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Freitag, den 5. August S8M

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* Unsere Aussichten.

Die ,Heff. Blätter' enthalten im neuesten „Kirchlichen Monatsbericht" ein Räsonne­ment über die treibende Kraft im „Cultur- kampf" und über deren dermalige Richtung, das wir, da es im großen Ganzen nicht unzutreffend ist, unseren Lesern zur Beherzigung vorlegen wollen. Die .Hess. Blätter' schreiben: „Wie sehr der Cultur« kampf in Preußen die starken Wurzeln seiner Kraft in der ganzen Richtung unserer Zeit mit Rolhwendigkeit hat, und nicht in den zufälligen Berechnungen der Staaten­lenker, wird schon durch den bloßen äußeren Umstand zur unwidersprechlichen Wahrheit, daß dieser „Culturkampf" trotzdem, daß Staat und Kirche unter seiner Last seufzen und in Wahrheit eigentlich niemand mehr recht Gefallen an der Culturpaukerei findet, absolut nicht weichen und nicht wanken will. Die e r rief, die Geister, wird er nun nicht los — der „Staat" nämlich die Maigesetze. Nichts deutet denn auch in den Monaten Mai und Juni darauf hin, daß der Culturkampf dem Culturfrieden Platz machen wolle.

Vor allem haben sich die eigentlichen Patrone des Culturkampfes, die Rational- liberalen, deutlich dieserhalb ausgesprochen! Sagen sie doch in ihrer neulichen großen Erklärung: „. . . Aber den nothwendigen und unveräußerlichen Rechten des Staates gegenüber der Kirche wird sie (die nat. Partei) keinen Abbruch geschehen laffen, namentlich auch nicht auf den Gebieten der Schul- und Ehcgesetzgebung, wo Uebergriffe kirchlicher Reaction gerade in Deutschland

stets am peinlichsten empfunden sind und am unheilvollsten gewirkt haben." Das ist unmißverständlich; denn man weiß ja, was im Lexicon der nationalliberalen Sprache „Rechte des Staates" und „Uebergriffe kirchlicher Reaction" zn bedeuten haben.

Run kämen die „Confervativen." Diese Herren haben auch jetzt wieder dafür ge­sorgt, daß sich niemand in ihnen täusche und ihnen etwas Besseres als „Conserva- tives" zutraue. Man denke z. B. nur an das „conservative" Verhalten in der Petition« - commission des Reichstages, wo es sich, etwa Mitte Mai, um die Petitionen gegen die Zwangscivilehe handelte. Hier brachte es gegenüber dem nationalliberalen Antrag auf einfachen Uebergang zur Tagesordnung „conservative" Entschiedenheit zu dem An­träge auf „Ueberweisung" an den Fürsten Bismarck zur „Kenntnißnahme". Oder wenn selbst die confervativen Socialre­former, die am 18. und 19. Mai zum zweiten Male in Berlin tagten und durch ihr Auftreten gelegentlich ihrer ersten Ver­sammlung in Frankfurt a. M. am 10. Nov. v. I. zu den schönsten Hoffnungen berechtigten, sich in die Schaaren des Anti- semiten-Kreuzzuges (?I) mit zeitgemäß „ger- manischer" Wonne einreihen und sich auch sonst das Zeugniß müssen ausstellen lassen, nichts Anderes als eine Verstärkung der Partei Bismarck zu fein, dann wissen wir, wie viel der Culturfriede auch von diesen „Social-Conservativen" zu erwarten hat.

Aber der Reffe des als „Reactionärs" so verhaßten Mühler ist Cultusminister ge­worden! soll denn das auch nichts helfen?

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Tante Agnes.

Novelle von O. de C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B.

(Fortsetzung.) i

Meine Schwester, welche bis dahin eine Mythe für mich gewesen war, zeigte mir in demselben den Tod ihrer Mutter an, so wie den Entschluß unsere» Vater«, sich in Frankreich niederzulassen.

AIS ich klein war und in meinen Bilder­büchern die Holzschnitte mit den indianischen Rothhäuten sah, waren meine geographischen Begriffe noch sehr unvollkommen und ich dachte mir meinen Vater, von dem man mir sagte, daß er in Amerika sei, tätowirt, mit Federn auf dem Kopfe und mit einem ungeheuren Tomahawk bewaffnet. Später hatte ich einige Mühe mich von diesem Bilde loszumachen.

Ohne daß meine Großmutter e» mir je­mals anvertraut hatte, fühlte ich doch, daß sie meinen Vater nicht liebte und weit da- von entfernt war, über seine Ankunft das­selbe Glück zu empfinden wie ich.

