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Sonnabend, den 23. Jnli 1381

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Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Es kommt nicht immer darauf an, wie es gemacht wird, und manches Bühnen­stück ist trotz der glänzendsten Jnfcenirung durchgefallen. So auch manche Wahlko­mödie, auf die der leitende Regisseur große Hoffnungen setzte. Wenn das Stück nichts taugt, hilft die prächtigste Ausstattung Nichts, und Krätzer bleibt Krätzer, auch wenn die schönste Etiquetle ihn als Scharzhofberger beglaubigen will. Das erfährt jetzt auch das antisemitische, antifortschrittliche, confer« vativ-gouvernementale Wohlgebräu in Ber­lin, wo der freiconservative Culturpauker von Zedlitz dem ehemaligen Centrums« manne Cremer die Hand reichen und Alles umfassen möchte, was zwischen diesen äußer­sten Polen nicht gerade einen liberalen Anstrich hat. Die Antisemiten mit der „nationalen" Fahne sind schon abgesprun­gen, nachdem man sich mit „Pfuis" und „Lumpen" bombardirt hatte, und wie lange der gouvernementale Kitt die Uebrigen zu- .ammenhalten wird, kann selbst Bismarck ^icht voraussagen. Für Herrn Cremer

Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Einige Tage darauf war Madelon mit Alice und den jüngsten Kindern ausgegaügen, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Horace, den Migräne einen Augenblick von seiner Arbeit abhielt, stieß > nversehens auf die kleine, fröhliche Gesellschaft; aber, allen Lockungen der Kleinen wiederstehend, die er als das höchste Glück ansahen, ihn unter sich zu wissen, schickte er sie unter der Auf­sicht Alice'» voraus, und ging an der Seite Madelon» dahin.

„Befassest Du Dich aus Liebhaberei mit den Kindern?" frug er sie nach einem längerem Stillschweigen.

„O ja, gewiß," antwortete sie; „ich liebe die Kinder sehr, und heute Nachmittag war ich ganz allein, da Madame Vavaffour und Marie abwesend waren, um Besuche zu machen. Uebrigen« sind Alice und ich sehr innige Freundinnen."

„Sie zeigt darin einen sehr guten Ge­schmack; wir verstehen uns auch sehr wohl," fügte er lachend bei.

„Alice hegt eine hohe Meinung von Ihnen," sagte Madelon ein wenig schüchtern; „sie stellt Sie höher als die ganze Welt, und

haben die Leute, denen er sich zur Verfü­gung stellte, schon gesorgt; um ihn sicher und gründlich durchfallen zu lassen, haben sie ihn im 5. Berliner Wahlkreise dem Eugen Richter als Candidat gegenüberge­stellt. Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan und kann gehen. Die ganze Ber­liner Wahlwühlerei erinnert an das Schach­brett jene» Automaten, der schnell und si­cher die Züge machte; den eigentlichen Spieler sah man nicht, sondern nur die Puppe; der Spieler des gouvernementalen Berliner Schachbrettes sitzt in Kissingen. Wenn nun auch der Erfolg nicht immer der glänzenden Jnfcenirung entspricht, so ist diese koch nicht gering zu schätzen, und wer einiges Talent zum Schauspieler be- sitzt, schlängelt sich auch durch das gewöhn­liche Leben leichter hindurch, als der starre und gestnnungstüchtige Tugendheld, der oft genug feine vortrefflichen Eigenschaften nur zu haben scheint, um damit überall anzu­stoßen, und sich Ungelegenheiten zu berei­ten. Wie ganz anders die Blelgewandten und Vielumfaffenden in Berlin! Sie haben sogar einen Mann in ihrer Mitte, den Prof. Wagner, der die Kunst versteht, Allen etwas Angenehmes zu sagen, und der die Ab­sicht zu haben scheint, von den Anhängern aller Parteirichtungen gewählt zu werden. Das Programm, das er in Erlangen entwickelte, schillert in allen Farben; er will die Korn­zölle, das Tabakmonopol, die Versöhnung der Katholiken, die procentuale Börsensteuer, die Erhaltung der Wehrkraft, den Staats- socialismus und dessen Einführung durch die Staatsgewalt und sogar den Juden

