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Samstag, den 25. Juni l8M.

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7t Politische Streifzüge.

, Nachdruck verboten.

Wenn die Hundstage in ihre Rechte treten, die säuern Gurken reifen, die Enten fidj mästen und die Seeschlangen aus dem Ocean in die Dintenfässer stoffarmer Re­porter schleichen, dann steckt sich die Politik in der Regel eine lange holländische Mynheerspfcife in den Mund und hüllt sich in, die Toga des dolce far niente. S)aä wird in diesem Sommer aber nicht der Fall sein, denn in ganz Europa wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, und überall erwartet man Katastrophen und dergleichen Ausbrüche aus den politischen Vulcanen. Rußland, Irland und Frankreich stehen auf dem: „Halt, wer da!", und jedes Land ist gespannt auf die Parole, die erfolgen soll. Der russische Kaiser irrt unstät von Ort zu Ort, und Peterkhof wird ebenso wenig seine letzte Zufluchtsstätte sein, als die am 17. und 18. Juni entdeckten Dynamitmaffen im Catharinenkanal zu Petersburg die letzten Minen sein werden, welche die Nihilisten gelegt haben. Das Minenlegen scheint übrigens ansteckend zu wirken und Mode im politischen Zweikampfe zu werden, denn in Liverpool versuchte man das Stadthaus und in St. Germain die Thierssäule in die Luft zu sprengen. Man darf nur ge­spannt darauf sein, in welchem Lande der Wirrwar zuerst losbricht, ob in dem Czarenreiche, dessen Judenkrawalle als die Vorboten der Revolution gelten dürfen, ob in Irland, das vor dem offenen Bürgerkriege steht und schon Bürgerblut

genug getrunken hat und noch täglich trinkt, oder in Frankreich, wo der zweimal ge­schlagene Gambetta alle Minen springen lassen wird, um seinen verblaßten RuhmeS- kranz von Neuem mit dem Dictaturstrniß aufzufrischen. Die Unruhen in Nantes und die blutigen Straßenkämpfe in Mar­seille haben zwar nur indirect mit der Politik des klein gemachten Bürgers von Cahors etwas zu thun, aber sie zeigen, daß Zunder genug gehäuft liegt, und die Rede, die der kühn gewordene Ferry am Sonntag in Ep-nal hielt und die in der Verherrlichung Grcoy's gipfelte, soll Gain- betta wie eine Dynamitpatrone im Magen liegen. Anstatt daß der französische Senat Gesetze fabricirt, welche die Religion aus den Elementarschulen entfernt, und man sich so Atheisten und Revolutionäre groß zieht, sollte die gesetzgebende Körperschaft weit eher für die Erhaltung der Religion, der Moral und der Achtung vor der Au- torität sorgen, das würde dem unter­wühlten französischen Vulcane besser frommen.

Auch die übrigen Länder sorgen für „Stoff" während der heißen Saison: In Oesterreich arbeitet der kalt gestellte Libe­ralismus auf Kriseleien los, um auf diese Weise vielleicht etwas einzuheimsen: in Bucharest hat das Ministerium die Arbeit eingestellt; in Holland und Luxemburg, besonders aber in Rom, erkämpften die Katholiken Wahlsiege; in Belgien verschlingt die Bruderschaft von Kelle und Schurzfell ohne Gewissensscrupel und Magenbeschwer­den die Pfarrgüter; gibt liberalen Aus-

: ländern das Bürgerrecht und beschränkt ! dasselbe den eingeborenen „Clericalen"; ; Italien sieht neidisch und eifersüchtig auf z Africa, wo die Franzosen noch manch' ! harten Strauß werden ausfechten müssen, l bevor sie den verschiedenen Volksstämmen i werden klar gemacht haben, welch' ein l Glück es ist, von der Nation beherrscht zu werden, welche an der Spitze der Civili- sation marschirt.

i So sehen wir, daß rings um Deutsch- t land herum, die Geister in arger Gährung sind, aber auch im Lande der Gottes­furcht und frommen Sitte fehlt's an in- teressanten und belebenden Saisonartikeln nicht. Manche Leute denken zwar: „O, im Sommer brauche ich keine Zeitung zu lesen; erstens habe ich keine Zeit dazu, und zweitens ist auch nicht viel los." So? Es soll Nichts „los" fein ? Ich will zwar nicht hoffen, daß eine Kriegserklärung

| Frankreichs, wie Anno 70, oder ein Alten- ä tat ä la Kullmann, Hödel und Nobiling I die Sommerfrische unterbricht, auch wird die orientalische Frage jetzt, da die griechisch, türkffcye Grenzfrage zum Abschluß gebracht ist, Europa nicht aufregen, allein bei uns wird etwas anderes „los" fein — die Wahlbewegung. Und da muß Jeder, um auf dem Laufenden zu bleiben und von liberalen und officiösen Phrasendrechslern nicht düpirt und über's Ohr gehauen zu werden, Zeitungen lesen. Gerade die nächsten Reichstagswahlen, die Ende September stattfinden, sind überaus wichtig und folgen» schwer, und jeder Wähler und Steuer- zahler, der mitrichten und nicht gerichtet

