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Sonntag, den 22, Mai 1881

Fuldm 1BB Jeitung.

, . _ .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- une Feiertag« ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda '.»d«Trp°diti°n,Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Äringerlohn in Fulda eine Mark und »S R.-Pfg., mit Brmgerlohn 1 M. 70 Pf., auswärts bei »en Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und SO R?-Pfg., ins HauS gebracht 1 MarkSOPf-. Die ,tllustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., ins Haus gebracht 40 Pfa Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg., bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

Politische Streifzüge.

Nachdruck verboten.

Unsere innere.Politik, die einem Menschen gleicht, dessen rechtes Bein zu kurz ist und dessen linkes lahmt, hat selbst bei den Ver­trauensseligsten allen Credit verloren, da­gegen greifen Unzufriedenheit und Mißtrauen immer mehr Platz. Besorgt blickt Deutsch­land in die Zukunft, und von dem neuen Liebesbündniß zwischen Bismarck und Ben­nigsen erwartet Niemand das ersehnte Heil. Von einer zuverlässigen Majorität und einem festen Parteiverbande, mit Ausnahme des Centrums, ist schon längst keine Rede mehr; die nationalliberale Partei, die 1874 im Reichstag 150 Mitglieder zählte, hat jetzt nur noch 62, und auch von diesen wollen 21 ein Mandat nicht mehr annehmen; mit den meisten Hoffnungen schmeicheln sich die Fortschrittler, und wenn diese Leute nicht so ausgesprochene „Culturkämpfer" wären, könnte man ihren Hoffnungen ein „Gut Heil" zurufen; die einzige Partei, die fest im Wogendrange dasteht, unberührt vom Zersetzungsprozesse, klar bewußten Zielen nachstrebend, ist das Centrum, und mit Recht konnte Dr. Windthorst im Reichstag erklären: „Das Centrum wird auch nach dem.Culturkämpfe' die Grund­sätze aufrecht erhalten, welche es jetzt ver­folgt; wir werden uns nie bewegen lassen, auch nur einen Fuß breit der Festung auf­zugeben, die unangreifbar und uneinnehm­bar ist." Tas sind schöne und stolze Worte und jeder Führer einer andern Partei, der es gewagt hätte, fie aurzusprechen, wäre der Lächerlichkeit verfallen; s o darf und

kann eben nur das feste, unüberwindliche Centrum sprechen. Eine fortschrittliche Correspondenz behauptete dieser Tage, Bis- marck's Autorität sei bedeutend gesunken; früher habe er über zwei Mehrheiten ver­fügen können, jetzt sei er nur noch auf eine angewiesen; eine Mittelpartei werde nicht zu Stande kommen, und mithin müsse der Kanzler mit den Conservativen und dem Centrum rechnen; ja, sie nennt ihn gerade­zu den „Kanzler von des Centrums Gna­den". Soweit sind wir nun freilich nicht, aber Bismarck hat in letzter Zeit doch so manche Niederlage erlitten, (beim Wehr- i gesetze, der Miethsteuer, der Verfassungs­änderung rc.) daß es scheint, als wolle \ der „Humus" dem Baume, der in den ° Himmel zu wachsen droht, den Dienst ver- । sagen.

„Mensch ärgere dich nicht I" heißt ein neues geflügelte» Wort, das mehr werth ist, als mancher dicke Foliant. Man könnte es Bismarck zurufen, wenn er den Abg. Richter sieht; den Katholiken, wenn sie von der ,D. V. C.' hören; dm Bürgern, wenn sie ihre Steuerzettel erhal­ten, und selbst dem Kaiser von Oesterreich, wenn er die Ehre hat, dem belgischen Minister Herrn Fiere-Orban „vorgestellt ■ zu werden". Ich möchte es sogar hie 5 und da einem Bürgermeister oder Staat»- anwalte empfehlen, dem meine harmlosen = Artikel deshalb nicht gefallen, weil sie stellenweise mit Pfefferkörnern und Nelken ; gewürzt, anstatt mit lammfrommem Laven- ’ delwasser gebraut sind.

„Mensch, ärgere dich nicht", hätte auch *

das italienische Ministerium denken sollen, dann wäre dasselbe, zumal da es kaum nothdürftig wieder zusammengeflickt war, nicht abermals über die tunesische Frage gepurzelt. Der Bey von Tunis und die Khrumirs waren vernünftiger; sie fanden sich in ihr Schicksal, ließen sich die Schlinge um den Hals werfen, das Messer an die Kehle setzen und haben jetzt die Ehre, unter dem Protectorate ber Ägründe nation“ zu stehen. Sieh, lieber Leser, so wird die Landkarte verändert und Vöjker- geschichte gemacht; man nimmt einige Tausend Soldaten und Kanonen, macht einen Spaziergang in ein fremdes Land, legt einen Vertrag vor — und hat „ge­siegt". Eine Kriegserklärung ist nicht nöthig, nicht einmal ein Schuß Pulver; Feinde gibt's nicht, und das Ziel ist erreicht. Nun sage aber noch ein Mensch, die Kriege würden im 19 Jahrhundert nicht „human" geführt! Denn mehr kann man doch nicht verlangen, als einen Krieg ohne Schlachten, Tobte und Verwundete; man raubt blos, aber man mordet nicht, — weil die „uncivili- sirten" Tunesier klüger waren, als die an der.Spitze der. Civilifation marfchirenden Franzosen. Hatten diese aber auch ein Recht dazu? Ei, wer fragt denn danach? Gewalt ist Recht, d. h. nur wenn große Leute stehlen; wollte Einer dem Beispiel der Franzosen im Kleinen folgen, dann würde er einfach aufgeknüpft werden. Die Großmächte schweigen; und das einzige Land, das den Mund oufmachte, nämlich Italien, hat ihn sich verbrannt.

