonnirtggegengBorauSbezahlung zu Fulda m »er Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Lbonnemmtspreis beträgt ausschließlich B ringerlohn in Fulda eine Mark und W R.-Pfg., mit Bringer lohn 1 M. 70 Pf., auswärts bei den Postämtern: bei der Post äbgeholt 1 Mark und SO R.-Pfg., inS HauS gebracht 1 Mart 90 Pfg Di< ,illustrirten SonntsgSblätter^ der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in'S Haus gebracht 49 Pf Inserate: Me VetitzMe oder deren Raum 10 Pfg.. bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

O Die revolutionäre Bewegung gegen das Papstthum.

(Fortsetzung.)

Ueber den Verlauf des Meeting meldet das ,Berl. Tagebl.' Folgendes:

Petroni wird mit endlosem Jubel als Vorsitzender begrüßt. Er sagt mit rüstiger Stimme: Unsere Freunde, welche das Mee­ting veranstalteten, appellirten an uns In­valide, daß wir den Vorfitz übernehmen, obgleich wir nur noch mühsam wandelnde Leichname Dank den päpstlichen Kerkern sind. Leider war der Tag der Befreiung Roms vom Papst nicht der Ausgangstag der Freiheit. Statt 'der Freiheit fanden wir, als wir den Kerker verließen, die Cor- ruption und obendrein die Garantiegesetze. Aber das Volk wird sie abschaffen. Was das Volk will, kann es. Andere Redner werden die Garantiegesetze erörtern. Ich ermahne zur Aufrechterhaltung der Ordnung. — Einige hundert telegraphische Zustimm­ungen zu unserem Beginnen sind aus ganz Italien eingetroffen. Davon will ich der Kürze halber nur zwei verlesen. Die erste Depesche von Garibaldi sagt: „Ich stimme nicht allein für Abschaffung des Garantie« gesetze», sondern auch für (Abschaffung des von jenem Gesetze garantirten Mannes." (Rauschender Beifall.) Die zweite Depesche von Louis Blanc sagt: „Ich sah soeben Victor Hugo, welcher Euerem Plane Herz« lich beistimmt, erklärend, daß die französische der italienischen Demokratie Beifall zollt!" Dann sprach Bacci äußerst heftig: „Als die Cardinäle sich anschickten nach dem Tode Pius' IX. einem neuen Wolf den Pelz um-

! zuhängen, sprach ich schon damals auf dem i Meeting im Coreatheater gegen diesen i niederträchtigsten aller unserer Feinde, die • Auslöschung des Schandflecks unserer Ge« j setzesgebung, die Aufhebung des Garantie« • gesetzes begehrend. Das Garantiegesetz ist i eine Ausgeburt kindischer Angst. Während Z der Papst diese Gesetze öffentlich ablehnt, ; bedient er sich derselben zu geheimer Ver« | schwörung, damit er wieder fremde Mächte ; in'S Land rufen kann. Wir müssen daher \ das Papstthum stürzen, wodurch wir nicht i allein Italien, sondern der ganzen Welt, I der Civilisation und Wissenschaft den grüß« j ten Dienst leisten." (Endloser stürmischer - Beifall. Man ruft: Rieder mit dem Ga- ; rantiegesetz! Nieder mit dem Papstthum!) j — Dann commentirt Albert Mario mit ? beißenden Sarkasmen Artikel für Artikel [ des Garantiegesetzes. Der Redner nennt ? den Papst nie anders als „Herr Pecci". s Er sagt durch Abschaffung des Garantiege« ' setzeS schlagen wir der päpstlichen Zwing« ; bürg die Thore ein und vernichten wir das < Papstthum; wodurch wir der ganzen Mensch.

heit eine Wohlthar erweitert und wodurch wir dem Volke klar machen, daß es die Seli gleit fortan nicht in dem vom Priester erfundenen Himmel, sondern auf Erden zu suchen hat. Mario macht den Vatican — : von Galilei und Giordano sprechend — lächer­lich, weil der Vatican Galilei's Theorie noch l immer nicht officiell anerkannte (schallendes i Gelächter). Mario macht auch die italienische i Reg. lächerlich, weil sie sichverpfltchtete,dieCon- cile selbst mit Waffengewalt zu schützen (hierbei pfeift das Publicum gegen die

