M 132.
Sonnabend, den 11. Jnni 1881.
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& Politische Streifzüge.
Nachdruck verboten. ;
„Die Diktatur hat sich in Europa\ überlebt; sie paßt nicht zum Geiste der 19. j Jahrhunderts." So heißt es, aber ist es auch so? Es ist schon manches Wort ge- - lassen ausgesprochen worden, und dazu ge« hört auch das obige. Neulich sah ich in s dem Schaufenster einer Buchhandlung die >’ Photographien Alexanders III., Bismarcks und Gambetta's neben einander hängen. \ War's Zufall, oder hatte der vielleicht po- i litisch gebildete Buchhandlungsgehilfe eine ’ politische Bosheit verbrochen? Ich dachte? unwillkürlich an die „aä acta gelegte" s Dictatur. Der Czar hat wenigstens den ! Muth, die Aufrechterhaltung der Dictatur f und des asiatischen Despotismus laut zu > fordern; dafür befindet er sich denn auch i im Belagerungszustande, wandelt auf pulvergefüllten Minen und erhält vergiftete, Salate vorgesetzt. Daß in Rußland die \ Dictatur so lange bestehen bleibt, bis dem k Faß der Boden ausgeht, beweist der radi- - cale Ministerwechsel, der gleichbedeutend mit ; der Zurückweisung aller an die moderne j Cultur und die freiheitliche Entwicklung - der Völker gestellten Forderungen ist; aber ' man kann ihr wenigstens nicht den Vor- i wurf machen, eine Maske zu tragen. Sie l zeigt offen und ehrlich ihr eiserne» Gesicht, । und wenn Ignatjew, der „patriotischste j aller Russen", jetzt herankommt und das; Manifest „ausbeffern" will, so ist seine la« i virende Tactik zu sehr bekannt, als daß j man ihr den geringsten ernstgemeinten? Werth beilegen könnte. Anders ist's in '
Frankreich. Dort gibt's keine Dictatur, bewahre, die Franzosen sind ja Republikaner, — aber sie haben einen Gambetta, vor dem sie sich im Staube beugen, tiefer, als gewisse Leute in Deutschland vor Bismarck, und Bismarck ist doch im Vergleich zu jenem Phrasendrechsler ein wahrer Herkules! Die politisch unkluge oder doch mindestens verfrühte Triumphreise des Specereihänd- lerssohn aus Cahors nach seiner Geburtsstadt hat so recht den französischen Cha« racter, der dem Personencultus huldigt, klar gelegt. Ich will auf die Schmeicheleien, Reden, Audienzen, Festessen, Einladungens, Triumphbogen rc., mit denen der „große Bürger" beehrt und überschüttet wurde, nicht zurückkommen, aber sie haben bewiesen, daß Frankreich thatsächlich unter der Dictatur Gambetta's steht, dem e» die Füße küßt. Er hat keine Krone auf dem Haupte, kein Scepter in der Hand, keinen Hermelin und Purpurmantel um die Schultern, aber hat Phrasen im Munde und mit di esenPhrasen beugt der schlaue Advo« cat den Nacken der Franzosen unter seine Dictatur. Der Senat weist zwar noch der Listenwahl die Zähne, aber zwischen Fleischen und Beißen ist ein großer Unterschied; die bissigen Hunde knurren nicht lange, sie fassen an. Woll'n 'mal abwarten! — Deutschland hat auch keine Die- tactur, denn Verfassung, Reichstag und Landtag sind die Wälle und Schutzwehren dagegen; (ich bitte den Leser nicht an Hamburg und sonstige Dinge zu denken) aber Deutschland hat einen Fürsten Bismarck. Wer ein Land ganz ohne die sich
angeblich überlebt habende Dictactur finden will, wo die Freiheit kein leerer Schall ist, der verlasse Europa und gehe nach Amerika, — womit ich allerdings der Auswande« i rungS> Epidemie nicht das Wort reden will.
Wenn ich das Wort „Bismarck" schreibe, dann geht mir ein endloser Gedankenstrom durch den Kopf; dann denke ich an seine Nerven, seine Gicht, seine Strafformulare und auch an den Fürsten : Gortschakow, mit dem er sich ausgesöhnt ; haben soll; ferner an den Reichstag, an neue Zölle auf Trauben, Mehl und Tuche; an neue Steuern, Jnnungsgesetz, Arbeiter- unfallverstcherungsgesetz, an den kleinen Mann, — und dann stehe ich plötzlich mitten in der inneren Politik mit ihren großen wirthschaftlichen Fragen und ihren kleinen Erfolgen; mitten in all'dem Elend und Jammer, der Roth und dem Partei- Hader, die Deutschland beschweren. Der in den lltzten Zügen liegende Reichstag gibt sich also noch einmal an die Arbeit; bis jetzt hat er sich mehr ablehnend als schaffend verhalten, und das ist auch ein Erfolg! Keine Brau« und Wehrsteuer und das Un<- fallversicherungsgesetz schon in zwei Lesungen ordentlich zugestutzt, — das lasse ich mir gefallen. Der Reichskanzler hätte gar zu gern allen Arbeitern den Reichs zuschuß als staatliche Marke auf die Stirn gebrannt , aber das böse Centrum, das den Ausschlag gibt, meint, in Deutschland wäre die Staatsallmacht gerade groß genug, ohne jene staatliche „Wohlthat"; den Verlust der Reichranstalt hätte Bismarck allenfalls verschmerzt, aber der Ver-
33 Madelon.
Rach dem Franzbfischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)
V.
