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M 144.

Sonntag, den 26. Jnni 1881.

Die »Fuldaer Zrimng' «scheint täglich, Sonn- and Fst«ca^e ausgenommen. Ran adonarrt gegen Vorausbezahlung zu Fulda

Ät d« Expedition, Buttermarkt Rr. 112,auswärts bei oen Postämtern. Der vierteljährliche AbonnementspreiS beträgt ausschließlich B cingerlohn in Fulda eine Mark und »SR-Pfz., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pf., auswärts bei len Postämtern: bei der Post abgshslt 1 Mark und 50 R.-Pfg., ins Haus gebracht 1 Mark Sv Pfg. Di» ,illustrirten SonntagSblätter' der Fulda« Zeitung kosten sierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 2» Pfg., in'S Haus gebracht 40 Pfg Inserate: Die Petit,eile oder deren Raum =0 Pfa., bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

ging. Er ist allerdings unangenehm, eine politische Null zu sein; denn was hat der ; Stellvertreter des Reichskanzlers in den ! drei Jahren seiner Amts-Unthätigkeit ge- l than oder thun können? Damals, als \ Bismarck sich für „todtmüde" hielt, da 5 konnte man glauben, Herr v. Stolberg sei, etwas mehr, als Decoration; seit der■ Leiter unseres Staatswesens aber wieder ' jugendfrisches Blut in den Adern ver- ? spürte, — und das fiel mit der „Todt- ■ Müdigkeit" so ungefähr zusammen — gab's ; für den Vicekanzler Nichts mehr zu thun. Bismarck nahm eben Alles allein auf seine ? herculischen Schultern, die Steuerreform z und die Socialreform, und im Handum­drehen wollte er Deutschland aus der Man- ' chesterpatsche reißen und glücklich machen. Es ging nicht; der Karren saß zu tief im Schlamme und die Liberalen und Frei- * Händler hingen ihm noch zu fest an den? Rockschößen. Daß er unwillig ist und mit s gerunzelter Stirn auf die verfloffene Reichs- z tagssession zurückblickt, wer wollte es ihm ! verdenken? Steht er doch vor lauter Grab- § Hügeln; da schlummern friedlich im Schooße r der Erde die Brau- und Wehrsteuer, biet Diäten für den vielgeliebten Volkswirth- - schaftsrath, gegen die sogar Brutus- i Bennigsen sich verschworen; die Verfaffungs- 5 änderung wurde eine Leiche und das Un- | fallgesetz kommt ebenfalls nicht auf die j Beine. Na, Bismarck mag sich trösten, l denn nicht er allein blickt unwillig auf die * Session zurück, — Niemand ist von ihr 1 befriedigt. Die Jnnungsvorlage blieb halbe f Arbeit, das Börsensteuergesetz dito und '*

dasWerichtrkostengesetz ebenfalls. An dem verstümmelten Jnnungsgesetz und der be- schnittenen Börsensteuer haben nur dir Liberalen Freude, aber was nicht ist, kann noch werden, denn der Anfang ist wenigstens gemacht. Bismarck ist von den Finanzzöllen zum Schutzzoll fortgeschritten, und hoffent­lich wird er auch bald den Handwerksschutz in's Auge fassen. Zum Bauer und Ar­beiter gehört auch der ehrsame Handwerker; sie alle drei haben gleiches Anrecht auf die Fürsorge dessen, der sich mit Emphase den „Anwalt des kleinen Mannes" nennt, und der die sociale Frage nach den Grund­sätzen des „praktischen Christenthums" lösen will. Bis jetzt haben uns die groß­artigen Projecte nur eine winzige Winzig­keit gebracht: drei Monate Classensteuer- nachlaß; dafür sollten denn eine ganze Reihe neuer Steuerobjecte bewilligt werden. Wenn es dem Kanzler wirklich um den „kleinen Mann" mehr, als um die Wahlen und sonstigen Dinge zu thun wäre, dann ließe er das Arbeiterunfallversiche­rungsgesetz an dem abgelehnten Staatszu- schusse nicht scheitern; aber die Erklärung der Officiösen, das Gesetz sei in dieser Form unannehmbar, ist der beste Grad­messer für die wahren Absichten des leiten­den Staatsmannes.

Es darf uns übrigens die Resultatlosig­keit und Unfruchtbarkeit der Reichstagsses­sion nicht wundern, denn wenn der Kanz­ler mit den Ausschlag gebenden Fractionen keine Fühlung hält, wenn er Vorlagen ein­bringt, die halbfertig sind, und deren Werth nur in seinem eigenen Kopfe als begründet

Abonnements-Einladung.

Auf das 3. Quartal 1881 der ,Fuldaer Zeitung^ bitten wir uu- gesäumt zu abonnire«.

