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Donnerstag, den 11. August 1881

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O Rußland.

(Fortsetzung.)

Will man eine Volksvertretung einsühren, so ist zunächst die Frage: wie sollen die Abgeordneten gewählt werden? Zur that- sächlichen Beantwortung dieser Frage fehlt in Rußland die statistische Grundlage. Es gibt dort keine Volkszählung; die Angaben der geographischen Handbücher beruhen auf ungefähren Schätzungen. Einigermaßen sichere Angaben über die Einwohnerzahl existiren nur über die Provinz Polen, die Ostsee­provinzen, von welchen letzteren das Groß- fürstenthum Finnland überhaupt nur durch Personalunion mit dem übrigen Rußland verbunden ist, und über die beiden Haupt­städte Moskau und Petersburg, wo schon Volkszählungen vorgenommen wurden. Ver­schiedene Versuche, eine allgemeine Volks­zählung ins Werk zu setzen, scheiterten an ungeheuren Schwierigkeiten. In einigen civilisirteren Provinzen ließe sich die Zähl­ung allenfalls unter Aufwendung großer Summen durchführen; aber auch im Norden und Osten des europäischen Theiles unter den Nomadenvölkern, bei den Samojeden, Baschkiren und Wogulen, oder gar im Kau­kasus wo einige Dutzend fast ganz unab­hängige Bergvölker wohnen mit eben so viel Dutzend verschiedener Sprachen? Von dem asiatischen Rußland mit den Steppen­völkern, von Sibirien, kurz von den Völ­kern der ungeheuren Ländergebiete bis China und Indien hin wollen wir hier gar nicht reden. Aber auch in den mehrcivilisirten Provinzen würden sich allgemeinen Volks­zählungen noch andere Hindernisse entgegen»

: stellen, z. B. die Erscheinung, daß ein Theil I der russischen, polnischen und lithauischen $ Bevölkerung fortwährend ein Nomaden- i leben führt. Wird ein Bauer in Deutsch» s land alt, so setzt er sich auf den „Alten- s theil", er wird „Auszüger". In den be- l zeichneten russischen Provinzen tritt der | Bauer sein Gut an den Sohn ab, sobald * dieser sich verheirathet, er selbst aber, auch ; wenn er noch rüstig, ergreift den Wander- \ stab und den Bettelsack, wandert von Hof i zu Hof, von Gnadenort zu Gnadenort, bis : er endlich, oft nach langen Jahren, fern von ) der Heimath int Elend umkommt. So sollen j sich wie ein Kenner der russischen Verhält» niffe, der viele Jahre in Rußland lebte und kürzlich diese Angabe in der,D. V.-Z.' .niederlegte, umständlich nachweist, Millionen, von denen ein Theil noch dem besten Mannesalter angehören, auf fortwährender Wanderschaft befinden. Eine gewisse Art von Auskunft soll man derselben Quelle nach doch über die Bewohner des flachen Landes gewinnen. Vor einigen Decenien wurden nämlich die Leibeigenen gezählt und noch vielfach findet man in Folge davon am Eingänge der Dörfer eine Tafel, wo­rauf der Name des Ortes und die Zahl der „Seelen" verzeichnet stnd. Wohlver­standen, unter „Seelen" sind hier nur die Leibeigenen gemeint. Die Zählung ist in- des längst antiquirt, und es kommt daher nicht selten vor, daß Ortschaften das Doppelte der Zahl Einwohner mehr oder weniger hat, als die Tafel heute anzeigt. Das machen offenbar die „Seelen" I

Hiernach befände man sich also in der

Lage, gar nicht feststellen zu können, wie viele Abgeordnete für einen Kreis festzu­setzen feien, um eine gleichmäßige Ver­tretung zu gewinnen. Ergibt sich solch ein Wirrwar aber schon in den mehr civilisirten Gegenden, so wäre bei der Ausdehnung einer Constitution auch auf die asiatischen Provinzen, sowie auf den Norden, Süden und Osten des europäischen Rußlands gar kein Wahlmodus bestimmt mehr zu normiren.