klopft er Zucker! Dieses Programm leidet wenigstens nicht an Stoffmangel, roie das der Nationalliberalen; einen höheren Werth als deren Phrasen hat cs aber auch nicht. Was die „Versöhnung der Katholiken" an­belangt, so weiß man ja, daß zur Zeit der Wahlen Manche den „Ultramontanen" die Hände drücken, die sie sonst aus's heftigste befehden. Der brave Achilles sagte, daß ihm verhaßt gleich den Thoren der Hölle jener Mann sei, der anders rede, als er denke; es ist aber auch dreitausend Jahre her, seit dieser ideale Held auf seinem ge­schnäbelten Schiffe vor Troja der Hinter­list grollte, — und was auch der neue Berliner Ehrenbürger Prof. Dr. Schliemann aus der trojanischen Verschollenheit gerettet hat, die Gesinnung des Achilles grub er nicht aus den Trümmern und brachte sie nach Berlin. Wer heutzutage anders spricht als er denkc, ist ein bewunderter Diplomat und kann auch bei gewissen Leuten vor den Wahlen verwerthet weroen.

Steht's nun schon windig mit der wurm­stichigen Berliner Pastete, die mit demselben Rechte den Namen „conservativ" trägt, wie das Sedanfest „Sanct" Sedan genannt wird, noch trauriger ist das Jammerbild des Liberalismus. Hierüber steht mir wie­der ein Schreiben eines Nationalliberalen zur Verfügung, das also lautet:

„Lieber Rudolph l Ich bin zerschmettert, zer­schlagen, gerädert, — es ist aus mit uns l Der unerhörte Wahlsieg der Ultramontanen in Bayern ist mir so in die Glieder gefahren, daß ich noch immer nach Luft schnappe. Anfangs, als das Telegraphenbureau sich ausschwieg, fürchtete ich schon, daß nicht Alles klappe; daß unsere Nieder-

Sie bilden fast immer den Gegenstand ihrer Unterhaltung."

„Sehr merkwürdig," sagte Merville; üb­rigen» treffe ich nie mit ihnen zusammen, ohne daß sie von Dir spricht; sie betrach- tet Dich, glaube icy, so wie eine Art ver­zauberte Prinzessin, wie man sie oft in „Tausend und eine Nacht" findet. Tie arme Kleine hat Westbury niemals verlassen, und es bedarf gar nicht viel, um ihre Ein­bildungskraft mächtig anzuregen. Wenn wir, Marie und ich, uns im Ausland befinden, nächsten Winter nämlich, so werde ich Ge­orgine bitten, sie uns auf einige Zeit anzu­vertrauen."

„Wollen Sie auf's Neue abreisen?" sagte Madeleine mit betrübter Miene.

„Es wäre sehr leicht möglich," antwor­tete er; „ich habe heute Morgen einen Brief erhalten, worin mir mitgetheilt wird, daß ; in Mentone, einer kleinen Stadt an der j Küste des mitteländischen Meeres, einer jetzt - sehr beliebten und sehr besuchten Winter- i station, in der dortigen englischen Colonie ; eine Stelle für einen Arzt frei sei. Der $ Doctor P..., einer meiner früheren Freunde, - steht im Begriff, sich ganz zurückziehen, und hat l mir angeboten, seine Kundschaft abzutreten." -

„Gedenken Sie dies Anerbieten anzuneh- ' men?" frug Madelon.

„Ich bin gar nicht abgeneigt, und zwar aus verschiedenen Gründen; zunächst ist es ein herrliches Land, ein prächtiges Klima, und ich könnte in dieser Stellung einige Jahre verbleiben, ohne mich dauernd zu bin- den; indessen — sind noch andere Gründe in Betracht zu ziehen —; mit einem Worte» ich kann mich erst dann fest entschließen, nach­dem ich mir die Sache reiflich überlegt haben werde.

„Aber auf jeden Fall würden Sie doch nicht schon diesen Winter dorthin abgehen ?" frug Madelon während in ihrer Stimme «in Zittern lag, das sie vergebens zu ver­bergen suchte.

„Erst nächsten Winier, um mich dauernd daselbst niederzulassen; indeß müßte ich doch auf vierzehn Tage dohin sogleich abreisen, um mich nämlich den Kranken, welche dort­hin jedes Jahr wiederkehren, vor ihrer Ab­reise vorzustellen."

Dann werden Sie aber die Sache sehr beschleunigen müssen, denn wir sind jetzt bereits im April, und die Fremden werden den Süden bald verlassen. — Ich ennvere mich noch, wie sie Nizza und Florenz schaarenweise verließen, sobald die erste Hitze kam."

„In der That, ich habe keine Zeit zu verlieren, wenigstens, wofern ich einen be»