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ekelhaft muß es wirken, daß die Catone der gambettistischen Republik, welche über die Fäulniß und die Verbrechen des zweiten Kaiserreichs nicht genug declamiren können, die „Vorlänzer" sind bei diesem neuesten französischen Riesentanze um das goldene Kalb: Deputirte und Senatoren beuten in Concurrenz mit den Finanzbaronen ihre Stellung aus, um sich am Börsenspiele zu betheiligen, um die faulen Banken und Actiengesellschaften ins Leben zu rufen, um als Verwaltungsräthe, Direetoren u. f. w. sich fette Tantiemen resp. Gehälter zahlen zu lassen.
Tritt der unausbleibliche Rückschlag ein, so ist die nächste politische Wirkung: daß das enttäuschte, um Milliarden betrogene Publicum sich in seiner Verzweiflung dem Radicalismus, der Commune zuwendet. Für die „Fructificirung" dieser Schwindelperiode werden Rochesort und Genoffen zur
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Madelon.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.) ।
Als sie die letzte Strophe vollendet hatte, richtete sie den Kopf in die Höhe, und ihr Blick begegnete demjenigen Horace's, der auf das Piano sich stützend, sie stillschweigend betrachtete. Plötzlich hielt sie inne und ihre Stirne übergoß eine lebhafte Röthe, während ihre Finger träge auf ihren Knieen ruhten. Als sie sich umwandte, sah sie, wie Marie sie starr anblickte.
„Was ist es warm!" rief sie aus, die Haare mit einer Geberde der Ungeduld zurück- werfend; „man erstickt hier förmlich!"
Damit erhob sie sich uud verließ den Salon.
Sie stieg die Treppe hinauf und am äußersten Ende des tsanges angelangt, trat sie in das Kinderzimmer, fiter athmete Alles friedliche Ruhe; in einer Ecke des geräumigen, frischen und gelüfteten Gemaches schliefen in ihren Bettchen zwei hübsche Geschöpfe, deren ruhige, regelmäßige Alhemzüge allein ihre Gegenwart verriethen.
Madelon blieb einige Minuten lang stehen und betrachtete sie; dieser Anblick schien einigermaßen die Aufregung zu beschwichtigen, die ihr den Kopf heiß gemacht und
für entging,"um in eine große Speculation hinein zu fallen. Anfangs war es nicht recht klar, wie die Listenwahl mit der Dictatur zusammenhing. Erlauben Sie, daß ich es etwas auseinandersetze. Man würde Gambettas Namen an die Spitze jeder Liste gesetzt haben und Dank der ausgezeichneten Disciplin die unter den opportunistischen Massen herrscht, wäre er wahrscheinlich in fünfzig Departements. gewählt worden. Bei dem ersten Bekannt- werden dieses Resultates wärm seine Leute durch jede Straße in Paris gerannt, brüllend: „Es lebe Gambetta". Alles Mögliche wäre dann angewandt worden, um den alten Grövy zur Resignation zu drängen. Von allen, selbst von seinen Ministern verlaflen, wäre ihm nichts Anderes übrig geblieben, als dieser erlogenen Manifestation der öffentlichen Meinung sich zu.fügen/'
Das war allerdings die Speculation Gambettas und seiner Trabanten, die glücklicherweise durch die Haltung des Senates vereitelt wurde. Was Rochefort über die schwindelhafte Bereicherungssucht so vieler Volksvertreter sagt, ist leider auch nur allzu wahr: eine großartige wilde Gründerepoche ist über Frankreich hereingebrochen, ungezählte Banken, Actiengesellschaften u. s. w. wachsen aus der Erde heraus, — ganz wie in den Schwindel jähren 1868 — 73 in Oesterreich und Deutschland. Bereits berechnet man die Werthe nach Milliarden, welche die neuen Banken und Actiengesellschaften „repräsentiren", richtiger: verschlangen. Der Endeffect wird derselbe sein, wie 1873 und 74 bei uns: ein gewaltiger Krach wird Tausende ins Verderben, in das Elend stürzen. Die Faiseurs aber, die gewandten „Schöpfer", Patrone und Agnaten der Banken und Schwindelinstilute, sowie die Börsenjobber, werden dann „ihr Schäfchen im Trocknen haben". Geradezu das Herz zu gewaltsamem Pochen gebracht hatte; dann trat sie in das anstoßende Zim- mer, dessen Fenster auf einen Balkon hinaus- ging, und wo hinter schneeweißen Bettvorhängen Alice schlief.
„Bist Du es, Cousine Madelon?" frug sie mit ihrer zarten, lieblichen Stimme; „ich schlafe noch nicht, komm' und wünsche mir gute Nacht."
