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O Der Wechsel und die kleine« Leute.

Die Gefahren der allgemeinen Wechsel- fähigkeit können nicht oft genug klar ge­legt werden. Thatsächlich sind die aller­wenigsten Leute über die eigentliche Natur des Wechsels und seine heutige ungeheuere praktische Tragweite ganz im Klaren. Selbst nationalökonomische Lehrbücher geben dar­über meist nur ungenügende Aufklärungen, wie z. B. über das Actien- und Börsen­wesen. Wenn der Wechsel weiter nichts wäre, als eine Einrichtung zur Ausgleichung von Schuldforderungen,' so wäre er eine sehr wohlthätige Einrichtung. Was den Wechsel aber erst zu dem wacht, was er heute ist, das sind hauptsächlich zwei Tinge und zwar:

1) daß alle Diejenigen, durch deren Hände er geht und welche ihren Namen darauf setzen, für die Wechselsummen mithaften, ganz nach Belieben des Gläubi­gers, und

2) daß bei Nichtbezahlung der Wechselsumme zu bestimmter Stunde ohne alle weitere Um­stände die sofortige Ex'ecution eintritt.

Namentlich in dem letzten Puncte, auf welchem sich ein eigenes und besonderes Wechselrecht aufbaut, beruht sowohl eine ungeheuere Bevorzugung der Wechselschul­den vor allen andern Arten der Schuld­forderung, als auch die eigentlich gefähr­liche Natur des Wechsels. Wie unendlich oft hat sich z. B. folgender Fall ereignet.

Irgend ein Handwerker rc. ist etwas schuldig. Der Gläubiger drängt. Der Schuldner hat das Geld nicht vorräthig. „Stellen Sie mir einen Wechsel aus," sagte der Gläubiger und der Schuldner erfreut, auf diese Weise eine Frist gewonnen zu haben, schreibt den Wechsel. Der Gläubiger aber, welcher weiß, daß der Schuldner auch den Wechsel nicht wird honoriren können, sagt, daß auf demselben auch noch die Unterschrift von zwei zahlungsfähigen Freunden nöthig sei. Der Schuldner sagt zweien Freunden, sie möchten „nur der Form halber" ihre Unterschrift quer auf den Wechsel setzen. Am Verfalltage, wenn die beiden Freunde ihre Unterschrift längst vergessen haben, ist der Schuldner zahlungsunfähig, und der Gläubiger fordert die Zahlung von den Freunden. Diese haben an nichts gedacht und werden, da sie die Summe nicht vorräthig haben, executirt. Dies ist der ursprüng­liche Mechanismus der sogen. Hals ab - schneidekunst, die bis zu einem un­glaublichen Grade noch weiter verfeinert und ausgebildet ist.

Wer genauere Kenntniß von den Ver- hältnissen der kleinen Leute hat, der weiß, daß für-sie der. Wechsel und der auf Grund desselben erhaltene „Credit" eine"so Mer- wiegende Quelle des Unheils ist, daß der allenfallsige Nutzen desselben für diese Kreise dagegen vollkommen verschwindet. — Es ist dabei in Anschlag zu bringen, daß der Wechsel den kleinen Leuten in der Regel als Nasirmesser erst dann an den! Hals gesetzt wird, wenn sie in tiefster Be- drängniß sind. Um durch den Wechsel dann

noch eine Frist zu gewinnen, lassen sie sich in der Regel drängen, eine viel höhere Summe hinzusetzen, als sie wirklich schulden, und da zur Verfallzeit jede Prüfung der Schuld forderung beim Wechsel ausgeschlossen ist, so bedienen sich die Wucherer gerade ^dieses Umstandes wegen und weil sie dann die sofortige bedingungs­lose Execution in der Hand haben, mit fast ganz ausschließlicher Vorliebe des Wechsels,als Hauptwucherinstrument. Wird ein solcher, über die ursprüngliche Schuldsumme schon weit hinausgeschraubter Wechsel am Verfalltage nicht bezahlt, so handelt es sich bei dem Wucherer um die weitere Frage, ob der Schuldner, welcher zwar augenblicklich nicht genug Geld vor­räthig hat, so viel Eigenthum besitzt, daß später eine noch höhere Summe heraus­geschlagen werden kann. Ist letzteres der Fall, so wird der Wechsel „prolongirt", d. h. verlängert. Das Manöver wird dann so lange fortgesetzt, bis der Wechsel den Werth der Summe erreicht, welche aus der Zwangsversteigerung des gejammten Eigen- thumes des Schuldners etwa gewonnen werden kann. Es ist dies die Methode, welche eine große Zahl kleiner Kapitalisten im Anfang -ihrer Laufbahn. .befolgen, um ihr kleines Capital schnell zu vervielfachen und dann zu größeren „Geschäften", na­mentlich an der Börse übergehen zu können.

