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JK 183. Freitag, de« 12. August 1881

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O Rußland.

(Schluß.)

Die Unmöglichkeit geregelter Wahlen, Verschiedenheit der Religion und Sprache lassen also ein allgemeines Parlament für Gesammtrußland nicht durchführbar er­scheinen. Auch die gewaltigen Standes« unterschiede und Standesvorurtheile treten hindernd in den Weg. Der Edelmann wird sicher nicht mit seinem frühem Leibeignen auf einer Bank sitzen und denselben als gleichberechtigten Gesetzgeber neben sich dulden wollen.

Ist nun auch ein Parlament für das gesammte Reich eine Utopie, so läßt sich nicht leugnen, daß vielleicht eine ständische Verfassung für einzelne Provinzen, wenigstens die civilisirteren, durchführbar und daher ins Auge zu fassen wäre, eine Ansicht, die auch unser Kenner russischer Zustände ver­tritt. Er schlägt folgendes vor: Das europäische Rußland wird in folgende Theile getheilt: Großrußland mit (russischer Parlamentssprache und griechischem Ritus, untermischt mit Mohamedanern), Kleinruß- land (mit kleinmssischrr Sprache und griechischem Ritus, untermischt mit Juden), Polen (mit polnischer Sprache und kath. und unirtem Ritus, untermischt mit Juden), Kurland und Südlivland (im Oberhause deutsch, im Unterhause lettisch, mit luthe­rischem Ritus), Nordlivland und Esthland (im Oberhause deutsch, im Unterhause esthnisch, mit lutherischem Ritus), Finnland (im Oberhause schwedisch, im Unterhause finnisch, mit lutherischem Ritus). In dem Völkergewirr des Kaukasus und der übrigen

asiatischen Gebiete ist eine Constitution überhaupt nicht möglich, wird auch von den Völkern dort gar nicht verlangt. Jeder der bezeichneten Landestheile müßte eine den Eigenthümlichkeiten des Volkes Rech­nung tragende Verfassung erhalten und zwar müßte in jedem Lande ein Oberhaus und ein Unterhaus existiren. Diese Land­tage hätten sich nur mit den speciellen Landesangelegenheiten zu befassen, außer­dem hätten dieselben zu bestimmten Zeiten Delegirte nach der Reichshauptstadt zur Berathung der allgemeinen Reichsange­legenheiten zu senden, natürlich solche Depu- tüte, die christlichen Glaubens und der Reichssprache mächtig wären. Die Wahlen der Einzellandtage hätten nicht auf dem Wege des allgemeinen Stimmrechtes, son­dern durch die Korporationen zu geschehen.

Rußland für ein parlamentarisches Re­giment fähig zu machen, dazu gehören, so schließt die,O. V.', gewiß noch viele Jahr­hunderte der Entwickelung. Ob auch nur einmal die angedeutete Organisation das Wohlsein des großen Reiches fördern, ob dieses überhaupt als Ganzes bestehen bleiben dürfte, ist eine andere Frage. Wir glauben, daß da» Reich früher oder später auseinanderfallen wird in Folge seiner eigenen Unbeholfenheit und Fäulniß. Vor­läufig wird es nur durch einen einheitlichen starken Willen zusammengehalten werden können, der es zugleich versteht, der Cor- ruption nachhaltig entgegenzuarbeiten, und die allmählige Heranbildung corporativen Lebens ins Auge faßt. Sollte das unge­heure Reich aber auseinanderfallen, so ist

wahrscheinlich, daß bei den großen Natur­schätzen des Landes aus den Trümmern bald viele neue selbstständige Staaten em­porblühen, die sich der Cultur des Westens dann anschließen würden, wenigstens so weit das europäische Rußland in Betracht kommt.

Eine andere Frage würde weiter dahin lauten, zu welcher Zeit und an welchem Tage soll die Volksvertretung stattfinden? Am Besten würde sich Moskau zum Orte der Versammlung eignen, da es ziemlich in der Mitte des Reichs, wenigstens des euro­päischen Rußlands, liegt. Aber welche Unge­heuern Entfernungen hätten die Deputirten auf der Hin- und Rückreise zurückzulegen, namentlich wenn eine Vertretung des Riesen - reiches durchgeführt werden sollte! Welche Kosten an Geld würden damit verbunden sein, zumal die Verkehrsmittel in Rußland wenig ausgebildet sind, Eisenbahnen, Posten rc., nur einzelne Landstriche durch­schneiden! Unter solchen Umständen würde die Gesammtvertretung nur äußerst selten, vielleicht alle 10 Jahre einmal zusammen­kommen können. Für die Zeit der Sitz­ungen müssen die Festtage der Hauptreli- gionen und Confessionen in Anrechnung ge. bracht werden. In dieser Beziehung will die römische, griechische, lutherische, jüdische und mohamedanische Religionsgesellschaft respectirt sein. An den Sonn- und Fest­tagen ist alle Arbeit streng untersagt, es dürfte also auch keine Parlamentssitzung abgehalten werden. Zu diesen Festtagen kommen noch Staats- und nationale Feier­tage, als die Geburtstage des Kaisers und