Madelon schritt zunächst auf den Balkon zu, welcher auf den Rasenplatz hinausging. Große Bäum? warfen ihren Schatten quer über denselben; aber außer diesen unbeweglichen Schatten gewahrte sie auch solche, welche sich bewegten; nämlich zwei Personen, welche auf und abgingen und zugleich lebhaft mit einander sprachen. Ein plötzlicher, heftiger Schmerz durchbohrte ihre Seele. Wie glücklich waren die beiden Verlobten, die da unten mit einander plauderten, während sie selbst der schrecklichsten Einsamkeit überlassen war!
„Komm' doch, ich bitte Dich, Cousine Madelon," rief Alice von Neuem; „komm, wünsche mir gute Nacht und umarme mich."
Madelon trat näher, und am Bette nie» derknieend, legte sie den Kopf auf das Kissen neben Alice, die sie mit ihren Armen umschlang — die unschuldige Zärtlichkeit
l Zeit schon ausgiebig sorgen.
I Um der Menge zu schmeicheln, haben ge» l rade die Finanzgrößen und Finanzinstitute s von Paris stch beim „Nationalfeste" durch den Reichthum des Flaggenschmucks an ihren i Hotels hervorgethan. Ja, die Huldigung, welche das Finanzjudenthum der Revolution ; darbrachte, ging so weit, daß, wie auf dem Börsenplätze, so in der Börse selbst die ganze Nacht hindurch für das Volk Frei- tanz veranstaltet wurde. Wird das helfen? Man müßte sehr naw sein, das zu glauben. Kommt der Krach, — er wirft seine Schatten
vor sich her, — kommt mit ihm die Commune, — und sie ist unausbleiblich, dann geht es den „Richards", den Finanzleuten des Kindes fiel wie ein Balsam auf das verwundete Herz des jungen Mädchens.
„Meine kleine Alice," sagte ste dann zu ihr, „wie sehr möchte ich noch in Deinem Alter, noch ein Kind sein, gleich Dir!"
„Wirklich?" sagte Alice erstaunt; „und ich möchte gern so groß und so schön sein, wie Du, und so gut singen können wie Du. So eben hast Tu gesungen, und ich hatte das Fenster geöffnet, um es besser hören zu können; weshalb hast Du so bald auf- gehört?"
„Es war zu warm," sagte Madelon, mährend sie fühlte, wie ihr bei dem Gedanken an den Vorfall das Blut in's Gesicht schoß; „und dann, Alice, ist man nicht immer da- zu aufgelegt."
„Wolltest Du mir nicht etwas Vorsingen Cousine Madelon, ehe ich einschlafe?"
Noch immer auf den Knieen, begann Madelon eine französische Romanze mit zahlreichen Couplets vor stch her zu trillern, die einen leichten, melancholtschen Charakter trugen. Noch ehe sie geendet hatte, waren Alice die Augen zugefallen, und sie lag in süßem Schlummer da. Geräuschlos erhob sich Madelon, und drückte einen Kuß auf die Stirne des Kindes; dann kehrte sie, ? als ob eine unwiderstehliche Macht sie anzöge, ■ zum Balkon zurück.
O Eine neue sociale Gefahr inj der Hauptstadt an der Seine.^k
Inmitten zu den Vorbereitungen auf das „Nationalfest", das nun mit seinem Spectakel vorübergerauscht ist, erscholl die Stimme eines Anklägers und Mahners den Gambettisten grell in die Ohren. Rochefort hielt wieder in Belleville eine jener donnernden Reden, welche neben „blühendem Blödsinn" auch manches Körnlein Wahrheit enthalten. So sagte er nach der ,Fr. V/ u. A.:
„Bei den nächsten Wahlen wird man wieder alle möglichen Versprechungen machen, die, wie gewöhnlich, nicht gehalten werden. Vor Allem müßte man die Deputirten fest verpflichten, daß sie stch nicht in jene Finanzspeculationen einlaffen, welche hinter den Coulissen getrieben werden. ;Es ist eine Schmach und eine Schande für unser Land, daß drei Viertel unserer Senatoren und Deputirten aus ihrem Mandat Capital schlagen und es benutzen, um sich zu Directoren von Schwindelgesellschaften ernennen zu lassen. Das Volk wählte sie, um seine Interessen |u vertreten, aber nicht dazu, daß sie ihre Stellung ausnutzen, um dadurch reich zu werden. Solche Zustände können nicht länger so fortbauern. Man soll nicht sagen, daß das Land der Dictatur, die im Dunkeln unter der Firma „Listenwahl" vorbereitet ward, nur da-
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JV». 168.
Jfulbarr
Dienstag, den 26. Juli 1881