Die.Fuldaer Zeitung erscheint an allen Werktage« mit dem Da­tum des falgeudeu Tages und kostet vierteljährlich bei der Expe­dition (Buttermarkt Nr. 112) so­wie an den Postschaltern Mk. 1.50. In s Haus gebracht: in Fulda Mk. 1.70, auswärts Mk. 1.90. Die Richtung der ,Fuldaer Zeitung^ ist anerkanntermaßen eine ent­schieden katholische; auf dem Gebiet- der Politik ist ihr Stand- punet der des Centrums; auf wirthfchaftlichem Gebiete geht ste rücksichtslos gegen Wucherer und Halsabschneider vor und bringt häufig belehrende und anregende Artikel für die landwirthfchafttrei- bende Bevölkerung. Sämmtliche Loeal- und Provineial-Nachrichten von einigem Interesse. Cours- und Marktberichte. Familtennach- richten re. Inserate finden durch die ,Fuld. Ztg.^ die wirksamste Verbreitung.

(Die ,Fuldaer Zeitung' ist im Post-Zeitungs- Preisverzeichniß pro 1881 im II. Nachtrag sub Nr 1673 eingetragen.)

Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Der Ministerschub bot des Picanten noch mehr: auch Graf Stolberg der Vicekanzler 45~ Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. \ (Fortsetzung.)

XI.

In dem Dorfe rührte sich noch Niemand zu dieser frühen Morgenstunde. Unsere kleine Reisende, zwar von Müdigkeit er­schöpft, aber von dem frohen Gefühle erfüllt, ihre Freiheit wieder erlangt zu haben, über­ließ sich ganz ihrer fröhlichen Stimmung, die durch die ganze Umgebung nur noch ge­hoben wurde. Mit Entzücken ließ sie ihren Blick über das Thal schweifen; der Fluß ! erstrahlte in der Hellen, freundlichen Mor- i gensonne und schien tausend Funken zu! sprühen; die Poppeln, von llisem Wind- e hauche bewegt, wechselten ihre Färbung und ■ erschienen bald in sanftem Grün, bald in ' silberartigem Grau; etwa» heiter hinauf i schaute das reizende Schloß Röchelte mitten j aus herrlichem, saftigem Grün auf die unten ] geschwätzig murmelnde Vesdre hinab.

Unwillkürlich gedachte Madelon beim An- j blick dieser Oertlichkeiten ihres Vaters, und > ihr Herz preßte sich zusammen; aber bald : tauchte wieder die Erinnerung an Horace i in ihr auf, und etwas wie ein Schauern j des Glückes und der Wonne durchfuhr ihr , ganzes Wesen. War es ja auch an dies em :

Orte, wo sie ihm vor sechs Jahren begeg­net wart Die Erinnerungen an die ver­gangenen Zeiten und die Eindrücke der Gegenwart tauchten zu gleicher Zeit auf und stossen in ihrem Geiste in Eins zusammen. Lange blieb sie vor dem Hotel stehen, wo sie so oft mit ihrem Vater gewohnt hatte, fast wie bezaubert bei dem Anblicke der Dinge, die ihr schon so bekannt und fast lieb und theuer geworden waren, dann mahnte der Hunger sie wieder, daß sie nun fast seit zwölf Stunden nichts zu sich genommen hatte. Sie eilte aufs Dorf zu, kaufte sich ein kleines Weißbrot» und ging dann wie- der zu ihrem Platze vor dem Gitter zurück. Sie hatte kaum ihre einfache Mahlzeit be­endet, als zwei Personen zu gleicher Zeit das Hotel verließen und durch den Hof schritten. Die eine war die Comtefle G., mit welcher Madelon, wie der Leser weiß, sich einst so hitzig über den Besitz des Rou­lettespiels gestritten hatte; die andere war der Reisebegleiter Horace's, derjenige, wel­cher die Gräsin einst so sehr bewundert hatte, jetzt denn auch in der Thal ihr Ge­mahl war und sie nunmehr vielleicht noch mehr als früher bewunderte. Madelon, die sie übrigens erkannte, hörte von ihrer ganzen Unterredung nur die letzten Worte:

„Es bleibt also dabei," sagte die Gräfin,

als sie an dem Gitter an gekommen waren, „ich werde Dich heute Nachmittag in Lüt­tich treffen."

„Ja, am süglichsten wirst Du wohl mit dem ersten Zuge kommen müssen, denn viel­leicht muß ich mich am Abend nach Brüs­sel begeben. — Besonder« vergiß nicht meine Affaire bei Madame Bernet."

„Sei ohne Sorge, ich werde daran denken. — Auf Wiedersehen, lieber Freund!"

Sie winkte ihm mit dem Sonnenschirm Lebewohl zu und entfernte sich dann raschen Schrittes.

Madelon erinnerte sich jetzt, daß es auch für sie Zeit sei, sich zur Eisenbahn zu bege­ben, und in der That befand sie sich noch keine fünf Minuten daselbst, als bereits der Pfiff der Lokomotive aus dem Tunnel herars ertönte.

Es waren nur wenige Reisende mit diesem Frühzuge gekommen. Sie fühlte ihr Herz klopfen und glaubte in die Kniee sinken zu müssen, als sie zwei Ordens- frauen den Zug verlassen und auf sie zu- kommen sah; indeß gewahrte sie alsbald, daß das Gewand, welches sie trugen, ein ganz anderes sei als dasjenige der Schwestern in dem Kloster, welches sie eben verlassen hatte. Uebrigens entriß dieser unbegründete Schrecken sie dem trügerischen Gefühl der