150. Dienstag, den 5. Jnli 18M.
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Deutsches Reich.
* Berlin, 3. Juli. Der Zustand I. M. der Kaiserin Augusta hat sich erheblich gebeffert, sodaß die Hoffnung, die hohe Frau wiederhergestellt zu sehen, feste Gestalt angenommen hat.
— In die Pflege der Kaiserin theilen sich, wie der »Deutschen ReichSztg.' geschrieben wird» die Schwestern aus dem Bürger-Hospital, Borromäerinnen, die Armenschwestern vom hl. Franciscus, die Augustinerinnen und Clementinerinnen aus dem Coblenzer Militair-Lazareth.
-nk- Die Idee, in Speyer einen sog. „Protestationsdom" zu bauen, könnte man in ihrer Harmlosigkeit ignoriren, da ihre Durchführung weder einen dreißigjährigen noch einen siebenjährigen Krieg heraufbe- schwören wird; trotzdem aber müssen wir dem Projecte ein paar Worte widmen, weil mit demselben eine der Sache nicht würdige systematische literarische Bauernfängerei getrieben wird, die darauf berechnet ist, auch den Katholiken das Geld zu Gunsten des wunderlichen Baues aus der Tasche zu locken. Auch die Katholiken, so heißt es in einem freiconservativ-natio- nalliberalen Waschzettel, der vielfache Verbreitung gefunden, sollten zu dem Pro. testationsdome beitragen, weil auch sie dem Protestantismus „ihre Gewissensfreiheit" verdanken! — Glaubt man denn im Ernste, daß auch nur ein einziger Katholik sich durch einen solchen Satz zu einem Beitrage zum bewußten Zwecke bestimmen lassen würde? Sollte man aber zu keiner absichtlichen Täuschung gegriffen haben, so
Madelon.
Rach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)
XIII. l
Der Zug verschwand, und ließ das unglückliche Kind in einem ihm unbekannten, einsam gelegenen Orte zurück. Ein kalter, durchdringender, feiner Regen rieselte fort, während herab und verlieh der Land, schäft ein trauriges, düsteres Aussehen. Etwa hundert Meter von der Station lag ein Weiler, der von dem Thal von Chaud» fontaine durch eine Kette von dicht bemal« beten Bergen geschieden war. Eine Chaussee führte dorthin, die denn auch Madelon, nachdem sie eine Zeit lang unbeweglich und unschlüssig da gestanden hatte, rinschlug, ohne gerade zu wissen, weshalb. Vor Kälte unter ihrem leichten Mantel zusammenschauernd ging sie dahin; sie war ganz er. schöpft und fühlte, wie die Beine ihr fast den Dienst zu versagen drohten. Bald war sie an einer Kirche angelangt, deren Thüre offen stand. Dieser Anblick gewährte ihr das Gefühl tiner gewissen Erleichterung nach der unangenehmen Fahrt, welche sie j eben gemacht hatte, während welcher sie sich fortwährend unter dem Eindrücke be- . funden hatte, verfolgt zu werden. Sie trat
wäre damit wieder ein Beweis geliefert, ? in welch' ungeheuren Vorurtheilen und 5 in welcher unqualificirbaren Geschichtsun- ? kenntniß ein großer Theil unserer pro« | testantischen Schriftsteller noch immer be> [ fangen ist. — Also wir Katholiken ver- i danken dem Protestantismus unsere „Ge- [ Wissensfreiheit." Bisher hat man uns s immer gesagt, daß der Papst zumal „der s unfehlbare," uns unserer Gewissensfreiheit i noch fort und fort beraube, ja Fürst Bis« i marck hat einmal im Herrenhause öffentlich ? erklärt, daß der Papst sogar aller Deutschen „Seligkeit gefährde" — und jetzt, wo die Herren von uns Geld haben wollen, sind wir auf einmal im Besitze der schönsten - „Gewissensfreiheit!" — Wenn sie doch s Recht hätten! Aber wie sah und wie sieht | es denn aus mit unserer „Gewiffensfrei« ! heil?" Weiß man denn nicht» daß die« ? jenigen Fürsten und Reichsstände, welche ? durch ihre „Protcstation" auf dem Reichs« \ tage zu Speyer dem Protestantismus l Namen und Leben gaben, alsbald den unchristlichen und tyrannischen Grundsatz auf- * stellten, daß wem das Land gehöre, der f auch über den Glauben seiner Unterthanen zu gebieten habe? Haben wir die Folgen dieses verwerflichen Grundsatzes nicht in \ Form von Staatsgesetzen bis in die aller« ? neueste Zeit in norddeutschen Staaten ausgebildet gesehen? Erst im Jahre 1869 hat der I Norddeutsche Bund mit diesem sog. Terri« I torialrecht aufgeräumt und zwar der Juden ? wegen, weil einige Bundesstaaten die Juden ; ebenso von öffentlichen Rechten ausschlossen, ! wie die Katholiken. »Billiger Weise mußten