Acht Tage später stand Madelon wiederum, wie auch am Tage vor dem Tode ihres Vaters vor dem Fenster eines Zimmers in einem Hotel; aber anstatt des engen Horizontes einer Pariser Straße, hatte sie dies Mal vor ihren Augen das weite Panorama von Lüttich, mit seinen amphitheatermäßig gebauten Häusern, seinen hohen Kaminen und seinen vielen Thürmen; ihr gegenüber sah sie auf einer kleinen An- höhe eine Kirche, dir freundlich in's Thal herabschaute.
Am vorhergehenden Tage hatte sie mit Horace Paris verlassen und war mit ihm an ihrem Bestimmungsorte angelangt. Der junge Arzt hatte, um da» Versprechen zu erfüllen, welches er Linders gegeben, seinen ganzen Reiseplan geändert; er hatte seinen Aufenthalt in Frankreich so weit ausgedehnt, al« nölhig war, um die Angelegenheiten Madelons zu ordnen, hatte seine Reiseroute so eingerichtet, daß er über Lüttich seinen Weg nahm und gedachte sodann, wenn er die kleine Waise der Obhut ihrer Tante übergeben hätte, die übrig
bleibende Zeit zu einer Reise in die Schweiz zu benutzen. Er opferte gern zu diesem Zwecke einen Theil seines ohnehin kurzen Urlaubes, denn allmählich hatte er an dem Schicksal des ihm anvertrauten Kindes ein Interesse genommen, das er sich selbst nicht ganz zu erklären wußte. Für den Leser, der weiß, welcher Art die Erziehung Madelons war, kann es nicht» Auffallende» sein, daß sie nicht einmal die nothwendigsten Dinge, die ersten, einfachsten Begriffe von Gut oder Bö» kannte, während sie doch andererseits wieder eine Menge Kenntnisse hatte, die über den Gesichtskreis von Kindern ihres Alter» hinaurgingen. Horace indeß wußte von all' dem nicht», und war er lediglich auf Muthmaßungen angewiesen. In Madelons Augen lag etwa» Sonderbares und zugleich Rührendes in der kindlichen Einfalt, mit welcher sie ihm ihr vergangene» Leben erzählte, wobei sie eine Menge Einzelheiten betonte, au« denen der wahre Charakter von Herrn Linders und seiner Freunde immer klarer wurde.
Um Alles in der Welt hätte er sie nicht über die Täuschung, in welcher sie in dieser Hinsicht befangen war, aufkiären mögen; er setzte seine ganze Hoffnung auf die Zeit und ihren Einfluß, wodurch sie, wie er meinte, schon aufgeklärt werden
wurde, tNvch ehe irgeno em Vorfall ihren einfachen Glauben erschüttern und ihre süßesten Erinnerungen grausam zerstören würde. Aber stand nicht zu befürchten, daß die Fehler ihres Vaters auf das unschuldige Haupt des Kindes zurückfallen würden ? Dieser Gedanke, sowie die eigen- thümliche, außergewöhnliche Lage, in welcher er sie sah, erweckten in ihm ein tiefes Mitleid; er hätte sie wohl für immer sicher ) stellen wollen gegen die Gefahren, denen sie doch früher oder später begegnen müßte. Die so ganz ungezwungene, freiwillige Zu- ' Neigung, welche sie zu ihm gewonnen hatte, war für die Kleine bei der ersten Heftigkeit ihres Schmerzes von großer Bedeutung gewesen, indem sie ihren Gedanken immerhin eine etwas andere Richtung gab zu einer Zeit, wo das Gefühl ihrer Vereinsamung sie besonders und fast unerträglich drückte. In ihrer feurigen Natur lag das Bedürfniß einen Freund zu haben, eine gewisse Begeisterung, eine unwillkürliche Hinneigung zu irgend etwas, die jetzt einen Gegenstand gefunden hatte, und dies mitten in ihrer äußersten Trostlosigkeit. Denn Madelon war anfangs, als sie den Tod ihres Vaters vernommen, ganz wie vernichtet gewesen, und hatte auf all' die Worte de» Trostes, womit Schwester Angelica ihren Schmerz