JVs. 170. Donnerstag, den 28. Jult rrii
Di« ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertag» ausgenommen. Ran abonnirtggegen Vorausbezahlung zu Fuld'a
t» der Expedition, Buttermarkt Nr. 112 .auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche AbonnementspreiS beträgt ausschließlich Sringerlohn in Fulda ein« Mark und *6 R -Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pf., auswärts bei len Postämtern: bet der Post abgeholt 1 Mark und 60 R.-Pfg., inS Haus gebracht 1 Mark 90 Pfg. Di» MußrirLen Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in s Haus gebracht 40 Pfg Inserate: Di» Petitzelle oder deren Raum 10 Pfg., bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.
kritischen Grevy, der Marionette des eigentlichen Beherrschers Frankreichs, nämlich Gambetta's, in die Regierung galt das Stichwort „Purification des Beamtenstandes und der Armee", und diese Purification ^Reinigung), die nichts besagen will, als Versorgung der Anhänger der jetzigen Machthaber, ist recht gründlich dürchgeführt. Unter solchen Umständen ist erklärlich, daß vielfach an den wichtigsten Puncten die unfähigsten Personen agiren.
Algier verlangt zum Gouverneur einen
Mann, der mit der Eigenschaft eines
tüchtigen Generals die Befähigung eines
tüchtigen Verwaltungsbeamten verbindet
und zugleich ein genauer Kenner von Land und Leuten ist. Die Advocaten-Regierung in Frankreich dachte anders. Wie Gam- betta seinen Anhang versorgte, so auch Grevy. Hatte er seinen Bruder Paul, der sich der militärischen Laufbahn widmete» bereits unter Uebergehung der bedeutendsten Officiere zum Divisionsgeneral und Gene- ral-Jnspector der französischen Armee erhoben, so wäre es ein Verstoß gegen die Collegialität und Berwandtenliebe gewesen, würde er nicht seinen Bruder Albert, einen bis dahin ebenso unbekannten, als dünkelhaften Advocaten, ebenfalls placirt haben. Die alten Republikaner und mit diesen die republikanischen Tugenden sind ausgestorben; die modernen Republikaner sehen in dem Staate nur eine milchgebende Kuh für sich und ihrer Helfershelfer, die schnell ausgesogen werden muß, da die hungrigen Nachfolger auf der Ferse folgen. Der hochmüthige Albert Grevy ward Civil-
Gouverneur von Algier, erhielt also einen Posten, auf welchen bisher nur die tüchtigsten und hervorragendsten Männer berufen wurden. Durch seine Unfähigkeit ist es auch bald dahin gekommen, daß fast ganz Nordafrika im Hellen Aufstande gegen Frankreich begriffen ist. In der französischen Kammer ist die Angelegenheit allerdings zur Sprache gebracht, indeß Grevy und vor Allem Gambetta, dem es daran gelegen ist, wegen der bevorstehenden Wahlen kein? Ministerkrisis aufkommen zu lassen, sondern den ihm ergebenen Minister des Innern für die Wahlbeeinflußung sich zu erhalten, wußte die Karten zu mischen, die Regierung erhielt, wenn auch ein sehr dünnes, aber immerhin ein Vertrauensvotum; in der Verurtheilung des unfähigen Albert Grevy war man jedoch in der Kammer sowohl als in ganz Frankreich, sowie darüber einig, daß in Algier ein durchgreifender Personenwechsel vor sich gehen müsse.
DerrtfcheS «eich.
* Berlin, 26. Juli. Die Zusammenkunft der beiden Kaiser von Deutschland und Oesterreich in Gastein wird nicht am 3., sondern am 4. August erfolgen. Kaiser Franz Josef soll Morgens in Gastein eintreffen und Abends wieder abreisen.
— Graf Wilhelm Bismarck soll sich, wie das .Wiener Extrablatt' aus Pest zu melden weiß, verloben wollen. Die Braut ist nach demselben Blatt Gräfin Helene Andrassy, Tochter des Grafen Julius Andrassy, früheren
Für die Monate August und September nehmen Bestellungen ans die ,Fuldaer Zeitung' alle Postaustatten, Landbriefboten und für Fulda die Expedition, Buttermarkt 112, zum Preife von 1 Mk. (ohne Bestellgeld) an.
O Frankreich und Nordafrika.
