M 127. Samstag, den 4. Ium 188L
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Politische Streifzüge.
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Pfingsten, das liebliche Sest ist genaht, der Tag, an welchem vor 1800 Jahren der heilige Geist in Gestalt feuriger Zungen auf die zu Jerusalem versammelten Apostel und Jünger herniederstieg. Er war der Ti öfter, Lehrer und Rathgeber für die in der Sünde und im Jrrthum schmachtende Menschheit, und der heilige Geist, der Geist der Wahrheit, des Rechter, der Tugend, erhellte die Nacht des Wahns und eroberte die Welt. Heutzutage ist von diesem heiligen Geiste wenig auf Erden zu verspüren, weil die Menschheit vielfach in's alte Heidenthum mit seinem Unglauben und seinen Lastern zurückgesunken ist, weil die Wahrheit von der Lüge, die Liebe von der Bosheit, das Recht von der Gewalt niedergetreten worden. Erst wenn der Geist des Christenthums die Köpfe wieder erhellt und die Herzen erwärmt, wird es auf Erden besser werden, dann erst wird ein neues Pfingsten leuchten! Pfingsten ist auch das Frühlingsfest, und bet unseren „aufgeklärten" Gebildeten, welche die Natur zum Gott machen, hat es sogar jede andere, höhere Bedeutung verloren; fie feiern das hohe kirchliche Fest durch eine — Landpartie, singen im Walde Lieder und trinken so lange, bis der Geist des Weines ihren eigenen Geist umnebelt und die Köpfe schwer gemacht hat.
Im grellen C o n t r a st e steht das hehre Pfingstfest und die bräutlich geschmückte Natur zu der Weltlage im Allgemeinen und unserer Politik im Besondern.
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Madelon.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)
„In England!" rief Linders unwillig aus; „wie kommen Sie zu dieser Ver- muthung?"
„Ich habe in Erfahrung gebracht,Adaß ihre Mutter eine Engländerin war."
„Sie haben Recht, mein Herr, ihre Mutter war eine Engländerin, aber sie hat keine Verwandte in England, und wenn sie deren dort hat, sind sie für sie nichts, und sie wird sie niemals kennen lernen. Nur Eines bleibt vielleicht zu thun übrig, und doch wollte ich sie fast lieber tobt hier an meiner Seite liegen sehen. Eine grausame Nothwendigkeit! Aber es muß geschehen — man kann sie nicht allein und schutzlos in der Welt lassen — sie muß schließlich zu ihrer Tante gehen."
„Sie hat also noch eine Tantes" sagte Horace erstaunt.
„Ja, sie hat noch eine Tante, meine Schwester Therese, mit der ich mich vor fünfundzwanzig Jahren etwas überworfen habe und gegen die ich seitdem nur den größten Abscheu hegte. Sie wohnt in der Nähe von Lüttich in einem Kloster, deflen Oberin sie ist. Ihre großen Tugenden und
Statt des Friedens, den der Tröster, der heilige Geist, bringen soll und den die Welt haben könnte, wenn sie wollte, finden wir Nichts als Haß und Zwietracht, wohin wir auch unsere Blicke wenden; „Kampf Aller gegen Alle" ist die Losnng, und das Wort „Krieg!", blutiger und unblutiger Krieg, lodert mit Flammenschrist über allen Landen Europa's. Blicke hin nach Rußland, wo die Bewegung gegen die Juden mehr und mehr anschwillt und alle Leidenschaften entfesselt sind; schau hin nach Irland, wo Mord an Mord, Aufstand an Aufstand sich reiht, oder nach Algier, wo eine allgemeine Empörung der Araber im Gange ist; sieh, wie in Frankreich die Communisten der ganzen Weltordnung „Haß, Tod und Verderben" schwören und mit vieltausendfachem Gebrüll die Nihilisten verherrlichen ; höre die Zänkereien und Scan- dale im österreichischen Abgeordnetenhause und die Frechheit dortiger Liberalen; schau um dich im eigenen Lande, wo geistige und materielle Noth und hochgradiger Parteihaß Alles in tollem Wirbel treibt und peitscht, — wahrlich, da wirst du erkennen, daß die Welt den Frieden nicht hat und nicht gibt. Das ist kein Pfingsten, kein Fest des heiligen Geistes, sondern ein Hexensabbath, im welchem die Lüge, die Niedertracht, die Selbstsucht, der Haß und alle Leidenschaften ihre wilden Orgien feiern. Tritt am heiligen Pfingstfeste in eine katholische Kirche; da findest du den Geist der Wahrheit, da findest du Frieden, wenn dein Herz in Demuth vor dem Allmächtigen sich beugt; da hebt sich dein Geist ihre christliche Werkthätigkei^ haben sie wohl | zu diesem Posten gebracht. — Mein Gott! i So weit zu kommen! Madelon in ein Kloster ; einschließen zu müssen! Sie wird sehr un- i glücklich sein und mir gewiß zürnen; aber was ist zu machen, großer Gott, was ist zu machen?"
