Sonntag, den 12. Juni 1881
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Wahre Höllenangst haben die National l i b e r a l e n vor den Wahlen. Ihre „Erklärung", in der sie sich krümmen wie ein Kautschukmann, drehen wie eine Wetterfahne, aufspringen wie ein Bär auf heißen Platten und sich schließlich ducken wie ein — Nationalliberaler, fordert geradezu unser Mitleid, nicht unfern „Haß", heraus. Dieses phrasensatte Schriftstück ist ein Unicum in seiner Art; vorn eine speerstarrende Phalanx, hinten Hinter- thürchen an Hinterthürchen; vorn Fäuste, hinten Kußhändchen und Kniefälle. Na, Bennigsen steht ja auch an der Spitze! Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Bankerott-Erklärung, die besagt, daß der Nationalliberalismus wegen des Mangels eines festen Fractionsver- Landes für positive Leistungen gar nicht mehr fähig ist; er gleicht dem italienischen Ministerium- das ohne Programm am 2. d. M. die Kammer eröffnete, oder beffer noch einer lecken Bütte, die auseinanderfällt, weil die Reifen abgesprungen sind. Ich will mich auf die Auffassung dieser Falliments-Erklärung in katholischen Kreisen gar nicht stützen, sondern kurz liberalen Blättern das Wort geben. Tie ,Nat. Ztg.' spricht von „Lücken und Zweideutigkeiten" ; die .Tribüne' erklärt den alten FractionS- verband für „abgenutzt", dem es am „festen, inneren Zusammenhalt" fehlt; und der conservative ,Reichsbote' nennt das Actenstück „mit seinen gummiartigen Redensarten", mit fernem „wenn" und „aber"
; sogar das „Testament" der Nationallibe- I ralen. Ich will artiger und poetischer sein i und spreche nur von einem Schwanengesang! ■ Biel Vertrauen in die Zugkraft dieses \ letzten Seufzers scheinen die Herren selbst j wohl nicht zu haben, denn sonst hätte der - -Deutsche Verein' nicht nöthig, seine ■ Musterreisenden und Wanderapostel auf i Tour zu schicken und lange Reden halten i zu lassen; sogar Hessen wurde davon heim- l gesucht. Wie es kommt, daß diese Aus- i flüge der Deutschvereinler mich an die i vermeintlichen Heuschreckenschwärme erin- i nein, die sich jüngst über einen Theil \ Deutschlands ergossen, weiß ich nicht; aber ’ glücklicherweise waren es keine gefährlichen ? Heuschrecken, sondern unschädliche Libellen, | (Libellulä quadrimaculata, auch Waffer- t jungfer, im Volksmunde „Schneider" ge- r nannt) und an Masse rjungfern erinnern | auch die Conduitenlistenführer; sie beißen l nicht mehr, und Mn Hund läßt sich mehr l von ihnen hinter dem Ofen herlocken.
k Wenn nun auch materielle Interessen I hier und da bei den Wahlen den Ausschlag geben mögen, — bei den Katholiken ist dies nicht der Fall. Ihnen stehen die - geistigen Interessen doch unendlich höher; t und so lange der „Culturkampf" fortdauert, i wird weder das Jnnungs- noch das Un- . fallversicherungsgesetz noch sonst etwas sie bestricken und einschläfern. Sie erkennen dankbar an, daß Bismarck sich Mühe gibt, die wirthschaftliche Lage Deutschlands zu heben, seine Industrie durch Zölle zu schützen und gleichzeitig die leeren Staatssäckel zu füllen, aber sie vergessen darüber nicht das
Wichtigste: die Lage der Kirche. Und so lange diese nicht der Fesseln entledigt ist, wird das katholische Volk bei den Wahlen nach ganz anderen Dingen fragen, als nach der Sorge Bismarck's um den kleinen Mann, und es wird nur Männer wählen, welche die Beendigung des kirchenpolitischen Streites hoch oben auf ihr Programm schreiben. Es wandelt uns wie Wehmuth an, wenn man in dem herrlichen Werke von Stangl über Nordamerka liest, «elcher Freiheit die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten sich erfreut und weich' großartige Erfolge sie dort erzielt hat. Beschämt und betrübt blickt man dann auf Europa und stellt Vergleiche an: drüben gibt's viele Klöster und Orden und keine stehende Heere, und das Land blüht wie kein anderes in der Welt; im alten Europa sind die Staaten bewaffnet bis an die Zähne, mit Schulden überladen, die Klöster vielfach aufgehoben, und wer ein blühendes Land in Europa finden will, der muß mit der Laterne des Diogenes suchen. In der Union, wo die Regierung so v-rnünfiig ist, stch in kirchliche Dinge nicht zu mischen, gibt's keinen „Culturkampf", keine vertrie- b-'nen Bischöfe und Priester, sogar die Jesuiten fürchtet man nicht, — in Europa ist es schon ein Ereigniß, wenn in Deutsch, land z. B. eine confessionslose Schule aufgehoben wird, oder wenn der französische Senat die brutale Vertreibung der barmherzigen Schwestern aus den Pariser Klöstern nicht billigt. Drüben stellen protestantische Staatsmänner der katholischen Kirche das glänzendste Zeugniß aus und prophezeien
34 Madelon.
Rach Bern Französischen von I. Rüttgers.
