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Dienstag, den 24. Mai 1881
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* Das Jubiläum.
III.
Nicht undeutliche Zeichen künden an, daß die Kirche aus dem gegenwärtigen Kampfe siegreich hervorgehen werde. Ein Zeichen negativer Art ist der innere Verfall des Protestantismus. Was beabsichtigte man denn indem man gegen die Religion der Katholiken Gesetze machte, deren Anerkennung eine Verleugnung ihres katholischen Glaubens wäre, während man andererseits versicherte, sich tn das „Innere der Religion" nicht einmischen zu wollen? Man wollte eine Nationalkirche schaffen, mit andern Worten, Deutschland protestantisch machen. Das ist aber in der Gegenwarteinwahrhaft wahnwitziges Unternehmen Die Zeiten der großen Secten sind vorüber. Bald wird es sich nur noch handeln um Glauben oder Unglauben. Zar Bildung einer Häresie ist jedoch der Glaube an eine übernatürliche Offenbarung unentbehrlich. Gerade der Glaube aber schwindet unter den Protestanten immer mehr. Nach ihrem eigenen Geständniß sind die Offenbarungsgläubigen jetzt schon auf ein verhältnißmäßig winziges Häuflein zusammengeschrumpft. Auch sind die Zeiten vorüber, in denen man, wie früher geschehen, die Katholiken um ihren Glauben betrügen konnte. Gegen die katholischen Tagesblätter kann man die katholischen Gemeinden und Familien un- möglich verschließen. Auch sind die Kam- merreden der katholischen Abgeordneten Predigten, die von allen Katholiken gehört und verstanden werden. So ist es rein un- möglich, daß der Wolf im Schafspelze
in den Schafstall eindringe, ohne erkannt und unter lautem Geschrei verjagt zu werden. Und selbst wenn es gelänge, den Kampf bis zum Aussterben des katholischen Priesterthums in Preußen fortzusetzen,werden der katholischen Kirche, deren Misionnäre fast täglich unter den Heiden für den Glauben ihr Blut verspritzen, opferwillige Priester nicht fehlen, die in einem modernen Culturstaat ihr Leben daran setzen, Christengemeinden zu erhalten und den Gläubigen die Sacramente zu spenden. Was sie aber nicht retten können, das wird nicht dem Protestantismus, sondern den Unglauben anheimfallen, vielleicht ein fruchtbares Erdreich für Socialisten und Nihilisten werden. So ist es auch erfahrungsgemäß nur der । Unglaube, der aus dem Kampfe gegen § die Kirche Vortheil gezogen hat. Es ist; wirklich ergötzlich zu hören» wie gläubige? Protestanten jetzt schon laut mitschreien, i weil sie fühlen, daß der Staat, indem er 1 die katholische Kirche schlagen wollte, ihre f Kirche getroffen, dem Umsichgreifen des? Unglaubens Thür und Thor geöffnet hat. i So wird es sogar wahrscheinlich, daß es [ im Plane der göttlichen Vorsehung liege, l durch den gegenwärtigen Religionskrieg dem ! Protestantismus ein schnelleres Ende zu! bereiten. Innerlich zersetzt und im Un- l glauben sich auflösend, äußerlich aber \ mächtig und stolz dastehend, gleicht derselbe l auf ein Haar dem Arianismus im 4. Jahr- | hundert, der gerade damals auf der Höhe $ seiner Macht stehend und die Katholiken l verfolgend, fast auf einmal verschwindet. 5 Gebe Gott, daß dies bald geschehe zum
I Heile so vieler in Jrrthum befangener I Brüder, und daß dies die Frucht sei, die I uns der Cultmkampf einträgt. Das Jubi- ü läum aber möge wirksam dazu beitragen, | dieselben zu heiligen.
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I Deutsches Reich.
* Berlin, 22. Mai. Die Secessio- nisten und ein Theil der Nationalliberalen haben einen gegen Bismarck gerichteten । Antrag im Reichstag eingebracht, wonach ■ der Zollanschluß Hamburgs an das Reich nur durch Gesetz erfolgen kann.
-nk- Im Reichstage ist also über die Hauptbesteuerung des neuen Jnnungsge« setzes, über den „Kern der Vorlage," d. h. über denjenigen Paragraphen, der als § 100 e in die bestehende Gewerbeordnung eingefügt werden sollte, die Entscheidung gefällt worden. Der Paragraph bezweckt bekanntlich eine Einwirkung seitens der Innungen auf solche Gewerbetreibende, welche einer Innung nicht angehören, — allerdings nur insoweit, als es sich um das Lehrlings wesen handelt,was aber das Fuscherthum wenigstens einzudäm- men geeignet ist, da die sog. „freien Handwerker," welche Lehrlinge ausbilden, die Controle der Innung jederzeit zu fürchten haben. Die Regierungsvorlage bezweckt, daß „Streitigkeiten aus den Lehr- verhältniffen" auf Anrufen eines der streitenden Theile (also des Lehrlings oder des Lehrherrn) von der zuständigen Jn- nungsbehörde auch dann zu entscheiden seien, wenn der „Arbeitgeber," obwohl er
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Madelon.
