M 148. Samstag, den 2. Inti 1881.
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Als ich vor einigen Jahren den Typhus im höchsten Grade hatte, sagte mir em geschickter (d. h. von der Regierung geschickter) Kreisphysikus flankweg in's Gesicht, daß ich verloren sei und noch in derselben Nacht sterben werde. Tas ist nun zwar nicht geschehen, aber die Prophezeiung des Arztes hatte insofern eine gewisse Berechtigung, als ich wirklich sehr schwer krank war und mein Leben bei 4P/20 Fieberhitze nur noch an einem Faden hing. Daß aber eine ganje Reihe gelehrter Doctoren einen kerngesunden Körper betasten, untersuchen und einstimmig erklären, er sei todtkrank und müsse unfehlbar sterben, das ist eine Erscheinung, die nur bei politischen Medi- einem uno Quacksalbern Vorkommen kann. Der angebliche Kranke, dessen Krankheit aber nut in dem fromme» Wunsche und der Einbildung der herumdoctorenden Osfi- ciösen, Liberalen, Demokraten, und wie sie alle heißen mögen, besteht, ist das Cen. trum, das an allen möglichen Gebrechen und unheilbaren Leiden laboriren soll; der Eine sagt, der Magen sei verdorben; der Andere meint, das Herz sei krank; der Dritte findet die Lungenflügel angegriffen, und der Vierte spricht gor von Biutver- giftung und Rückenmarksschwindsucht, — und das Komischste bei der ganzen Sache ist, daß das Zentrum selbst von all' diesen furchtbaren Leiden nicht das Mindeste verspürt, sich so gesund wie ein Fisch im Wasser fühlt und flott drauf los lebt. Mit großer und fast langweiliger Gelehrsamkeit
r hat die ,Franks. Ztg.' sich die kritische Brille I auf die demokrattsch-jüdische Nase gesetzt, z und die Diagnose, die Herr Löb Sonne- ? mann hat austüfteln lassen, lautet: lang
samer Auflösungsproceß. Also doch nicht | die galoppirende Schwindsucht! Die .Köln. | Ztg-' sieht schon tiefer; sie findet Riffe und
»tiefgehende Gegensätze" im Centrumskörper, die „so schroffer Natur" sein sollen, „wie I sie kaum eine andere Partei aufzuweisen l hat." Bismarck und die Ofsiciösen be- Z dauern, daß der „unüberwindliche Thurm" | nicht im alten Mauerkranze der Stadt l Köln steht, weil er dann ohne Zweifel am
11-Juni nach allen Regeln der Kunst (mit der l Mauer)in bießuft gesprengt worden wäre. Was i man hofft, das glaubt man gern und schreibt ■; es auch in die Welt hinein, aber das böse ] Centrum ist nicht gesonnen, diese Hoffnungen
seiner Gegner wahr zu machen; in seinem l gesunden Blute pulsirt kein Compromißeiter, | den man ihm zu guter Letzt noch beim - (sitzt vom Bundesrathe abgelehnten) Un- ; fallverstcherungsgesetz einimpfen wollte, und | wenn die Liberalen in allen großen Prin- ' cipienfragen so einig wären, wie da» I Gentium, dann könnten sie sich selbst die
Hand schütteln. Taß das Gentrum aber in nebensächlichen Dingen keinen Fractions- zwaug kennt und jedem Mitgliede die fach- liche Prüfung und Entscheidung überläßt, ist das etwa ein „zersetzender Auflösungs- f proceß" ? Aber der Abg. Er em er! Er ist I zum Rettungsanker für die Hoffnungen des i wühlenden Fortschrittes und des mattge- l setzten Liberalismus geworden, an ihm 5 rankt sich die „Zersetzung" hinauf. Und
doch ist diese ganze Ranke nur ein Strohhalm, denn was hat der bisherige Vertreter des Landkreises Köln gethan? Er liebäugelt mit den Berliner Gonfet- vativen, hält conservativ - bismärckische Reden, um eine festgeschlossene Phalanx in den fortschrittlich-jüdischen Ring der Reichs- Hauptstadt zu treiben; Herr Gremer hat weder die Absicht, noch die Macht, — denn seine Operation ist nur von localer Bedeutung — das Gentrum zu schädigen, und wenn sein Vorgehen auch seine bedenklichen Seiten hat, so ist dasselbe sehr weit davon entfernt, einen Keil in's Gentrum zu treiben; der politische Kunstreiter wird weiter Nichts erzielen, als daß er^selbst nicht wieder gewählt wird: ob er bem”Setliner Fortschritt eine Schlappe beibringt, muß die Zukunft lehren.
