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Sonntag, den S. Jnni 1881.

Fuldaer

Zeitung

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Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Jetzt heißt es vor allen Dingen: Augen und Ohren aufgehalten, Katholiken, beson­ders bei den bevorstehenden Wahlen! Mit den sommerlichen Lüften weht schon starker Wahlwind durch alle Blätter, und besonders rührig zeigt sich der Mann, der von den nächsten Wahlen Alles hofft, — Fürst Bis- marck. Mit dem jetzigen Reichstag hat er sich total überworfen, der folgende soll Al- les gut machen. Das deutsche Volk hat es in der Hand, hierauf die Antwort zu geben. Es kann verjubelte Fortschrittler, wetterwendische Nationalliberale, unzuverläs­sige und gefügige Freiconservative, — aber es kann auch Centrumsmänner wählen, die ein Gewissen vor Gott, ein Herz für'» Volk und eine Stirn vor dem Reichskanz­ler haben. Dieser schmeichelt unausgesetzt dem „armen Mann," hat auch den drei- monatlichen Steuernachlaß auf die Monate Juli, August und September in die (Mahl­zeit) verlegt, aber hoffentlich ist das Volk trotz aller officiösen Manöver einsichtig ge­nug, um zu wissen, was es zu thun hat. Will es das Tabakmonopol und sonstige neue Steuern, und will es, daß nicht ein­mal die Spendung der Sacramente freige- geben werde, dann wähle es Liberale und eine gewisse Sorte von Conservativen I Das Wort, das Frhr. v. Schorlemer-Alst im Reichstag sprach: „Der moderne Libera- lismus hat abgewirtschaftet!" muß zur voll- sten Thatsache werden, und wenn selbst Bis­marck erklärt, „daß er, je älter er werde, einen um so größeren Haß gegen die Libe-

ralen empfinde," dann sollte man glauben, Deutschland werde bald von diesem Krebs­schaden befreit werden. Aber gewisse Am­phibien und Jnsecten haben ein sehr zähes Leben und die nationalliberale Versammlung, die am Sonntag in Berlin stattfand, bekun- dete sogar „eine höchst erfreuliche Harmonie der Ansichten." Die Partei „will auch un- ter den immer schwieriger gewordenen Ver­hältnissen fest (!) ihren alten Standpunct behaupten und ungebrochenen Muthes der Zukunft entgegensehen." Lache nicht, lieber Leser, so steht's schwarz auf Weiß gedruckt, und die Sache liest sich ganz ernst. Die Partei meint, „ihre langjährige Thätigkeit liege vor aller Welt offen," allerdings, und diese Thätigkeit hat sie gerichtet und wird ihr vollends das Todesurtheil sprechen. Aber mit seinem Hasse gegen den Liberalismus hat Bismarck in ein Wespennest gegriffen; ' selbst die servile ,Köln. Ztg.' erklärte dieser Tage: „Wir können uns nicht unbesehens in blindem Vertrauen seiner Führung hin- geben; dazu ist er doch zu oft abge- sprungen von den Programmen, die er selbst aufgestellt hatte," und die,Magdeb. s Ztg.' wüthet gegen ihn, als wollte sie ihn l mit Haut und—(fast hätte ich „Haar"geschrie- ben) verschlingen. Das Blatt poltert gegen ! den einst geliebten „Percy", daß mir angst \ und bange wird, wenn ich an die bekannten ! Streber und Strafzettel denke, und deshalb \ will ich nur den harmlosen Passus aus der i Strafrede anführen. Da heißt es: „Wahr- ' lich, so viel an ihm (Bismarck) zu loben i ist, so viel ist auch an ihm zu tadeln. ’ Neben seinen großen Eigenschaften hat er $

| solche in Fülle, die das Entsetzen Aller, I auch seiner treuesten, aber ihre Unab- hängigkeit wahrenden Anhänger erregen. Noch ein halbes Jahrhundert lang werden wir an dem Schaden auszubessern haben, den er uns gebracht hat. Seine innere Politik geht von Bankerott zu Bankerott. Geräth er in eine Sackgasse, so fällt wohl einer oder der andere Minister, der Kanzler aber spinnt den nothdürftig verknoteten Faden weiter. Das ist das Unglück, daß mit den diplomatischen Mitteln, die in der auswärtigen Politik Großes erreichten, auch die innere Politik geleitet wird, gleichsam als wäre unser Land den Schlachtfeldern der auswärtigen Action gleich. Unter solchen Umständen ist es dreifach geboten, Alles, was vom Fürsten Bismarck kommt, sachlich, ohne alle Voreingenommenheit, zu prüfen. Und aus dieser Haltung wird sich das Volk durch die, blos Unmuth und Abscheu erregenden Künste der Freiwillig» Gouvernementalen nicht herausdränaen lassen."