Wir leben in einer curiosen Zeit: Kriege

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Madelon.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Nachdem er diese Worte mit einer ge­wissen Feierlichkeit ausgesprochen, wandte er sich plötzlich um, nahm seinen Hut und ging, ohne weuer ein Wort zu sagen, hinaus. Einen Augenblick lang blieb Madelon da stehen, wie betäubt und ganz außer Fassung gebracht, unter einer unklaren Anwandlung von Mitleid gegen den alten Wendler; dann verließ sie das Zimmer des Künstlers, und die große dunkle Treppe geräuschlos hin­untereilend, trat fie in da» Zimmer ihre« Vater».

So endigte dieser kleine Zwischenfall, der übrigen» in der Beziehungen dieser beiden Freunde keine Aenderung hervorbrachte. Als Madelon am folgenden Morgen, allerdings ein wenig schüchtern, wieder den Musiker besuchte, fand sie ihn an seiner gewöhnlichen ! Stelle sitzen und wurde von ihm mit dem j gewöhnlichen Lächeln und der gewohnten ■ Zärtlichkeit empfangen, aber er behandelte sie jetzt mehr als Kind, mit ihr lachend und scherzend, und anstatt ernsthafter Unterhal­tung erzählte er ihr eine Reihe Geschicht- chen und Legenden.

Andrersett» verließ der amerikanische Künst- ’

ler Florenz um diese Zeit, um sich nach Rom zu begeben, und an die Stelle der Kirchen- besuche traten häufige ländliche Ausflüge. In Folge dieser Umstände trat bald eine Reaction bei Madelon ein; allmählich ver­schwanden ihre Anfälle von Träumerei, sie gewann ihre frühere Fröhlichkeit wieder, wie früher plauderte sie jetzt wieder in ihrer kindlichen Weise, ihre fröhlichen Lieder er­tönten wiederum, mit einem Worte, sie war wieder die Madelon von früher.

Schon erfreuten die lieblichen Vorboten des Frühlings iie Straßen und Gärten von Florenz und schmückten sie mit herr­lichem Sonnenglanz und dem Wohlgeruche duftender Blumen, als eine düstere Wolke, im Vergleich zu welcher alles Andere nur kleine Wölkchen zu nennen waren, den glän­zenden Horizont unserer kleinen Madelon zu verdüstern drohte; ihr Vater, welcher bereits den ganzen Winter hindurch mehr oder weniger leidend gewesen war, wurde ernstlich krank. Als sie eine» Tage» von einem Besuche bei dem Musiker zurückkehrte, sand fie zu ihrer größten Bestürzung ihren Vater in einem Zustande vollständiger Be­wußtlosigkeit auf dem Boden de« Sa- Ions liegen.

Sie rief eine alte Frau, welche ihr als Magd diente, zur Hilfe, und es gelang ihnen *

denn auch, Herrn Linders wieoer zum Be­wußtsein zu bringen. Als er wieder zu sich gekommen war, suchte er Madelon zu be­ruhigen, indem er ihr sagte, es sei nur ein leichter Schwindel, und wollte von ärztlichem Beistände selbst dann nicht einmal etwas wissen, als noch zwei Anfälle ähnlicher Art aufeinander folgten; aber kurze Zeit darauf befi l ihn ein Fieber, welches damals in der Gegend herrschte, und brachte einen Au­genblick lang sein Leben in Gefahr.

Während der wenigen Wochen, welche seine Krankheit dauerte, wurde er abwech- send von Madelon, der alten Magd und dem Musiker gepflegt, welcher hierzu freiwil« lig seine Dienste angeboten hatte. In man­cher Hinsicht zeigte sich gerade Madelon al» den aufmerksamsten und geschicktesten Kranken­wärter. Die Liebe zu ihrem Vater und das Bewußtsein, eine drohende Gefahr abwehren zu müssen, verliehen ihr einen Muth, welchen man von einem so unerfahrenen Kinde kaum hätte erwarten sollen, und ließen fie den grausamen Schmerz überwinden, welchen fie beim Anblick der Leiden, de» Zustandes der Bewußtlosigkeit oder des Firberphantastrens, dem der Kranke der Reihe nach verfiel, em- pfinden mußte. Stets wandte sich Linder« an fie, wenn er am meisten niedergeschla- gen war, und nur von ihrer Hand wollte