Deshalb zog ich vor, mit Friedrich von meinen Plänen und Hoffnungen zu sprechen, denn die Ankunft meine« Vaters, den ich schon ganz vorbereitet war zu verehren und meiner Schwester, welche mir schon die edelste

Freundschaft einflößte, erfüllte mein Herz : mit ungemischter Freude.

I Ich hatte mir von meiner Schwester ein i Ideal gemacht, das ich mit allen Talenten j und Vorzügen geschmückt, und wollte einen ! Brief von ihr, den ich in meiner Tasche ! hatte, nicht zeigen, denn e« kostete mich ’ Mühe zu gestehen, daß mein Ideal das i Französische sehr schlecht schrieb und viele ! orthographische Fehler machte. Um sie zu i entschuldigen, sagte ich mir, daß ihre Geburt und ihre Erziehung eine Fremde aus ihr gemacht hatten, obschon sie Französin und meine Schwester war, und daß sie sehr jung sein müsse.

„Friedrich, wie alt ist meine Schwester?" fragte ich nach einigem Stillschweigen.

--Siebzehn Jahre, zwei Jahre jünger als Du."

Zwei Jahre jünger als ich! Ich suchte mich zu erinnern, was ich vor zwei Jahren war.

Ich war für mein Alter noch sehr Kind und zwei Jahre schienen mir ein sehr be­deutender Zeitraum. Ich erinnerte mich, daß meine Großmutter mir mit siebzehn Jahren noch nicht die Schlüssel der Vor- rathrkammer anvertraut hatte, und daß Herr Rodelet, ein Gymnasiallehrer aus Presfigny, noch jede Woche zweimal kam, i um mir Literaturstunden zu geben, daß ich

Als wenn man nicht wüßte, daß gerade der conservative Mühler e« war, unter dessen Auspicien die Maßregelungen der hessischen (!) Pfarrer ihren Anfang nahmen. Und als ob für Herrn v. Goßler seine persönliche Zugehörigkeit zu positiv-christ. sicher Richtung mehr Einfluß auf sein Portefeuille haben müsse als bei v. Putt- kamer, dem eben dieselbe Richtung kein Hinderniß war, zwei volle Jahre hindurch den alten Faden maigesetzlicher Staats­autorität mit „conservativer" Nummer weiter zu spinnen. Und in der That, daß auch Herrn v. Goßler weder der conserva­tive Onkel noch die eigene „Richtung" ab­halten wird, die conservative Nummer des maigesetzlichen Fadens fortzuspinnen, — alles Kopfzerbrechen darüber hat er uns erspart; die Wahl des Gcheimraths Lucanus, dieses alten Mitarbeiters Falk'S, zum Unterstaatssecretär im Cultus-Mini- sterium bürgt zur Genüge für den alten Faden. Gar nicht davon zu reden, daß die ,Elberf. Ztg.' rühmt, Herr v. Goßler fei in erster Linie „strammer Preuße", und erst in zweiter Linie ein Deutschcouferva« tiver."

Die dünnen und wenigen Strahlen, welche die Sonne des Culturfriedens dann und wann durch das düstere Wo!kenmeer des Kampfes hindurchsendet, reichen niemals aus, um einen Hellen freundlichen Tag des Friedens zu bieten, ebensowenig wie die Sternschnuppenschwärme am 10. August es fertig bringen werden, die Erde aus ihrer Bahn um die Sonne zu werfen.

noch oft über die strengen Zurechtweisungen meines alten Musiklehrers, wenn ich eine falsche Note spielte, bitterlich weinte, und es schien mir, daß ich zu dieser Zeit noch ein ganz kleines Mädchen gewesen fei.

Diese unbekannte Schwester, deren Por­trät ich nicht einmal gesehen hatte, denn zu dieser Zeit war die Photographie nicht so gewöhnlich als heute, lieferte meiner Ein­bildungskraft einen unerschöpflichen Stoff. Ich dachte sie mir mit demselben Geschmacke und denselben Ideen wie die meinigen, und als die Aelteste wäre ich vielleicht dazu berufen, ihre Erziehung zu vollenden.

Wir würden zusammen lesen, musiciren und malen, denn ich glaubte, mein Vater hätte ihr gewiß den Geschmack zur Kunst beigebracht. Ich war ein Kind der Ein- samkeit. Mit Ausnahme einiger seltener Besuche hatte ich nie mit anderen jungen Mädchen Umgang gehabt.

Obschon ich in Paris geboren war, hatte ich doch nie Villery verlassen, wohin meine Großmutter sich nach dem Tode ihrer Tochter, welche sie unendlich lieble, zu ihrem Sohne dem Grafen von Villery, dem Vater Friedrichs, zurückgezogen. Sie hatte sich ganz meiner Erziehung gewidmet und war für mich die geduldigste und verständigste Erzieherin.