Und nun ein anderer nicht zu unter­schätzender Nebelstand. Eine Volksver­tretung, soll sie die wirkliche Stimme des Landes darstellen, muß auf unabhängigen Wahlen beiuhen. Unabhängige freie Wahlen würden in Rußland aber zu den Unmög­lichkeiten gehören. Die Bestechlichkeit ist allgemein, der unterste Pollcist und Gens- darm, wie der höhere Beamte bis zum Gouverneur hinauf, der Steuerbeamte wie der Richter kennt nur einen Wahlspruch: „Gott ist groß und der Cza- ist weit!" Für Geld drücken die Organe der Sicher­heit und Gerechtigkeit die Augen zu, und so war es vielleicht nur möglich, daß die Nihilisten bis in die Nähe des Kaisers sich vorwagen konnten. Leider ist das Gehalt der Beamten durchschnittlich so gering be­messen, daß sie zu derartigen Unredlichkeiten greifen müssen, um überhaupt existiren zu können. Aus solchen Nebeneinnahmen macht man gar keinen Hehl, die Annahme solcher Trinkgelder gilt geradezu als nicht unanständig, weil man gewissermaßen da­rauf angewiesen ist. Charakteristisch ist in dieser Beziehung eine Mittheilung, welche ein langjähriger Beobachter russischer

9 Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B.

(Fortsetzung.) i

Sie küßte Anita, und dann sprach man vom Wetter, von dem Reisegepäcke, welches ankam, von dem Wege von Pressigny bis Villery, und von allen bi< n Kleinigkeiten, welche den Gegenstand der Unterhaltung wahrlich nicht bilden, wen. man vom anderen Ende der Welt ankommt und sich seit vielen Jahren nicht gesehen hat. Ich fühlte, daß es für Jeden von uns ein Augenblick der Verlegenheit war, und war also sehr zufrieden, als Anita mich bat, sie in ihr Zimmer zu führen.

Hier erst sah ich das Gesicht meiner Schwester; sie legte Hut und Schleier ab und stellte sich vor den Spiegel. Sie war wirklich sehr schön, nicht so groß als ich, aber sehr geschmeidig, ein gewisser Zauber war über ihre ganze Person verbreitet.

Ich bin sicher, daß ich neben ihr einer Schülerin glich, die zu schnell gewachsen, denn ich war nur ein große» Kind und meine Schwester schon ein erwachsenes Mädchen. Sie ordnete sorgfältig die Locken ihrer prachtvollen schwarzen Haare. E» fiel mir ein, in dem Spiegel mein Ge

I sicht mit dem ihrigen zu vergleichen, um eine Aehnlichkeit darin zu finden, ich fand deren nur eine: die Farbe unserer Haut. Was bei einer Normannin mit blonden Haaren und blauen Augen ganz natürlich ist, wurde bei meiner Schwester eine um so auffallendere Schönheit, weil ihre schwarzen Haare einen blauen Widerschein hatten und ihre dunkelgrauen Augen, von lichten schwarzen Augenlidern umgeben, ihnen eine reizende Anmuth verliehen.

Als sie mein Gesicht im Spiegel be« merkte, wendete sie sich lächelnd gegen mich und brach in Entzücken au» über meine monben Haare, und wunderte sich, daß ich so groß sei; alsdann klagte sie über große Müdigkeit.

„Papa hatte den sonderbaren Einfall mit > oem ersten Zuge abreifen zu wollen, iq) mußte sehr frühe aufstehen, um bereit zu sein-"

„Wollen Sie sich ausruhen?" fragte ich schüchtern, denn meine Schwester kam mir vor wie eine vornehme Dame, die mich mit ihrem Besuche beehren, wollte.

„Sie, ausruhen? Agne», in welch' fremdem Tone sprichst Du? Komm küsse mich, denn ich rechne darauf, daß wir gute Freundinrm und zärtliche Schwestern sein werden?

Sie setzte sich mit einer leichten Be­wegung in die Ecke des Sopha's und stützte ihren hübschen Kopf auf den Arm.

„Du wirst mir," sagte sie, „ein wenig von dem Leben erzählen, das Tu in dieser abscheulichen Baracke führst. O weh! sie ist ja traurig und häßlich, wie ein Grab." — Hatten mich denn meine Ohren ge­täuscht, oder hatte ich sie zehn Minuten vorher sagen hören, daß Villery ein reizender Ort sei. — „Sage mir, was Du machst um Dich zu unterhalten?"

„Ich male, ich lese, ich habe Hühner, Tauben, eine Menge Blumen, ich beschäftige mich mit den Schulkindern von Villery und in ihren Schulfeiertagen spiele ich mit ihnen."

„Alles dieses ist sehr kindlich, ich hoffe Du hast mir noch andere Zerstreuungen anzubieten. Gebet Ihr Feste und Bälle? Gibt es ein wenig Nachbarschaft hier?"

„Ich war zweimal in Pressigny im Theater, aber nie bin ich auf dem Balle gewesen," sagte ich erröthend, denn ich war noch zu einfältig, um mich meiner Uner­fahrenheit nicht zu schämen.

„Du bist nie auf dem Balle gewesen?" wiederholte meine Schwester, mich wie einen seltenen Gegenstand betrachtend, den sie zum erstenmale sah.