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M 154, Snmstttg, Wti 9. Juli ISHI,

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Wenn das Quecksilber im Thermometer 30° R. im Schatten zeiot, dann sollte man eigentlich keine Politik treiben, sondern mit den Ministern und sonstigen hohen Herren in'S Bad reisen. Da dies aber bei den hohen Steuern und kleinen Einnahmen für Manchen zu kostspielig wäre, und nicht Jeder in seinem Sohne „eine tüchtige und geschulte Kraft" besitzt, die mit 6000 M. Jahresgehalt im Reichskanzlcramte eine Anstellung findet, so lade ich die Leser ein, wenigstens ein Schützenfest mit mir zu be­suchen, die jetzt ja allenihalben im Schwünge sind. Da gibt's Mancherlei zu sehen: Vögel und Sterne, die abgeschossen werden, Centrum'r, die Jeder auf's Korn nimmt, aber nicht immer trifft, und so manches Andere noch, z. B. Herculefle, Ricsenweiber, wilde Thiere, Zulus und „Salons" oder internationale Cabinete wo man die ganze Weltgeschichte durch Vergrößerungsgläser studiren kann, wie unsere Astronomen, den neuen Kometen, der ihnen so urplötzlich auf die Nase geschneit ist, und von dem sie nicht wissen, von wo er kommt, noch wohin er geht. In ein solches Cabinet führe ich heute den Leser; rechts ist die innere, links die äußere Abtheilung. Da man den besten Wein zuletzt trinkt, und der deutsche Wein für uns der rheuerste, also auch der beste ist, so wollen wir zunächst die äußere Abtheilung inspiciren.

1. Bild. Eine Straße in Prag; groß­artige Prügelei zwischen czechischen und deutschen Studenten, an welcher aber fern-

i stiger Pöbel mit und ohne Glaceehandschuhe \ Theil nimmt; man schlägt sich mit Stöcken, ] wirft sich mit Steinen und Bieigläsern und schreit: „Nieder mit den Deutschen!"

i wie Wilhelm Bismarck in Berlin gerufen l hat: „Nieder mit dem Fortschritt!" Das § Wort: „Nieder mit Dem und Dem!" scheint r überhaupt eine große Rolle zu spielen, da : der Eine den Andern, der ihm nicht paßt, I Niederkämpfen, niederreden oder niederbom- ; bardiren möchte. Im Hintergrund der Nationalitätenschlachi zwischen den hüßblü

1 tigen Ezechen und den entrüsteten Deut- l schen, die sich nicht unterkriegen lassen wollen, : steht der „loyale" Wiener Gemeinderath j mit einem geharnischten Protest, den ihm I aber die Polizei aus den Händen reiht I und confiscirt. Lange Gesichter, wüthende Blicke, geballte Fäuste — und ein Trom- peter, der die Liedchen bläst: „Seid um- j schlungen Millionen", „Deutschland, Deutsch- ; land über Alles", „Brüder reicht die Hand Ü zum Bunde" und „Deutschland Oesterreich stammverwandt".

i 2. Bild. Belgische Nippsachen: abge- ' setzte katholische Gouverneure und fremde ■ liberale Elemente, die man auf das Brett« < chen des Bürgerrechtes gesetzt hat, damit $ sie dem wurmstichigen „Bruder"regiment - als Stütze dienen. Brutale Vergewaltig« ' ungen, die, wenn die Katholiken sich solche i zu Schulden kommen ließen, ganz Europa j in Aufregung bringen würden; aber den >! Liberalen und Freimaurern ist Alles er» « laubt, — sie thuns ja der Cultur und l Aufklärung wegen. Wahrscheinlich hat auch

der Polizeichef Lenaers in Brüssel der Cul­

tur wegen vier Meineide geschworen und sonstige Schlechtigkeiten getrieben, die ihn um sein Amt brachten, ähnlich wie der ver­flossene Oberbürgermeister van der Strarten, — und solche niederträchtige Snbjecte stehen an der Spitze des communalen und Poli- zeiwesens einer Hauptstadt! Es lebe die liberale Aera!

3. Bild. Wüthende Franzosen, die gegen den Gouverneur von Algerien, Al- derr Grevy, und gegen den Kriegsminister Farre mir Lärmkanonen und Mundmör- sern loschen und dem Cabinet in der algerischen Frage, aus Furcht vor einer Ministerkrisis, ein — Vertrauen? Votum er« theilen. Den Zuschauern steht dabei der Verstand still und sie denken: echt fronzö- sische Knallbonbons und Ueberraschungen. Links steht Italien und schleift dos Messer, und rechts Spanien, dem die Zornader auf der Sinn anschwillt. Im Hinter­gründe aber sieht man eine afrikanische Landschaft, die auch schon starke Nerven erschüttert: aufständische Horden sengen und brennen; Weiber werden geschändet, Männer verstümmelt, Kinder geszneßt und dann alle zusammen lebendig in die Flammen ge­worfen ; ein französischer General aber steht dabei und begnügt sich damit, sechs Kano­nenschüsse den Unmenschen nachzusenden! Wahrscheinlich wollte er sie nicht in Stücke hauen, wie die Russen es in Greok-Tepe sogar mit 8000 Flüchtlingen beiderlei Ge- schlechts gemacht, — „im Namen der Ci« vilisat'ou und des Chriflenthums." . . . Am 24. Juni war der Jahrestag der Schlacht von Solferino; vor 22 Jahren

