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«ÄS 115. Frettag, den 20. Mai 1881.

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* Das Jubiläum.

II.

Den höchsten Grad hat die Bedrängniß der Kirche gegenwärtig wohl im Königreiche Preußen erlangt. Mehr als je und eif­riger als irgendwo sollten die Katholiken ' dieses Staates bemüht sein, auf die Ab­sichten des hl. Vaters einzugehen. Hier legt man schon offen und ungescheut Hand an die Vernichtung der Kirche und ist im Zerstörungswerk bereits ziemlich weit voran­geschritten. Lchon Jahre lang sind die Lebensadern der Kirche unterbunden: die Pflanzstätten des Priesterthums, die Priester­seminare sind geschloffen, Bisthümer und Pfarreien in großer Zahl verwaist, von Tag zu Tag lichten sich die Reihen der Priester, kein Ersatz kann für sie eintreten; die Orden, für die Erhaltung des kirchlichen Geistes so notwendig, sind aufgehoben, ihre Mitglieder sind über die Grenzen ge­wiesen, ihre Häuser stehen als Ruinen da oder dienen weltlichen Zwecken. Sogar die Darbringung des hl. Meßopfers und die Spendung der hl. Sacramente unterliegen der staatlichen Aufsicht und können, wie die gröbsten Verbrechen, mit der schwersten Strafe, der Landesverweisung, geahndet werden. Selbst aus der Schule ist die Kirche verdrängt. Ja an manchen Orten wird der Religionsunterricht schon nicht mehr im Namen der Kirche mit der kirch­lichen Sendung, sondern im Auftrage des Staates ertheilt. Und als wenn das Zer­störungswerk so noch zu langsam vor sich gehe, ist man so unglaublich unverschämt, es den Katholiken zum Vorwurf zu machen, I

daß sie sich Gesetzen nicht fügen wollen, deren Anerkennung ein förmlicher Abfall von ihrem Glauben sein würde. So ist in dem großen Culturstaate Preußen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die kath. Kirche in weit schlimmerer Lage und gefährteter, als selbst in heidnischen Landen, ja wie die deutschen Bischöfe in ihren Hirtenschreiben 1873 sagten, hat es seit den blutigen Verfolgungen der ersten Jahrhunderte keine Zeit gegeben, in der die Kirche so großen Gefahren ausgesetzt ge­wesen wäre, als bei uns in der gegen­wärtigen. So darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn die Zeitungen noch vor Kurzem berichteten, wie die höchst traurige und gefährdete Lage der Kirche in Preußen dem hl. Vater den bittersten Kummer bereite, und daß er nach so vielen vergeblichen Versuchen, den himmelschreienden Roth- ständen ein Ende zu machen, nur noch Hilfe von oben erflehe und erwarte. Viel­leicht ist es ganz besonders auch die Rück­sicht auf unsere Lage, welche den hl. Vater veranlaßt hat, durch das gegen­wärtige Jubiläum die ganze Christenheit zum Gebete aufzufordern. Möchten darum alle noch glaubenstreuen Katholiken um so eifriger den Absichten des Statthalters Christi nachkommen, als zugleich nicht un­deutliche Anzeichen ankündigen, daß die Kirche siegreich aus diesem harten Kampfe hervorgehen werde.

Deutsches »eich.

* Berlin. 18. Mai. (Reichstag.) Be- rathung der Anträge Schulze-Delitzsch, Mir­

bach und Ackermann betreffs Revision des Genoffenschaftsgesctzes. An der Discussion betheiligen sich die drei Antragsteller, ferner Lasker und Richter. Staatrsecretär Schel­ling erklärt, daß die Reichsregierung mit einer Vorlage über die Regelung des Ge­noffenschaftsgesetzes beschäftigt sei. Die An­träge werden einer Commission von 14 Mitgliedern zur Vorberothung überwiesen. Es folgt der Antrag Buhl auf ein Verbot der Kunstweinfabrication. Schröder (Fried­berg), Reichensperger, Kiefer und Staudy sprechen sich für den Antrag aus, der an eine Commission von 14 Mitgliedern ver­wiesen wird. Bei Berathung einer Petition, den Erlaß eines Vogelschutzgesetzes betr., erklärt Staatssecretär Bötticher, daß da­rüber dem Reichstag eine Vorlage zugehen werde, nach deren Annahme Deutschland der zwischen Oesterreich und Italien abge­schloffenen Convention biitreten werde. Morgen: Jnnungsgesetz.

— Die neueste ,Provincialcorrespondenz< wirbt wieder um die Hand der national­liberalen Partei für Herrn v. Bismarck. Sie betont dabei, daß die Liberalm dem Fürsten untreu geworden seien, obwohl dieser niemals von seiner innersten Gesin­nung ein Geheimniß gemacht habe.

