JIS. 114. Donnerstag, den 19. Mai 1881.
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O Das Jubiläum.
I.
Eine merkwürdige Erscheinung: allgemeine Jubiläen kehrten in den letzten Jahrhunderten in der Regel alle 25 Jahre wieder, jetzt folgen dieselben in so kurzen Zwischenräumen auf einander. Unser hl. Vater Papst Leo XIII. steht erst im vierten Jahre seines Pontificates und schon verkündet er das zweite allgemeine Jubiläum. Ein deutlicheres Zeichen, wie groß die Be« drängniß der Kirche gegenwärtig sei, könnte es wohl nicht geben. Von der Höhe, auf welche Gott den Statthalter Christi gestellt, und vermöge der besonderen Gnade, die mit diesem erhabenen Amte verbunden ist, schaut und versteht derselbe mehr als Andere, als Machthaber und Staatsmänner, die Zeichen der Zeit, die Gefahren der Gegenwart und der Zukunft. Wenn daher die Päpste nur für die wichtigsten Anliegen und in den äußersten Nöthen zu außerordentlichen Jubiläen ihre Zuflucht zu nehmen pflegen, so müssen es außerordent- Uche Beweggründe fein, die unfern hl. Vater Leo veranlassen, nach dem großen Jubiläum von 1879 jetzt schon wieder ein solches auszuschreiben. In dem Rundschreiben sind diese Beweggründe angedeutet. Bei aller Größe der äußern Bedrängniß sind es doch mehr die inneren Schäden: der Verfall des Glaubens, die drohende Ent- christlichung der Gesellschaft, die ihn zu diesem Schritte bewogen haben. In der That, schreckenerregend ist es, wie der Unglaube um sich greift, in alle Schichten
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Madelon.
Nach dem Französischen von I. RüttgerS. (Fortsetzung.)
Madelon zog die Aufmerksamkeit des Amerikaners durch die leichte Art und Weise auf sich, mit welcher sie das Englische sprach. Sie beobachtete ihrerseits mehrere Tage lang ihm gegenüber eine gewisse Zurückhaltung, indeß war in Folge eines Besuches in dem Atelier des Malers bald das Ei» gebrochen. Dieses Künstlerheiligthum wurde für das Mädchen ein wahres Wunderland, wo sie frei gehen und kommen durfte und unter dem aufgehäuften Staube bei jedem Schritte lang vergrabene Schätze ausgraben konnte, wie Skizzen, Zeichnungen, GypSformen, Stiche und viele ähnliche Dinge. Der Maler wurde bald mit Madelon enge befreundet, und er war es denn auch, der es übernahm, das Versprechen Herrn Linders zu erfüllen, und sie in die Kirchen von Florenz zu begleiten. Er ließ sie dieselben, wie auch die Museen, bis in's Einzelne hinein sehen, zeigte ihr alle berühmten Gemälde, und belehrte sie über den Namen der Meister. Die tiefe und aufrichtige Hochachtung, mit welcher er dieselben zu betrachten pflegte, der innerliche und immer neue Genuß, welchen er darin zu finden wußte, machten auf das Kind mehr
des Volkes eindringt, die sittlichen Zustände und alle gesellschaftlichen Verhältnisse vergiftet, während die Kirche fast überall in ihrer freien Entfaltung gehemmt, mit tausend Banden gefesselt, an der Abwehr der Feinde der christlichen Weltordnung gehindert ist. Welches wird die Zukunft sein, der wir so entgegen gehen ? Die am Grabe des hl. Bonifacius 1873 versammelten deutschen Bischöfe sagten damals schon, daß sie daran nur mit Entsetzen denken könnten. Aber wird Gott nicht seiner Kirche noch zu Hilfe kommen und um der Gebete, Opfer, Leiden einer immerhin noch unermeßlich großen Anzahl gläubiger Christen willen die verirrte Menschheit auf den Weg des Heils zurückführen? Nun, diese Gnade zu erlangen ist gerade Zweck des Jubiläums. Es wird Alles darauf ankommen, daß die Gnade obsiege über die Schuld der Sünde. Und um in diesem Entscheidungskampfe der Gnade das Ueber- gewicht zu erlangen, hat der hl. Vater dieses Jubiläum verkündet. Es ist so zu sagen ein Ausgebot aller Kräfte des Gebetes der gläubigen Christen, um dem Himmel Gewalt anzuthun. Gewiß wird und will das Jubiläum für sich allein die Entscheidung nicht hrrbriftchrrmx üllrirr rS wird wirksam zur Umkehr beitragen, vielleicht gerade den Anfang der Wendung zum Besten bilden, wenn es in der rechten Weise gefeiert wird. Das Gebet so Vieler kann nicht ohne Wirkung bleiben. „Auch die Geringsten", sagt der hl. Ambrosius, „wenn sie in großer Anzahl sich vereinigen und ein-
müthig beten, werden groß,und es ist unmöglich, daß das Gebet Vieler nicht erhört werde."
