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Sonntag, den 1V. Inti 1881.

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Z V-litifche Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Wir treten jetzt an die innere Ab- theilung heran.

1. Bild. Fürst Bismarck sitzt in Kissingen mit mürrischem Gesichte, trotzdem ihn die Seminaristen aus Hildburghausen auf der Reise mit dem Liede ansangen: „Wie könnte ich Dein vergessen 1" Aergert ihn die Rede, die Eugen Richter im Verein Waldeck über die Rede seines Benjamin Wilhelm gehalten und wo er nicht aus­rief: „Nieder mit Bismarck!" ? Oder ärgert es ihn, daß die „amtlichen" Mitglieder des neuen Berliner Viehhofs eine Beleidigungs­klage gegen seinen Sohn anstrengen wollen? Auf alle Fälle scheint da« Schicksal seiner Söhne dem großen Manne Sorgen zu machen: Graf Herbert hat einen der ver­wegensten und anstößigsten Gesellschafts­romane zum Abschluß gebracht, wie ihn der schlüpfrigste französische Romandichter nicht toller hätte erfinden können, und Graf Wilhelm bringt die Hundesperre mit dem kleinen Belagerungszustand in Vergleich! Den Erstgeborenen, der die diplomatische Qualität seines Vaters erben sollte, spedirt er nach Washington als Gesandten, und Wilhelm, der Jüngere, soll als Hebel für die innere Politik dienen. Er hat die Auf­gabe, sich anrzuzeichnen, und mit wirklich rührender Pietät und sensationeller — Offen­herzigkeit unterzieht er sich dem schwierigen Amte. "Das verdient alle Anerkennung, die ihm von den^ Conservativen denn auch in demselben Maße gezollt, wie von den Fortschrittlern versagt wird. Ter Vater

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Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Und während sie emsig damit beschäftigt war, das Glück Horaces zu machen, lidf Horace selbst über die Place Royale, einige hundert Schritte von ihr entfernt, weniger darauf bedacht, sein Glück zu machen, als viel mehr auf der Suche nach Madelon. Nachdem er vollständig wieder hergestellt war, war er nach Spa gekommen, um die Bäder zu gebrauchen und befand sich schon seit etwa einem Monat daselbst. Während dieser Zeit hatte er sich zwei Mal nach Lüttich begeben, hatte an Madame Laveaux geschrie- ben, die ihm, wie ganz natürlich, keinen Aufschluß hatte geben können, hatte sich dann ohne besseren Erfolg an die beiden Künst­ler in Florenz gewandt, hatte mit einem Worte alle nur denkbaren Nachforschungen angestellt, um Madelon auf die Spur zu kommen.

Er wußte in der That nicht, was er be­ginnen sollte, und seine Verlegenheit war nicht gering. Was war aus Madelon ge­worden? Weshalb war sie geflohen? Wes­halb hatte sie ihm nicht geschrieben, wenn sie in Bekümmerniß war? Das waren nebst vielen anderen, die Fragen, welche er

konnte im Reichstag nicht den Schlachtruf ; ausstoßen: „Nieder mit den Gegnern meiner

Wirthschaftspolitik," aber der gehorsame ’ Sohn konnte es, (zumal da er es schrift- ! lich vor sich hatte,) und so will ich als । mildernden Umstand geltend machen, daß i er Nichts dafür kann, der Sohn des Kauz- ; lers zu fein und die Politik feines Vaters i vertheitigen zu müssen, was auch großen i motorischen Talenten als eine fast hoff- - nungSlose Sache erscheint. Bismarck möchte s — und wer wollte es ihm verdenken? — \ seine Söhne gern zu großen und berühm­

ten Männern machen, — kein Wunder, daß er den Kopf hängen läßt und finster drein schaut. Aber außer den Söhnen sind es auch die Wahlen, die ihm durch den Kopf gehen. Trotz aller Briefe, die er schreibt und trotz der gewaltigen Arbeiten der Officiösen, wird es ihm schwerlich ge­lingen, die Bauern und Arbeiter unter sein Banner zu schaaren; der Fortschritt wühlt und rüstet sich namentlich in Berlin zu einer heißen Schlacht mit den Conservativen, aber ich fürchte, daß dem Kanzler schließlich vor seinen besten Freunden gruselt, die das große Wort gelassen drucken lassen: „Der Staat gibt euch (den Arbeitern) so viel Freiheit, wie euch gut ist." Die Grenze des „gut" hat natürlich nicht der Arbeiter, sondern der Staat zu bestimmen. „Dix Staatsregierung nimmt euer Wohl in die Hand, — ern großer Wendepunct im poli» tischen Leben des deutschen Reiches ist ein­getreten!" lautet die reichstreue Lockpfeife. Das „Wohl" besteht, tote jdie Regierungs- blätter vorlaut verrathen, in neuen Zoll-

