M 125.
Donnerstag, den 2. Jnni 1881
Fuldaer
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qp. Der Schulunterricht an den Bitttagen.
Die diesjährige Bittwoche ist nun wieder vorüber. So weit wir zu beobachten Gelegenheit hatten, hat sich das gläubige katholische Volk an den feierlichen Bittprocesstonen der ersten drei Tage, sowie auch an den sonst üblichen Wallgängen dieser Woche mit regem Eifer und in der aufer baulichsten Weise betheiligt. Selbst an solchen Orten, an welchen mehrere, oft 4—5 Bittprocesstonen und zudem noch aus größeren Pfarreien stch einfinden, und sonach große Menschenmasien zusammen- treffen, war während der ®/4—Istündigen Pause, die nach beendigtem Bittgottesdienste bis zur Wiederheimkehr der Processionen herkömmlich eintritt, keinerlei Ungebühr zu bemerken. Es ist eben eine unwidersprech- liche Thatsache, daß gerade seit den Jahren des Culturkampfs das kirchlich- religiöse Bewußtsein des Volkes einen bedeutenden Aufschwung genommen, und eben damit auch dessen äußeres Verhalten bei dergleichen kirchlichen Feierlichkeiten an Auf- erbaulichkeit gewonnen hat. Es berechtigt dies auch zu der erfreulichen Hoffnung, daß die gegenwärtige hl. Jubiläumszeit nicht seitens des gläubigen Volkes unbenützt vorüberstreiche, sondern vielmehr die vom hl. Vater ersehnten segensreichen Früchte bringen werde. Gewiß werden auch in dieser Hinsicht die in so beredter und eindringlicher Sprache geschriebenen Jubi- läumsArtikel der .Fuldaer Zeitung' bei den Lesern derselben ihre gute Wirkung nicht verfehlen.
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Madelon.
Rach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.) I
Langsam floß der Morgen dahin, ohne daß die geringste Veränderung in dem Befinden des Kranken eingetreten wäre. Madelon aber hatte sich an's Fenster gesetzt, und suchte sich durch Lesen zu zerstreuen; aber von Zeit zu Zeit trat sie an'S Bett, und betrachtete ihren Vater mit einem Blicke, in welchem eine unbestimmte Unruhe und der lebhafte Wunsch lag, den Augenblick des Wiedererwachens bald herankommen zu sehen. Herr Linders schien trotz seiner Bewußtlosigkeit von der Gegenwart seiner Tochter zu wissen; denn mehrere Male hob er den Kopf in die Höhe und murmelte das Wort „Madelon" und einige andere, welche sie nicht verstehen konnte; aber vollständig kam er niemals zu sich, und für Madelon wechselten freudige Hoffnung und bittere Enttäuschung in grausamer Weise mit einander ab.
Gegen Mittag begab sie sich auf die Bit- ten Horace's zu Madame Lavavx und frühstückte mit ihr in dem kleinen Salon. Madame Lavaux, welche im Grunde ein gutes Herz hatte und zu dem Kinde eine auftich- tige Freundschaft hegte, nahm sie sehr wohl-
Einen so schönen Verlauf aber die Bittwoche einerseits genommen hat, so schmerzlich hat man anderseits bei den Bitt« processionen wieder die liebe Schuljugend vermißt. Es war uns nicht vergönnt von dem allbekannten Lieve: „Sei gelobt und hochgepriesen, Heiligste Dreifaltigkeit" die so überaus schöne siebente Strophe:
„Zürnst Du über uns als Sünder, O so schau doch gnädig an Jene Unschuld unsrer Kinder, Die Dich leicht versöhnen kann l" in Wahrheü singen zu können, weil nämlich unsere liebe Schuljugend zu ihrem eigenen großen Leidwesen an den Bitiprocesstonen nicht Theil nehmen durfte. Schon vor Feier der Marcus-Processton war strenge Weisung an die Lehrer ergangen, den Schulunterricht am Marcustage und an den drei ersten Tagen der Bittwoche nicht auszusetzen, und ihre Schüler strengstens zum Besuche der Schule an diesen Tagen anzuhalten.
Wir wollen durchaus nicht in Abrede stellen, daß zu einem gedeihlichen Schulunterrichte ein regelmäßiger Schulbesuch unbedingt nothwendig sei; aber warum denn an den kirchlichen Bitttagen auf ein», mal wieder mit solcher Strenge auf den Schulbesuch seitens der Kinder dringen, da man doch bei sonstigen Anlässen nicht mit gleicher Engherzigkeit verfährt!