— Die Petitionscommission wird heute Abend die Petitionen gegen die obligato­rische Civilehe berathen; als Referenten fungiren die Abgg. v. Beaulieu und Staudy.

-nk- Die Blätter aller Parteien sind sehr verwundert über den Ausgang der dritten Berathung des Verfassungs­gesetzes. Dabei gilt ihr Erstaunen

tetn Rücken, dessen Gesicht, in dem ein Zug gewisser natürlicher Gutmüthigkeit lag und dessen etwas schroffer deutscher Accent, den ein langer Aufenthalt in Italien nicht ein» mal ganz bei ihm verwischt hatte, schon gleich seine Nationalität verriech.

Er war mit dem Amerikaner enge be­freundet, und in seinem Atelier war es eben, woselbst er mit Madelon und ihrem Vater zusammentraf. Er fühlte sich zu Letzterem wenig hingezogen, erwies aber seiner kleinen Tochter große Aufmerksamkeit und ließ sich von ihr das Versprechen geben, ihn besu­chen zu kommen. Von dem Augenblicke an, wo sie das bescheidene Zimmer des Musikers kennen gelernt hatte, dessen hauptsächliches Meublement aus einem alten Piano, einer Violine und einem Haufen bestaubter Mu­sikhefte bestand, verging kaum ein Tag, wo sie ihm nicht einen Besuch abstattete. Sehr oft nahm sie ihren Platz auf dem Fensterbrette,

„Das ist wahre Musik," rief er mit Feuer aus; „das ist wahre Kunst. Was ich so­eben spielte, verdient nicht diesen Namen."

„Und weshalb spielen Sie es denn?" frug Madelon in ihrer Einfalt.

„Weshalb — weshalb? Nun, weil man leben muß, mein kleines Fräulein; und weil man beim Theater nur Solches liebt, muß ich wohl mich damit befassen, wenn ich nicht meine Stelle und meine Besoldung verlieren will."

„Sie sind also nicht reich?"

„Reich genug, ganz gewiß," antwortete der Künstler; „ich verdiene genug um leben zu können und mehr verlange ich nicht."

„Aber weshalb verdienen Sie denn nicht

Geld so wie.mein Papa?" meinte das Kind. „Dann könnten Sie auch dasjenige spielen, was Ihnen Vergnügen macht. Wir sind oft sehr reich."

Das Gesicht des Deutschen nahm einen halb ernsten, halb komischen Ausdruck an.

„Diese Art und Weise will mir nicht behagen," antwortete er etwas trocken. „Was das Geld anlangt» so würde ich - dessen jetzt genug besitzen, wenn ich nicht : dem elterlichen Hause entlausen wäre, als 5 ich noch Kind war, und zwar weil ich lieber l ein armer Musiker, als ein reicher Kauf- i mann sein wollte. Das Geld, liebes Fräu- ? lein, ist nicht das Einzige, und auch nicht r das Beste, was es auf der Welt gibt."

Mochte nun Herr Linders in den Be- > ziehungen, in welchen Madelon mit den i beiden Künstlern stand, keine Gefahr für sie erblicken, ober mochte er auch dadurch i feinen Plan, sie an Eindrücke allmählich zu < gewöhnen, denen er sie doch nicht fern hal- l ten konnte, ausführen wollen; genug, er j legte ihr gar fein Hinderniß in den Weg, । beide Künstler so oft zu besuchen al» sie । Lust hatte. Besonders suchte sie in der \ Folge die Gesellschaft des alten Musikers i auf, und ihre Zuneigung zu ihm wuchs i mit jedem Tage.

i Besonders gern hörte sie ihn plaudern

| Als er eines Tages einige Zeit der ital- । Lettischen Musik gewidmet hatte — denn er j gehörte dem Orchester eines Theaters der Stadt an — hielt er plötzlich inne, und begann con amore eine alte Romanze von Beethoven.

™ , 19 . träumerisch auf das herrliche Panorama

iWÄPtMMI« j blickend, welches die Stadt darbot — mit

Nach dem Französischen von I. Rüttgers, s ihren Thürmen und Kuppeln, ihren lachen- (Fortsetzung.) j । den Terrassen und ihren Rahmen dunstblauer

Der andere Freund Madelons war ein ? Berge» — hörte bann ohne je zu ermüben, alter deutscher Violinspieler» welcher zwei f dem nicht besonders ausgezeichneten» aber kleine Simmer ganz oben hoch im Hause = bezaubernden Spiele des Violinisten zu. bewohnte. Es war ein Mann von hoher 1 — - -

Statur, mit breiten Schultern, leicht gewölb«