Wenn das Gentrum dem Reichskanzler ein Dorn im Auge ist, ei, dann sollten die politischen Aerzte sich Mühe geben, diesen Dorn herauszuziehen! Den eigentlichen Stachel bilden aber nicht die politischen und wirthschastlichen Grundsätze des Gen. trums, sondern der „Gulturkampf"« und sollte Bismarck sich entschließen, diesen einzustellen, dann würde er mit leichter Muhe aus den Gonservativen und dem Gentrum sich eine Mehrheit schaffen können, die ihn mit Lust, Liebe und — Erfolg qp seine großen wirthschastlichen Reformpro- jede herantreten ließe. Aber diesen Dor» läßt er sitzen, zum Schaden seiner Politik und des Landes. Auch die Erhebung des hochconservaliven Herrn v. Goßier auf den Gultusrninisterstuhl bringt den kirchenpoli«
47 Madelon.
Nach dem Französtschen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)
Sie hieß dann das Kind auf einem Ga- napee Platz mhmen und theille den beiden Damen das mit, was sie aus dem Munde Madelons vernommen hatte.
; „Entflohen!" rief Mademoiselle Henriette aus, sich lebhaft umwendend; „ich sah wohl, daß etwas Außergewöhnliches im Spiele fei."
„Entflohen!" rief dann auch ihrerseits die Gräfin; „wirklich sehr häßlich I Aber ich weiß nicht, dieses Krnd — ich glaube es zu kennen. — Ja, es ist ganz gewiß das kleine MädGm, mit welchem ich heute Morgen gereist bin. — Sein ganzes Wesen schien mir sonderbar, — es wollte auf keine meiner Fragen antworten; übrigens ist auch kein Kloster in Ghaudfontaine, sind Sie auch sicher, daß sie Ihnen die Wahrheit gesagt habe?"
„Was das anlangt, so darf ich dies wohl behaupten/' erwiderte Madame Bernet etwas unwillig; „ich habe sie bereits gekannt, als sie noch nicht so hoch war, als der Tisch hier. Sage mir, mein Kind, wo liegt das Kloster, von welchem Du sprichst?"
„In Lüttich," antwortete Madelon. „Ich bin heute Morgen nach Ghaudfontaine ge»
„ kommen, nachdem ich die Nacht hindurch | dahin gewandert bin. O, Madame Bernet", ! fügte sie, unruhig im Zimmer umherblickend, i bei, „beschützen Sie mich, ich bitte Sie, ver- I ratben Sie mich nicht!"
„Sei ohne Furcht und ohne Sorge, liebes Kind; Du mußt ja vor Müdigkeit halb tobt sein; weshalb bist Du denn nach Spa ge« t kommen?"
»Weil - ich gebucht habe, daß Sie mir i vielleicht helfen würden, und ich einige Zeit hier bleiben könnte."
»Gewiß, so lange Du willst; aber hast Du Verwandte hier?"
„Nein — das heißt — ach, ich vergaß," rief Madelon, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend aus. Sie erinnerte sich plötzlich an ihr Vorhaben, an Horace zu schreiben und an das, was sie ihm mittheilen wollte. — „Nein," fuhr sie fort, „ich kenne Niemanden ; ach, was soll ich thun, was soll ich thun?"
„Was Du thun sollst!" sagte die Gom- tefle energisch, „was Du thun sollst, ist leicht gesagt: Du wirst ohne Zweifel in Drin Kloster zurückkehren müssen."
„Nein, nein," rief Madelon mit Ungestüm aus; „ich kann es nicht — nie, nie!"
Und dann ließ sie sich wieder auf das Sopha zurückfallen, während die gute Madame <
Bernet sich abmühte, sie zu trösten, indem sie ihr versicherte, daß man sie nicht in’s Kloster zurückbringen werde, daß sie ihre „liebe Kleine" fei und ganz ohne Furcht fein könne; bann fragte sie biefelbe, ob sie keinen Hunger habe und bot ihr Bouillon, Kuchen und Zuckerwerk an.
„Wirklich fehr sonderbar," sagte die Gom» tesse zu Mademoiselle Henriette; „wenn Sie nicht Acht haben, wird Ihre Tante bald ganz in sie vernarrt fein. Aber ich will so eben wieder nach Lüttich zurückfahren und kann es ganz wohl übernehmen, die Kleine wieder zu ihrem Kloster zurückzubiingen."
„Wir würden Ihnen sehr verbunden fein, Madame," sagte Mademoiselle Henriette lebhaft; „wenn wir, wie Sie auch sagen, nicht Acht haben, werden wir das Kind auf dem Halse haben."
, Es bleibt also dabei, daß ich es übernehme, das Kind zum Kloster zu bringen," sagte die Gräfin; „hier ist kein Dank nöthig, ich lhue nichts als meine Pflicht. Aber weiß man denn wenigstens nicht, wie dieses Kind heißt?"
Madame Bernet, welche diese letzte Frage noch eben gehört hatte, sagte:
„Das arme Kind! Ich kenne es sehr gut, fein Name ist Linders; ihr Vater war ein großer Spieler — es war zu der Zeit,