Für den Großkaufmann ist der Wechsel trotz allgemeiner Wechselfähigkeit ein that« sächliches Privilegium, ein Vorrecht ge­blieben, welches er vor den übrigen Klassen

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Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Dieses reiche Gefühl und diese natür« > liche Neigung, für das Leid Theilnahme zu empfinden, waren ganz eigenthümliche Züge in dem Charakter Jeanne-Marie's, obwohl ein etwas bäuerisches, unbeholfenes Wesen im Aeußeren eher auf das Gegen- theil schließen lassen konnte. Auch sie hatte bereits ein trauriges, vielbewegtes Leben hinter sich, in dem sie des Leids bereits viel gesehen und selbst erfahren hatte. Man wußte wenig im Dorfe über diese Frau, unter deren Obhut nun einstweilen Madelon sich befand; ihre Nachbarn, die sie ganz aus der Nähe hätten beobachten können, interessirten sich zu wenig für sie, um sich zu bemühen, daß Geheimniß zu erforschen, welches ihr Leben einhüllte. Sie war nicht aus dem Orte gebürtig und verstand nicht einmal die allgemeine platte Sprache des Landes, sondern bediente sich stets der französischen Sprache. *) Sie führte ein l stilles zurückgezogenes Leben,

•) Man beachte, daß unsere Erzählung in einer Gegend spielt, deren Volkssprache das sogenannte „Wallonische" ist, das von der französischen Sprache sehr abweicht.

verkehrte kaum mit den anderen Dorfbe­wohnern und mied ihre Unterhaltungen und Gespräche gänzlich, während man sich andererseits im Laufe der Zeit an ihre Sonderbarkeiten und Eigenlhümlichkeiten ganz gewöhnt harte und sich nicht mehr in Vermuthungen über sie erging. Sie war arbeitsam und ehrlich, aber ihre Kunden, welche die vorzügliche Beschaffen­heit ihrer Speisen und Getränke anzog, liebten sie nicht und fürchteten sich zum Theil vor ihr. Kalt und gebieterisch ihnen gegenüber auftretend, wußte sie sich den strengsten Gehorsam zu verschaffen und in ihrem Hause die Ordnung aufrecht zu er­halten. Während jedoch Jeanne-Marie den Umgang mit den Wohlhabenden mied, be­saßen die Armen und Unglücklichen in ihr eine Freundin, welche sie niemals im Stiche ließ; die, weil sie selbst gelitten und geduldet hatte, Mitleid mit dem Elend Anderer zu haben gelernt hatte. Sogar die Kinder wußten recht gut, zu wem sie in ihren kleinen Bekümmernissen ihre Zu­flucht nehmen sollten, denn sie waren ge­wiß, daß sie bei ihr ein gutes Wort, eine Liebkosung, oft auch einige Näschereien finden, und daß sie ihre Thränen trocknen würde. Es schien ihr somit etwas ganz Natürliches zu fein, der kleinen Fremden

zu helfen, mochten auch noch so große Opfer nothwendig werden; wäre Madelon glücklich und fröhlich gewesen, so würde sie sie kaum beachtet haben; so aber, wie sie jetzt war, verlassen, obdach- und schutzlos, hätte sie sich ihr hingegeben bis in den Tod.

Nach Verlauf von einer halben Stunde kam Peter mit dem Arzte zurück, welcher sich sogleich zu dem Zimmer verfügte, in welchem die Kranke lag und noch immer schlummerte.

„Es ist Eure Nichte, wenn ich Peter Monnier reckt verstanden habe," sagte er, nachdem er Madelon einige Zeit lang be­trachtet hatte.

„Ja," antwortete Jeanne-Marie etwas trocken.

„Befindet sie sich schon lange hier? Wann ist sie krank geworden, und wes- halb haben Sie mich nicht früher gerufen?"

„Nun, Herr Doctor," sagte Jeanne- Marie, „ich habe Sie nicht gerufen, um mit mir ein Verhör anzustellen, sondern um Ihre Ansicht über den Zustand der Kleinen zu hören. Sie hat diesen Morgen eine Ohnmacht gehabt; dann fing sie an zu phantasiren und da» Fieber hat sie er­griffen. Jetzt sagen Sie mir, was ich zu thun habe."