M 138. Sonntag, den 19. Jnni 1881.
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Vor einigen Tagen machte ich einen Ausflug und wanderte durch einen pracht- :■ vollen Hochwald; da war's so still und. friedlich; unzählige Vöglein sangen in den i Zweigen, klare Bächlein rieselten von den i Höhen in's Thal, und mächtige Buchen j reckten ihre schlanken, weißen Stämme, . von denen manche ein grünes Mooskamisol . trugen, hoch gen Himmel. Mit einem Male ; leuchtete die Sonne am verschleierten Him- i mel auf und durch den Wald, und da war's, | als sie die weißen Stämme mit ihrem, Lichte übergoß, als habe unser Herrgott; Hunderte von gewaltigen Kerzen in dem i Walddome angezimdet. Kein Laut störte; die heilige Stille, — Frieden und Har- ! monie ringsum; da drang die Politik mit \ ihrem Geklapper nicht hin; da hörte man j Nichts von Reichttagsverhandiungen und \ Zänkereien, von dem Ehrgeize und dem Nervenanfalle Gambetia's, von nihilistischen Proclamationen, irischen Straßenkämpfen und Attentaten; seit drei Tagen hatte ich den politischen Tummelplatz mit seinen Kämpfern verlasien, kein Zeitungsblatt zu Gesicht bekommen, — und das that mir so wohl, daß der Gedanke in mir aufstieg, die Welt könnte ohne Politik, Parlamente, Wahlen und ähnliche Vexirspiele weit glücklicher und zufriedener leben, als mit denselben. Ich beneidete fast die.alte Frau, die Brennholz in dem Walde sammelte und die von den politischen Wirren zweifelsohne so wenig kannte, wie ein deutsches Wickelkind von spanischen Stiergefechtcn....
Als ich am Abend wieder in die Tiefe niederstieg, sah ich einen Arbeiter, der sich den Tag über im Schweiße seines Angesichte« abgemüht hatte, einen Graben anzulegen und die mühsame Arbeit fast vollendet hatte, als plötzlich von der Höhe §das Geröll nachgab, niederrutschte und den Graben verschüttete. „Alle Mühen vergebens 1" stöhnte der Mann. „Wenn's nur dem Reichstag nicht ähnlich ergeht/ dachte ich, — und richtig, als ich zu Hause angelangt war und mich wieder in den politischen Sandberg hineinwühlte, da fand ich meine Ahnung bestätigt. Denn die meisten Vorlagen sind ad acta gelegt und ihre Berathung war verlorene Liebesmüh, Arbeit und Zeit verloren, und das Winzige, das zu Stande kam, ist nicht viel werth und halbfertig, und da erschien denn derWunsch, die unfruchtbare und unerquickliche Session möglichst bald zu fchlreßen, mehr als berechtigt. Selbst die Hoffnung, die beiden social- politischen Gesetzentwürfe aus dem allgemeinen Trümmerfelde zu retten, ist geschwunden, und Nichts bleibt übrig, als ein öde« Lavafeld, aus dem hie und da ein armseliger Ginsterstrauch hervorragt. Das hochwichtige Unfallversicherungsgesetz, das auch in dritter Lesung nach den Commissionsbeschlüffen angenommen wurde, wird allem Anscheine nach an dem Willen des Reichskanzlers scheitern. Und was ist aus der Jnnungsvorlage geworden! Das Grab der Hoffnungen des Handwerkerstandes, deffen trostlose Lage von keinem Lichtstrahl erhellt wird; ein Ding, da« nicht Fisch und nicht Fleisch ist,
denn das Gesetz hat seinen festesten Schlußstein verloren, indem auch bei der dritten Lesung (allerdings mit der lächerlichen Mehrheit von nur drei Stimmen) der Kern des Ganzen, d. h. die Bestimmung gefallen ist, wonach bewährten Innungen das ausschließliche Recht, Lehrlinge zu halten, zugesprochen werden konnte, eine Forderung, welche den obligatorischen Innungen mit der Zeit von selbst den j Weg gebahnt haben würde. Jetzt ist
Alles an ein „Wenn" und an Bedingungen • geknüpft, es fehlt das „Muß", und da ist
es mehr als fraglich, ob die Handwerker Verpflichtungen ohne Rechte, ohne Schutz und Erfolge eingehen werden. Das schöne^ große Werk, lebensfähige corporatwe Verbände zu schaffen, ist zu einem Spielball zusammengeschrumpft; es ist ein Bell ohne Stiel, ein Bedingungssatz geworden, dem der Nachsatz und der Nachdruck fehlt. Die Liberalen, denen vor „mittelalterlichen" Institutionen gruselte und die die „wohlerworbenen Rechte" (Gewerbefreiheit!) zu verlieren fürchteten, jubeln hellauf, und die fahnenflüchtigen Freiconservativen sowie die 35 Centrumsmilglieder, die bei der Abstimmung durch Abwesenheit glänzten, sollten sich bis in den Grund ihrer Seele hinein schämen! Da wird das Land aufgewühlt bei den Wahlen; da freuen sich die Wähler, wenn ein S«tz erobert wird, — und schließlich, wenn es sich um wichtige Abstimmungen handelt, dann fehlen die Vertreter des Volkes! Diese ; wußten, was auf dem Spiele stand, und dennoch waren sie nicht zur Stelle. Das
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Madelon.