„Aber," sagte Horace, hocherfreut über diese unerwartete Lösung, die allen Schwierigkeiten eine Ende machte, „es scheint mir, daß wir nichts Besseres thun können, als diesen Plan aurführen. Viele Kinder werden in Klöstern auferzogen und befinden sich ganz wohl dabei; sie wird dort ganz sicher eine gute Erziehung erhalten und ganz gut gepflegt werden — und wegen ihrer Zukunft dürfen Sie sie wohl ganz sicher Ihrer Schwester anvertrauen."
„Niemals!" sagte Linders erregt. „In einem Kloster sie aufziehen? Freilich, um aus ihr eine Ordensfrau zu machen, nachdem man sie gelehrt hat, mich zu hassen und zu verabscheuen. Das wird nicht geschehen! Sie muß mir das versprechen! Meine kleine Madelon eine Ordensfrau! Nein, dieser Gefahr werde ich sie nicht aussrtzen, sie wird nicht in ein Kloster gehen!"
Erschöpft und athemlos sank er zurück — aller Cynismus, alle Gleichgiltigkeit war in diesem schrecklichen Momente der Schwäche
] auf den Schwingen des Gebetes und hehrer i Festgesänge empor; tritt aber hinaus in s die Welt, da findest du allenthalben den unheiligen Geist, den Geist der Verneinung
i und des Unfriedens.
s Wie schön ist's jetzt in der Natur! ! Ein lichtfluthender, wolkenleerer Frühlings« t Himmel spannt sein blaues Zeltdach über l uns aus; der Sonne warmer Strahl hat Wald und Flur neu geschmückt; tausend bunte Blumenaugen lachen uns an; tausend Wohlgerüche und tausend Jubellieder erfüllen die Luft; es ist so schön, so fried- ä lich, so herzerquickend in Gottes herrlichem | Tempel, — und gerade umgekehrt ver« : hält es sich in der innern Politik. Auch z sie feiert kein Pfingsten, denn sie hat keinen ■ Frieden, keine Wahrheit und keine Klarheit. ; Nicht leuchtenden Auges und ftohen Herzens ! blickt der Deutsche nach „oben", denn der ' politische Himmel ist voller Wolken, die j Luft voller Stürme und das Bild der , Sonne ist verhüllt; da gibt's keine Har- ; monie, kein freudiges Schaffen, und voll - Kummer und Sorgen sind die Herzen, j Das Volk und seine Vertreter sind unwillig ’ und unzufrieden, und der arme Reichs« s tag, der da hoffte, bis Pfingsten dieSes« ; sion schließen zu können, kann sich noch ; einige Wochen von der Junisonne bescheinen i lassen, freilich ohne die Aussicht, daß diese j Sonne die Früchte zur Reife bringen wird. : Der Reichstag gleicht einem felsigen oder , sandigen Boden, auf dem Nichts wachsen s will und Alles verdorrt, und die Reichsboten erinnern an den Sisyphus, der den schweren Felsblock bergan wälzte» der aber und Verzweiflung verschwunden. Er lag im Sterben, und aus der tiefen Gruft heraus konnte er seine Tochter nicht zurückfordern, sie an seine Zärtlichkeit ihm gegenüber erinnern und sie bitten, treu zu ihm zu halten. Diese fremden Personen — wenn er sie ihnen übergäbe — würden ihr gewiß mittheilen, was ihr Vater eigentlich gewesen sei; vielleicht — wer mag es wissen — würden dieselben sie lehren, den Tag zu segnen, wo sie von seinem Einflüsse befreit worden wäre.
Merville ahnte wohl, was in seinem Geiste vorging, wenigstens den unzusammenhängenden Worten zufolge, welche er von Zeit zu Zeit hinwarf; dann sagte er mit Milde zu ihm:
„Seien Sie ohne Sorge, lieber Herr, Sie können ihrer Liebe und Hingebung zu Ihnen gewiß sein, deflen bin ich sicher; diese Liebe ist so stark und so aufrichtig, daß nichts sie jemals erschüttern können wird; wer sollte übrigens auch so grausam sein und — dieses Gefühl aus ihrem Herzen herausreißen wollen?"
Dann stellte er dem Sterbenden die gebieterische Nothwendigkeit vor, daß er Madelon zu seiner Tante schicken müsse, da sie ihre natürliche Beschützerin sei, sowie auch die Unmöglichkeit, sie ohne Mittel, ohne