Nach dem Französischen von I. RüttgerS.
(Fortsetzung.) i
Die Rückkehr des amerikanischen Künst- lers erfolgte erst, als Linders, beinahe wie- der ganz hergeflellt, an feine Abreise dachte. Madelon war in Heller Verzweiflung darüber, daß sie Florenz verlassen und sich von ihrem alten Freunde trennen sollte; aber Linders drängte, die Abreise so viel als möglich zu beschleunigen. Er mußte, so sagte er, nach seiner Krankheit eine Luftveränderung genießen; in Wirklichkeit jedoch bestimmten ihn andere Gründe, die er freilich nicht offen verrieth, aber trotzdem ganz gebieterisch ihn bestimmten, dieses Jahr früher als gewöhnlich in Deutschland einzutreffen. Das Mißlingen gewisser Speculationen, auf deren Erfolg er mit Sicherheit gerechnet hatte, machte einen großen „Coup" in Homburg oder Baden nöthig, um das auf den Strand gerathene Schiff wieder flott zu machen.
Am Tage vor der Abreise gab der Amerikaner ein kleines Abschiedsdiner. Jndeß war es nichts weniger als fröhlich; Jeder, etwa Linders ausgenommen, fühlte das Drückende einer bevorstehenden Trennung nach fechrmonatlicher guter ungetrübter
Freundschaft. Der Musiker insbesondere war fast in einer Stimmung, als ob ihm sein eigenes Kind genommen werden sollte. Roch am selbigen Abend sagte ihm Madelon Lebe- wohl; aber am folgenden Morgen eilte sie nochmals zu ihm, um ihm zum letzten Male die Hand zu drücken. Der Greis schien tief gerührt zu sein. Als Madelon in's Zimmer trat, stand er eben am Fenster, träumerisch in's Unbestimmte hinein blickend, und als er sie in ihrem kleinen Reiseman- tel sah, perlten ihm große Thcänen auf den runzeligen Wangen.
„Gott möge Dich segnen, mein Kind", sagte er bewegt. „Du wirst mich also verlassen — aber meiner nicht vergessen, nicht wahr?"
„Niemals!" rief Madelon schluchzend aus, während sie sich herzlich gegenseitig die Hand drückten.
„Und wenn ich Dich nicht mehr wieder- sehen sollte," versetzte der Musiker ganz weich, „wenn — wenn — erinnere Dich, daß ich —"
In diesem Augenblicke ertönte die Stimme des Herrn Linders.
„Ich muß gehen sagte Madelon, „Papa rüst mich; aber ich werde sie niemals vergessen — niemals! Sie waren mir so gut I Sehen Sie hier," fügte sie dann bei, in
dem sie die rechte Hand öffnete, welche sie bis jetzt geschloffen gehalten hatte; und sie zeigte ihm dann den kleinen emaillirten Fisch, welchen Horace Merville ihr vor einigen Jahren geschenkt hatte.
„Ich hatte versprochen," sagte sie, „mich niemals von demselben zu trennen, aber ich kann ihnen nichts Anderes schenken, und — ich liebe Sie so sehr! Wollen Sie ihn haben?"
„Nein, nein," antwortete der Greis lächelnd ; „halte Dein Versprechen und und behalte deinen Schatz, mein Kind; ich be- darf dieses Gegenstandes nicht, um mich an Dich zu erinnern ! Adieu !"
Er schob sie sanft aus dem Zimmer, denn der Tritt des Herrn Linders hallte schon auf der Treppe, und er schloß die Thür hinter ihr. Den alten Karl Wend- ler sah sie niemals wieder, denn zwei Jahre später starb er.
Herr Linders begab sich nach Homburg, Baden und Wiesbaden; aber er war nicht u«hr derselbe Mensch wie vor seiner Krank- hert. Anstatt mit jener Ruhe und Kalt- blütigkeit, durch die er sich früher so be- merklich gemacht hatte, spielte er jetzt mit fieberhafter Hast, und wenn das Glück im einen Tag lächelte, so wandte es ihm am anderen den Rücken. Die ehemaligen Be- kannten, die in trafen, sprachen mit einer