M 122.
Sonntag, den 2S. Mai 1881
Fuldaer fil Zeitung.
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10» b m'it'«rinn?ttnRn HBm «f8'®ftta8 Der vierteljährliche «bonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda eine Mark und
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Politische Streifzüge.
Nachdruck verboten.
Das Wort Ruhe und Frieden ist aus dem europäischen Staatslexicon gestrichen; kaum ist an einer Stelle die Flamme gelöscht, da züngelt sie an einer anderen wieder aus; kaum war der Feldzug gegen die Büren beendigt, da brannte die tunesische Frage, und mit Bangen fragt man sich: Was nun? Die grie- chisch.türkische Grenzfrage hat zwar endlich ihre Abwicklung gefunden, ist da- mit aber die orientalische Frage gelöst ? Schwerlich! Es gährt und brodelt an allen Ecken: in Irland, wo trotz oder wegen der zahlreichen Verhaftungen der Ligaführer und in Folge des brutalen Vorgehens der Grundbesitzer gegen das arme Volk die Agrarverbrechen immer zahlreicher werden; in Rußland, wo am Landungsplätze der Dampfschiffe in Petersburg eine neue Mine entdeckt wurde und das Militär gegen die Antisemiten ausgr- boten wird; und neben all' diesen politisch- socialen Kämpfen rast der Orcan des „C u l t u r k a m p f e s" durch Europa, und in dem tollen Wirbel ist das Balgen und Ringen so groß, wie der Kampf der Seeungeheuer in Schiller's „Taucher". D i e- f e r Kampf ist intermtumaL; mögen in Paris die Freimaurer und Freidenker C o n- g r e f f e abhalten und rufen: „Nieder mit der Kirche!", oder mögen in Berlin die Reformjuden und Consorten sich freuen, weil die Petitionscommission die zahlreichen Vorstellungen gegen das Civilstands- g e s e tz in den Papierkorp geworfen hat, — es ist überall derselbe Geist, derselbe Haß gegen die Kirche, der Geist Voltaire's I Man sollte nun glauben, die augenscheinlichen Erfahrungen müßten den Leuten wenigstens Klugheit und Toleranz predigen; man höre doch, wie Baron Dipauli im Wiener Abgeordnetenhause am 18. d. M. die erschreckende Wirkung der confesst o n s l o s e n Schule bei der Budgetdebatte der Volksschule mit Zahlen und Thatsachen nachgewiesen hat, — aber das Alles ist vergebens, denn Haß macht blind. Kaiser Wilhelm und selbst Ignatjew fordern Religion und Sittlichkeit, und die ganze Loge arbeitet unausgesetzt daran, die Grundlage zu zerstören: die Freiheit der Kirche, die confeffionelle Schule und den sacramentalen Charakter der Ehe, auf der allein das völkerretttznde Gebäude des Glaubens und der Moral aufgeführt werden kann. In Frankreich wollen die Freimaurer Alles niederreißen, was an Gott und die Kirche erinnert; was der „Cultur- kampf" in Preußen niedergrrissen hat, ist bekannt, — aber was baut man auf? Ein Denkmal des „alten Fuhrmanns" v. Z u c c a l m a g l i o, das am Christi- Himmelfahrtstage in Grevenbroich enthüllt worden! .... Und glaubt etwa die Regierung mit der beabsichtigten Verlängerung
des Juligesetzes die Schäden heilen und die dircretionären Vollmachten als Versumpfungsfeld für den „Culturkampf" verwerten zu können? Wahrlich nicht! Darauf wird das katholische Volk bei den nächsten Wahlen schon die richtige Antwort geben. Mit Juligesetz und Mittelpartei wird Preußen-Deutschland nicht gerettet werden.
Aber gibt es denn in diesem ewigen Kämpfen, Haffen und Tasten keinen Ruhe- punct? Doch: in Bucharest hat sich das rumänische Königspaar am Sonntag die Krone aufgesetzt, - e r eine von Stahl, und sie eine von Gold,--und Spanien feierte am Mittwoch das 200jährige Jubiläum seines größten Dichters Calderon. Dieser große Mann, der, was dichterische Leistungen anbetrifft, neben Homer, Dante, Shakespeare und Göthe steht, war ein katholischer Dichter und Priester; nicht nur seinem Bekenntnisse, sondern seinem innersten Wesen nach; Alles, was groß ist im Katholicismus, hat er in seinen religiösen Schauspielen in der glänzendsten Gestalt verherrlicht, — uud wer führte bei der Colderonfeier in Madrid das große Wort? Leute, die am wenigsten dazu berufen waren, Reform» juden, ähnlich wie bei der .par«--- gt<«>... feier.