Deutsches »eich.
* Berlin, 17.Mai. (Reichstag.) Das Gesetz über eine Anleihe für elsässische Bahnen wird angenommen. § 6 des Aichungsgesetzes wird an die Commission zurückverwiesen. E» folgt die zweite Berathung des Brausteuer- ? gesetzes. Witte (Rostock) spricht gegen da» Gesetz und für Einführung der Fabricat« steuer auf Branntwein und für Reform der Zuckersteuer, v. Rabenau schließt sich im Großen und Ganzen den Ausführungen Witte's an. Staatssecretär Scholz hebt die Schwierigkeiten der Besteuerung der Branntweins hervor und ist gegen die Fa- bricatsteuer. Reinecke gibt Namens der Nationalliberalen die Erklärung ab, daß sie für die Erhöhung der Brausteuer stimmen würden, aber nur in Verbindung mit einer erhöhten Spiritussteuer. Andere drückende Steuern müßten dann aufgehoben werden und die Einnahmen ausschließlich der Reichscaffe zufließen. Benda erweitert die Erklärung dahin, daß die Nationalli- beraten dann-i>k Aufhebung der LebenS- mittelzölle, namentlich der Getreidezölle verlangen würden. Nach längerer Debatte wird § 1 des Brausteuergesetzes mit allen gegen 20 Stimmen, § 2 gegen die Stimm des Abg. v. Bismarck abgelehnt und dan das ganze Gesetz verworfen. Es folgt die Berathung des Antrags Below und Ge- nossm wegen des Verbots der Malzsurro^
Eindruck, als eine wortreiche Bewunderung oder eine technische Beschreibung dieser Meisterwerke es vermocht hätte.
Bisweilen irrte Madelon, während der Maler in einer Kirche an der Copie irgend eines alten Gemäldes arbeitete, einsam in dem halbdunklen Gebäude umher, durchsuchte die kleinsten Ecken, Grüfte, mit großer Genauigkeit die Gräber, die Statuen und Altäre, die in großer Menge vorhanden waren, und ihr Erstaunen wuchs immer mehr bei jedem Schritt, je mehr sie diese sonderbare Welt kennen lernte, die sie umgab, und von welcher ihr Niemand eine Erklärung gab. Sie wohnte den großen religiösen Zeremonien nicht mehr bei, aber die Stille und die feierliche Ruhe dieser Orte, erfüllte ihre Seele mit unbeschreiblicher Bewegung. Die Kerzen und Lampen, welche in den dunkeln Capellen brannten, die Mosaik-Arbeiten, welche Mauern und Gewölbe schmückten, die Andächtigen, die hier und da auf dem Boden oder an den Stufen des Altars knieten, alle diese Dinge hatten für sie einen eigenthüm- lichen Reiz, und übten auf sie eine unwiderstehliche geheimnißvolle Anziehungskraft aus. Und doch stand sie dann wieder mit einem wahren Gefühl der Erleichterung nach diesen Stunden der Ermüdung und allzu gespannter Aufmerksamkeit in herrlich er
leuchteten, lebendigen Straßen, und ging fröhlich an der Seite des Künstlers umher, dessen witzige, geistreiche Einfälle sie höchlichst amüsirten und die allzu ernsten Bilder aus ihrer Phantasie verscheuchten. Nicht minder süße, stille Freude war es für sie, mit ihrem Vater in den lachenden, von würzigem Dufte wohl durchwehten Gefilden, mitten unter Bumenhecken und Rebhügeln, die die herbstliche Sonne vergoldete, dahin zu wandeln.
Das unbewußte Gefühl für das Schöne und Große, welches Madelon befaß, die Zartheit und Lebhaftigkeit ihrer Eindrücke überstiegen ihre Fähigkeit aufzufaffen und zu begreifen so weit, daß daraus bei ihr eine Art moralischer Niedergeschlagenheit, ein gewisser feierlicher unangenehmer Druck entstand, der bei Kindern in ihrem Alter etwas ganz Ungewöhnliches ist. Selbst die Gemälde, an denen sie allmählich ihre Freude zu finden und deren künstlerischen Werth sie nach ihrer Weise zu schätzen begann, bildeten für sie eine Quelle beständiger Rath- losigkeit. Vergebens mühte sie sich ab, die verschiedenen Vorwürfe derselben zu erklären. Ihr Mangel an Bildung war so groß, daß der Amerikaner, wahrscheinlich in dem Glauben, daß sie in der Religion seines Landes ausgewachsen fei, und ohne zu ahnen,