Es gibt Staaten, die wohl zu erobern, aber das Eroberte nicht zu verschmelzen, die Besiegten nicht zu versöhnen, überhaupt nicht zu colonistren verstehen. Das ist auch bei Frankreich der Fall; wo zur Zeit nicht das allgemeine Bedürfniß des Staates entscheidend, sondern das Interesse der herrschenden Partei maßgebend ist, wie gewöhnlich in Republiken. Nicht Befähigung, Tüchtigkeit und Charakter bilden den Maßstab und die Bedingung für die Anstellung und Verwendung der Beamten, besonders für die Berufung zu den höchsten Aemtern, sondern ausschließlich republikanische Gesinnungstüchtigkeit; wer irgendwie im Verdachte monarchischer Sympathien steht, oder wer gar zeigt, daß Religion und Kirche ihm noch etwas gelten, darf sicher sein, daß er nicht angestellt, oder, hat er ein Amt, nicht allein nicht befördert, vielmehr bald beseitigt wird, da es an republikanischen Stellenjägern und somit auch an Aufpassern und Denuncianten nicht fehlt. Seit dem Sturze Mac-Mahons, oder, was dasselbe ist, seit Eintritt des demo-
71
Madelon.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)
V. 1
Westbury, Juli 186—.
„Mein lieber Onkel I
„Mama, die heute Migräne hat, beauf- tragt mich, Dir zu schreiben, daß Lady Lorim- mer am 31. einen großen Ball gibt, daß sie beabsichtigt, mit Coosine Madelon dorthin zu gehen, und daß sie sehr glücklich sein würde, wenn Du sie als Cavalier begleiten könntest, da Papa keine Lust trägt mitzugehen. Meine Tante Adelaide wird nächste Woche kommen, um einige Zeit hier zuzubringen, und uns dann unsere gute Cousine mitnehmen und mit ihr nach Cornwalli» zurückkehren. O, wie sehr werden wir sie vermissen! Warum kann sie nicht immer bei uns bleiben! Vergangene Woche hatten wir im Walde ein Picknik arrangirt, und morgen beginnen meine Ferien. Mama hat mir erlaubt, Dein Buch zu lesen, welches mir sehr viel Vergnügen macht. Wir hoffen, theurer Onkel, daß Deine Abwesenheit nicht lange währen wird, und wir erwarten Dich mit Ungeduld.
Deine treue Nichte, Alice."
„Mama bittet Dich, den beifolgenden s Brief zu lesen, welchen sie gestern em- - pfangen hat."
i Das betreffende Billet war von der Hand j Miß Leslie's, und von einem Orte datirt, I1 wohin sie sich kurze Zeit nach der Abreise Horace's begeben hatte, um dort bei Freundinnen zu verweilen. Es lautete folgendermaßen :
j „Liebe Georgine!
| „Ihnen zuerst möchte ich schreiben, um ; Ihnen mitzutheilen daß meine Verbindung ; mit Herrn Norris beschlossene Sache ist.
Sie kennen ihn hinlänglich, so daß ich sein Lob nicht zu singen brauche, und auch nicht erst zu sagen nöthig habe, wie glückli ick bin! Vielleicht finden Sie, daß ich nach Allem dem. was vorgegangen ist, mit zu großer Hast handle; aber ich habe geglaubt, daß es wenig passend, und in gewisser Hinsicht unrecht sei, ihn länger hinzuhalten. Uebermitteln Sie mir Ihre Glückwünsche und zweifeln Sie nicht, daß dieselben mein Glück nur noch vergrößern werden.
Ihre sehr ergebene
Marie Leslie."
Merville langte am 31. mit dem letzten Zuge in Westbury an und begegnete in dem Laueflur Alice, welche ihm mittheilte, daß Madame jVavassour und Madeleine
ihrer Toilette beschäftigt seien. Er ging geraden Wegs auf den Salon zu und fand Madame Treherne unter der Veranda sitzen, wo sie die angenehme Abendluft genoß.
„Sind Sie es, Horace?" sagte sie zu ihm, ihm die Hand drückend; „es ist schon lange her, so hat man mir gesagt, daß Sie Westbury mit Ihrer Gegenwart nicht mehr beehrt haben, und Georgine ist ein wenig eifersüchtig auf mich wegen Ihrer wiederholten Besuche am Westminster-Platze."
„Ich glaube nicht, daß man sich über mich beklagen kann; wenn es etwas auf der Welt gibt, wovor ich einen großen Abscheu habe, dann ist es ein Ball. Gehen Sie auch hin, liebe Tante?"
„Gewiß nicht; Sie werden, denke ich, an zwei Damen genug zu begleiten haben. Da ist gerade die eine derselben."
Es war Madelon, die eben hinzutrat, zum Entzücken schön in ihrer einfachen Mous- selinrobe mit der langen Schleppe, und in dem schönen Blumenkränze, der die Schönheit ihres herrlichen Haarwuchses noch erhöhte. Horace hatte sie nicht mehr gesehen seit jenem Abende, wo sie so plötzlich vom Piano aufgestanden war, ohne ihre Romanze vollendet zu haben. Mit einer gewissen Verlegenheit standen sie nunmehr wieder einan
gegenüber: Madelon trat, um ihre
der
mit