Von Madrid nach Berlin, ist nur ein Schritt, und es ist auch Zeit, daß wir . dahinkommen, denn ich habe von dem Pech 'Bismarck's, dem müden Reichstag, der ab- gelehnten Brausteuer, der abgeschlachteten Verfassungsänderung, dem gestutzten Ge» richtskostengesetz und dem verstümmelten Jnnungsgesetz noch gar Nichts gesagt. Besser wär'» man brauchte auch Nichts davon zu sagen, denn viel Gutes ist's doch nicht. Was hilft es z. B., daß die Höhe der Gerichtskosten von den verschiedensten Seiten des Hauses in der schärfsten Weise verurtheilt wurden? Die Regierung läßt sich die beschlossene Herabminderung der Gebühren doch nicht gefallen, denn dieOf« ficiösen hatten nicht« Eiligeres zu thun, als den Beschluß eine „grundstürzende Reform" zu nennen und von 20—80Proc. Verlust zu sprechen. Soviel ich weiß, sind die Gerichte dafür da, um Recht zu sprechen und für Ordnung zu sorgen; daß sie auch die Auf- gäbe haben, den Staatssäckel zu füllen, ist mir neu. Das hieße ja geradezu, gesetz« widrige Handlungen im Interesse des Staatsfiscus sanctioniren! Was hilft es, daß die Brau- und Wehrsteuer abgelehnt wurden? Sie waren doch nur Vorpostengefechte für die Hauptsteuerschlacht, und diese heißt:Tabakmonopol. Ich glaube, Fürst Bismarck läßt sich deshalb keine grauen Haare wachsen, und er hat die diversen Steuervorlagen nur eingebracht, um nach Ablehnung derselben mit um so mehr Eifer an sein „letzte« Ideal" heran- zugehen. Daß dieses zu Stande kommen
wird, — wer zweifelt noch daran? Es gibt ja Leute genug, die mehr nach dem Wohlwollen des Kanzlers und einem gnädigen Kopfnicken, als darnach fragen, ob die ungeheuren Summen auch nöthig sind, die das Tabakmonopol einbringen soll, und ob zahlreiche Existenzen dadurch vernichtet werden! Nöthig? Ei gewiß, denn wir haben ja über V2 Million Sol- baten im Frieden, hohe Officierspensionen, neue Panzerschiffe, Festungen und Kanonen nöthig, und ohne Geld kann selbst der größte Staatsmann Nichts machen. Bis- marck fordert von der Mittelpartei nur „vertrauende Unterordnung"; hat er die, dann hat er auch das Monopol. Das Volk wähle also für den nächsten Reichs- tag nur Leute, die sich „vertrauend unterordnen", das Weitere wird sich dann finden. — Ueber das Jnnungsgesetz (Richter sprach von einem „Innungs- sala t") will ich mich näher verbreiten, wenn dasselbe die dritte Lesung, die Hof- fentlich noch manche Aenderung bringt, passirt haben wird; heute ist es nur ein Torso, ein Rumpf ohne Gliedmaßen. Das Capitel ist so wichtig und reichhaltig, daß es nicht am Schluffe behandelt werden darf; deshalb soll es nächstens an die Svitz-.
Daß Graf Arnim tovr t|t, wipen die Leser; im Leben hat der Gegner Pius IX. und Bismarck's es zu Nichts gebracht, — im Tode brachte er es wenigstens zu einigen absprechenden Nekrologen. Qui mange du pape, en meurt!
Deutsches Reich.
* Berlin, 27. Mai. (Reichstag.) Fortsetzung der Berathung der Hamburger Anträge. M o s l e tritt unter dem Gelächter der linken Seite für den Zollanschluß Hamburgs und Bremens ein und beantragt, über die Anträge Richter und Aus- feld zur Tagesordnung überzugehen. Mar- quardfen vertheidigt den Antrag der Ratio- nalliberalen, Minnigerode die zum Antrag Richter beantragte Tagesordnung. Delbrück vertritt den Grundsatz, daß die @16- zollgrenze bei Hamburg nur durch Gesetz verlegt werden könne. Kardorff erklärt sich gegen alle Anträge. Bei der Abstimmung wird zunächst der Antrag Mosle, dann der Antrag Minnigerode, welche beide Tagesordnung beantragen, abgelehnt. Richter zieht in Folge dessen seinen Antrag zurück. Minnigerode nimmt ihn wieder auf, worauf derselbe einstimmig abgelehnt wird. (Große Heiterkeit.) Darauf wird der An- trag Windthorst mit großer Majorität an- genommen. Stauffenberg zieht den Antrag Ausfeld zurück, womit dieser Gegenstand erledigt ist. Es beginnt die Berathung des Stempelgesetzes; der in den Saal jetzt wieder eintretende Staatssecretär wird mit ironischen Bravos empfangen. Der Tarif, 5 pro Mille für in- und ausländische