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M 172. Samstag, den 30. Juli 1881

Jfulbaa

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Z Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Wenn man von der sicheren Höhe der Centrumspartei aus herabschaut auf das Treiben und Wühlen der übrigen Parteien im Lande, dann glaubt man einen Ameisen­haufen zu seinen Füßen zu erblicken, wo Alles durcheinander wimmelt und ein Thierchen über das andere zu klettern trachtet. Und doch hinkt dieser Vergleich, denn in einem Ameisenhaufen herscht wenigstens Ordnung und Regel, und jede Ameise weiß, was sie zu thun hat, was sich von den politischen Parteien hinsichtlich des Wahlkampfes nicht behaupten läßt; da herrscht das heilloseste Durcheinander; der Eine will nach rechts, der andere nach links und der Dritte wo möglich beides zugleich. Ich stand einmal auf einem Leuchtthurme in der Nordsee; der Sturm warf die schaumgekrönten Wellenberge wider den Thurm und das Gestade; das kochte und zischte in der Tiefe und die sturmgepeitschten Wogen rollten wild über­und durcheinander; nirgend war ein ruhiger Punct zu erblicken, und die Theile eines zerschellten Kahne« trieben kreisend in dem Gischte umher. An diese Scene, an diesen Kampf der aufgewühlten Elemente, erinnert mich die Wahlbewegung in Deutschland: das Centrum gleicht dem festen Leucht­thurme, der unerschütterlich in dem Sturme und dem Wogenschwalle dasteht, und unten balgen sich gleich Seeungeheuern die Con« servativen, die Antisemiten, die National­liberalen, die Secessionisten und Fort­schrittler herum; jeder will auf die Ober-

j fläche und den Andern untertauchen; man schimpft, tobt, schreit und klammert sich | mit der Todesangst Ertrinkender an jede Planke, jeden Strohhalm; — es ist ein - Kampf, mehr um'» Dasein, als im In« ' teresie des Landes. Weshalb steht das i Centrum allein fest und unerschütterlich da? ■ Weil es aufgebaut ist auf dem Felsen- ! fundamente gesunder Principien; weil e» - ein klares Programm hat und keine Corn« : promisse kennt; weil es in allen Dingen für das Wohl des Volkes und die Rechte i der Kirche eintritt, ohne nach rechts und 1 links zu liebäugeln. Um die Festigkeit > seiner Position, die wie ein starker Mast j aus dem Sumpfe der allgemeinen Ver- j wirrung aufragt und von allen Gegnern i zugestanden wird, wird es nicht wenig be« ! neidet, — aber ich bin lieber beneidet, als bemitleidet, denn der Neid ist der Sohn

i des Erfolges, das Mitleid der Sohn des ■ Unglückes und Mißerfolges. Und zu dem : Neide gesellt sich der Aerger der Gegner, ! daß die schlesischen Katholiken beschlossen - haben, im ersien Wahlgange stets einsm Centrumsmanne die Stimme zu geben, und bei Stichwahlen, wenn keine Aussicht auf

\ Erfolg ist, solche Candidaten zu unterstützen, \ die vor allen Dingen für die Beseitigung j de» „Culturkampfer" eintreten. Oder hatten die Conservativen etwa erwartet, die Cent-

i rum Spartet werde ihnen, ohne sich weiter um« - zusehen, auf alle Fälle unter die Arme z greifen ? Eine solche Rücksichtnahme verdienen j Leute nicht, die sich wiederholt al» sehr fragliche Bundesgenossen erwiesen haben und nicht einmal die Spendung der Sacra«

mente freigeben wollten! Denn die erste und höchste Forderung des Centrum» ist und bleibt die Beseitigung de» Kampfe» gegen die Kirche; die Socialreform und die wirthschaftlichen Fragen kommen in zweiter Linie. E» ist nun ergötzlich zu sehen, wie manche Gegner dem Centrum Kußhändchen zuwerfen; die fortschrittliche «Berliner Volksztg.' kommt nach einigen Redewend­ungen zu der Einsicht, daß die Aufhebung der Maigesetze eigentlich ganz schön und nothwendig sei. und die secesstonistische,Tri- fcüne', die zwar in der Bekämpfung de» Papstes „eine» der ruhmreichsten Blätter de» Leben» Bismarck's" erblickt, meint mit frommem Augenverdrehen: „Die Beruhig­ung und Befriedigung der religiösen Be­dürfnisse der Katholiken sei selbstverständlich ein Ziel, das der liberalen Bestrebungen im vollsten Maße würdig fei", bezweifelt e« aber zugleich, ob in die Maigesetze ein Widerspruch gegen die Toleranz hineinge- rathen und ob die Gleichberechtigung der Katholiken in Gefahr sei I Und so ein Blatt wagt e«; von „politischer Moral" zu sprechen! Wenn es das System der discretionären Gewalt mit Windthorst ein demoralisiren- des System nennt und ein handgreifliche» Unrecht darin findet, kirchenpolitische For­derungen nur gegen steuerpolitische Gegen- leistungen bewilligen zu wollen, so ist da» ganz schön gesagt, — aber wir kennen unsere Pappenheimer und wissen, was von solchen Redensarten zu halten ist. Wie ganz anders sprachen diese Leute, als sie noch zur ausschlaggebenden Partei gehörten, und wie würden sie heute noch sprechen,