$ und Steuergesetzen, und der Finanzminister Bitter hat in Königsberg sogar erklärt, das Tabakmonopol sei unbedingt nöthig, aber für Steuererleichterungen könne das Geld aus dem Blute des Tabaks nicht ver­wandt werden. Und da soll das Volk auf den Leim gehen und Leute wählen, die der Partei Knob­loch beitreten! Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber. Hätte Bismarck das Centrum nur zermalmt oder eine con« fervativ-liberale Mehrheit ohne Centrum, dann würde er hoffnungsfroher der Zukunft entgegensehen, aber selbst die ,Köln. Ztg.', die vor acht Tagen noch das Centrum zer­splitterte und zersetzte, gesteht jetzt unwillig ein, daß diese böse Fraction in gleicher Zahl im nächsten Reichstag erscheinen wird. Aber die Liberalen! Sie könnten einem leid thun: die,Nat.-Ztg.' bittet fast knie­fällig, man möge doch, zumal bei den Stich­wahlen, alle Nörgeleien sein lassen und eine clerical-konservative Mehrheit verhindern, und die secessionistische ,Tribüne' ruft in wahrer Todesangst: Seid wachsam, wie die klugen Jungfrauen; werft die Flinte nicht in'« Korn und laßt den Kopf nicht hättgen; seid jopferwillig und laßt euch nicht ver­blüffen. ... So steht Alle« um den Kanzler herum, bittend, zürnend, drohend, — und oben schwebt eine dunkle Wolke, die keinen Lichtstrahl dnrchläßt.

2. Bild. Ein frisch lackirter Honig­topf — an sich ein altes Geschirre — um Gimpel zu fangen. Der neue Cultusmi- nister v. Goßler ist nach Ems und nach Wiesbaden gereist, — also sollen die Ka-

sich stellte, wobei er es sich oft genug zum Vorwurf machte, daß er nicht mit ihr ober der Oberin des Klosters in Verbindung geblieben war. Er hegte eine aufrichtige Zuneigung zu dem kleinen Mädchen, dem er zur Zeit der Prüfung hilfreich beigestan­den, und hielt sich Übrigens gemäß des Ver­sprechens, welches er Herrn Linders auf seinem Todesbette gegeben hatte, in gewis­ser Beziehung für das Geschick seines Kin- des für verantwortlich.

Schon lange hatte er diesen Gedanken nachgehangen, als ein heftiger Platzregen die Spaziergänger vom Platze wegscheuchte und sie auf die Stadt zutrieb. Ohne zu wissen wie, folgte er gedankenlos dem Strome ? und betrat die Redoute. Eine große Men- j schenmenge wogte in den Sälen auf und | ab, denn die Wettrennen, welche eben in { dieser Woche stattfinden sollten, hatten eine ■ große Zahl von Fremden nach Spa gelockt, z Nachdem Horace eben einen kurzen Blick in i Ballsaal geworfen, der ganz von Menschen angefüllt war, trat er zu einer der stillschwei­gend um das trente et quarante versam- j melten Gruppen hin.

! Madelon dachte eben an ihren großen Wurf. Bis dahin hatte sie vorsichtig ge­spielt, ihr Kapital war allmählich angewachsen und Goldstücke und Bankbillets lagen in

, großen Haufen vor ihr auf dem Tische. ; Dar bedeutende schon ein kleines Vermögen, i „Könnte ich es verdoppeln, dann wäre meine Aufgabe gelöst," sagte sie zu sich selbst, „ich würde dann gehen und Herrn Horace schreiben; vielleicht — o welch' ein Glück, werde ich ihn dann bald wiedersehen. Soll \ ich es wagen?" fuhr sie in ihrem Selbst- ; gespräche fort; „es wäre allerdings ver­wegen, aber wenn es gelänge —" Das Glück war ihr bis dahin so günstig gewesen I Ihr Herz pochte gewaltig; einen Augen­blick lang zögerte sie noch, dann in raschem Entschlüsse setzte sie die ganze Summe auf Schwarz, nur ein Zehnsrankenstück zurückbe- ! haltend, und erwartungsvoll, bleich und un­beweglich, kaum zu athmen wagend, stand sie da; diese Minute schien ihr die längste ihres ganzen Lebens zu fein. Der Crou­pier mischte die Karlen. — „Roth und Couleur verliert," tief er; dann zahlte er f die anderen Einsätze au« und schob Made- ! Ion eine Summe hin, die in Wirklichkeit i ziemlich beträchtlich, in ihren Augen ganz \ ungeheuer war.

„Wer mag sie nur sein?" frugen einige Spieler unter einander. „Das Glück ist ihr den ganzen Abend hold gewesen." Aber Niemand vermochte es anzugeben.

Madelon selbst hörte nichts von den Be-