Wir hatten es inzwischen zu vergessen gesucht, daß zur Zeit der Siedhitze des Culturkampfs ein kgl. Kreisschulinspector einem Schulmädchen mit eigener Hand ins Antlitz schlug, als das vaterlose Kind auf
dessen Frage, warum es an einem gewissen Wallgange nicht in die Schule gegangen sei, zur Antwort gab, seine Mutter habe ihm geheißen, mit dem Wallgang zu gehen. Wir hatten es zu vergessen gesucht, daß andere Kinder derselben Schule, und vielleicht auch anderer Schulen, welche dasselbe Schulversäumniß sich hatten zu Schulden kommen lassen, mit 18 Reichspfennigen Schulstrafe belegt wurden. Wir hatten, wie gesagt, dies Alles zu vergessen und mit der damaligen Hitze des Culiurkampfes ? zu entschuldigen gesucht, nachdem seit un- ; gefähr Drei Jahren hierin wieder eine ; mildere Praxis eingetreten war, und Lehrer ! und Schulkinder stch wieder an den öffent- i lichen Bittgängen hatten betheiligen dürfen, i Warum also dieses abermalige strenge Verbot?
Wie oft fällt nicht der Schulunterricht aus weit minderwichtigen Gründen aus? Wir wollen nicht vom Kaiser Geburtstag reden. „Ehret den König!" schreibt der Apostel, und gewiß ist an Kaisers Geburtstag eine Schulfeier mit Unterlassung des gewöhn, lichen Schulunterrichts ganz am Platze. Aber ist denn Gott nicht der König der i Könige, und kann die Unterlassung des j Schulunterrichts aus einem auf den Aller- i höchsten abzielenden Motive ein so straf« 1 würdiges Vergehen fein?':Wir reden auch nicht von der Feier des Sevantages. Aber der glorreiche Sieg der deutschen Waffen bei Sedan ist gewiß nur dem Herrn der ■ Heerschaaren zu verdanken, und dennoch f sollte es nicht statthaft sein, an einigen j Tagen der Jahres den Schulunterricht zu
dem Zwecke auszusetzen, um denselben
wollend auf, und tröstete und ermvthigte sie so gut als es ging. „Es war nur ein kleines Malheur," sagte sie, „wegen deffen Sie sich gar nicht zu beunruhigen brauchen;" ein so starker, kräftiger Mann wie Linders werde sicher wieder genesen; unter der Pflege dieses geschickten englischen Arztes werde er binnen wenigenTagen wieder hergestellt sein. Kurz, sie wußte Madelon so guten Muth einzuflößen, daß sie nach Verlauf von einer Stunde voll froher Hoffnung zu Merville zurückkehrte und der ganz sichern Erwartung war, eine Veränderung von einiger Bedeu- tung in seinem Zustande zu finden. Aber leider hatte sich das Befinden des Herrn Linders nicht geändert, und vielleicht brachte der Anblick seines bleichen, verstörten An- litzes bei ihr einen durchaus ungünstigen Eindruck hervor, denn, ohne ein Wort von ihren getäuschten Hoffnungen zu sagen, nahm sie ihren Platz am Fenster wieder ein. Einige Augenblicke später gewahrte Horace, wie sie, mit dem Kopfe an den Fensterrahmen gelehnt, eingeschlummert war. Er trat leise auf sie zu, hob sie sanft auf seine Arme und brachte sie auf ihr Zimmer, wo er sie sachte aufihr Bettlegte und sich dann zurückzog.
III.
War der Morgen für Madelon lang und traurig gewesen, so war dies nicht minder
bei Horace der Fall, der noch jung und in der Seite seines Berufes, welche man die moralische nennen könnte, ganz unerfahren, mit Schrecken den Augenblick kommen sah, wo Linders erwachen und von seinen Lippen vernehmen würde, daß sein Ende nahe sei. Und doch war es durchaus nothwendig, daß er die Gefährlichkeit seines Zustandes erfahre; denn wenn, wie ja wahrscheinlich war, seine Angelegenheiten nicht in Ord- nung waren, wenn er über die Zukunft seines Kindes noch gar keine Bestimmung getroffen hatte, — dann war die Zeit, die ihm zu diesem Zwecke übrig blieb, menschlichem Ermessen zufolge sehr beschränkt. Wenn er das Glück gehabt hätte, der katholischen Religion anzuzehören, so würde er zunächst zu einem von jenen Männern geeilt sein, deren häuptsächlichste und luhmvollste Aufgabe ist, sich an da» Kranken- und Sterbebett wie auf einen Ehrenposten zu begeben.
Mehrere Stunden verflossen in dieser schmerzvollen Erwartung, als endlich gegen Abend Linders die Augen öffnete und sich zu bewegen versuchte. Alsbald stand Horace neben ihm. Der Sterbende betrachtete ihn einige Augenblicke stillschweigend. Dann sagte er mit schwacher Stimme:
„Was ist vorgefallen ? Wo ist Madelon ?" „Sie schläft in dem anstoßenden Zimmer",