(Fortsetzung.) I
Die Augen träumerisch auf die untergehende Sonne gerichtet, dachte sie eben an den guten Herrn Horace, von dem sie sich bald trennen sollte, und der für sie so sehr besorgt war. Plötzlich wandte sie sich um, da sie die Thüre de« Salons aufgehen hörte und ein Strahl der Freude glitt über ihre Züge, denn e« war Horace selbst, der zu ihr trat und ihr eine Pro- menade vorschlug. Sogleich nahm sie sein Anerbieten an, und das Kloster, wo Fräu- lein Linder» wohnte, wurde als Ziel ihres Ausfluges ausersehen. Nach der Auskunft, die man ihnen gab, lag es in einiger Entfernung von der Stadt, und da Madelon versicherte- daß sie durchaus nicht müde sei und daß sie gern den schönen Herbstabend benutzen möchte- so machten sie sich sogleich auf den Weg.
Indem sie an dem Theater, dem ehemaligen Palaste der Fürstbischöfe vorbei und über einen mit einer Menge von Spaziergängern bedeckten Platz gingen, langten sie an einer staubigen, breiten Chausse an, welche auf Chaudfontaine zuführte; die Stadt verschwand bald hinter
ihnen in dem Nebelschleier, und auf das verworrene Geräusch der Straßen folgte eine angenehme wohllhuende Ruhe. Nur der Klang der Glocken, welche den Ange- lus einläuteten, drang zu ihnen, als sie an einer Biegung des Weges ein von einem kleinen Thurme flankirtes großes, in Schiefern gedecktes Gebäude bemerkten. Da» war die zukünftige Wohnung Madelons. Rings herum lag ein von einer niedrigen Mauer umschlossener Garten, und ein wenig rechts sah man in derselben eine kleine Thür, über welcher ein Kreuz emporragte. Auf einer Bank nebenan sah man eine leere Schüssel, die wahrscheinlich i die Abendmahlzeit irgend eines Armen enthalten hatte, der sich nicht vergebens an die Mildthätigkeit des Klosters gewandt hatte.
Sie ließen sich nieder, und Madelon, die, während sie dahingingen, unaufhörlich geplaudert hatte, wurde ganz gedankenvoll. Die Glocken der Stadt schwiegen; nur der einförmige Klang des KlosterglöckleinS tönte noch eine Zeitlang fort, hörte dann aber ebenfalls auf, und man hörte nur mehr das Zirpen der Grille und das Rauschen der Biätter der Bäume, das wie ein seufzendes Klagen schien. Unmerklich hatte sich die Nacht auf die Erde gelagert.
Mochte es nun ein geheimer Einfluß des Ortes und der Zeit oder was immee fein, — genug, auch Horace war, wie feint kleine Gefährtin träumerisch geworden; seine Gedanken schweiften weit ab, weit hinaus über den Gesichtskreis, welcher feinen Blick begrenzte, als ein leise«, unterdrücktes Schluchzen ihn aus seiner Träumerei emporriß; als er sich umwandte, sah er, wie Madelon weinte.
• „Madelon," sagte er, „was ist Ihnen? Sind Sie müde?"
„Nein, efir ist nichts," sagte sie, indem sie sich bemühte, ihre Thränen zurückzuhalten; dann sagte sie, sich ganz ihrem Schmerze überlassend:
„Ich bitte Sie, verlassen Sie mich nicht I Nehmen Sie mich mit, ich beschwöre Sie!"
„Arme Madelon!" sagte er zu ihr, „bleiben wir nicht hier sitzen; ich habe nicht recht daran gethan, Sie hierhin zu führen zu einer Stunde, wo schon die dunkle Nacht herab- funken ist; aber wenn wir wieder kommen werden, dann werden Sie sehen, wie Alle« so freundlich und herrlich hier ist."
„Das ist es nicht allein," versetzte sie. „Eben von einem Augenblicke glaubte ich, ganz vergessend, wo ich mich befand, bei meinem Vater zu sein, und schon machte ich wie auch früher, allerlei Pläne für den