78 Madelon.

Nach bem Franzdstschen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Damit stieß sie die Thür auf, welche halb offen stand. Es war eine mit Ge­mälden und seltenen Pflanzen geschmückte Gallerte, die man für heute in einen Spielsaal umgewandelt hatte. Ohne sich recht bewußt zu werden, sah sie sich plötz- lich mitten in eine Gesellschaft von Per­sonen versetzt, die in tiefster Stille da faßen und ganz in die ernsten Geheimnisse einer Wistpartie vertieft waren. Wie vom Blitze getroffen, blieb sie stehen. Seit jenem peinlichen Auftritte in der Redoute, dessen Erinnerung ihr immer noch wie ein Dorn im Herzen haften geblieben war, hatte sie keine Karten mehr gesehen; ihr Anblick verursachte ihr eine heftige Er­regung und erweckte in ihr lang einge» schlummerte Eindrücke, die jetzt wieder mit einem Male ihr Inneres überflutheten. Sie erinnerte sich jetzt wieder an die letzten Augenblicke ihres Vaters, an seine letzten Worte und an die aufregende Scene mit LegroS; eine Art Schrecken kam über sie, und ihr Anblick haftete unbeweglich und wie versteinert auf den Spielern, die ohne ihre Anwesenheit zu ahnen, ruhig fortfuhren,

die Karten zu mischen und ihre Atout» und ihre Reihe zu zählen.

„Da ist Dein Shawl," sagte Horace, in­dem er ihr denselben um die Schultern warf; „Du hast Dich gewiß beunruhigt, wo ich nur war? Diese Frau

Er hielt mitten im Satze inne. Sie hatte sich umgewandt, und betrachtete ihn verstörten Blicke», da» Gesicht bleich, al» ob sie ein Gespenst gesehen hätte; dann entfernte sie sich plötzlich und ging zu einer Thüre hinaus, welche sich am äußersten Ende der Gallerie befand.

Es regnete; der Garten war hell erleuch­tet gewesen, und venetianische Lampen hingen noch an der Veranda und den Alleen ent­lang; aber sie waren fast alle erloschen; obwohl es Sommer war, war-doch die Nacht dunkel, und der Wind seufzte in den Wipfeln der Bäume. Während Merville auf dem von Regen durchnäßten Wege dahinwandelte, erinnerte er sich unter einem sonderbaren Gefühl eines gewissen Abends, wo er unter ziemlich gleichen Umständen in ähnlicher Weife in den düsteren Alleen der „Prome­nade de Sept-Heure«" in Spa auf der Suche gewesen war. Es war jetzt wiederum dieselbe Madelon, welche vor ihm floh, dahin gleitend wie ein Schatten, ohne inne zu halten noch sich umzusehen. Plötzlich

tauchte sie in einem Dickicht unter und ent­schwand so seinen Blicken gänzlich; aber bald fand er sie in einer an einsamer Stelle de» Parkes gelegenen ländlichen Hütte wieder. Sie saß auf einer Bank, vor Kälte schau­ernd, die Haare wirr herabwallend, die Toilette ganz in Unordnung. Was war mit ihr vorgegangen? Von der größten Angst befallen, suchte er dies zu ergründen.

„Madelon," sagte er mit bewegter Stimme, „was ist vorgefallen? Was hast Du?"

„Lassen Sie mich," rief fie abwehrend, indem fie sich erhob; „ich habe nichts — gar nichts, quälen Sie Mich nicht mit Ihren Fragen! Es war mir warm — darum habe ich die Kühle aufgesucht, da« ist Alles."

„Bleib' nicht länget hier, Madelon, das würde unklug fein."

„Ja, es ist kalt, sagte sie, indem sie den Shawl fester um die Schultern zusammen« zog; „gehen wir in den Tanzsaal zurück. — Ah, tanzen, welche Lust!

„Verzichte für den Augenblick darauf," sagte Merville auf sie zutretend."

„Lassen Sie mich" sagte sie aus'» Neue; „wir haben hier nicht» zu thun, und ich habe Ihren Rath nicht nöthig, Herr Horoce!"

„Erlaube bann wenigfiens", sagte Mer« ville, „daß ich Dir den Shawl so umlege,