dann natürlich den Katholiken, denen z. B. in Mecklenburg jede religiöse Freiheit entzogen war, dieselben Rechte eingeräumt werden, wie den Söhnm Israels. Wir wollen nicht die Geschichte der „Gewissensfreiheit" der preußischen Katholiken einer eingehenden Untersuchung unterwerfen, es ist bekannt, daß in Berlin Jahrhunderte hindurch katholischer Gottesdienst bei schweren Strafen verboten war und als der „aufgeklärte" Friedrich II. Hierselbst den Bau der ersten katholischen Kirche gestattet, sorgte er zugleich durch sein Landrecht und seine ganze Verwaltungrpraxis dafür, daß die Katholiken jederzeit der Traditionen des Landes, in dem sie geboren oder von dem sie annectirt worden waren, eingedenk blieben. Was brauchen wir auch so weit auszuholen? Vor unseren Augen haben wir ja die „Ge. wiflentfreiheit", welche die Maigesetze ge» schaffen haben! Verwaiste Pfarreien, aufgehobene Klöster, Beschränkung der religiö- sm Unterrichtsfreiheit — da haben wir die „Gewissensfreiheit", die uns der Protestantismus erobert hat! Und da sollen wir zu einem „Protestationsdome" bei. steuern?
— Die Hochzeit des Kronprinzen von Schweden mit Prinzessin Victoria von Baden soll auf den 20. September festge« setzt sein.
— Die Ernennung des Regierungspräsidenten v. Wolff in Trier zum Oberpräsi. denten der Provinz Sachsen ist, dem Ver« nehmen nach, bereits vollzogen; die amt. liche Publication steht bevor.
— Dem ,Reichsanzeiger' zufolge dürfen
hinein, aber kaum hatte sie die Schwelle überschritten, als sie vom Schwindel er. faßt wurde und wie leblos zu Boden sank.
Kurze Zeit darauf betrat eine Frau aus r dem Dorfe zufällig die Kirche und stieß an z den wie leblos daliegenden Körper des \ Kindes. Nachdem sie sich von ihrem ersten s Schrecken ein wenig erholt hatte, kniete sie ' neben ihr nieder und begann ihr die \ Hände zu reiben. Madelon hatte an. s scheinend nicht ganz das Bewußtsein ver. - loren, denn sie bewegte noch leise den ) Kopf und stieß einen schwachen Seufzer \ aus.
„Wenigstens ist sie nicht tobt," mur. \ nulte die Frau bei sich selbst, während sie die bleichen Züge der kleinen Unbekannten betrachtete, deren Anzug, wie sie bemerkte, ganz in Unordnung war, deren Kleid etwas abgetragen zu sein schien, und deren Mantel vom Regen ganz durchnäßt war. Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß Niemand bei ihr war, legte sie sie auf eine j Bank nieder und trat vor die Kirche hinaus, ■ um eben auf die Straße zu blicken, die ' sie indeß ganz leer und öde fand. Darauf j kehrte sie wieder zu Madelon zurück, hob sie ohne Weiteres auf und trug sie in | ihren kräftigen Armen davon. Es reg. -
nete noch immer, und sie konnte fast ganz ; unbemerkt über den Platz gehen, denn nur ■ einige Kinder riefen hinter ihr her:
l „Nun, Jeanne - Marie, Jeanne - Marie, was hast Du heute, wohin läufst Du so l schnell?"
I Sie achtete indeß gar nicht auf sie, - sondern setzte ihren Weg eiligen Schrittes - fort und stand bald vor einem kleinen, ; weiß angestrichenen, etwas von der Land, j straße abgelegenen Hause, über dessen Thür • man die Worte las: „Cafö-Restaurant." ! Das Innere des Hauses war so bescheiden ! als möglich und hatte als ganzes Meub- ; lement einen Schrank, einen Ofen, einige ; Stühle und einen Tisch, der in der Nische des einzigen Fensters stand, durch welches die Stube ihr Licht empfing. Ein Mann mit etwas schwerfälligen Formen und von unangenehmen Gesichtszügen saß, die Ellen, bogen auf den Tisch gestützt, an demselben, und hatte ein Glas nebst einer Flasche Wein vor sich stehen. In demselben Augen- j blicke, wo Jeanne - Marie mit ihrer kost- ; baren Last eintrat, wandte er sich um und ging ihr entgegen.
t „Nun, Jeanne - Marie," frug er, „was > hast Du denn da?"
s „Geht's Euch an ?" sagte sie lebhaft; ” „trinkt Euren Wein, Peter Monnier, und