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Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.) I

war dunkel, und der Himmel mtt Wolken bedeckt. Madelon wandte sich um, um noch einmal einen Blick auf das Kloster zu werfen, dessen weiße Mauern fast gespensterhaft in dem Dunkel der Nacht em- porragten; Alles war ganz ruhig, nicht ein einziges Licht war an den Fenstern zu sehen, nicht ein einziger leiser Windhauch bewegte die Blätter der Bäume. Rechts lag die Stadt Lüttich wie in tiefer Finsterniß be­graben; nur bisweilen schoß eine einsamme Flamme aus den zahlreichen Eisenwerken, die hier liegen, in das Dunkel empor und beleuchtete einen Augenblick lang die um­liegenden Berge; vor ihr war die Straße, öde und einsam. Eine Zeit lang zog sie ihres Weges dahin, während ihre Gedanken sich bald mit ihrem jetzt verflossenen Klosterleben, bald mit ihrer Zukunft beschäftigten, die sich ihrer Einbildungskraft im hellsten, unge- trübten Glanze darstellte.

Jndeß war unser kleiner Flüchtling, der soeben von schwerer Krankheit aufgestanden war und dessen Kräfte noch keineswegs wie- der soweit erstarkt waren, daß sie einen sol­chen Weg länger hätte aushalten können,

kaum im Stande, die Anstrengungen einer solchen Fußtour zu ertrageu. Sie glaubte schon mehrere Stunden lang dahingegangen zu sein und meinte nahe am Ziele zu sein, während sie in Wirklichkeit kaum die Hälfte des Weges zurükgelegt hatte. Müde und abgemattet suchte sie mit den Augen eine Stelle, wo sie etwas ausruhen könnte, und entdeckte endlich einen Prellstein, neben der Straße; mit dem Kopfe wieder einen Baum lehnend ließ sie sich auf demselben nieder und schlief vor Müdigkeit und Mattigkeit bald ein.

Wirre Träume, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem abson- derlichen Bilde zusammenfloffen, störten bald die Ruhe ihres Schlafes. Sie träumte, daß sie sich in einem großen Saale, wie der große Speisesaal des Klosters, befände; I bie Tafel stand gedeckt: Ordensfrauen in? ihren langen, schwarzen Gewändern, deren Züge sie indeß nicht unterscheiden konnte, irrten Gespenstern gleich umher. Plötzlich verwandelte sich, wie durch einen unerklär­lichen Zauber, der Speisesaal in einen Cur- saal ; der Tisch mit seinen Tischtüchern und seinem Tafelgeschirr gewann das Aussehen ' eines Spieltisches, um welchen herum die • Ordensfrauen faßen, von denen dann die ' Einen als Croupiers thätig waren, während

die Andern emsig mit ihrem Rechen den Einsatz entweder hinschoben oder an sich zogen. Unter den Letzteren befand sich auch Madelon, und hatte sie soeben einen ganzen Haufen Goldes gewonnen; als sie aber von demselben Besitz ergreifen wollte, verbot ihr die Oberin in ihrer Eigenschaft als erster Croupier, daran zu rühren. „Es gehört doch mir, Vater," sagte sie dann, sich an einen Spieler wendend, der hinter ihr stand; und als sie den Kopf in die Höhe richtete, erkannte sie in demselben Horace Merville. Er antwortete nicht, sondern starrte sie nur festen Blickes, die Achseln zuckend, an; dann verschwand er wie ein Schatten, und zu­gleich mit ihm alle Ordensfrauen. Sie befand sich jetzt ganz allein an dem Tische, auf welchem, mitten unter einem großen Hau­fen von Goldstücken eine unbewegliche, mit einem weißen Tuch bedeckte Masse lag, so wie ihren Vater an feinem Todestage ge­sehen hatte. Sie eilte hinzu um das Gold, welches sie gewonnen hatte, an sich zu nehmen; aber im selbigen Augenblicke griff eine ver­borgene Hand nach demselben, bas Tuch sank hinunter und Madelon sah sich vor dem leblosen Körper ihres Vaters.

Sie stieß einen Schrei aus und wachte mit einem Male aus dem Schlafe auf- vor Kälte und Schrecken zusammenschauernd ;