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Madelorr.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(Fortsetzung.)

„Madelon, laß mich los," sagte Horace, | „Hörst Du, laß mich los!" 1 l

„Geben Sie mir mein Geld wieder," rief sie mit zornerstickter Stimme. „Sie i haben kein Recht, es wegzunehmen, es ge« j hört mir."

„Laß mich los," sagte er zum zweiten Male, indem es ihm jetzt gelang, sich ihrer Umarmung zu entwinden. Sie wollte ihn wieder umklammern, aber es war bereits zu spät; Gold und Banknoten lagen schon mitten auf dem Tische.

Ein banger Augenblick folgte, während dessen Madelon, sich noch immer krampfhaft an Horace anklammernd, arhemlos dastand, die Augen erwartungsvoll auf den Crou­pier gerichtet, der einen Augenblick darauf seinen Rechen senkte und die ganze Summe an sich zog. Alles war also verloren! Das ganze Gebäude war mit einem Male jäm» merlich zusammen gestürzt, das Madelon mit so vieler Mühe und unter so vielen Beschwer» den aufgebaut hatte! Lebhaft ließ sie den , Arm Merville's los und stürzte aus dem Saale.

„Madelon!" rief Merville, indem er ihr

nacheilte. Schnell wie der Blitz stürzte sie die Treppe hinab; im Laufschritt folgte er ihr und sah, wie sie über das Trottoir hin in der Richtung auf die Promenade des Sept»Heures zueilte, und sich dann in der düsteren, verlasienen Allee verlor. Es regnete, und beim Scheine der brennenden Lichter schien der Boden ganz durchnäßt und durchweicht zu sein. Horace befürch- tete, sie möchte ihm ganz entschlüpfen; aber mit einem Male glitt sie ein wenig aus und er holte sie so ein. Sie lag da aus» gestreckt, den Kopf in beide Hände verbor» gen und heftig schluchzend.

„Madelon," sagte er zu ihr, indem er sich über sie beugte und sie aufzurichten ver» suchte, „meine kleine Madelon, meine arme Kleine!"

Beim Klange seiner Stimme richtete sie sich plötzlich ein wenig nach rückwärts auf.

„Rühren Sie mich nicht an," schrie sie, „ich verbiete es Ihnen, rühren Sie mich nicht an, ich verachte Sie — Sie sind ein Grausamer — ein Treuloser!"

Dann ließ sie sich aus'S Neue nieder­fallen und kauerte auf dem feuchten Boden. Ihr Hut war zur Erde gefallen, der Regen rieselte ihr auf den Kopf und zerwühlte ihre Haare, die wirr im Winde umher flatterten.

Wirklich ein trostloses Schauspiel, dieses

Dienstag, den 13. Jnli S88L

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O Ein interessantes Zwiegespräch.

Die ,Unila Catlolica* bringt ein köstliches obgleich fingirte» Zwiegespräch zwi­schen dem Präfecten von Mar­seille und dem dortigen italienischen Consul. Dieser beschwert sich über die decretirte Schließung des italienischen Clubs in Marseille, worauf;btr Präfect bemerkt, eS geschehe dies zum Schutz der Italiener und aus Ehrerbietung für das geliebte Italien. Der Consul verbittet sich diesen Spott, aber der Präfect fährt gemüthlich fort: „Als wir die französischen Klöster schloffen, ernteten wir den Beifall Euerer Presse, und als wir nicht nur die von italienischen Mönchen bewohnte Klöster schloffen, sondern diese Mönche selber aus Frankreich verjagten, hat Eure Regierung sich nicht im Geringsten darüber beschwert. Warum sich also jetzt wegen der Schließung des Clubs ereifern? Doch das ist noch nicht Alles. Eure Regierung hat kürzlich die Frohnleichnamsprocessionen in den Haupt­städten Italiens „der öffentlichen Ordnung halber" verboten, obschon Eure Verfaffung oft katholische Religion aU einzige Staats- religion anerkennt und Ihr selbst hundertmal proclamirt habt: „Freie Kirche in freiem Staat." Consul: Das gebot die Klug­heit, Herr Präfect, damit die Ungläubigen und die Gläubigen einander nicht in die Haare geriethen. In solcher Weise hat die ital» ienische Regierung Scandal und Blutver­gießen verhindert und die Religion be­schützt. Präfect: Gut, ich habe von Euch gelernt. Um Eure Landsleute zu beschützen und Blutvergießen zu verhindern, wird der