Nach dem Franzbstschen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.) I
Das Kloster von *** war weder sehr \ groß, noch sehr reich. Dar Gebäude selbst - war früher ein Schloß gewesen, dar man $ seiner gegenwärtigen Bestimmung so gut | als möglich angepaßt hatte. Es war von i einem großen Garten umgeben, welchem i schöne Rasenplätze, hübsche Blumenbeete | und altes Gemäuer, an welchem Obstbäume ; und Schlingpflanzen emporrankten, ein j durchaus reizendes, gefälliges Aussehen verliehen. Madelon indeß, die sich so mit! einem Male plötzlich in eine für sie ganz ' neue und fremde Umgebung versetzt sah, \ bäuchte Garten und Kloster unendlich traurig ] und eintönig; anfangs war es nur ein J ganz unbestimmte» Gefühl der Langeweile, ; das indeß allmählich in eine offen zur \ Schau getragene feindselige Haltung über- i ging, so daß es nicht ausbleiben konnte, j daß sie mit den Schwestern und Allen, mit i denen sie in Berührung kam, fast beständig . auf Kriegsfuß lebte und demzufolge überall der größten Abneigung begegnete.
Daß mit Madelon sehr schwer umzu- I gehen war, darin stimmten Alle überein, i und Niemand wunderte sich darüber mehr, !
als sie selbst. Bi» dahin hatte sie freilich auch sozusagen beständig mitten im „Glücke" gelebt — fast ausschließlich in dem Verkehr mit einem äußerst nachsichtigen Vater, sie war mit Kindern ihres Alters fast gar nicht in Berührung gekommen, und namentlich hatte sich für sie kaum Anlaß geboten, jene verkehrten Neigungen und Triebe weiter zu entwickeln und ihnen nachzuleben, die von Natur aus in allen Menschen verborgen schlummern; sie konnte kaum begreifen, weshalb sie in der neuen Lage fast stet» schlechter Laune war und sich störrisch und eigenstnning zeigte. War ihr freilich durchaus feststand, war, daß sie sich sehr unglücklich fühlte, und es war für sie in der That geradezu eine Entdeckung, als man ihr die Versicherung gab, daß sie selbst die Schuld daran trage, und daß sie, wenn sie erst vernünftig geworden sei, dann auch wieder glücklich werden würde.
„Ich bin immer vernünftig!" schrie Madelon bei solchen Gelegenheiten, indem sie sich, ohne es zu wissen, in einen früheren Abschnitt ihres Lebens zurückversetzte; aber ich bin nicht glücklich, und ich werde es auch nie werden."
Leider konnte man ihr nur allzu klar den Beweis liefern, daß sie durchaus nicht I vernünftig sei, und schließlich begann sie s
denn auch langsam, dies selbst einzusehen und anzuerkennen, obwohl sie sich immer noch vergebens fragte, welche Mittel sie anwenden müsse, um diesem Uebelstande abzuhelfen. Die Verwunderung und zugleich auch eine Art von Mitleid, welche» sie um sich herum erweckte und das man ihr auch rückhaltlos zu erkennen gab, fühlte sie recht wohl.
Von den ersten Tagen ihres Aufenthaltes im Kloster an hatte sie ihre Mitschülerinnen durch ihre wegwerfenden, geringschätzigen Manieren nicht wenig verletzt oder wenigstens abgestoßen; die Anspielungen auf den Stand ihres Vaters, welche diese machten, und die sie übrigens selbst unkluger Weise in etwa wenigstens veranlaßt hatte, reizten sie im höchsten Grade und erbitterten sie außerordentlich. Ihre Unwissenheit in religiöser Hinsicht war eine weitere Quelle der De« müthigung für sie und des Staunens für die Schwestern, die sich dann beeilten, diese Lücke durch einen gründlichen Unterricht in dem Katechismus und der heiligen Geschichte auszufüllen.
In dem Unterrichte, welchen sie empfing, befanden sich natürlicher Weise mancherlei Dinge, welche Madelon mit einer gewissen Ungläubigkeit aufnahm. Wie sollte sie auch in der That etwas glauben, wovon ihr