Der arme Reichstag! rufe ich noch ein­mal. Richt blos, daß er so viel und meist vergebens im Schweiße des Angesichtes arbeitet, — nun hatte er auch noch einen bösen Conflict mit dem Kanzler! Ich will mich über die Hamburger Zollanschluß­frage, über den theatralischen Abzug des Bundesrathes aus dem Reichstage und den famosen Sieg Windthorst's nicht näher verbreiten, denn die Sache hat ja durch das Abkommen zwischen Hamburg und dem Reiche ihre thatsächliche, wenn auch nicht formelle Erledigung gefunden; aber

Madelon.

Rach dem Franzüstschen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

In der That war er ganz erschöpft. Ho- race that Alles, was in seinen Kräften stand, um ihn ein wenig zu erfrischen und zu stär- ken, und wartete dann geduldig, bis er wieder in etwa zu Kräften gekommen sein würde.

Eine Viertelstunde lang saß Horace un. terdeffen ganz in Betrachtung versunken da. So sollte also, sagte er sich, ein Leben zu Ende gehen, das jedenfalls reich an Mitteln, voll von Hoffnungen und ehrgeizigen Plä­nen gewesen war! Ihm, wie jedem an­deren Menschen war die große Aufgabe ge- stellt gewesen, und auf auf solche Weise hatte er sie gelöst! Der Gegensatz zwischen seiner eigenen hoffnungsvollen Zukunft und dieser Vergangenheit, die er zwar nur dunkel aber immerhin deutlich genug zu erkennen vermochte, und deren trostloses Ende er jetzt vor Augen sah, diese unnütz verschwendeten Talente, diese Intelligenz, die ganz brach gelegen hatte, — Alles da» machte gewal­tigen Eindruck auf ihn und erfüllte ihn mit aufrichtiger Trauer und herzlichem Mit­leid. In der That, wenn man in Sicher­heit am Ufer steht und dann die Trümmer irgend einer gescheiterten Existenz betrachtet

i — sollte man dann nicht in einem Anflug von Stolz, aber doch wieder in aller Demuth sagen: Warum dieser große Unterschied zwischen dieser Existenz und mir?

Vielleicht waren das auch Halbwegs die Gedanken, welche Linders in diesem Augen- blicke bestürmten, denn als er nach einer halben Stunde das Gespräch wieder auf- nahm, war jede Spur von Aufregung ver­schwunden und hatte einer fast vollständigen ! Ruhe Platz gemacht.

„Sie haben Recht, mein Herr," sagte er, da« Stillschweigen plötzlich unterbrechend, „Sie haben Recht, Madelon muß zu ihrer Tante gehen. Habe ich gut gehört, daß Sie dieselbe nach Lüttich bringen wollten?"

„Gewiß," versetzte Horace, „wenn —"

«Ich bin Ihnen sehr dankbar," warf der Kranke ein, „aber ich fürchte, daß diese Reise Ihre anderweitigen Dispositionen durchkreuzt."

„Richt im Geringsten," antwortete Mer- ville; ich mache eine Vergnügungsreise und ich brauche auf Niemand anders als auf mich selbst Rücksicht zu nehmen."

„In diesem Falle nehme ich Ihren Vor­schlag an, und seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Güte wohl zu schätzen weiß. Die Umstände haben mich genöthigt, in Sie ein Vertrauen zu setzen, das Sie, wie ich hoffe,

nicht allzu sehr belästigen wird. Mein Geld befindet sich, wie ich Ihnen bereits mitgetheilt habe, in dem Pulte da; wenn mein Begräbniß und andere nothwendige Kosten bezahlt sind, so wird, denke ich, noch ungefähr eine Summe von dreitausend Francs übrig bleiben, die ich meiner Schwester zu übergeben bitte. Ich will nicht, daß mein Kind als Bettlerin zu meiner Schwester komme, um auf ihre Kosten genährt und gekleidet zu werden; vielleicht wäre es klüger gewesen —, aber es ist jetzt zu spät, und in wenig Jahren Zeit kann Vieles geschehen. Noch ein Wort und es wird mit mir zu Ende fein. Ich habe in keiner Weife einen Anspruch auf Ihre Gefälligkeit; aber Sie haben als Freund gehandelt, und als sol­cher bitte ich Sie, Madelon nicht aus den Augen zu verlieren; nach meinem Tode wird Sie sich sehr vereinsamt fühlen."

„Sie können auf mich vertrauen," aut- wartete Horace, ohne in diesem Augenblick an die Verantwortung zu denken, welche er übernahm, indem er dieses Versprechen abgab.

„Ich danke Ihnen; das ist Alles, was ich Ihnen mitzutheilen habe. Und jetzt, Herr Doctor, wie lange geben Sie mir noch ?"

„Wie lange?" sagte Horace.

„Gewiß, wie lange habe ich noch zu leben?" (Forts, folgt.)