Club Jtaliano geschloffen. Eure Lands­leute, Herr Consul haben am 20. Septbr. 1870 „der öffentlichen Ordnung halber" Rom bombardrrt und von der ewigen Stadt Besitz ergriffen. Ich meinerseits gedenke nicht von dem italienischen Club Besitz zu ergreifen, sondern ich will denselben nur schließen. Das thut man ja auch in Italien seit 1848. „Der öffentlichen Ordnung halber" wurden die Jesuiten aus Piemont vertrieben, Erzbischof Fransoni verbannt, der dann in Frankreich Aufnahme fand und in Lyon starb. „Der öffentlichen Ordnung halber", oder um erst „moralische Ordnung" Herzuflellen, wie sich Euer großer König ausgedrückt, sind die italienischen Soldaten in die Marken und in Umbrien einge­drungen, „der öffentlichen Ordnung halber" wurden Bischöfe eingesperrt, Cardinäle ver­bannt, viele Eurer Landsleute gequält und jetzt beschwert ihr Euch, wenn ich aus Liebe zur öffentlichen Ordnung den italienischen Club in Marseille schließe! Consul: Aber Herr Präfect, bedenkt, daß meine Regierung protestiren und der italienische Gesandte in Paris beim Minister des Aus­wärtigen Batthelemp St. Hilairs gegen Euer Decret oppelliren wird. Präfect: Er mag appellrren und protestiren! Wisset Ihr, wie Euer Gesandter heißt? Er heißt Cialdini. Gut, unser Minister des Aus­wärtigen hat seine Antwort schon bereit und es wird der General Cialdini sein, der dem Gesandten Cialdini antwortet. Die Blüthe des französischen Adels stand im September 1860 im Kirchenstaat zur Ver- theidigung des Papstes. Dieser war ein

legitimer König, der jene in sein Heer aus­genommen hatte. Der General Cialdini redete den 11. September jenes Jahres das von ihm befehligte 4. Armeecorps folgender» maßen an: „Soldaten des 4. Armeecorps! Ich führe Euch gegen eine Bande besoffener Fremdlinge, welche der Golddurst und die Raublust in unser Land gezogen haben, z Bekämpft, vernichtet schonungslos diese feilen Mörder!" — Mein Decret, Herr Consul, gleicht der Proclamatwn Eures Gesandten nicht im Mindesten. Ich werde mich hüten, die Italiener in Marseille eine Bande besoffener Fremdlinge zu nennen, l ihnen Golddurst vorzuwerfen oder die Be- j völkerung Marseille's zur schonungslosen ; Bekämpfung und Vernichtung derselben aufzufordern. Ich begnüge mich damit den italienischen Club zu schließen und befolge Euer Beispiel, indem ich die Italiener in ’ Marseille so behandele, wie Ihr sie in i Italien behandelt habt.

Deutsches Welch.

* Berlin, 10. Juu. Der Kaiser l reiste gestern von Koblenz ab und traf heute ! Morgen in Mainau an. Am 13. Juu | setzt S. M. die Reise nach Gastein fort, s — Die Genesung I. M. der Kaiserin ! macht gute Fortschritte.

— Das kronprinzliche Paar, welches • sich mit den drei jüngsten Kmdern nach | England begeben hat, wollte sich zwei i Tage in London aufhalten und alsdann nach der Insel Wight begeben, wo dem­selben vom Herzog von Bedford das Kind allein, ohne Eltern, ohne heimathlichen Hcerd, den Unbilden einer kalten Herbst­nacht erbarmungslos ausgesetzt — taub gegen die Worte und Mahnungen Horace's, ihn heftig jedes Mal zurückstoßend, so oft er sich ihr nähern wollte. Für den jungen Mann war die Situation nicht weniger un­angenehm ; vergebens fragte er sich, zu wel­chem Mittel er einer so entschlossenen, fast trotzigen Haltung gegenüber seine Zuflucht nehmen sollte.

Schließlich beruhigte Madelon sich indeß ein wenig, und in befehlendem Tone sagte er dann zu ihr:

„Du mußt aufstehen, Madelon, wofern Du nicht bald ganz durchnäßt sein willst."

Er ergriff sie bei der Hand, trotzdem sie noch immer nicht recht ihm folgen wollte. Endlich besann sie sich eines Anderen und folgte ihm stillschweigend und an allen Glie­dern frierend.

„Meine arme kleine Madelon," sagte er dann in dem liebevollen Tone zu ihr, den sie so gut kannte, „Du bist ganz steif und starr vor Kälte; sage mir wohin willst Du gehen?"

„Ich weiß es nicht,** antwortete Madelon, indem ihr die Thränen aus den Augen stürzten.

Roch eine Stunde vorher war sie voll von Freude und Hoffnung gewesen — noch vor