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JVi. 174« Dienstag, bett 2. August 1881

Fuldser

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O Der Handel und die Juden« (Von einem liberalen protestantischen Kaufmanns.)

Die »Kölnische Zeitung' befleißigt sich mit anerkennenswerthem Eifer, den deutschen Kaufleuten und Industriellen immer neue Gebiete zu bezeichnen, wohin der Absatz unserer Maaren ein lohnender sein würde, aber gleichzeitig macht sie der deutschen Ge­schäftswelt stets aufs Neue den Vorwurf, daß sie durch unreelle, sogar betrügerische Lieferungen das Vertrauen des Auslandes verscherzt habe, und knüpft zugleich die ernste Mahnung daran, doch endlich die unreellen Principien zu verlassen und durch Ehrlichkeit im Handel und der Industrie das verlorene Vertrauen wieder zu ge­winnen. In einem Artikel vom 16. Juli, erstes Blatt, überschrieben: „Deutsche Lands- leute und deutsche Jntereffen in Bukarest" finden sich abermals folgende Sätze: „Man ist auch hier gegen die deutsche Maare sehr mißtrauisch geworden, in Folge einer gewissen Unsolidität, von der nunmehr bereits bis zum Ueberdruß gesprochen und geschrieben worden ist, aber wie es scheint, noch immer nicht mit der wünschens- werthen Wirkung. Glaube man nur um Gotteswillen nicht, daß die Leute in Halb- asten nicht ein seines Unterscheidungs-Ver- mögen hätten zwischen zuverlässigen und zweifelhaften Lieferanten. Genau, wie in Marocco, wo ich vor einigen Jahren auch zu meinem großen Leidwesen die deutsche Industrie in übelem Rufe fand: die erste Be­stellung richtig ausgeführt, die zweite betrü­gerisch, sei es in Qualität, sei es in Maß!"

Die Wahrheit dieser oft und aus allen

Gegenden gehörten Aussprüche ist gewiß nicht anzuzwetfeln, aber trotzdem muß man sich fragen: Verdient das deutsche Volk, dessen Redlichkeit und Ehrlichkeit seit Jahr­hunderten sozusagen sprichwörtlich geworden ist, als solches den Vorwurf, daß es in dieser Beziehung total entartet sei? Ist es nicht genug» daß das Ausland uns als Betrüger betrachtet und behandelt, und 'hätten große deutsche Blätter nicht eher die Pflicht, dm wahren Ursachen dieser, jedes wahrhaft patriotische Gemüth tief betrübenden Thatsache nachzuforschen undj schonungslos gegen die allein Schuldigen vorzugehen, anstatt der ganzen Geschäftswelt den Vor­wurf in's Gesicht zu schleudern: „Ihr seid Betrüger, bessert Euch"!!

Die wahre Ursache liegt darin, daß in unserem guten Deutschland das Geschäft beinahe vollständig in den Händen der Juden ist.

Meiner Ansicht nach wird bei allen anti­semitischen Bestrebungen der Jude viel zu einseitig nur als Wucherer und Halsab­schneider charakterisirt, und der viel größere Nachtheil, den er unserem Volke durch sein Gebühren als Kaufmann zufügt, indem er den deutschen Namen im Auslände ver­ächtlich macht, das Volk auf geschäftlichem Wege mehr noch, als durch baare Darlehen und Wucher ausbeutet, und durch seine laxen Geschäftsprincipien das ganze deutsche Geschäftsleben tnficirt, so daß selbst dem deutschen GeschäftSmanne die Ehrlichkeit im Handel und Wandel noch gänzlich ab­handen zu kommen droht, viel zu wenig hervorgehoben.

Unsere Hauptconcurrenten auf dem Welt­markt sind England und Frankreich; in diesen Ländern sind die Juden so wenig zahlreich vertreten, daß sie auf die Geschäfts- principien im großen Ganzen einen erheb­lichen Einfluß nicht gewinnen konnten. In dem geschäftlichen Verkehr der Engländer und Franzosen, sowohl unter sich als mit dem Auslande, herrschen ausschließlich eng­lische, resp. französische Principien. In Deutschland ist dies anders. Durch die außerordentlich große Anzahl der Juden, welche mit verschwindenden Ausnahmen sämmtlich Handelsleute, seit einigen Decen- nien sogar auch Fabricanten und Industrielle sind, ist das Geschäft so sehr in deren Hände gekommen, daß sie dasselbe vollständig be- herrschen und ihm so sehr ihren Stempel aufgedrückt haben, daß von deutschem Ge- schäftsprincip kaum noch eine Spur vor­handen ist, und das Princip der unreellen Uebervortheilung gänzlich die Oberhand ge­wonnen hat, und zwar ebensowohl im in- nern Verkehr, wie naturgemäß auch im Handel mit dem Ausland.