io

Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B. (Fortsetzung.) ;

Unfähig eine heftige oder eckige Bewegung zu machen, richtete meine Schwester sich mit einer anmuthigen wellenförmigen Be­wegung auf und sah mir in» Gesicht.

„Du bist älter al» ich, nicht wahr, und Du willst mich glauben machen, daß Du da» Alter von neunzehn Jahren erreicht hast, ohne daß Dir jemand den Hof ge­macht hat? In der That," fuhr sie fort, während sie sich noch bequemer in die Ecke kauerte, „bei dem Leben, da» Du hier führst, dürfte ich mich nicht darüber wundern. Du bist zu schön, um in diesem Loche zu vegetiren. In Rio ging ich viel in große Gesellschaften und meine Stellung fing an, mir unerträglich zu werden. In der Eigenschaft al» reiche Erbin war ich mit Liebeserklärungen überhäuft, ich hatte deren von allen meinen Anbetern bis über die Ohren genug. Wie beneide ich Dich um die Freude, die Du über Deinen ersten Ball haben wirst!"

„Meine jüngere Schwester war entschieden nicht so jung als ich."

„Ich," versetzte sie nach einem augen­blicklichen Schweigen, „ich hatte immer be­schlossen, nur einen Franzosen zu heirathen. Zudem weiß ich sehr gut, daß ich in Paris mit meiner Schönheit und meinem Vermögen nur zu wählen haben werde. Das Loos eines jungen Mädchen«, das von seinem Vater auf die Bälle geschleppt wird, gefällt mir nicht, deshalb will ich mich beeilen. Auch will ich frei sein und einen Mann haben, der selbst frei ist, um unter meinen Befehlen stehen zu können, der nicht eine Stellung hat, durch welche er gebunden ist, wie z. B. Herr von Villery, um von einem Ende Frankreich» bi» zum andern seinem Regimente nachzu­laufen."

Ich war buchstäblich betäubt. O mein Ideal: Anita, welche malte, la» und mit mir meine Blumen pflegte!

Die Wirklichkeit diese» Ideale« blickte zerstreut an den Wänden umher.

„Ist diese Sudelei, welche da hängt, ist sie da« Porträt von Jemand?" fragte sie, mit einer nachlässigen Bewegung auf ein Gemälde zeigend.

„Was für eine Sudelei?" fragte ich mit einer scheinbaren Ruhe, denn innerlich fühlte ich mich störrisch wie ein wüthender Hahn.

. „Nun, dieser abscheuliche Alte im schwarzen Schlafrocke?"

I„E» ist eine Copie nach Rembrandt, von Herrn von Villery !" antwortete ich trocken.

„Herr von Villery! Der Hauptmann von Villery! Oh, die lächerliche Idee!"

„Liebe Agnes!" sagte sie nach einigen Augenblicken, „ich hoffe, wir werden sehr glücklich zusammen sein, und unser Besuch wird ein wenig Munterkeit in Dein ein­förmige» Leben bringen!"

Dieses sagend nahm sie eine solche Gönnermiene an, die meine Eigenliebe als ältere Schwester verwundete.

„Papa hat mir oft von seinem Wunsche gesprochen, Deine Bekanntschaft zu machen, er hätte Dich gerne besucht, aber Brasilien ist so weit! Papa liebt mich sehr, er ist trotz seines strengen Aussehens doch leicht zu leiten, er thut Alles, was ich will, das heißt nicht alle Tage, und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist er uner­bittlich — ein Beweis davon ist seine Weigerung, mich direct nach Paris zu bringen und mir diese unerträglichen sechs Monate, die ich hier zubringen soll, zu er­sparen. Mein Gott, was wird aus uns werden! Du liesest doch wenigstens? Hast Du Bücher, und erhältst Du Mode­zeitungen ?"