Regierung). Italiens historische Mission, fährt der Redner fort, sei es, dem in den letzten Zügen liegenden Papstthume den Gnadenstoß zu geben. Die Reformation hat den Anfang gemacht, Italien muß es beenden. Aus der letzten Allocution däm­mere der Gedanke einer Flucht des Papstes aus dem Vatican auf, was ihm, dem Red« ner, auch Privatnotizen bestätigen. (Ein« zelne Rufe: Der Papst möge sich in dem Tiber ertränken!) Der Redner fortfahrend sagt: Herr Pecci log in der Allocution, als er von der Anhänglichkeit der Römer sprach. Man möge dem fliehenden Feinde, eine goldene Brücke bauen. Am Tage der Flucht werden wir Herrn Pecci die größ­ten Freudenbezeugungen erweisen, damit er nimmer wiederkehre. Aber Herr Pecci ist nur unfehlbar im Lügen. So log er in der Allocution, als er das Leichenbegängniß seines Vorgängers beschrieb. Die ganze klerikale Partei wollte mit jenem Fackel­zuge die Geschichte des unfehlbaren ruch­losen Pontifex erleuchtend verherrlichen. Dann war der Elende unfehlbar? Al» er im Jahre 1848 unsere Fahnen segnete, oder als er sie dreißig Jahre hindurch ver­fluchte? In jener Nacht brach sich die Ent­rüstung des römischen Volkes Bahn. Das römische Volk zeigte sich viel zu mäßig. (Einige riefen: In den Tiber hätte man die Leiche schmeißen sollen!) In der Allo­cution hat Pecci gelogen, er hat Nom un- verschämt verläumdet. (Hierauf erfolgte heilloses Pfeisen gegen den Papst, dann schallendes Bravo und Händeklatschen für den abtretenden Redner.) Belardi, ein

Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B.

(Fortsetzung.)

Als ich auf das Schloß kam, sah ich den Kutscher die Pferde auf und ab durch den Hof führen. Anita war wahrscheinlich zurück­gekommen. Ich öffnete die Saalthüre; der Saal war leer. — Anita wird in ihrem Zimmer sein, dachte ich, aber ich hörte die Stimme Friedrichs und die meiner Schwester im Maler-Atelier, und hatte vor, hinein, zugehen. Sie hatte sich denn endlich ent­schlossen zu sitzen, wie sie es ihm seit beinahe zwei Monaten ohne Erfolg versprochen hatte. Friedrich hatte eben seine Palette bereitet.

Sie saß in einem eleganten Hauskleide, das sie wahrscheinlich mit ihrem Reitkleide vertauscht hatte, auf einem erhöhten Sitze. Ihr prachtvolles, schwarzes Haar breitete sich in dichten Wellen über ihre kaum be­deckten Schultern; sie schien mir so schön, daß ich von einem unwiderstehlichen Ver­langen ergriffen wurde, ihr Porträt zu malen.

„Du bist schon zurückgekommen, Agnes," sagte sie, al» sie mich eintreten sah, „Dein dienstthuender Cavalier hat Dich denn nicht begleitet?"

„Meinst Du Ryno oder Mr. Bernier?"

antwortete ich lachend. „Der Eine hat mich bis her begleitet und der Andere bis an das Gitter des Parkes."

„Du gestehst es also?" sagte sie mit einem eigenthümlichen Lächeln.

„Ich habe nie daran gedacht, ein Geheim- niß daraus zu machen. Wir haben den Plan von der neuen Schule durchgesehen, und morgen wird er kommen, um ihn der Großmutter vorzulegen. Wenn Du wüß> test, Friedrich, wie groß und schön sie sein wird! Sie wird meine kühnsten Wünsche übertreffen."

„Mr. Bernier ist ein Menschenfreund," sagte Friedrich kalt.

Ich betrachtete ihn mit Erstaunen. Ich erkannte nicht mehr meinen Friedrich, meinen guten, nachsichtigen Freund, den Vertrauten aller kleinen Freuden und Leiden meiner Jugend, den Rathgeber meiner Pläne, die er niemals unbeachtet ließ; Friedrich, der während seiner fleißigsten Studien, seiner schwersten Arbeiten, immer ein Lächeln oder ein freundliches Wort für seine kleine Cousine fand. War war mit ihm vorge­gangen ? Eine leise und unerklärbare Furcht fing an, sich in mir zu regen.

Ich küßte Anita und legte den Zweig rother Rosen, den ich mitgebracht hatte, auf ihren Schooß.

„Hat er sie Dir gegeben?" fragte sie.

„Rein," sagte ich ganz unschuldig, ohne die Bedeutung zu ahnen, welche sie auf dieses legte.

Ich verließ das Atelier, um meiner Groß­mutter von meinem Spaziergange zu erzählen.

„Bist Du es, mein Liebling," sagte sie, als sie mich eintreten sah; „Du bist lange abwesend gewesen; woher kommst Du?"

„Aber, Großmutter, ich komme aus Villery."

Und ich sprach von dem Schulplane und von Mr. Bernier. Ich sah, wie das Ge­sicht meiner Großmutter einen Ausdruck von Unzufriedenheit annahm.

„Es thut mir leid, liebes Kind, da^ ich Dir einen Vorwurf machen muß. Du hät- test nicht allein nach Villery gehen sollen. Du bist noch sehr jung und ohne Erfahrung."

„Aber, Großmutter," sagte ich ganz er­staunt; „ich konnte mich doch nicht beglei­ten lassen; ein solcher Gedanke würde mir nie eingefallen sein."

„Du hättest wenigstens nicht erlauben sollen, daß Mr. Bernier Dich begleitete."

„Wenn ich seine Begleitung zurückge­wiesen hätte, würde ich sehr unfreundlich geschienen haben."

Meine Großmuiter erhob den Kopf und seufzte. „Vielleicht," sagte sie. „Aber