Werfen mir einen Blick auf das Ge­schäft im Inland. Tausendfältig erschallen die Klagen der deutschen Kaufleute, daß gegen die jüdische Concurrenz nicht aufzu­kommen sei, und auf diese Klagen lautet die höhnende Antwort: „Der Jude ist eben intelligenter und fleißiger, als Ihr, er ver­steht sein Geschäft besser, disponirt vorsich­tiger, ist findiger in Bezugs- und Absatz­quellen und deshalb kommt er besser voran, mit einem Worte, er ist Euch in jeder Be- Ziehung überlegen." Alles dies ist unge-

Tante Agnes.*) 1

Novelle von O. be C.

Ins Deutsche übersetzt von M. B.

I. Capitel.

Ein Frühlingsmorgen.

Ein Frühlingsmorgen! Welch'unerschöpf, licher Gegenstand frischer, poetischer Be- schreibung! Die Literatur» die Poesie und die Künste bemächtigen sich seiner der Reihe nach und suchen alles aufzuwecken, was von jungen und freudigen Erinnerungen auf dem Grunde unserer Herzen schlummert, und durch das tägliche prosaische Leben mit feinen Sorgen, seinen Täuschungen, welche zuweilen peinlicher find als der Kummer selbst, niedergehalten wird. Der angenehme Geruch des blühenden Weißdorns, Nachti­gallen in den Zweigen, Veilchen unter dem Grase, reizender Gemeinplatz, den man nie müde wird zu wiederholen noch zu hören, so wie man nie müde wird, die Erinner­ung einer ersten Liebe, eines ersten Glückes hervorzurufen; so wie die Natur nicht müde wird, alles hervorzubringen, was jung und schön ist, noch Gott müde wird, die Sonne glänzen zu lassen, welche uns den Frühling zurückbringt.

*) Nachdruck verboten.

Dieser Gedanke beschäftigte mich diesen Morgen, als ich durch die Allee ging, welche von dem Torfe auf das Schloß von Villery führte. Die großen Eichen, welche im Sommer so schattig sind, fingen an, ihre kleinen, bernsteinfarbigen Blätter zu schütteln, welche nach ihrer langen Gefangen­schaft so schwach und zerknittert sind, daß man Mühe hat, sich sie grün, glänzend und dauerhaft vorzustellen, wie sie in einigen Wochen fein werden. Das Farnkraut unter feinem braunen Flaum, ganz mürrisch, ent­rollt langsam und mit der Haltung einer zornigen Raupe, seine Schleuder, welche die Bildhauer des Mittelalters begeistert zu haben scheinen, als sie die Bischofsstäbe der Siebte in die Steine der Kirche von Villery ein- fchnitten; die Kastanienbäume breiteten die noch welken Finger ihrer breiten, grünen Hände über meinem Kopfe aus, während der in feiner Frühlingstoilette mehr vor­geschrittene Hollunder schon sein hübsches, weißes, duftendes Sternbild mit den wohl­riechenden Syringen (Nägelchen) ver­mischte.

Ich sah, wie die Vögel sich durch die noch zarten Blätter verfolgten und sehr be­schäftigt waren, Strohhalme und Moos zu sammeln, um ihre Nester zu bauen. Alles dieses schien mir so reizend, daß ich ganz

8 bequem jedes Einzelne dieser köstlichen Stunde genießen wollte.

Ich setzte mich am Fuße einer Eiche auf das Moos, fah und bemerkte alles, was ich vor mir hatte, bis auf die Form der Lichtflecken auf dem Rasen, bis auf die Insekten, welche sich summend um mich her bewegten.

» Jedes dieser kleinen Wesen hat seine Ge- j schichte» feine Pläne, feine Vergangenheit i von einem Tag.

( Meine Träumereien wurden durch einen 1 fröhlichen Tusch unterbrochen. Ein Fink | Übertönte mit feinem Gesänge, der einem lauten Lachen glich, die sanften Stimmen der anderen Vögel wie die Trompete in einem Orchester die Violinen übertönt; und ich weiß nicht, warum dieser kurze, hell­tönende Gesang mich plötzlich in eine längst vergangene Zeit zurückversetzte. Wo hatte ich denn diesen Gesang des Finken gehört? Wahrscheinlich vorige« Jahr und alle vor- hergehenden Jahre. Aber warum schien es mir» ihn nur rin einziges Mal vor dem heutigen Tage gehört zu haben?

Aus meinen Träumereien erwacht, erhob ich mich von meiner M'oosSank und setzte langsam meinen Weg fort.

Ich befand mich bald dem Schlosse von Villery gegenüber. Dann blieb ich plötzlich