55 Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Am folgenden Tage war Jeanne-Marie mehrere Stunden lang abwesend, während deren sie nach Spa gereist war, um sich zu vergewissern, daß Madame Bernet damit einverstanden war, Madelon bei sich aufzu- nehmen. Mit trauriger, betrübter Miene kehrte sie nach Hause zurück, verrieth jedoch Madelon nicht, daß sie diesen Schritt eben gethan habe. Diese, in ihrer Freude dar- über, daß sie endlich ihre Aufgabe gelöst, bemerkte kaum die traurige Stimmung der armen Frau oder ahnte die Veranlassung derselben nicht. Das Kind kann im Allge­meinen wenigstens das ganz besondere Ver­langen nicht begreifen, mit welchem eine ältere Person seine Liebe zu erwerben sucht, — eine Liebe, so rein und ungekün­stelt, daß sie vielleicht die kostbarste ist, welche es auf der Welt gibt.

Die erste Stelle in dem Herzen Made- ; Ions hatte schon Jemand erobert; vielleicht f hatte Jeonne-Marie dies gemerkt, und nährte l sie vielleicht deshalb eine geheime Eifersucht diesem Unbekannten gegenüber, der bei allen ’ Gedanken und Plänen des jungen Mäd- ! chens wieder zum Vorschein kam. Und

empfand Madelon denn selbst in keiner Weise eine Betrübniß bei dem Gedanken, Dieje­nige verlassen zu sollen, die sie mit so liebe­voller Hingabe gehegt und geflegt hatte? Freilich, ohne Zweifel, denn am Tage vor ihrer Abreise, während sie ihre alte Freundin anblickte, die neben ihr saß und nähte, seufzte sie lief auf, schlang ihre Arme um ihren Hals und rief:

„Jeanne Marie, ich werde Euch immer lieben, immer! Ich werde niemals verges­sen, was Ihr für mich gethan habt!"

Dann verbarg sie ihr Gesicht aus der Schulter der armen Frau, die nicht wenig gerührt war, und Beide versanken eine Zeit lang in tiefes Schweigen, während die Sonne am Horizonte untertauchte — die Abend­dämmerung des letzten der so ruhigen und und friedlichen Tage, welche Madelon in Le Trooz verlebt hatte.

XVI.

Nach einem Zwischenraum von achtund« vierzig Stunden finden wir Madelon im „Hotel de Madrid" wieder, in einem kleinen Zimmer, das so hoch lag, daß sie über die Pappeln auf dem Platze hinwegsehen und die Gipfel der umliegenden Berge bemer­ken konnte. Es war bereits Abend; aber der Rest der Tageshelle erlaubte ihr noch die Säulen von Goldstücken zu zählen, welche

auf dem Tisch vor ihr aufgerichtet standen. Sie machte sich eben bereit, um sich zum dritten Male zur Redoute zu begeben und, wenn möglich, ihr Kapital zu vermehren, das jetzt bereits zu einer bedeutenden Summe ’ herangewachsen war.

| Es war ein kalter, rauher September­abend ; Regen und Wind wechselten floß- | weise mit einander ab; aber Madelon war § zu aufgeregt, um weiter an das Wetter zu i denken. Sie nahm Hut und Schleier, stieg ? eiligst die Treppe hinunter und hing den ? Schlüssel zu ihrem Zimmer in den kleinen ! Salon der Madame Bernet, der seit einiger i Zeit unbewohnt war, auf. Bei ihrer Ankunft I im Hotel hatte sie die gute Frau krank und ! bettlägerig vorgefunden, was sie jedoch nicht gehindert halte, sie außerordentlich herzlich | aufzunehmen und für sie alle mögliche

Sorge tragen zu lassen. Cie ging jetzt dahin mit leichtem, frohen Herzen, voller Hoffnung, in ganz anderer Stimmung, als damals noch vor wenigen Monaten, wo sie eben dasselbe Hotel verlcssen hatte, und die Vergleichung, welche sie eben anstellte, trug nur dazu bei, ihren Muth und ihr Vertrauen zu erhöhen. Sie schritt über die Place Royale, auf dem einige Spazier­gänger auf- und abwandelten, während die in dem Kiosk sitzenden Musiker so gut als